Blähung (zu blähen, mittelhochdeutsch blæjen, von althochdeutsch blāhan ‚blähen, blasen‘; von indogermanisch *bhlë/bhlā ‚schwellen‘; vgl. englisch to blow ‚blasen, wehen‘Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 81 (zu blähen und Blase).) ist der in der Medizin gebräuchliche Fachausdruck für die normale Gasansammlung im Darm, die aufgrund der Verdauungsvorgänge im Verdauungstrakt von höheren vielzelligen Tieren einschließlich des Menschen entsteht und dabei das Hohlorgan Darm aufbläht.Kleineres Brockhaus’sches Conversations-Lexikon für den Handgebrauch. Brockhaus, 1854, S. 522 ().G. Steinhauser: „Die“ Blähungen, ihr Wesen, ihre Beschwerden und schädlichen Einwirkungen auf den menschlichen Körper, und die hülfreichsten Mittel dagegen. Verlag der Jasper’schen Buchhandlung. Herrngasse Nr. 251, im Fürst Liechtenstein’schen Palais, 1844, S. 5 (). Der Abgang der Blähung(en) durch den Anus wird als Flatus (von ), WindPschyrembel, S. 524.Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben. Niemeyer, Tübingen 2003 (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50), ISBN 3-484-36050-X, S. 403 (mittelhochdeutsch wint: Wind, Blähungen). oder Darmwind bezeichnet. Als veraltet gelten die deutschen Bezeichnungen Leibwind und Blähwind. Umgangssprachlich werden je nach Region unterschiedliche volkstümliche lautmalerische Bezeichnungen für die Darmwinde verwendet, z. B. Furz bzw. FurzenFranz Maria Feldhaus: Ka-Pi-Fu und andere verschämte Dinge. Privatdruck, Berlin-Friedenau 1921 (= Quellenforschungen zur Geschichte der Technik und Industrie G. m. b. H.). oder Pups, in Bayern auch Schoaß, Österreich auch Schas (auch Schaas geschrieben), oder Pfurz.
Ein Aufblähen des Darmlumens und damit des Bauchraumes durch eine übermäßige Gasansammlung ohne Abgänge wird als Meteorismus bezeichnet. Sitzen die Darmgase fest (Flatus incarceratus), kann es zu schmerzhaften Bauchkrämpfen (Windkoliken) kommen. Flatulenz bezeichnet das verstärkte rektale Entweichen von Darmgasen, oft hervorgerufen durch verstärkte Entwicklung von Gasen im Verdauungstrakt (beispielsweise Methan, Kohlenstoffdioxid, Wasserstoff, Schwefelwasserstoff und anderen Gär- bzw. Faulgasen) infolge Malassimilation (Probleme, Nährstoffe im Verdauungssystem aufzunehmen),W. E. Hansen: Gastrointestinale Symptome. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-69511-7, S. 110 (). bakterieller Fehlbesiedelung aus der Nahrung oder anderen DarmabschnittenChristian Lübbert: Bakterielle Fehlbesiedelung des Dünndarms. In: H. Lehnert et al. (Hrsg.): Springer Reference Medizin. Springer, Berlin/Heidelberg. oder seltener durch Schlucken von Luft beim hastigen Essen, Trinken oder Schlürfen. Nach Ansicht von Ärzten gelten 24 Gasabgänge in 24 Stunden als normal, erst übermäßiger Gasabgang würde als Flatulenz bezeichnet.Sophie Faber: Das TRIAS-Handbuch – richtig selbst behandeln. Georg Thieme Verlag, 2007, ISBN 978-3-8304-3253-1, S. 230 (). Das gesamte Beschwerdebild (Meteorismus mit Flatulenz) wird umgangssprachlich als Blähungen zusammengefasst.
In einer kleinen Studie, in der Probanden kleine elektrochemische Sensoren direkt an der Unterwäsche befestigten, kam heraus, dass im Schnitt pro Tag 32 Mal Darmwinde entwichen; mit großen individuellen Unterschieden zwischen 4 und 59.
mini|100px|Tonbeispiel Flatus In einigen Gesellschaften sind Fürze ein Tabu und werden deshalb zurückgehalten (was ungesund istFlatus retention is the major factor in diverticular disease, abgerufen am 7. März 2023.'Let your flatulence fly, scientists urge passengers', abgerufen am 7. März 2023, basierend auf Flatulence on airplanes: just let it go) oder kontrolliert leise entlassen.wikihow.com, abgerufen am 19. Februar 2023.soranews.com, abgerufen am 19. Februar 2023.
Das Entweichen von Gasen aus dem Magen durch die Speiseröhre wird als Rülpsen, Aufstoßen oder ructus bezeichnet.
Ursachen Beim normalen Verdauungsvorgang des Menschen, der bis zu 42 Stunden dauern kann, entstehen Darmgase. Der größte Anteil diffundiert in den Blutkreislauf und wird über die Lungen abgeatmet. Darmwinde sind dann ein Gasüberschuss von etwa 0,5 bis 1,5 Litern pro Tag, der nicht auf diesem Weg den Körper verlässt. Ursachen für Gasüberschüsse können die Zusammensetzung oder Menge der Nahrung oder Nahrungsbestandteile sein; ebenso Verdauungsstörungen (z. B. eine exokrine Pankreasinsuffizienz, bei denen einzelne Nährstoffe schlecht, verzögert oder gar nicht von der Darmwand aufgenommen werden und dann im Darm unter Gasbildung vergären).
Nahrungsbestandteile, die zu Flatulenz führen können Nahrungsmittel-bestandteil Häufigkeit (Epidemiologie)in der Bevölkerung Beschwerdebild / Krankheitsbild Milchzucker etwa 15 % Laktoseintoleranz Fructose(Fruchtzucker) etwa 10 % Intestinale Fruktoseintoleranz Histamin etwa 1 % Histamin-IntoleranzReinhart Jarisch: Histamin-Intoleranz, Histamin und Seekrankheit. Thieme 2004, ISBN 3-13-105382-8. Gluten etwa 0,2 %R. Keller: Klinische Symptomatik „Zöliakie, ein Eisberg“. In: Monatsschrift Kinderheilkunde. Heidelberg 151.2003, S. 706–714. (Details dort) ZöliakieEgid Strehl: Ernährungsbasics. Govi-Verlag, 2018, ISBN 978-3-7741-1385-5, S. 93 (). Chitin ein hoher Anteil an wasserlöslichen BallaststoffenRolf Bäumer: Onkologische Pflege. Georg Thieme Verlag, 2008, ISBN 978-3-13-143871-3, S. 180 (). Hülsenfrüchte Inulin (in Topinambur, Yacon enthalten) Zuckeraustauschstoffe Sorbit, Xylit und Mannit bei individueller Unverträglichkeit Pentosane; in HülsenfrüchtenHans-Dieter Belitz: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-08304-8, S. 683 (). und Roggen(brot)Hans D. Belitz: Lehrbuch der Lebensmittelchemie. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-662-08310-9, S. 528 (). enthalten
Sonstige Ursachen für Darmgase:Jürgen Ferdinand Riemann: Gastroenterologie in Klinik und Praxis. Georg Thieme Verlag, 2007, ISBN 978-3-13-158361-1, S. 97. kohlensäurehältige Getränke (das meiste CO2 daraus verlässt durch Aufstoßen den Körper) Luft in Lebensmitteln (porige Gebäcke, Schäume, aufgeschlagene Cremes und Schlagsahne) Neutralisation von Magensäure und Fettsäuren mit dem Bicarbonat der Verdauungsdrüsen Eindiffusion aus venösem Blut gasproduzierende und gasverbrauchende Bakterien: wasserstoffproduzierende Bakterien im Dickdarm sowie sulfatreduzierende Bakterien Geschluckte Luft. Luftschlucken ist ein üblicher Vorgang, der beim Sprechen und beim Essen, vor allem beim schnellen Essen großer Portionen, auftritt. Solcherart geschluckte Luft kann durch Rülpsen und Schluckauf ausgestoßen werden oder zu Blähungen führen.Brigitte Pleyer: Ernährung im Alter. Springer-Verlag, 2017, ISBN 978-3-662-54889-9, S. 87 (). Aerophagie (übermäßiges Luftschlucken), mit Abgang geruchloser BlähungenFerdinand Hoff: Über Aerophagie. In: Münchener Medizinische Wochenschrift. Band 95, Nr. 1, 2. Januar 1953, S. 15–19, hier: S. 17. Verzehr von rohem Getreidebrei, frischem Hefegebäck oder Dörrobst.E. Lever, S. M. Scott, P. Louis, P. W. Emery, K. Whelan: The effect of prunes on stool output, gut transit time and gastrointestinal microbiota: A randomised controlled trial. Clin Nutr. 38(1), Feb 2019, S. 165–173. PMID 29398337 Beim Kauen der Nahrung wird diese mit Speichel vermischt. Die im Mundspeichel enthaltene Speichel-Amylase (Ptyalin) dient zur Zerlegung der in der Nahrung enthaltenen Stärke.Irmgard Frey: Krankenpflegehilfe. Georg Thieme Verlag, 2002, ISBN 978-3-13-475911-2, S. 68 (). Eine ungenügende Einspeichelung – üblich beim schnellen Trinken – kann daher beim Genuss stärkehaltiger Getränke (beispielsweise Getreidemilch, Reismilch, Sojamilch, Mandelmilch, Smoothies, naturtrübe ungefilterte Fruchtsäfte, Gemüsesäfte) zur unzureichenden Zerlegung dieser Stoffe führen. Dies bewirkt dann Gärvorgänge der Stärke im Gastrointestinaltrakt und daraus resultierend (zusammen mit einem Übermaß an FruchtzuckerFOCUS Online: Nahrungsmittelunverträglichkeit. TOMORROW FOCUS Media GmbH, 2014, S. 11 ().Anne Kamp: Fruktosearm genießen. Gräfe Und Unzer, 2012, ISBN 978-3-8338-2988-8 ().B.O. Böhm: Klinische Diabetologie. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-59539-4, S. 57 ().) Beschwerden wie Blähungen und Flatulenz.Maximilian Ledochowski: Wenn Brot & Getreide krank machen. Georg Thieme Verlag, 2011, ISBN 978-3-8304-6026-8, S. 91 ().Julia Seiderer-Nack: Was passiert im Darm? Südwest Verlag, 2014, ISBN 978-3-641-11815-0 (). Bei manchen Kuren wird daher das löffelweise Einnehmen von Obst- und Gemüsesäften empfohlen, um sie besser einzuspeicheln.Harald Stossier: Viva Mayr! Georg Thieme Verlag, 2012, ISBN 978-3-8304-6365-8 (). Kreatin bei der Verwendung als Nahrungsergänzungsmittel im Sport Zu Beginn einer Schwangerschaft wirkt ein erhöhter Spiegel des Hormons Progesteron beruhigend auf die Muskulatur der inneren Organe und somit auch auf die Peristaltik des Darmes. Der Darminhalt verweilt länger im Darm und es treten daher vermehrt Blähungen auf.Brigitte Holzgreve: 300 Fragen zur Schwangerschaft. Gräfe Und Unzer, 2012, ISBN 978-3-8338-3102-7 ().Karin Schutt: Mein Begleiter durch die Schwangerschaft. Gräfe Und Unzer, 2010, ISBN 978-3-8338-1842-4, S. 102 ().Maria Hengstberger: Gynäkologie von Frau zu Frau. Springer-Verlag, 2009, ISBN 978-3-211-29963-0, S. 58 (). Reizdarmsyndrom Exokrine Pankreasinsuffizienz
Physiologische Vorgänge Grundlagen Die Bestandteile der Abwinde sind Stickstoff (aus geschluckter Luft), Wasserstoff (als Abbauprodukt von Kohlenhydraten, siehe dazu Wasserstoffatemtest), Methan, Kohlenstoffdioxid sowie Schwefelverbindungen.
Größenordnungen der Gase im Magen-Darm-TraktHatto-Franz Fuchs: Gastrointestinaltrakt. Springer-Verlag, 2013, ISBN 978-3-642-86797-2, S. 426 (). Herkunft Art Menge pro Tag Geschluckte Luft hauptsächlich N2 und O2 2 Liter CO2-Freisetzung im Magen durch die Magensäure und organische Säuren der Nahrung CO2 15–30 Liter bakterieller Nahrungsabbau CO2 H2 H2S CH4 15 Liter Diffusion von Blutgasen in den Darmhohlraum N2 O2 CO2 15 Liter insgesamt ungefähr 50 Liter Diffusion von Darmgasen ins Blut ungefähr 50 Liter Analer Gasausstoß ungefähr 2 Liter (Zum Vergleich: Ein Hausrind stößt täglich etwa 200–400 Gramm MethanBert-Andree Zucker: Kompendium der Tierhygiene. Lehmanns Media, 2016, ISBN 978-3-86541-909-5, S. 115 (). (oder 160 LiterGerhard Gottschalk: Welt der Bakterien, Archaeen und Viren. John Wiley & Sons, 2015, ISBN 978-3-527-68891-3, S. 114 ().) aus, ein Schaf 25 g.)
Der Großteil der Darmgase wird während der Verdauung durch Bakterien wie Escherichia coli, Bacteroides vulgatus oder Methanobrevibacter smithii erzeugt. Diese sind die Produzenten von Wasserstoff, Methan und Schwefelverbindungen, welche der Grund für die leichte Entzündlichkeit des Flatus sind.
Kohlenstoffdioxid entsteht beispielsweise bei verschiedenen Arten der Gärung oder wenn carbonathältige Nahrung im Magen mit Salzsäure reagiert oder das Gas aus kohlensäurehältiger Nahrung durch die stärkere Säure freigesetzt wird
Für den Geruch wurden früher die Substanzen Indol und Skatol sowie Schwefelwasserstoff verantwortlich gemacht. Gaschromatographische Untersuchungen im Jahre 1984 ergaben jedoch, dass Schwefelverbindungen wie Methanthiol, Schwefelwasserstoff und Dimethylsulfid primär die geruchsbildenden Bestandteile sind.
Die Geräusche, die oft beim Entweichen der Gase entstehen, werden von der Vibration der Analöffnung verursacht. Das Geräusch variiert je nach der Spannung des Schließmuskels, der Geschwindigkeit, mit der das Gas ausgestoßen wird, sowie dem Volumen der ausgestoßenen Gasmenge.