Der Kreis Husum war von 1867 bis 1970 ein Kreis in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein bzw. in Schleswig-Holstein. Kreisstadt war Husum. Durch die Kreisgebietsreform von 1970 wurde der Kreis Husum mit den Kreisen Eiderstedt und Südtondern zum neuen Kreis Nordfriesland mit Sitz der Kreisverwaltung in Husum vereinigt. Der Kreis Nordfriesland ist Rechtsnachfolger des Kreises Husum.

Geographie

Lage Der Kreis gehörte zum Landesteil Schleswig und lag an der schleswig-holsteinischen Westküste.

Nachbarkreise Der Kreis grenzte Anfang 1970 im Uhrzeigersinn im Norden beginnend an die Kreise Südtondern, Flensburg-Land, Schleswig und Eiderstedt. Im Westen grenzte er an die Nordsee.

Geschichte Der Kreis Husum wurde 1867 im Rahmen der Gründung der Provinz Schleswig-Holstein „aus der Stadt Husum; den Aemtern Husum und Bredstedt mit dem Flecken Bredstedt und den enklavirten adeligen Gütern und Köögen, sowie aus den Inseln Nordstrand und Pellworm und sämmtligen Halligen“Verordnung betreffend die Organisation der Kreis- und Distriktsbehörden sowie die Kreisvertretung in der Provinz Schleswig-Holstein, vom 22. September 1867, Anlage A. Veröffentlicht in der Gesetz-Sammlung für die Königlichen Preußischen Staaten 1867, S. 1579ff gebildet. Zu seinen vor dem Deutsch-Dänischen Krieg bestehenden Gebieten zählt die Nordergoesharde sowie Südergoesharde der historischen Ämter und Harden in Schleswig.

Bei Bildung der Amtsbezirke 1889 bestand der Kreis aus der Kreisstadt Husum und dem Flecken Bredstedt, sowie aus 25 Gemeinden und drei Gutsbezirken, die sich wie folgt auf die 13 Amtsbezirke verteilten:

Amtsbezirk Bordelum Kirchspielslandgemeinde Bordelum Reußenköge Gutsbezirk Hamburger Hallig Gutsbezirk Vorufer

Amtsbezirk Breklum Kirchspielslandgemeinde Breklum

Amtsbezirk Drelsdorf Kirchspielslandgemeinde Drelsdorf

Amtsbezirk Hattstedt Kirchspielslandgemeinde Hattstedt Kirchspielslandgemeinde Olderup Kirchspielslandgemeinde Schobüll

Amtsbezirk Joldelund Kirchspielslandgemeinde JoldelundAmtsbezirk Langenhorn Kirchspielslandgemeinde Bargum Kirchspielslandgemeinde Langenhorn Ockholm

Amtsbezirk Mildstedt Kirchspielslandgemeinde Mildstedt Simonsberg

Amtsbezirk Nordstrand Elisabeth-Sophien-Koog Nordstrand

Amtsbezirk Ostenfeld Kirchspielslandgemeinde Ostenfeld Teile des Forstgutsbezirks GottorfAmtsbezirk Pellworm Gröde Hooge Langeneß Nordmarsch Oland Pellworm

Amtsbezirk Schwabstedt Kirchspielslandgemeinde Schwabstedt Teile des Forstgutsbezirks Gottorf

Amtsbezirk Schwesing Kirchspielslandgemeinde Schwesing Teile des Forstgutsbezirks Gottorf

Amtsbezirk Viöl Kirchspielslandgemeinde Viöl

Die Gutsbezirke wurden 1928 aufgelöst und den angrenzenden Gemeinden zugeschlagen.Webseite der Gemeinde Schmalensee: "Vor 90 Jahren - Die Auflösung der Gutsbezirke" Zum Zwecke von Einsparungen bei den öffentlichen Haushalten wurde am 1. Oktober 1932 in Preußen eine Kreisreform durchgeführt, bei der zahlreiche kleinere Kreise aufgelöst wurden. Dabei wurden in der Provinz Schleswig-Holstein unter anderem die beiden Kreise Eiderstedt und Husum zusammengeschlossen. Der ursprünglich für den neuen Kreis vorgesehene Name Husum wurde durch Beschluss des Preußischen Staatsministeriums vom 27. September 1932 in Husum-Eiderstedt geändert.Verordnung über die Neugliederung von Landkreisen vom 1. August 1932, Preußische Gesetzsammlung 1932 S. 260Erlass des Preußischen Staatsministeriums vom 27. September 1932; Ministerialblatt für die preußische innere Verwaltung 1932, S. 1036 Der Zusammenschluss wurde genau wie die Zusammenlegung der Kreise Norder- und Süderdithmarschen im folgenden Jahr wieder rückgängig gemacht.

Die Kirchspielslandgemeinden im Kreis Husum wurden 1934 aufgelöst. Aus ihren Dorfschaften wurden eigenständige Gemeinden gebildet, die teilweise im selben Jahr noch zu größeren Gemeinden zusammengelegt wurden.Zweite Verordnung zur Durchführung des Gemeindeverfassungsgesetzes vom 15. Dezember 1933, Preußische Gesetzsammlung 1934, S. 116Gemeinden in Nordfriesland und deren wichtigsten Aktenbestände im Kreisarchiv Nordfriesland (Kreisarchiv Nordfriesland) Der Kreis umfasste 1945 zwei Städte und 65 weitere Gemeinden.territorial.de: Gemeindeverzeichnis Kreis Husum 1945

NS-Zeit Im Kreis Husum bildeten sich in den Jahren 1928 und 1929 zahlreiche NSDAP-Ortsgruppen. Bei der Reichstagswahl Juli 1932 entfielen in den damaligen drei Landkreisen Nordfrieslands, Eiderstedt, Husum und Südtondern, etwa zwei Drittel der Stimmen auf die NSDAP. Damit wurde das Gesamtergebnis in Schleswig-Holstein, das bereits mit 51 % das höchste aller Wahlkreise im Deutschen Reich darstellte, noch weit übertroffen. In einzelnen Dörfern entscheiden sich sogar 100 % der Wähler für die NSDAP. Am Tag der „Machtergreifung“, dem 30. Januar 1933, feierten die Nationalsozialisten in mehreren Orten mit Fackelzügen der SA. Über 1200 „Braunhemden“ marschieren am folgenden Tag durch Husum. Nach der „Machtergreifung“ festigte die NSDAP ihre Herrschaft im Kreis Husum weiter und beseitigte die Demokratie. Die Diktatur zeigte ihr Doppelgesicht einerseits mit großen Aufmärschen und Feiern, die an das Gemeinschaftsgefühl appellierten, andererseits mit Druck, Willkür, Gewalt und Ausgrenzung gegenüber Andersdenkenden.Thomas Steensen: Spitzenwerte für die NSDAP: Als die Nazis an die Macht kamen. Der Nordschleswiger, 29. Januar 2023; abgerufen: 6. April 2024.

Bei der Reichstagswahl März 1933 verfehlt die NSDAP zwar im Deutschen Reich mit 43,9 % die absolute Mehrheit, in Nordfriesland jedoch erzielt sie ihr Spitzenergebnis im Kreis Südtondern mit 73,5 %, eines der höchsten Resultate, und im Kreis Husum immerhin 68,5 % sowie 63,2 % im Kreis Eiderstedt. Die Kommunalwahlen am 12. März 1933 legten den Grundstein für die Machtübernahme auf Gemeinde- und Kreisebene. Missliebige Landräte und Bürgermeister wurden abgesetzt, Andersdenkende aus den kommunalen Vertretungen vertrieben und verfolgt. Vielerorts in Nordfriesland, so auch im Kreis Husum, wurden politisch Andersdenkende in „Schutzhaft“ genommen oder in erste Konzentrationslager eingeliefert. Der Willkür war Tür und Tor geöffnet. Neben Kommunisten und Sozialdemokraten verfolgten die Nationalsozialisten auch Angehörige „nationaler“ Verbände, wie Stahlhelm oder Jungdeutscher Orden sowie zum Beispiel Freimaurer und die Zeugen Jehovas.Steensen, 2023

Der Landrat des Kreises Husum von 1936 bis 1944, Werner Kalmus, war während seiner Abordnung als Kreishauptmann im Kreis Cholm, im Distrikt Lublin des besetzten polnischen Generalgouvernements von Oktober 1939 bis Februar 1940 mitverantwortlich für die Judenverfolgung.Holocaust Historical Society, Wlodawa; abgerufen: 6. April 2024. Landrat Henning von Rumohr wurde Generalkommissar von Weißrussland im Reichskommissariat Ostland, in dem viele Verwaltungsbeamte aus Schleswig-Holstein eingesetzt waren, weswegen es als „Schleswig-Holsteins Kolonie“ bezeichnet wurde, und als solcher ebenfalls mitverantwortlich für die Judenvernichtung.„Reichskommissariat Ostland, Schleswig-Holsteins Kolonie“, Gegenwind, No. 122, November 1998; abgerufen: 6. April 2024.

Deichbau Im Jahre 1933 begannen die Nationalsozialisten mit dem Bau von Mustersiedlungen an der deutschen Nordseeküste, mittels Deichbau und Trockenlegung des Watts, wie beispielsweise im Adolf-Hitler-Koog im Kreis Dithmarschen. Das aufwendige Projekt erhielt internationale Anerkennung, es war allerdings auch ein Ablenkungsmanöver der NS-Propaganda. Allein zwischen Mai 1933 und Herbst 1934 arbeiteten 9.500 Männer, überwiegend im Rahmen des Pflicht NS-Reichsarbeitsdienstes an der Westküste, dort, wo die NSDAP bei Wahlen ihre besten Ergebnisse erzielt hatte. Die Bauarbeiter, meist Arbeitslose aus dem Umland, mussten ohne moderne Maschinen die Deiche errichten. Später wurden auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene in Nordfriesland zum Deichbau und Küstenschutz eingesetzt.Arne Bewersdorff: „Zwangsarbeitende im Deichbau und Küstenschutz“. In: Uwe Danker, Nils Köhler, Eva Nowottny, Michael Ruck (Hg.), Zwangsarbeitende im Kreis Nordfriesland 1939–1945. Bielefeld: Verlag für Regionalgeschichte, 2004. 407 S. (IZRG - Schriftenreihe Band 12), S. 240–270.

So entstand in mühsamer Handarbeit bis Ende 1934 ein fast zehn Kilometer langer Erdwall, der bald nicht nur 1.333 Hektar Neuland vor der Flut schützte, sondern auch die 92 Bauernhöfe mitsamt Gasthaus und Schule darauf.Peter Maxwill: „Nazi-Siedlungen an der Nordseeküste Hitlers Kampf gegen das Meer“. Spiegel Geschichte, 21. Oktober 2013; abgerufen: 7. April 2024. Nach dem Plan von NSDAP-Gauleiter Hinrich Lohse sollte dies zum Großprojekt mit dem Ziel werden, „Lebensraum“ im Westen, Neuland für „arische“ Siedler, mitten in der Nordsee zu schaffen, überwiegend durch den „Reichsarbeitsdienst“. 1933/35 erfolgte der hochwasserfreie Ausbau des Nordstrander Dammes, einer rund 4,3 Kilometer lange Straße die die zum Kreis Husum gehörende Insel Nordstrand mit dem Festland verbindet und weitere Polder ermöglichte.

Langfristig sollte sogar das gesamte Wattenmeer zwischen Hamburg und Sylt verlandet und für den Ackerbau erschlossen werden. So sah es jedenfalls Lohses „Generalplan für die Landgewinnung in Schleswig-Holstein“ vor. Innerhalb weniger Jahre erhoben sich zehn neue Köge aus dem Meer, benannt etwa nach Luftwaffenchef Hermann Göring oder dem von Nazis als „Märtyrer“ verehrten Horst Wessel. Schon 1938 waren an der Küste Schleswig-Holsteins rund 5.600 Hektar Neuland entstanden, und 1.600 Landwirte hatten einen neuen Hof erhalten. Alle Neusiedler waren „reinrassige Arier“, und 91 der 92 einheitlich gestalteten Bauernhöfe wurden an „alte Kämpfer“ der NSDAP vergeben, die treue Parteigenossen seit mindestens 1930 waren. 1936 kamen Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht und Reichsbauernführer Walther Darré zum Adolf-Hitler-Koog, um dort die sogenannte Neulandhalle einzuweihen. Sie sollte als eine Art Anti-Kirche für nationalsozialistische Schulungen und Feiern dienen, nach der Inschrift auf einer Glocke der Neulandhalle: „Blut und Boden sind die Grundlagen des deutschen Staates.“Peter Maxwill: „Nazi-Siedlungen an der Nordseeküste Hitlers Kampf gegen das Meer“. Spiegel Geschichte, 21. Oktober 2013; abgerufen: 7. April 2024. Der „Lohse-Plan“ als gekacheltes Wandbild ist auch, neben anderen Kacheln mit Hakenkreuzen, Wandgemälden und weiteren NS-Verherrlichungen, in der Jugendherberge Husum zu sehen und steht seit 2013 unter Denkmalschutz. Das 1938 gebaute Heim wurde als Modell NS-Jugendherberge aufwendig gestaltet und 1939 eingeweiht."Trutz blanker Hans", "Landgewinnung als NS-Projekt", Lernort-Neulandhalle, 2020; abgerufen: 10. April 2024.

Im September 1944 errichtete das NS-Regime das KZ-Außenlager Husum-Schwesing als Außenlager des KZ Neuengamme im Ortsteil Engelsburg, in das ca. 2.500 Häftlinge aus den besetzten Ländern im Norden, Osten und Westen Europas verschleppt wurden, um in Zwangsarbeit den sog. „Friesenwall“ aufzubauen. Bis zur Auflösung des Lagers am 27. Dezember 1944 starben in Husum-Schwesing schätzungsweise 300 bis 500 Männer unter den unmenschlichen Arbeitsbedingungen. Ein weiteres Außenlager mit ca. 1.000 Häftlingen, die am 1. November 1944 von der SS aus dem KZ-Außenlager Husum-Schwesing hierher verlegt wurden, befand sich im KZ Ladelund südlich der dänischen Grenze zum Ausbau von Panzergräben.KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing, abgerufen: 6. April 2024.

Nachkriegszeit