Der Kreis Oldenburg in Holstein war von 1867 bis 1970 ein Kreis in der preußischen Provinz Schleswig-Holstein bzw. im Land Schleswig-Holstein. Sein Gebiet gehört heute zum Kreis Ostholstein.
Nachbarkreise Der Kreis grenzte Anfang 1970 im Westen an die Kreise Plön und Eutin. Im Norden, Osten und Süden grenzte er an die Ostsee.
Geschichte Gegründet wurde der Kreis Oldenburg durch die preußische „Verordnung, betreffend die Organisation der Kreis- und Distriktbehörden, sowie die Kreisvertretung in der Provinz Schleswig-Holstein“ vom 22. September 1867.PrGS 1867, 1587
Zusammengefasst wurden in ihm um das bisherige Amt Cismar und die Städte Neustadt, Oldenburg und Heiligenhafen sowie das Kirchdorf Neukirchen die Insel Fehmarn mit der Stadt Burg und drei Kirchspielen 11 Großherzoglich Oldenburgische Fideikommißgüter Stendorf, Mönchneversdorf, Lensahn, Kuhof und Kremsdorf, Bollbrügge, Sebent, Lübbersdorf, Koselau, Sievershagen und Dorf Sütel die adligen Güter Augustenhof, Brodau, Burau, Claustorf, Ehlerstorf, Farve, Gaartz, Goddendorf, Görtz, Großenbrode, Güldenstein, Hasselburg (teilweise), Johannisthal, Kniphagen, Löhrstorf, Manhagen, Meischenstorf, Övelgünne, Peterstorf, Putlos, Rosenhof, Satjewitz, Schwelbek, Seegalendorf, Sierhagen, Siggen, Süßau, Testorf, Wahrendorf, Weißenhaus, Wintershagen, die Lübschen Stadtstiftsdörfer Bentfeld, Bliesdorf, Dazendorf, Goddendorf, Heringsdorf, Kembs, Klein Schlamin, Klotzin, Merkendorf, Marxdorf, Rollin und Sülstorfterritorial.de: Kreis Oldenburg in Holstein
NS-Zeit Die erste NSDAP-Ortsgruppe in Kellenhusen wurde spätestens im August 1928 gegründet.Kay Dohnke: „Das ‚Kernland nordischer Rasse‘ grüßt seinen Führer“. Informationen zur Schleswig-Holsteinischen Zeitgeschichte (Kiel), Nr. 50, Winter 2008. S. 8 – 27, hier: S. 24; abgerufen: 11. April 2024. In Kellenhusen gab es 1933 eine Reihe von NSDAP-Mitgliedern, darunter der Kreisbauernführer. Die Zustimmung der Bevölkerung zum Machtwechsel lag hoch. Am 24. April 1933 übernahm Alfred Dörr das Amt des Gemeindevorstehers, er blieb es bis 1943, der vorherige Vorsitzende Emil Feig wurde abgesetzt.Andreas Fischer-Happel: „Was geschah mit dem Hermann-Johanna-Kinderheim in Kellenhusen in der NS Zeit?“, Jahrbuch für Heimatkunde Oldenburg/Ostholstein, 2008; abgerufen: 10. April 2024.
Unter den NSDAP-Mitgliedern des Kreises tat sich besonders der Altnazi Wilhelm Rohwedder hervor. Er war Mitglied der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV), Fördermitglied der Schutzstaffel (SS) und ab 1938 Mitglied im Reichskolonialbund. Außerdem war er Ortsbauernführer in Merkendorf (1940 bis 1946) und Bezirksbauernvorsteher in Schashagen (1943 bis 1946) sowie örtlicher Luftschutzleiter seines Betriebes in Beusloe. Rohwedder war nach dem Krieg von 1950 bis 1964 Landrat (Deutschland) des Kreises Oldenburg (Holstein).Antonia Grage: „Die Landräte der Kreise Eutin und Oldenburg im Spiegel der Schleswig-Holsteinischen Landratsgeschichte zwischen 1950 und 1970“. In: Oliver Auge und Anke Scharrenberg (Hrsg.): Besonderes aus Ostholstein. Beiträge zur Geschichte der Region. Husum Verlag, Husum, 2020, S. 197–210; aufgerufen: 11. April 2024.
Auch der hochrangige Nazi Gerhard Fischer, Mitglied der NSDAP ab 1929, ab Ende 1938 als Reichsstellenleiter im Stabsamt von Rudolf Heß und als SS-Hauptsturmführer im SD, spielte eine wichtige Rolle im Kreis. Er übernahm im November 1942 kommissarisch, und ab Juli 1943 endgültig bis Kriegsende das Landratsamt im Kreis Oldenburg in Holstein.
Der Terror des NS-Regimes verschonte auch die im Kreis Oldenburg in Holstein lebenden Juden nicht. Nach den Nürnberger Rassegesetzen von 1935 betraf dies auch die sog. Geltungsjuden gemäß der rassistisch erweiterten NS-Definition, die nicht mehr allein auf das jüdische Glaubensbekenntnis (s. Arisierung) abstellte. Von den in Oldenburg geborenen oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen wurden in der NS-Zeit neun von dem NS-Regime als 'Juden' definierte Bürger verfolgt und ermordet. Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945".Die Namen und Verfolgungsgeschichte sind online auf der folgenden website eingestellt: Dietrich Mau, Jüdische Geschichte, Oldenburg in Holstein (Kreis Ostholstein), Alemannia Judaica; abgerufen: 29. März 2024. Im Jahr 2010 wurden sieben Stolpersteine zum Gedenken an die verfolgten Juden in Oldenburg auf Initiative von Schülern der Lensahner Fachschule für Sozialpädagogik verlegt. Die Wagrienschule übernahm die Patenschaft für die Pflege.Dietrich Mau, Jüdische Geschichte, Oldenburg in Holstein (Kreis Ostholstein), Alemannia Judaica; abgerufen: 29. März 2024.
Die Judenverfolgung betraf auch die Leitung des „Hermann-Johanna-Kinderheim“, dem heutigen Haus für Müttererholung der AWO im Ostseebad Kellenhusen. Es wurde 1925 vom Verein für Kindererholungsheime in Berlin gekauft. Der Verkauf dieses einst besten Hotels am Platz löste in der Kellinghusener Bevölkerung einen Sturm der Entrüstung aus. Sie befürchteten, dass die Anwesenheit von kranken und sozial bedürftigen Kindern, überwiegend aus armen Familien, die Badegäste verscheuchen würde. Der Vereinsvorsitzende des Heims, Hermann Abraham, bemüht sich um einen Kompromiss und verwies auf höchste Anerkennung seines Vorhabens durch den Kaiser, die Kaiserin und Reichstagspräsident Paul von Hindenburg. Außerdem bot er zum Ausgleich etwaiger wirtschaftlicher Schäden für die Gemeinde eine jährliche Kurtaxe von mindestens 3.000 Mark an. Der Gemeinderat beschloss jedoch harte Auflagen: so waren die Kinder geschlossen auf dem Fahrdamm zu führen, das Singen in der Ortschaft zu unterlassen, und das Betreten des Strandes und der Wandelbahn zwischen Kurhaus und den Bädern für die Heimkinder untersagt. 1927 wurden zur Ostseeerholung insgesamt 1.067 Kinder betreut. Das Heim wurde nun nach dem Vornamen des jüdischen Ehepaares Hermann und Johanna Abraham benannt. 1932 starb Hermann Abraham. Als neuer Vorsitzender wurde Justizrat Hahn gewählt. Die Belegung des Heims litt unter der Weltwirtschaftskrise, das Heim machte Verluste. Die NS-Machtergreifung wirkte sich unmittelbar auch auf das Heim aus. Die NS-Führung bestimmte, dass Kinder nicht mehr in Heime eines Vereins entsendet werden könnten, dessen Leitung teilweise Juden anvertraut war. Die jüdischen Mitglieder des Vorstands sahen angesichts der beginnenden Judenverfolgung keine andere Möglichkeit, als vom Vorstand des Fördervereins zurückzutreten. Die NS-Gleichschaltung des Vereins setzte sich fort. Alleiniger Vorstand wurde NSDAP-Mitglied Hermann Althaus. Auch im Heim galt ab jetzt das „Führerprinzip“. Am 8. Dezember 1937 überschrieb der NS-Staat das Vereinseigentum an die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV). Die zum Rücktritt gedrängten Vorstandsmitglieder wurden terrorisiert, verfolgt, deportiert und ermordet, darunter Laura Abraham, Karl Rindskopf, Paula Altmann und May Sittner. In der NS-Zeit soll der Abtransport behinderter Kinder des Heimes zur Vernichtung durch das couragierte Auftreten von Kellinghusener Bürger verhindert worden sein. Bei Ausbruch des 2. Weltkrieges wurde das Heim als ein Lazarett für Kriegsopfer umgerüstet.Fischer-Happel, 2008.
Die Verfolgung betraf schließlich auch die im Kreis lebenden Sinti und Roma. Die meisten Unterlagen darüber wurden vernichtet. Vermutlich wurden mindestens zehn in Oldenburg in Holstein lebende „Zigeuner“, zusammen mit 226 aus ganz Schleswig-Holstein, im Mai 1940 von Hamburg aus deportiert, 13 davon kamen aus Rendsburg und Oldenburg in Holstein.Marut G. Perle: „Die Deportation der Sinti und Roma im Mai 1940 und die Hamburger Hafenlogistik“. Kiel: Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2010; aufgerufen: 11. April 2024.
Zum Ende des Krieges lebten im Kreis Oldenburg in Holstein zum 1. Dezember 1945 über 40.000 Flüchtlinge.Das Flüchtlingsgeschehen in Schleswig-Holstein infolge des 2. Weltkriegs im Spiegel der amtlichen Statistik. Tab. 5: „Flüchtlinge und Evakuierte 1945 bis 1948 nach Kreisen“. Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein, Kiel, 1974.
Nachkriegszeit Bis 1954 wurde der Kreis – zur Unterscheidung von dem gleichnamigen Kreis in Niedersachsen – zunächst in Kreis Oldenburg (Holstein) umbenannt. Ab dem 1. Januar 1968 hieß er nach einer weiteren Umbenennung Kreis Oldenburg in Holstein.Statistisches Landesamt Schleswig-Holstein: Das Flüchtlingsgeschehen in Schleswig-Holstein infolge des 2. Weltkriegs im Spiegel der amtlichen Statistik, Kiel 1974 (hier online), Seite 107
Durch die Kreisgebietsreform von 1970 wurde der Kreis Oldenburg in Holstein mit dem Kreis Eutin zum neuen Kreis Ostholstein mit Verwaltungssitz in Eutin vereinigt. Die Vereinigung erfolgte mit Wirkung vom 26. April 1970 auf Basis des „Zweiten Gesetzes einer Neuordnung von Gemeinde- und Kreisgrenzen vom 23. Dezember 1969“.
Einwohnerentwicklung Jahr Einwohner Quelle 1867 46.956 Genwiki: Kreis Oldenburg (Schleswig-Holstein) 1890 43.326 1900 43.932 1910 43.392 1925 45.500 1933 46.691 1939 49.924 1946 101.920 Volkszählung 1946 1950 99.556 1960 78.600 1968 87.200 Statistisches Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland 1969
Landräte Die Liste der Landräte des Kreises Oldenburg in Holstein gibt einen Überblick über die Landräte des schleswig-holsteinischen Kreises Oldenburg in Holstein bis zu dessen Auflösung im Jahr 1970: Landräte Partei Amtszeit Franz-Matthias Wenneker 9. März 1868 – 1886 Otto von Dewitz FKP 1886 – 1892 Ernst Springer 1892 kommissarisch, 1893 offiziell – August 1919 Bodo Voigt August 1919 – 1921 Ernst Poel 1920 kommissarisch, 1921 offiziell – 1927 Wolfgang Schmidt 16. Mai 1927 – April 1928 kommissarisch Arno Hübner SPD 27. April 1928 – 6. Mai 1933 Franz von Holleufer 7. Mai 1933 – 6. Dezember 1933 Werner Mohr NSDAP 7. Dezember 1933 – 31. August 1941 Ernst Poel 1941 vertretungsweise Gerhard Fischer NSDAP November 1942 (kommissarisch), Juli 1943 offiziell – KriegsendeNoerenbergMai 1945 – September 1945 Max Kuehne 20. September 1945 – 5. Februar 1946 Bodo Voß 5. Februar 1946 – 18. Oktober 1946 Karl Panitzki SPD 18. Oktober 1946 – 16. Oktober 1948 Wilhelm Rohwedder CDU 16. Oktober 1948 – 31. August 1964 Karl-Adolf Schlitt 1. September 1964 – 26. April 1970
Ämter und Gemeinden 1970 Zum Zeitpunkt seiner Auflösung war der Kreis in insgesamt 32 Gemeinden gegliedert, von denen 25 zu den acht Ämtern des Kreises gehörten. (Gemeindenamen und Amtsgliederung Stand 26. April 1970) Amtsfreie GemeindenBurg auf Fehmarn, Stadt Grömitz Großenbrode Heiligenhafen, Stadt Neustadt in Holstein, Stadt Oldenburg in Holstein, Stadt Wangels
Ämter und amtsangehörige Gemeinden Amt Bannesdorf Bannesdorf Meeschendorf (Fehmarn)
Amt Grube Dahme Grube Kellenhusen (Ostsee) Riepsdorf
Amt Land Oldenburg Göhl Gremersdorf Heringsdorf Neukirchen Amt Landkirchen Avendorf Landkirchen
Amt Lensahn Beschendorf Damlos Harmsdorf Kabelhorst Lensahn Manhagen Amt Neustadt-Land Altenkrempe Schashagen Sierksdorf
Amt Petersdorf Dänschendorf Petersdorf (Fehmarn)
Amt Schönwalde Kasseedorf Schönwalde am Bungsberg
Ehemalige Gemeinden Die folgenden Gemeinden des Kreises Oldenburg in Holstein wurden während seines Bestehens in andere Gemeinden eingegliedert: (Gemeindenamen Stand 26. April 1970)