lang=de|mini|hochkant=1.8|Traditionelles Siedlungsgebiet der Mi’kmaq mit seinen sieben Distrikten mini|Mi’kmaq-Männer aus Neufundland stellen ein traditionelles Birkenrindenkanu her
Die Mi’kmaq (ältere Varianten lauten Míkmaq, Micmac) sind eines der Völker der Algonkin, das vor allem im östlichen Kanada lebt. Zu den Mi’kmaq (Singular: Mi’kmaw) zählen rund 40 First Nations (einschließlich der Gruppen auf Neufundland), früher meist als Stämme (tribes oder bands, bzw. bandes indiennes) bezeichnet. Hinzu kommt eine band in den USA, nämlich im Bundesstaat Maine, die bis 2021 Aroostook Band of Micmacs hieß. Die aus rund 1.500 Angehörigen bestehende Gruppe ist seit 1991 auch auf Bundesebene als Stamm (federally recognized tribe) anerkannt, heißt seit wenigen Jahren allerdings Mi’kmaq Nation.
Das ehemalige oder traditionelle Siedlungsgebiet der Mi’kmaq umfasste neben Teilen von Maine die maritimen Provinzen Kanadas, genauer Neuschottland, Prince Edward Island, Teile von Neubraunschweig und die Gaspé-Halbinsel im Süden von Québec. Insgesamt leben dort mehr als 40.000 Mi’kmaq, weitere 27.000 leben auf Neufundland.
Ihre Lebensweise war an die harschen Bedingungen der Region angepasst. Daher dominierten Jagd und Fischfang, auch die Sammeltätigkeit war von großer Bedeutung (siehe Jäger und Sammler). Eine kulturelle Kontinuität lässt sich über mindestens drei Jahrtausende nachweisen; die Mi’kmaq selbst glauben, ihre Anwesenheit reiche bis in die Endphase der letzten Eiszeit zurück. Saisonale Wanderungen, Fernhandel, Bündnissysteme, Seefahrt und möglicherweise bereits Pilgerreisen hielten das Volk in dem weitläufigen, zerklüfteten und gewässerreichen Gebiet zusammen. Die Zahl der Mi’kmaq brach durch Epidemien und im Zuge der Kolonialisierung ab dem späten 16. Jahrhundert ein. Aber auch die Kriege zwischen den europäischen Mächten, stets im Bündnis mit Frankreich gegen England bzw. Großbritannien, aber auch auf Seiten der USA, veränderten ihre Gesellschaft. Hinzu kamen kulturelle Veränderungen, vor allem die frühe katholische Missionierung bereits ab 1610, die Marginalisierung der nur noch kleinen Gruppe und später die Einbindung in den städtischen Arbeitsmarkt in Verbindung mit der Geldwirtschaft. All dies veränderte ihre Kultur, die allerdings nie ihren eigenständigen Zuschnitt verlor.
Zwar beanspruchten im Jahr 2016 rund 170.000 Kanadier eine zumindest partielle Abstammung von der indigenen Gruppe,Data tables, 2016 Census, Aboriginal Ancestry Responses; abgerufen am 15. August 2026. doch waren im Juni 2026 nur rund 70.000 unter dem Indian Act (dem kanadischen Indianergesetz) als Stammesangehörige anerkannt – in ganz Kanada zählten die Angehörigen aller First Nations zusammen über eine Million.An update on the socio-economic gaps between Indigenous Peoples and the non-Indigenous population in Canada: Highlights from the 2021 Census, A Compendium Report to the Department's 2023 Annual Report to Parliament, Website der kanadischen Regierung; abgerufen am 15. August 2026. Bei den Mi’kmaq eingeschlossen waren die rund 27.000 Angehörigen der Qalipu Mi’kmaq First Nation auf Neufundland, die sich inzwischen Qalipu First Nation nennt und zu denen sich bei der ersten Erfassung zunächst über 100.000 Kanadier rechneten (was etwa einem Fünftel der Bevölkerung entsprach).
Die Qalipu Mi’kmaq First Nation wurde im Jahr 2019 vom traditionellen Großen Rat der Mi’kmaq (Grand Council, bzw. Grand Conseil), dessen Einfluss wieder zunimmt, als zugehörige Gruppe anerkannt. Heute unterstützen der kanadische Staat und auch dessen Provinzen und Territorien den Erhalt der lokalen Kulturen und ihrer Sprachen. Diese Sprachen, die sowohl die USA als auch der kanadische Staat über Jahrzehnte in eigens eingerichteten Schulen auszulöschen versuchten (vgl. Residential School, bzw. American Indian boarding school), werden heute von weniger als 10.000 Menschen beherrscht.
Name Nach einigen Autoren soll der Name Verbündete bedeuten,So etwa gleich zu Anfang des Artikels Micmac in: Carl Waldman: Encyclopedia of Native American Tribes, 3. Aufl., Checkmark Books, New York 2006, S. 164 (erste Auflage 1988). diese Behauptung wird jedoch nicht mehr vertreten. Eher geht die Bezeichnung darauf zurück, dass die Mi’kmaq Freunde mit Nikmaq! begrüßten, das etwa meine Brüder, meine Verwandten oder meine Familie bedeutet. Dementsprechend umschreibt der Ausdruck M'sɨt No'kmaq die als verwandtschaftlich wahrgenommene Beziehung zu allem im Gebiet der Mi’kmaq, zu Land, Gewässern und allen Lebewesen.Emily E. Wells, Kara Pictou, Melanie Zurba, Kate Sherren: Mi’kmaw lessons for realigning land relations in Bay of Fundy dykelands and tidal wetlands, in: Ecology and Society 30,4 (Dezember 2025) Artikel n. 54. Marc Lescarbot berichtete 1606, dass die Indianer den französischen und baskischen Fischern diesen Gruß beibrachten und die Franzosen die Mi’kmaq bald als Notres nikmaqs bezeichneten.Camille Boulianne: Fostering Netukulimk: The Mi’Kmaq Right to Fisheries Conservation and Co-Management, Diss., McGill University, 2022, S. 19. Damit wurde an den Plural noch ein s gehängt, eine Tradition, die die Briten fortsetzten, so dass Formen wie Micmacs oder Mic-Macs entstanden. Als weitere Varianten erschienen „Micmacs, Mickmakis, Migemaq, Mic Mac, Mikmakiques, Migmagi, Micque Macque“, sie wurden aber auch als „Abenakis, Eastern Indians, Tarrantines, Acadians, Gaspesians, Toudamand, Cape Sable Indians, Souriquois“ bezeichnet.James [sákéj] Youngblood Henderson: Mikmaw Tenure in Atlantic Canada, in: Dalhousie Law Journal 18 (1995) 196–294, S. 198, Anm. 8 (online).
Zu den Mi’kmaq gehört eine große Anzahl von Untergruppen, die historisch von den Franzosen aufgrund ihrer Siedlungsgebiete mit verschiedenen Namen bezeichnet und letztlich damit an einen geographischen Ort gebunden wurden, was nicht ihrer Lebensweise entsprach – so nannten sie zum Beispiel Mi’kmaq-Gruppen im östlichen Quebec Gaspésiens de Le Clercq sowie Mi’kmaq-Gruppen in Neuschottland sowie Teilen des angrenzenden Maine als Souriquois de la tradition jésuite oder einfach nur Souriquois, was so viel wie „Salzwassermenschen“ bedeutet. Aus dem 17. Jahrhundert stammt die englische Bezeichnung Tarrantine (dt. Tarrantiner). Bis in die 1980er Jahre war der gebräuchliche Name Micmac, und erst in den letzten beiden Jahrzehnten änderte sich dies. Selbst bei Ethnologue hielt sich Micmac bis 2016.Ethnologue – Mi’kmaq. Noch bis 2016 hieß es dort „Micmac“ . Die Bezeichnung gilt heute als kolonial behaftet und berücksichtigt keine der Eigenbezeichnungen, daher ist Mi’kmaq die anerkannte Schreibweise. Sie kommt der Aussprache zudem näher, wie es heißt.Anne-Christine Hornborg: Mi’kmaq Landscapes. From Animism to Sacred Ecology (= Vitality of Indigenous Religions Series), Ashgate Publishing, Aldershot/Burlington 2008, S. 3.
Die Mi’kmaq selbst gebrauchen allerdings je nach Dialekt verschiedene Schreibweisen: auf Prince Edward Island und in Neuschottland Mi’kmaq (Singular Mi’kmaw), in Neubraunschweig Miigmaq (Singular Miigmao), die Gespe’gewa’gi First Nations in Québec bevorzugen Mi’gmaq, zudem ist in manchen Büchern Mìgmaq (Singular Mìgmaw oder Migmewaj) zu finden.Emmanuel N. Metallic, Danielle E. Cyr, Alexandre Sévigny: The Metallic Mìgmaq-English Reference Dictionary, Les Presses de l’Université Laval, Québec 2005, S. VIII.Daniel N. Paul: We Were Not the Savages. Collision Between European and Native American Civilizations. 3. Auflage. Fernwood Pub, 2007, S. 10. Hierbei muss jedoch beachtet werden, dass der Plural in den oben genannten Varianten Mi’kmaq lautet, der Singular Mi'kmaw, sowie dessen Varianten.Spelling of Mi’kmaq, Website des Nova Scotia Museum.
Es gibt verschiedene Erklärungen für die Entstehung des Namens Mi’kmaq, doch laut dem Mi’kmaw Resource GuideThe Mi’kmaw Resource Guide, archive.org, 30. März 2025. bedeutet der Name „Die Familie“, angezeigt durch den Anfangsbuchstaben M, und ist immer Plural. Weitere ähnliche Bezeichnungen, jedoch nicht synonym, sind: Nikmaq – „meine Familie“, Kikmaq – „deine Familie“, Wikmaq – „seine/ihre Familie“. Die Variante Mi’kmaw hat zwei grammatikalische Funktionen: Es ist erstens der Singular von Mi’kmaq und zweitens das Adjektiv in Fällen, in denen es einem Substantiv vorausgeht, z. B. Mi’kmaw-Volk (engl. Mi’kmaw People). Das bloße Wort Mi’kmaq wird daher nie als Adjektiv gebraucht.
Die Mi’kmaq bezeichneten sich selbst als Lnu (Singular und adjektivisches Nomen, früher: L’nu; der Plural lautet Lnúk, Lnu’k, Lnu’g, oder Lnùg, sprich: „Ulnoo“ oder „Elnu“), was wörtlich etwa „Menschen-Wesen“ oder „das Volk“ bedeutet.The Nova Scotia Museum’s Míkmaq Portraits database.
Die südlich lebenden Maliseet bezeichneten ihre einstigen Feinde und späteren Verbündeten, die Mi’kmaq, als Matueswiskitchinuuk („Stachelschwein-Volk“, da sie ihre Kleidung mit den Borsten des Nordamerikanischen Baumstachlers verzierten, auch Urson oder Baumstachelschwein genannt). Die Beothuk auf Neufundland hingegen nannten sie Shonack („Bösartiges oder Schlechtes Volk“, „bad Indians“Paul W.R. Bowlby, Tom Faulkner: Religious Studies in Atlantic Canada: A State-of-the-Art Review, Wilfrid Laurier University Press, Waterloo 2001, S. 86, Anm. 5.), da sie sich gegen die mit französischen Gewehren bewaffneten Mi’kmaq verteidigten.
Sprache und Schrift mini|Verbreitungsgebiet der Algonkinsprachen Die Sprache namens Míkmawísimk, Mi’gmawi’simg oder L’nui’sin (in Kanada wird heute die Schreibweise Mi’gmaq bevorzugt, im Englischen ist allgemein Mi’kmaq üblich) gehört zu den östlichen Algonkin-Sprachen. Sie wird neben Englisch oder Französisch heute (Stand: 2025) von wenig mehr als 9.000 Stammesangehörigen gesprochen; von diesen gaben 6.495 an, sie als Muttersprache erlernt zu haben, was einem Anteil von 63,8 % entspricht. Von denjenigen, die die indigene Sprache zu Hause nutzten, gaben 55,5 % an, sie meistens dort zu sprechen, 44,3 % regelmäßig.Indigenous Language Families: Algonquian languages, Statistics Canada, 31. März 2025, korrigierte Fassung vom 2. September 2025, bzw. Familles de langues autochtones : langues algonquiennes. Die Sprache wurde früher Micmac genannt, heute jedoch setzt sich im Englischen vermehrt die Schreibweise Migmaw oder Mikmaw durch. Die Mi’kmaq verwenden für ihre Sprache je nach Dialekt, neben den oben genannten Bezeichnungen, die Benennung Míkmaq, Míkmaw oder Mìgmao. Im Jahr 2022 wurde die Sprache als erste Sprache Neuschottlands anerkannt.Nova Scotia, Premier’s Office, 17. Juli 2022 (Mi’kmaw Language Act).
Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den einzelnen Mi’kmaq-Dialekten, sodass zum Beispiel die Mi’kmaq in Quebec Probleme haben, Sprecher aus Neuschottland zu verstehen. Durch den Verlust der traditionellen Lebensweise spielt die Sprache der Mi’kmaq eine identitätsstiftende Rolle, zumal sie auf ungefähr 15 größere und ein weiteres Dutzend kleinere Reservate verteilt sind. mini|Diese Mi’kmaq-Zeichenfolge aus dem Firmungsritus wurde 1866 gedruckt. Sie lautet „Koqoey nakla msɨt telikaqumila’laji?“ (ins Englische übertragen: ‚Why / those / all / after he did that to them?‘ oder ‚Why are all these different steps necessary?‘: sinngemäß: Warum sind all diese unterschiedlichen Schritte vonnöten?) Die Mi’kmaq kannten keine eigentliche Schrift, sondern benutzten Symbole, die sie auf Birkenrinde oder Leder zeichneten.