Sekte (von secta ‚Partei‘, ‚Lehre‘, ‚Schulrichtung‘) ist eine Bezeichnung für eine religiöse, philosophische oder politische Richtung und ihre Anhängerschaft. Die Bezeichnung bezieht sich auf soziale Gruppierungen, die sich durch ihre Lehre, ihr Dogma oder ihren Ritus von vorherrschenden Überzeugungen unterscheiden und oft im Konflikt mit deren Vertretern und Anhängern stehen.

In erster Linie steht Sekte für eine von einer Mutterreligion abgespaltene religiöse Gemeinschaft. Der ursprünglich wertneutrale Ausdruck hat aufgrund seiner Geschichte und Prägung durch den kirchlichen Sprachgebrauch einen meist abwertenden Charakter erhalten und wird seit den 1960er Jahren verstärkt in negativem Sinn verwendet. Für kleinere Gruppen werden daher auch die Bezeichnungen „religiöse Sondergemeinschaft“ oder „neue religiöse Bewegung“ gewählt.

Begriffsgeschichte Antike Der Begriff „Sekte“ geht sehr wahrscheinlich auf das lateinische secta („Richtschnur“ oder „Schulrichtung“) zurück, was sich von sectus, einem nicht mehr erhaltenen Partizip Perfekt von sequi („folgen“, speziell: „Anhänger [einer Person oder Lehre] sein“), ableitet. Das Verbum secare („abschneiden“ oder „abspalten“) kommt als Ursprung weniger in Betracht, ist allerdings auch nicht ganz von der Hand zu weisen.Hauth, Rüdiger: Art. Sekte, in: Theologische Realenzyklopädie Bd. 31 (2000), S. 97. Das lateinische secta ist erstmals im 3. Jahrhundert v. Chr. bei dem Dichter Gnaeus Naevius belegt. Als secta bezeichnete man wertneutral nicht nur eine philosophische Schule, sondern auch eine Schulrichtung in der Rechtswissenschaft oder die Anhängerschaft eines Politikers.Zur Etymologie und antiken Begriffsgeschichte (außerhalb des Christentums) bzgl. secta siehe Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, Bd. 2, 11. Auflage, Basel 1962, Sp. 2559f.; Alois Walde, Johann Baptist Hofmann: Lateinisches etymologisches Wörterbuch, 3. Auflage, Bd. 2, Heidelberg 1954, S. 506.

Der lateinische Begriff secta entspricht dem Griechischen Wort αἵρεσις (haíresis).Zur antiken Begriffsgeschichte bzgl. hairesis siehe Henry George Liddell, Robert Scott: A Greek-English Lexicon, Oxford 1966, S. 41; Wilhelm Pape: Griechisch-deutsches Handwörterbuch, 3. Auflage, Bd. 1, Graz 1954, S. 59; Karl Ernst Georges: Ausführliches lateinisch-deutsches Handwörterbuch, Bd. 1, 9. Auflage, Basel 1951, Sp. 3005; Heinrich von Staden: Hairesis and Heresy: The case of the haireseis iatrikai. In: Ben F. Meyer (Hrsg.): Jewish and Christian Self-Definition, Bd. 3: Self-Definition in the Graeco-Roman World, London 1982, S. 76–100; Zusätzlich gab es eine latinisierte Form dieses Wortes: hairesis. Als Lehnwort aus dem Griechischen war das lateinische haeresis ein Synonym von secta. Etymologisch ist hairesis von hairéomai („sich nehmen“, „auswählen“, „vorziehen“) abgeleitet und bedeutete ursprünglich „Wahl“ sowie das, was man ausgewählt hat, wofür man sich entschieden hat (eine Partei, Meinung oder Überzeugung). Ab dem Zeitalter des Hellenismus bezeichnete man als hairesis eine philosophische Lehre sowie deren Anhängerschaft, beispielsweise die Stoiker, Peripatetiker oder Platoniker (Akademiker). Der Begriff wurde aber nicht nur in philosophischen oder weltanschaulichen Zusammenhängen verwendet. Im 2. Jahrhundert verfasste der berühmte Arzt Galen ein griechisches Werk über die drei wichtigsten damals bestehenden medizinischen Schulrichtungen, worin er für diese die Bezeichnung hairesis gebrauchte. Diese einflussreiche Schrift wird noch heute unter ihrem lateinischen Titel De sectis (wörtlich „Über die Sekten“) zitiert.Heinrich von Staden: Hairesis and Heresy: The case of the haireseis iatrikai. In: Ben F. Meyer (Hrsg.): Jewish and Christian Self-Definition, Bd. 3: Self-Definition in the Graeco-Roman World, London 1982, S. 76–100, hier: 76f.

Im Judentum wurde der griechische Begriff hairesis übernommen und nicht nur für griechische Philosophenschulen, sondern auch für jüdische theologische Richtungen wie die Sadduzäer, Pharisäer und Essener verwendet. Auch hier war keine negative Konnotation damit verbunden; es gab keine Autorität, die in der Lage gewesen wäre, ein bestimmtes Dogma oder Bekenntnis verbindlich als „rechtgläubig“ festzulegen und eine abwertende Bezeichnung für alle davon abweichenden Richtungen einzuführen. So schrieb der jüdische Historiker Flavius Josephus im 1. Jahrhundert, er habe sich in seiner Jugend für die hairesis der Pharisäer entschieden, die der philosophischen hairesis der Stoiker ähnlich sei.Zur jüdischen Begriffsverwendung siehe Heinrich von Staden: Hairesis and Heresy: The case of the haireseis iatrikai. In: Ben F. Meyer (Hrsg.): Jewish and Christian Self-Definition, Bd. 3: Self-Definition in the Graeco-Roman World, London 1982, S. 76–100, hier: 96f. Im Sinne dieses Sprachgebrauchs wurden die ersten Christen als hairesis der „Nazarener“ im Rahmen des Judentums bezeichnet.Apostelgeschichte 24,5. Siehe dazu Gerhard Kittel (Hrsg.): Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Bd. 4, Stuttgart 1966 (Nachdruck der Ausgabe von 1942), S. 879–884.

Im Gegensatz zur wertfreien jüdischen Begriffsverwendung erhielt bei den Christen hairesis von Anfang an eine negative Konnotation, die schon bei dem Apostel Paulus deutlich erkennbar ist. Zwar wurde der Ausdruck in der frühen christlichen Literatur gelegentlich noch im herkömmlichen Sinne als neutrale Bezeichnung verwendet, doch galt in den miteinander in Kommunion stehenden Gemeinden jede Parteiung unter Christen als unvereinbar mit dem Wesen der einen Kirche und ihrer verbindlichen Lehre und daher als skandalös. Hairesis bedeutete in der Alten Kirche Abweichung vom wahren Glauben und dadurch Trennung von der Gemeinde, „Häresie“. Ab Beginn des zweiten Jahrhunderts ist hairesis als theologischer Fachbegriff in diesem Sinn bezeugt; in der Folgezeit dominierte der Wortsinn „Irrlehre“, daneben wurde das Wort auch als Synonym von schisma („Spaltung“, „Abspaltung“) gebraucht. Den als Häretiker Ausgegrenzten wurden die Bezeichnungen „Christen“ und „Kirche“ nachdrücklich verweigert.Norbert Brox: Häresie. In: Reallexikon für Antike und Christentum, Bd. 13, Stuttgart 1986, Sp. 248–297, hier: 257–264, 275–277. Es entstand eine häresiologische und häresiographische (Irrlehren beschreibende) kirchliche Literatur. Den ersten Häretikerkatalog erstellte Justin der Märtyrer im 2. Jahrhundert.

Eine abwertende Begriffsverwendung kam auch in nichtchristlicher Literatur vor; so vertrat im späten 3. Jahrhundert der pagane Neuplatoniker Alexander von Lykonpolis die Ansicht, das Christentum habe einen Niedergang erlebt, denn es seien ehrgeizige und neuerungssüchtige, aber zu gedanklicher Klarheit unfähige Sektengründer aufgetaucht, von denen jeder eine neue hairesis eingeführt habe. Dies habe zu Verwirrung und vielfacher Aufspaltung geführt.Alexander von Lykonpolis, Gegen die Lehren Manis 1f. Siehe dazu Pieter W. van der Horst: 'A Simple Philosophy': Alexander of Lycopolis on Christianity. In: Keimpe A. Algra u. a. (Hrsg.): Polyhistor. Studies in the History and Historiography of Ancient Philosophy, Leiden 1996, S. 313–329, hier: 313–319.

Mittelalter und Frühe Neuzeit hochkant=1.9|mini|Aus dem illustrierten Sektenkatalog eines unbekannten Künstlers (um 1647)

Die lateinischen Begriffe haeresis und secta wurden im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit weiterhin so wie in den Schriften der antiken Kirchenväter zur abwertenden Bezeichnung von „Irrlehren“ und deren Anhängerschaft verwendet. So wurden die Protestanten als secta Lutherana bezeichnet.Siehe dazu beispielsweise Walter Gerd Rödel: Die „Secta Lutherana“ im Schatten der Sancta Sedes Moguntina. In: Zwischen Konflikt und Kooperation. Religiöse Gemeinschaften in Stadt und Erzstift Mainz in Spätmittelalter und Neuzeit, Mainz 2006, S. 167–180. In der Ostkirche wurde der Islam als Variante des spätantiken Arianismus betrachtet und daher ab dem 8. Jahrhundert offiziell unter die Sekten eingereiht. Hier: Sp. 1146.

Ins Mittelhochdeutsche entlehnt wurde das lateinische Wort in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Der älteste deutsche Beleg bezieht sich auf die damals als Häretiker verteufelten Arianer.Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 4, Berlin 1978, S. 104–106 (Lemma Sekte), hier: 104. Der deutsche Wortgebrauch im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit entsprach im religiösen Kontext dem lateinischen; secte oder sec(k)t wurde mit Vorstellungen wie „Rotte“, „Aufruhr“, „Spaltung“ und „Zwietracht“ assoziiert.Siehe die Belege bei Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 4, Berlin 1978, S. 104–106.Jacob Grimm, Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch, Bd. 10/1, Leipzig 1905, Sp. 406–408. Nach der Reformation pflegte man in Deutschland religiöse Gruppen ohne reichsrechtliche Anerkennung Sekten zu nennen.

Neben dem in der Regel abwertenden Wortgebrauch in religiösen Zusammenhängen gab es ab dem 16. Jahrhundert im Lateinischen und im Deutschen auch eine wertneutrale, aus antiken Texten übernommene Begriffsverwendung zur Bezeichnung philosophischer und medizinischer Schulrichtungen.Wolfgang Pfeifer: Art. „Sekte“. In: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Bd. M–Z. Berlin, 2. Auflage, 1993, S. 1275.Art. „Sekte“. In: Hans Schulz, Otto Basler (Hrsg.): Deutsches Fremdwörterbuch, Bd. 4. Berlin 1978, S. 104–106, hier S. 105.

Moderne Während im Deutschen „Sekte“ auch in der Moderne sehr häufig in einem negativen, oft stark abwertenden Sinn verwendet wurde und wird, hat das englische Wort sect einen eher wertneutralen Sinn. So wird in englischsprachiger buddhistischer Literatur sect als wertneutraler Ausdruck zur Bezeichnung von angesehenen Schulrichtungen verwendet.Beispielsweise in der von Gunapala P. Malalasekera herausgegebenen Encyclopaedia of Buddhism, Bd. 1, Colombo 1965, S. 436f. Dem deutschen pejorativen Ausdruck „Sekte“ entspricht der englische Begriff cult als polemische Fremdbezeichnung.Ulrich Dehn: Sekten I. In: Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, Bd. 7, Tübingen 2004, Sp. 1144f., hier: 1145.

Nach 1900 wurde der Begriff „Sekte“ noch sehr breit verwendet, nämlich generell für – im betreffenden Land – kleine Religionsgemeinschaften. Etwa im katholisch dominierten Österreich wurden Adventisten, Baptisten, Anglikaner, Quäker oder Anhänger von Swedenborg so bezeichnet.Die Berichte in den Tageszeitungen Neues Wiener Journal sowie Wiener Tageszeitung werden dargestellt von Franz Graf-Stuhlhofer: „Sekten in Wien“ von 1906 bis 1937. Zwei Serien in Wiener Tageszeitungen boten einen Überblick über die damalige Szene religiöser Kleingruppen, in: Freikirchenforschung 31 (2022) S. 121–147

Allgemeine Verwendung des Begriffs mini|Titelblatt der Timmschen Sekte aus dem Jahr 1905. Hinrich Timm geriet in fanatischen Hass gegen die Landeskirche und forderte radikalen Umbruch. Er saß jahrelang wegen Hetzerei gegen die Landeskirche im Irrenhaus.

Im landläufigen Sprachgebrauch werden als Sekten oft religiöse Gruppen bezeichnet, die in irgendeiner Weise als gefährlich oder problematisch angesehen werden oder die in orthodoxer theologischer Hinsicht als „Irrlehre“ angesehen werden. Dies betrifft sowohl seit Langem bestehende christliche Gemeinschaften, die sich in Lehre oder Praxis vom Herkömmlichen unterscheiden, als auch neue Gruppen. Zu Letzteren zählen insbesondere solche, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden sind und damals als „Jugendreligionen“ bezeichnet wurden, weil sie anfänglich viele junge Mitglieder hatten. „Sekte“ wird heute oftmals als Kampfbegriff gebraucht.Martin Kriele: Sekte als ‚Kampfbegriff‘. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. April 1994 So wird sogenannten Sekten häufig vorgeworfen, sie würden sich vor allem aus wirtschaftlichen Gründen als religiöse Glaubensgemeinschaften ausgeben, um den besonderen Schutz des Staates, größere Freiheiten und Rechte sowie die Befreiung von Steuern zu genießen. Bekanntestes Beispiel dafür ist Scientology.