mini|hochkant|Germania auf der Wacht am Rhein, Gemälde von Lorenz Clasen, 1860 mini|hochkant|Germania bewacht den Rhein, Niederwalddenkmal von 1883 mini|Schneckenburger-Denkmal (Fritz von Graevenitz, 1937) in Tuttlingen, das die Wacht am Rhein symbolisiert mini|Autograph der Vertonung Carl Wilhelms vom 10. März 1854 aus den Beständen der Staatsbibliothek zu Berlin mini|Faksimile eines Briefes mit dem Text des Liedes von Max Schneckenburger aus dem Jahr 1840, abgedruckt in der Zeitschrift Die Gartenlaube von 1870, Heft 40 mini|hochkant|Entwurf für ein Carl-Wilhelm-Denkmal in Schmalkalden

Die Wacht am Rhein ist ein 1840 während der Rheinkrise von Max Schneckenburger verfasstes patriotisches Lied. In der im März 1854 von Carl Wilhelm komponierten Vertonung gewann es durch die Aufführung bei der Silberhochzeit des späteren Kaisers Wilhelm I. an Popularität, die sich 1870/71 im Deutsch-Französischen Krieg steigerte. Im Deutschen Kaiserreich hatte es neben Heil dir im Siegerkranz die Funktion einer inoffiziellen Nationalhymne. Bereits vor 1900 wurde es vielfach parodiert.

Liedtext Wiedergegeben wird die Fassung aus dem „schmalen, aber prächtigen Band“Walter Moßmann, Peter Schleuning: Alte und neue politische Lieder. Rowohlt, Hamburg 1978, S. 76. Die Wacht am Rhein, das deutsche Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870.Georg Scherer, Franz Lipperheide (Hrsg.): Die Wacht am Rhein, das deutsche Volks- und Soldatenlied des Jahres 1870, mit Biografien, Portraits, Musikbeilagen, Uebersetzungen etc. Lipperheide, Berlin 1871 (). Diese Fassung wird etwa bei Walter Moßmann, Peter Schleuning: Alte und neue politische Lieder, S. 76, als gängig angegeben. Sie weicht von den Autografen des Textdichters in mehreren Punkten ab, teilweise als Ergebnis von Texteingriffen der Komponisten. In der Erstveröffentlichung der Komposition von Carl Wilhelm 1854 finden sich mehrere Texteingriffe durch den Redakteur Wilhelm Greef; so strich er die Strophe 4 ganz und änderte einige Formulierungen. Die Greef’sche Fassung war ebenfalls weit verbreitet, sie war unter anderem Vorlage für den Text auf dem Niederwalddenkmal.

1. Es braust ein Ruf wie Donnerhall, Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wer will des Stromes Hüter sein?

Refrain Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, Fest steht und treu die Wacht, die Wacht am Rhein!

2. Durch Hunderttausend zuckt es schnell, Und Aller Augen blitzen hell, Der deutsche Jüngling, fromm und stark, (Greef: Der Deutsche, bieder, fromm und stark,) Beschirmt die heil’ge Landesmark.

Refrain

3. Er blickt hinauf in Himmelsau’n, Wo Heldengeister niederschau’n, (Greef: Wo Heldenväter niederschau’n) Und schwört mit stolzer Kampfeslust: „Du Rhein bleibst deutschBei Lipperheide/Scherer gesperrt gedruckt. wie meine Brust.“

Refrain

4. (fehlt bei Greef) „Und ob mein Herz im Tode bricht, Wirst du doch drum ein Welscher nicht; Reich wie an Wasser deine Flut Ist Deutschland ja an Heldenblut.“

Refrain

5. „Solang ein Tropfen Blut noch glüht, Noch eine Faust den Degen zieht, Und noch ein Arm die Büchse spannt, Betritt kein Feind hier deinen Strand.“

Refrain

6. Der Schwur erschallt, die Woge rinnt, Die Fahnen flattern hoch im Wind: Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! Wir Alle wollen Hüter sein!

Refrain

Nach Beginn des Deutsch-Französischen Kriegs fügte ein namenloser „Berliner Dichter“ eine siebte Strophe hinzu,Nach Lipperheide/Scherer (1871), S. 15. die später auch auf Kriegspostkarten aus dem Ersten Weltkrieg verbreitet wurde: So führe uns, Du bist bewährt; In Gottvertrau’n greif’ zu dem Schwert, Hoch Wilhelm! Nieder mit der Brut! Und tilg’ die Schmach mit Feindesblut!

Melodie

Die gängige Melodie der Wacht am Rhein wurde zuerst als Oberstimme eines vierstimmigen Satzes für Männerchor in den Männerliedern von Wilhelm Greef 1854 gedruckt. Sie stammt von dem Krefelder Chordirigenten Carl Wilhelm. Es handelt sich um ein marschartiges Stück im Viervierteltakt, das auftaktig beginnt, und zwar mit fanfarenartigen, durch Punktierung rhythmisch geschärften Dreiklangsbrechungen in der Grundtonart C-Dur. Solche fanfarenartige, punktierte Dreiklangsmelodik wird im Allgemeinen als Aufruf zur Attacke, zum Kampf gehört. Der C-Dur-Dreiklang erscheint zunächst in der Grundstellung („braust ein Ruf“), dann in der ersten Umkehrung (e-g-c, Sextakkord: „Donnerhall“). Ab der dritten Zeile („Zum Rhein“) bewegt sich die Melodie ständig im Rahmenintervall g-e der zweiten Umkehrung, also des Quartsextakkords, der klassischerweise als Spannung schaffend verstanden wird. Der Tonraum dieses Akkords wird im Sprung, dann abwärts schreitend und schließlich aufwärts schreitend ausgeschöpft, bis in der letzten Melodiezeile wieder die Grundstellung des C-Dur-Akkords erreicht wird („treu die Wacht“), nun aber wuchtig mit verlängertem Auftakt und in der oberen Oktave. Dabei wird endlich auch der Spitzenton g erreicht, während die früheren Aufstiege zu diesem Ton immer abgebrochen worden waren – ein Verfahren, das ihm die Bedeutung des endlich errungenen Siegs verleiht und das in Kampfliedern häufig ist. Der abschließende Abstieg zum Grundton in breiten Notenwerten bildet den Ausklang („Wacht am Rhein“).Die Darstellung dieses und des folgenden Absatzes beruht auf Peter Schleuning: Der gewaltige Tonbau des Meister Wilhelm. In: Moßmann/Schleuning: Alte und neue politische Lieder. 1978, S. 30–36.

Peter Schleuning bezeichnet diese Melodie als charakteristisch für eine „deutsche Reichsharmonik“. Die Spannungsaufladung mit Quartsextakkord-Melodik, die dann mit Fanfaren in der Grundstellung der Grundtonart aufgelöst wird, entspreche etwa Mustern bei Richard Strauss, ihren Prototyp bilde aber eigentlich bereits das Thema des Schlusssatzes von Beethovens 5. Sinfonie. Nur sei dies bei Beethoven erst „der Satz-Anfang einer Sinfonie, aus dem noch weiteres folgt“,Schleuning: Der gewaltige Tonbau. In: Moßmann/Schleuning, 1978, S. 35. während in der Wacht am Rhein nichts mehr folge; eine wirkliche textliche und musikalische Spannung gebe es hier gar nicht, der Sieg erscheine stets als gewiss, die Erlösung wirke leer. Schleuning resümiert: „Das macht also die Melodie u. a. so brauchbar: kriegerische Aggression und volkstümliche Herz-Schmerz-Terz-Innigkeit; gewaltiger spannungsgeladener Stau über dem Quartsextakkord und Erlösung in der schrecklich leeren Tonika-Fanfare“.Schleuning: Der gewaltige Tonbau. In: Moßmann/Schleuning, 1978, S. 36.

Entstehung und Überlieferungsgeschichte Textautor war der 21-jährige Max Schneckenburger, ein Württemberger, der in Burgdorf im Schweizer Kanton Bern lebte und dort Geschäftsführer einer Eisengießerei war. Schneckenburger, national gesinnt und kleindeutsch denkend, also an einer Einigung Deutschlands unter Preußens Führung und ohne Österreich interessiert, gehörte einem „Samstagskreis“ deutscher Honoratioren in Burgdorf an, wo er den Text des Liedes zum ersten Mal vorstellte. Er hatte bereits als Jugendlicher 1837 unter Pseudonym Versuche in Poesie und Prosa veröffentlicht. Im November 1840 schrieb er unter dem Eindruck der Rheinkrise und beeinflusst von Nikolaus Beckers bereits erschienenem Rheinlied das später unter dem Titel Die Wacht am Rhein bekannt gewordene Gedicht.Lipperheide, Scherer: Die Wacht am Rhein, 1871, S. 5–11;

Die erste handschriftliche Fassung der Wacht am Rhein, die in Schneckenburgers Tagebuch erhalten ist, hieß noch Die Rheinwacht und enthielt keinen Refrain. Die Verse Lieb Vaterland magst ruhig sein / Fest steht und treu die Wacht am Rhein bildeten lediglich den Abschluss der letzten Strophe. In dieser Form trug Schneckenburger das Gedicht wohl, nach der Erinnerung des Samstagskreis-Mitglieds Karl Bernhard Hundeshagen,Hundeshagens Bericht, ursprünglich in der Kölnischen Zeitung vom 14. August 1870 erschienen, ist nachgedruckt in Lipperheide und Scherer: Die Wacht am Rhein, 1871, S. 2–4. auf einem Treffen vor, wo es großen Erfolg hatte und umgehend von Adolf Spieß, ebenfalls einem Mitglied, zu Klavierbegleitung gesungen wurde, offenbar nach einer improvisierten und nicht erhaltenen Melodie. Die Textfassung des Tagebuchs bietet diverse alternative Lesarten; zudem gibt es zwei weitere Autographe Schneckenburgers in persönlichen Briefen, die leichte Textveränderungen zeigen.Siehe Lipperheide und Scherer, S. 13 f; die Autographe sind dort ebenfalls wiedergegeben: die Tagebuchfassung auf S. 25 f., die briefliche Fassung, bereits mit Refrain und Titel Die Wacht am Rhein, auf S. 27 f.

Eine größere Veränderung am Text nahm der aus Darmstadt stammende Berner Organist Johann Jakob Mendel vor, der das Werk auf Anfrage Schneckenburgers erstmals für Männerchor vertonte. Er erzeugte aus den Schlussversen der letzten Strophe einen Refrain, der nach jeder Strophe zu wiederholen war. Dies erforderte einen neuen Text für die Verse 3 und 4 der letzten Strophe; Mendel bot mit ihnen nun eine Antwort auf die in der ersten Strophe gestellte Frage („Wer will des Stromes Hüter sein?“ … „Wir Alle wollen Hüter sein!“). Schneckenburger akzeptierte diese Veränderungen ausweislich seines Tagebuchs ausdrücklich. In dieser Form wurde das Lied im Dezember 1840 in der Berner Verlagsbuchhandlung Dalp gedruckt und öffentlich zum ersten Mal im Hause des preußischen Gesandten von Bunsen von dem Berner Musikdirektor Adolph Methfessel (Tenor) zu Gehör gebracht. Es erlangte zunächst keine große Popularität.

Der Krefelder Chordirigent Carl Wilhelm erhielt den Text 1854 und vertonte ihn neu. Am 11. Juni desselben Jahres führte er seine Komposition mit seinem Männerchor anlässlich der Silberhochzeit des Prinzen Wilhelm und späteren Kaisers Wilhelm I. auf. Für diese Vertonung sind einige Textwiederholungen im Refrain erforderlich. In der Folgezeit erlangte das Lied in dieser Vertonung über Sängerfeste eine große Beliebtheit als begeisterndes „Volkslied“, die sich im Krieg 1870/71 noch steigerte.

Das Lied bekam deswegen bei der musikalischen Siegesfeier in der Berliner Hofoper am 17. Juni 1871 eine zentrale Bedeutung zugewiesen. Dabei wurde es zum Abschluss der Feier nach dem Kaiser-Wilhelm-Marsch der Komponistin Ingeborg von Bronsart aufgeführt.Katharina Hottmann: Vom Kaiser-Wilhelm-Marsch zur Wacht am Rhein. In: Katharina Hottmann, Christine Siegert (Hrsg.): Feste – Opern – Prozessionen. Olms, Hildesheim 2008.

Bedeutung und Rezeption Das Lied entstand 1840 als unmittelbare Reaktion auf öffentliche Forderungen der französischen Regierung unter Adolphe Thiers, den Rhein wie bereits 1794 als Frankreichs Ostgrenze zu etablieren. Im Frieden von Campo Formio hatte sich Frankreich das bereits 1794 annektierte linke Rheinufer des Heiligen Römischen Reichs angeeignet. Dabei war es in der Franzosenzeit geblieben, bis der Wiener Kongress 1815 Frankreichs Grenze zum Deutschen Bunde auf den Verlauf von 1790 festlegte. Thiers zielte mithin auf die bayerische Pfalz, Rheinhessen und die (preußische) Rheinprovinz.

Das Lied thematisierte nicht nur eine abstrakte Idee, sondern außenpolitische Spannungen und handfeste Rüstungsanstrengungen. Der eigentliche Auslöser war eine Niederlage französischer Hegemoniebestrebungen im Mittelmeer in der so genannten Orientkrise. Auf diese Niederlage hin konzentrierte die französische Regierung ihre außenpolitischen Bestrebungen auf die Rheingrenze und konnte sich dabei auf starke nationalistische Stimmungen stützen.