mini|Dr Zoch kütt (Der Karnevalszug kommt) (2006) mini|Bürgergarde Blau-Gold beim Kölner Rosenmontagszug (2009)

Der Kölner Rosenmontagszug ist der größte Karnevalsumzug in Deutschland und der am Rosenmontag stattfindende Höhepunkt des Kölner Karnevals. Der seit 1823 veranstaltete „Zoch“ ist auch der älteste der großen deutschen Rosenmontagszüge.

Der Umzug aus kostümierten Fußgruppen, Musikkapellen, Reitern, Festwagen und Unterstützungsfahrzeugen hat eine Länge von etwa acht Kilometern und lockt hunderttausende Zuschauer an. Die in vielen Reihen auf den Straßen ausharrenden Jecken versuchen neben Blicken auf den Zug auch etwas von dem aus 300 Tonnen Süßigkeiten (pauschal „Kamelle“ genannt) sowie Blumen, Stoffpuppen und anderen Präsenten bestehenden Wurfmaterial zu erhaschen., auf koelnerkarneval1.de.

Geschichte mini|Theodor Franz Thiriart – Auszug aus dem Programm des ersten Kölner Rosenmontagszuges vom 10. Februar 1823 mini|Einer der ersten Maskenumzüge im Jahr 1825

Organisierte Umzüge am Montag zwischen dem Vorfastensonntag Esto Mihi und Aschermittwoch gab es in Köln zunächst unter den Bezeichnungen Maskenumzug, Fastnachtszug oder Festzug.

Zur Benennung und zum Anlass des Festes am Rosenmontag gibt es unterschiedliche Erklärungen. So vermutet der Sprachwissenschaftler und Volkskundler Adam Wrede einen Zusammenhang mit dem christlichen Rosensonntag zu Halbfasten (Laetare), der in den ersten Jahren des Gesellschaftskarnevals als Nachfeier des Karnevals begangen wurde. Zeitgleich mit dem Aussterben dieser Feier zum Beginn der 1830er Jahre ist der Begriff Rosenmontag bezeugt, der sich zuerst für den Tag und gegen Ende des 19. Jahrhunderts auch für den Karnevalsumzug zunehmend durchsetzte.Adam Wrede: Neuer kölnischer Sprachschatz, zweiter Band; Greven-Verlag, Köln 1956–1958.Assenmacher, Euler-Schmidt, Schäffke: 175 Jahre … und immer wieder Karneval. Herausgegeben vom Festkomitee des Kölner Karnevals von 1823 e. V., Köln: Bouvier 1997, ISBN 3-416-02735-3, S. 56. Andere Autoren, etwa der Kunsthistoriker Michael Euler-Schmidt,Euler-Schmidt: Kölner Maskenzüge, S. 22. berufen sich auf die mittelhochdeutsche Herleitung von Rasenmontag, dem „rasenden, tobenden“ Montag, auf die auch das Deutsche Wörterbuch von Jakob und Wilhelm Grimm abzielt.

Straßenkarneval unter französischer Besatzung mini|Der Kaufmann, Maler, Kunstsammler und Schriftsteller Matthias Joseph de Noël, Selbstporträt um 1820 Zum Ende des 18. Jahrhunderts befand sich das gesellschaftlich noch stark mittelalterlich geprägte Köln in einer von der französischen Besatzung angestoßenen Umbruchsituation. Alle wesentlichen politischen und sozioökonomischen Strukturen wurden von den Besatzern ab 1798 abgeschafft und nach französischem, zentralistischen Muster neu aufgebaut. Dies verursachte vor allem im Bürgertum eine Besinnung auf kölnische Traditionen und Werte, die auch die brauchtümlichen Lustbarkeiten anlässlich der Fastnacht betrafen. Der elitäre Männerbund Olympische Gesellschaft zu Köln, zu deren Mitgliedern etwa Ferdinand Franz Wallraf, Matthias Joseph de Noël und der Verwaltungsbeamte Johann Jakob Peter Fuchs gehörten, setzte mit literarischen Fastnachtsfeiern erste Akzente für die späteren Reformen des Karnevalsfestes.

Gleichzeitig organisierten angesehene Kaufleute, Juristen und Besatzungsoffiziere in ersten Redouten-Gesellschaften Maskenbälle als gesellschaftliche Ereignisse. Die Strukturen der späteren Karnevalsgesellschaften, die die ab 1822 verbreiteten Maskenbälle im Gürzenich organisieren sollten, zeichneten sich hierin bereits ab. Der bürgerliche Mittelstand, der sich die von den Franzosen erhobenen Maskierungsgebühren leisten konnte, organisierte erste kleine, thematisch bereits festgelegte Umzüge, in denen sich der inszenatorische Aspekt des späteren großen Maskenumzuges bereits erkennen ließ. Das gemeine Volk dagegen feierte den Karneval in dieser Zeit unmaskiert und unter einfachsten Bedingungen in den Kneipen.Euler-Schmidt: Kölner Maskenzüge, S. 8–12.

Preußenzeit: Gründung der Grossen Karnevalsgesellschaft mit Festordnern Infolge einer wirtschaftlichen Krise, die Köln nach Beginn der Preußenherrschaft im Jahre 1815 durch den Wegfall französischer Schutzgesetze traf, stagnierte die Weiterentwicklung des Kölner Karnevals zunächst: Die bürgerliche Gesellschaft feierte ihre Maskenbälle in Privathäusern, separiert vom Volk, das wiederum den öffentlichen Raum für ausgelassenes Treiben auf den Straßen und in den Wirtshäusern nutzte. Die Freude an Maskeraden nahm, wie es zeitgenössische Chronisten beschrieben, immer weiter ab.Zitiert bei Euler-Schmidt: Kölner Maskenzüge, S. 14–15. Hierdurch reduzierten sich die Einnahmen aus den von den Franzosen eingeführten und von den Preußen zunächst beibehaltenen „Lustbarkeitsabgaben“, die in Form gebührenpflichtiger Maskenkarten erhoben wurden. Diese Abgaben waren für die Kölner Armenverwaltung bestimmt, die sich infolge mit finanziellen Einbußen konfrontiert sah. 1821 verschlechterte sich diese Situation mit der vollständigen Abschaffung des Systems der Lustbarkeitsabgaben noch.

Die zu reichsstädtischer Zeit noch von den Klöstern und Stiften übernommene Armenverwaltung, zuständig für Kranken- und Waisenhäuser Kölns, war eine wichtige und vom Volk wahrgenommene gesellschaftliche Bühne der wohlhabenden Kölner, die in ihrem Beirat saßen. Diese Beiräte setzten sich bei den preußischen Behörden bald für eine Wiederzulassung der Lustbarkeitsabgaben in Verbindung mit der Einführung eines großen Maskenumzugs ein. So waren es schließlich die Funktionäre der Armenverwaltung, unter ihnen deren Präsident Heinrich von Wittgenstein und einige Stadträte, die 1823 die Grosse Karnevalsgesellschaft (heutige Die Grosse von 1823) gründeten, aus deren Reihen die Festordner gewählt wurden.Nadine Beck, Christoph Laugs, Sören Riebenstahl, Christina Rosseaux, Lucia Seethaler, Joachim E. Zöller: 200 Jahre organisierter Kölner Karneval, Die Geschichte des Kölner Karnevals und der ersten Traditionsgesellschaft „Die Grosse von 1823 KG e. V. Köln“. Herausgegeben von Die Grosse von 1823 Karnevalsgesellschaft e. V. Köln, Jonas Verlag 2022, ISBN 978-3-89445-596-5

Ab dem Folgejahr trafen sich die Mitglieder der Karnevalsgesellschaft (auch Grosser Rat genannt) jährlich um Neujahr zu einer Generalversammlung, um aus ihren Reihen ein Festordnendes Comitée zu wählen, das die Organisation des folgenden Karnevalsfestes übernehmen sollte.Neuhaus 1914, S. 12–15 Zum ersten Präsidenten und Sprecher wurde von Wittgenstein gewählt. Hieraus entstand 1989 das Festkomitee Kölner Karneval als eingetragener Verein, das heute unter anderem den Rosenmontagszug organisiert.Euler-Schmidt: Kölner Maskenzüge, S. 15.

Die Festordner konzipierten im Rahmen der Festordnung erstmals einen großen Maskenumzug, bei dem das gesamte Volk auf einem festgelegten Zugweg kontrolliert an der Karnevalsfeier teilhaben, und durch die Wiedereinführung der Lustbarkeitsabgaben gleichzeitig die Finanzierung der Armenverwaltung gestärkt werden sollte. Insofern verstand sich das scherzhaft „kleiner“ oder „lustiger Rat der Stadt Köln“ genannte Gremium auch als ein gesellschaftspolitisches Instrument. Der Zug selbst berührte in seinen Themen und Bildern Teilnehmer und Publikum durch die Zitierung reichsstädtischer Traditionen, zeigte aber in der Integration romantischer Elemente des italienischen Karnevals auch ein modernes und kulturell anspruchsvolles Gesicht.Euler-Schmidt: Kölner Maskenzüge, S. 20.

Erster Zug im Jahre 1823: Thronbesteigung des Helden Carneval mini|hochkant|Der Hofnarr des Königs Carneval als früheste bekannte Darstellung zum ersten Maskenzug 1823

In weniger als zwei Wochen Vorbereitungszeit organisierten die Festordner unter der Führung von Wittgensteins den ersten großen Maskenzug, der schließlich am 10. Februar 1823 nach einem zwölf Paragrafen umfassenden strengen Reglement in 15 Gruppen rund um den Kölner Neumarkt zog. Er stand unter dem Motto Die Thronbesteigung des Helden Carneval, was in § 1 des Ablaufplanes so erklärt wurde:

„Der in ganz Teutschland einstens so berühmte kölnische Carneval soll durch das Zusammenwirken mehrerer Verehrer alter Volksthümlichkeit in diesem Jahre durch einen allgemeinen Maskenzug erneuert und auch gefeiert werden. Die dabei zum Grunde gelegte Idee ist die Thronbesteigung Carneval’s gedacht als König des Volksfestes“

Der Darsteller der ersten als Held, König oder auch Fürst Carneval bezeichneten Hauptfigur des Zuges war der Kaufmann und Kölnisch-Wasser-Hersteller Emanuel Zanoli (1796–1837), Gründungsmitglied des Comités und Mitglied des vornehmen Vereins Casino. In Beschreibungen wird seine königlich-prachtvolle Bekleidung mit hermelingefüttertem Purpurmantel und goldener, edelsteingeschmückter Krone hervorgehoben. Er trug ein Reichsschwert und einen Narrenzepter.

Der erste Zug inszenierte rund um den Helden Carneval einen Hofstaat mit Hofnarren, Hofchargen, Herolden, Bannerträgern, Ministern und einem Kanzler, umrahmt von Musikanten und Musikchören. Die Figur sollte, obwohl sie als Held Karneval zum ersten Mal im Kölner Karneval auftauchte, an die Tradition der „Karnevalskönigreiche“ anknüpfen, die etwa an den Kollegs der Jesuiten oder am Collegium Germanicum gepflegt, in Köln aber nicht durchgängig zu beobachten war.Euler-Schmidt: Kölner Maskenzüge, S. 26. Der erste große Maskenzug präsentierte mit dem Helden Carneval also einen erneuerten Karnevalsritus, der sich auf historische Vorbilder berief und diese zitierte. Der Kölner Chronist Johann Jakob Peter Fuchs attestierte dem ersten Zug viel Zustimmung, bemerkte aber auch die wenigen Maskierten unter den Zuschauern. Auch habe dieser Zug weniger auswärtige Besucher gehabt als frühere Karnevalsfeiern, „die schlechte Witterung mag diese wohl abgehalten haben“.Edmund Stoll: Kölns Karneval, wie er war, ist und sein wird. Köln 1840, S. 20.

Das Ideal, einfaches Volk und die gehobenen Stände beim Maskenzug gemeinsam an der Karnevalsfeier teilhaben zu lassen, erfuhr nur teilweise eine Umsetzung. Die bestehende Klassenschranke verlief nun zwischen den aktiven Teilnehmern am Zug und den Zuschauern: Nur die Mitglieder des Großen Rates im Festordnenden Comité nahmen am Zug teil; für die Aufnahme waren drei Taler aufzubringen, was etwa 60 % des Wocheneinkommens eines Handwerksmeisters entsprach. Hierdurch blieben die wohlhabenden Kölner innerhalb des Zuges unter sich.

Auch der Nutzen für die Armen fiel vergleichsweise gering aus. Die Historikerin Hildegard Brog berechnet anhand der erhaltenen Aufzeichnungen des Festordnenden Comités, dass der zur Weitergabe an die Armenverwaltung vorgesehene Gewinn aufgrund der Kosten für Kostüme, Pferde und Wagen sowie für die Vorbereitungen des anschließenden Maskenballs im Gürzenich deutlich unter den Erwartungen blieb: Die Armen erhielten 1823 und auch in den folgenden Jahren nur unwesentliche Beiträge aus den Einnahmen der Züge.

Protagonisten der frühen Maskenzüge mini|hochkant|Nachbildung eines Festwagens mit dem Held Karneval des Jahres 1824

Neben dem Helden Carneval traten in den ersten Maskenzügen auch andere Figuren und Gruppierungen auf die ursprünglich im kirchlichen Prozessionswesen, der Stadtgeschichte oder in älteren Fastnachtstraditionen beheimatet waren. Einige spielen, mehr oder weniger weiterentwickelt, bis heute eine feste Rolle im Kölner Karneval und im Rosenmontagszug. Der Bellengeck und der Hanswurst übernahmen in den ersten Jahren zeitweise an Stelle des Helden Carneval die Regentschaft über die Jecken. Der heutige Prinz Karneval als Hauptfigur des Kölner Dreigestirns ist in Aussehen und Rollenbild jedoch klar auf den „Helden“ von 1823 zurückzuführen.

Geckebähnchen und die Heilige Mägde und Knechte