mini|Hafenszene von Abraham Storck Freihandel () bezeichnet eine Handelspolitik, bei der keine Beschränkungen von Import und Export stattfinden. Dies beinhaltet in der Regel die Abwesenheit von Zöllen und nichttarifären Handelshemmnissen und das Ausbleiben von Subventionen für die heimische Exportindustrie. Die gegenteilige Handelspolitik ist der Protektionismus. Hier versucht die Regierung durch aktive Handelspolitik inländische Produzenten zu schützen und ausländische Produzenten zu benachteiligen. Die theoretischen Begründungen für Freihandel lassen sich bis in die Epoche der klassischen Nationalökonomie zurückverfolgen, besonders die Theorie der Arbeitsteilung und des komparativen Kostenvorteils.
Historisch hat der freie Handel von 1815 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs erheblich zugenommen. Die Handelsoffenheit nahm in den 1920er Jahren erneut zu, brach jedoch während der Weltwirtschaftskrise insbesondere in Europa und Nordamerika zusammen. Ab den 1950er Jahren nahm die Handelsoffenheit wieder erheblich zu. Ökonomen und Wirtschaftshistoriker sind sich einig, dass der internationale Handel heute freier ist als je zuvor.
Die meisten Ökonomen befürworten Freihandel. Es besteht ein breiter wissenschaftlicher Konsens, dass die Beseitigung von Handelshemmnissen und Zöllen das Wirtschaftswachstum und die ökonomische Wohlfahrt erhöht. Kurzfristig müssen aber Lösungen für Arbeitnehmer in importkonkurrierenden Branchen implementiert werden, damit sich diese bei Arbeitsplatzverlusten anpassen können. In der Realität praktizieren die meisten Länder eine Form von Protektionismus, etwa durch Zölle und nichttarifäre Handelshemmnisse.
Definition Freihandel bezeichnet eine Handelspolitik, bei der keine Beschränkungen von Import und Export stattfinden. Es gibt also keine Zölle für Importe oder Subventionen für Exporte. Freihandelspolitik hat in der Regel folgende Merkmale:
Warenhandel ohne Zölle oder andere Handelshemmnisse Handel mit Dienstleistungen ohne Handelshemmnisse Abwesenheit „handelsverzerrender“ Maßnahmen Unregulierter Marktzugang Unregulierter Zugang zu Marktinformationen Freihandelsabkommen, die Handel befördern
Geschichte Nicht der Freihandel, sondern Handelskriege oder Handelskonflikte charakterisierten die Geschichte bis ins 19. Jahrhundert. So brach am 24. Juni 1258 vor Akkon ein echter Handelskrieg um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer aus, den die Wirtschaftsmetropolen Pisa, Genua, Venedig und Marseille in der Adria anzettelten, wobei allein Genua die Hälfte seiner 48 Kriegsschiffe und 1700 Mann verlor.Detlef Wienecke-Janz (Hrsg.): Die große Chronik-Weltgeschichte: Blüte und Herbst des Mittelalters 1204–1492. 2008, S. 98; books.google.de. Eine Vereinbarung über getrennte Handelsplätze beendete erst im Januar 1261 diesen Handelskrieg. Im August 1267 blockierten die Genuesen Akkon erneut, wurden aber von den Venezianern unter ihrem Dogen Lorenzo Tiepolo in die Flucht geschlagen. Im Jahre 1372 brach ein weiterer Handelskrieg zwischen Venedig und Genua aus, ein Rachefeldzug, der bis 1373 andauerte. Die Hanse war seit dem 12. Jahrhundert bis in die Neuzeit ein bedeutender Wirtschaftsbund Europas, in dem viele Grundlagen für die ersten Freihandelsabkommen gelegt wurden. Im Jahre 1353 handelten England und Portugal wechselseitige Handelsfreiheit für die Kaufleute aus, Neubestätigungen erfolgten am 16. Juni 1373 und am 5. Juli 1380.
Der von Lord Paul Methuen (1672–1757) im Jahre 1703 zwischen England und Portugal geschlossene Handelsvertrag wird als Beginn liberaler HandelspolitikAugust Lammers: Die geschichtliche Entwicklung des Freihandels. 1869, S. 462; books.google.de während der Epoche des Merkantilismus betrachtet. Ziel des Merkantilismus war die Reduzierung der Importe von Fertiggütern durch eine entsprechende Zollpolitik, um die eigenen Manufakturen zu schützen und den Abfluss von Gold ins Ausland zu verhindern. Nach dieser Lehre war der internationale Handel ein Nullsummenspiel: Nur einer von zwei Handelspartnern könne einen Vorteil aus dem Austausch ziehen. Das Augenmerk lag hier noch auf den beteiligten Staaten und ihren jeweiligen Staatseinnahmen.
Einzelne Wissenschaftler setzten sich für den Freihandel ein. Die Physiokraten Pierre Samuel du Pont de Nemours, François Quesnay („Freiheit des Handels“) und Anne Robert Jacques Turgot stellten ihre Forderung nach Freihandel auf.August Lammers: Die geschichtliche Entwicklung des Freihandels. 1869, S. 462. Du Pont de Nemours verfasste 1764 eine Schrift über „Ausfuhr und Einfuhr von Korn und Mehl“, in der er für den Freihandel eintrat.Pierre Samuel du Pont de Nemours: Exportation et importation des grains. 1764, S. 84. Quesnay empfahl 1767: „Man halte die vollständige Freiheit des Handels aufrecht; denn die sicherste, strengste und für die Nation und den Staat günstigste Politik … besteht in der vollkommenen Freiheit der Konkurrenz“.François Quesnay: Maximes générales du gouvernement économique d’un royaume agricole. 1767/1992, S. 263. Bei Quesnay gehörte die Abschaffung der Ausfuhrverbote und der Ausfuhrzölle zu den Grundpfeilern seiner Doktrin.Sigmund von Frauendorfer, Heinz Haushofer: Ideengeschichte der Agrarwirtschaft und Agrarpolitik im deutschen Sprachgebiet. 1963, S. 161. Turgot führte 1774 das alte Freiheitsgesetz des Getreidehandels wieder ein. Nur ein freier Getreidehandel, so glaubte Turgot, könne eine gleichmäßige Versorgung der Bevölkerung garantieren.Folkert Hensmann: Staat und Absolutismus im Denken der Physiokraten. 1976, S. 231.
Adam Smith erhob den Freihandel zum Grundpfeiler seiner Wirtschaftslehre.August Lammers: Die geschichtliche Entwicklung des Freihandels. 1869, S. 463. In seiner Theorie der ethischen Gefühle plädierte er 1759 für den Freihandel, überhaupt trat er für die wirtschaftliche Freiheit ein.Adam Smith: Theory of Moral Sentiments. 1759, S. 14 ff. Er sah den Freihandel als Möglichkeit, absolute Kostenvorteile zwischen den Ländern zu nutzen, da das vorhandene begrenzte Arbeitsvolumen produktiver eingesetzt werden kann, als wenn jedes Land nur für seinen Eigenbedarf produziere. Smiths Theorie der absoluten Kostenvorteile hatte allerdings zur Konsequenz, dass ein Land, das bei der Produktion keines Guts einen absoluten Kostenvorteil gegenüber den anderen Ländern aufweist, nicht gewinnbringend am Welthandel teilnehmen kann. Smith billigte zwar den Freihandel, betrachtete ihn jedoch als Utopie. Er behielt recht, denn im Juli 1759 begann das preußische Hilfskriegsschiff „Prinz Ferdinand“ im Mittelmeer den Handelskrieg durch Kaperei und brachte bis zu seiner Heimkehr im März 1760 insgesamt 14 Schiffe auf,Albert Röhr: Handbuch der deutschen Marinegeschichte. 1963, S. 29. nachdem Friedrich II. per Befehl diese Kaperei verboten hatte. Rückschläge kamen im Freihandel weiterhin vor. So verbot England 1774 den Export von Maschinen.Paul Bairoch: European trade policy, 1815–1914. In: Peter Mathias, Sidney Pollard (Hrsg.): The Cambridge Economic History of Europe, Vol. VIII: The Industrial Economies. The Development of Economic and Social Policies, S. 12. Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet veröffentlichte in seinem Todesjahr 1794 den „Entwurf einer historischen Darstellung der Fortschritte des menschlichen Geistes“.Marquis de Condorcet: Esquisses d’un tableau historique des progres de l’esprit humain. 1794, S. 333 ff. Er hielt Verbotsgesetze im Handel () für die größte Eigentumsverletzung noch vor der Besteuerung.Jean-Antoine-Nicolas de Caritat marquis de Condorcet: Oeuvres complètes de Condorcet. Band 19, 1804, S. 263; books.google.de.
Ein Wohlfahrtsgewinn wird durch gesteigerten Freihandel nach der Außenhandelstheorie des Ökonomen David Ricardo aus 1817 erreicht, weil dadurch komparative Kostenvorteile und somit ein volkswirtschaftlicher Wohlstandsgewinn erzielt werden. „Unter einem System von vollständig freiem Handel widmet natürlicherweise jedes Land sein Kapital und seine Arbeit solchen Verwendungen, die jedem am segensreichsten sind“.David Ricardo: The Principles of Political Economy and Taxation. 1817/1921, S. 125 f. Kern seiner Freihandelslehre ist der Grundsatz, das jedes Land das produzieren soll, was es am besten kann, und tauscht es gegen Güter, die andere Länder besser herstellen können. Er und die meisten folgenden Außenhandelstheoretiker konzertierten sich vor allem auf die Außenhandelsgewinne (), da alle am Freihandel beteiligten Staaten hiervon profitieren.Peter Zweifel, Robert H. Heller: Internationaler Handel: Theorie und Empirie. 1992, S. 61; books.google.de. Diese Theorie bildet heute noch die Grundlage für die Annahme einer positiven Wirkung des Freihandels zwischen industrialisierten und weniger industrialisierten Ländern und darüber hinaus für alle Freihandelsabkommen.
Im 19. Jahrhundert entwickelt sich die Freihandelsbewegung zuerst in England mit der Anti-Corn Law League, der Bewegung der Industriellen gegen die Getreidezölle. Die große Hungersnot in Irland ab 1845 diente als Argument die Einfuhrzölle auf Getreide 1846 aufzuheben und die Arbeiter kostengünstiger zu ernähren. Die Aufhebung der Navigation Acts beseitigte 1849 Importbeschränkungen und vereinfachte die Einfuhr ausländischer Waren. In Europa begann die Freihandelsperiode mit dem 1860 zwischen England und Frankreich geschlossenen Cobden-Chevalier-Vertrag. Dieser sah in seinem Artikel V die Meistbegünstigung zwischen den Vertragsparteien vor. Aufgrund der wirtschaftlichen Bedeutung der Vertragsparteien suchten immer mehr Staaten präferentiellen Zugang insbesondere am französischen Markt. Das Resultat war ein Netzwerk an Freihandelsverträgen, die alle auf dem Prinzip der Meistbegünstigung aufbauten. Bis auf Russland und den USA beteiligten sich alle zu der Zeit wirtschaftlich relevanten Staaten an diesem Netzwerk.
Marktöffnung und ein Freihandel mit sehr ungleichen Austauschbeziehungen wurden von den europäischen Mächten, vor allem von England, sowie von den USA jedoch auch gewaltsam durchgesetzt und militärisch abgesichert. In zwei Opiumkriegen (Erster Opiumkrieg, zweiter Opiumkrieg) zwischen 1839 und 1860 zwang England China zur Öffnung seiner Märkte für indisches Opium, was zu den Kriegsopfern noch Millionen von Opiumtoten zur Folge hatte. China, das bis etwa 1820 einen Handelsbilanzüberschuss gegenüber Europa erzielt hatte, wurde innerhalb kurzer Zeit zur europäischen Halbkolonie. 1853 öffneten die USA die japanischen Häfen gewaltsam für den Handel und schlossen asymmetrische Verträge (sog. Ungleiche Verträge) mit Japan ab. Nach dem Börsencrash vom Mai 1873 (Gründerkrach) ging die deutsch Reichsregierung 1876 von ihrer den Freihandel begünstigenden Linie ab. Das Freihandelsnetzwerk kam zusätzlich ab 1878 durch billige Getreideimporte aus Russland und den USA unter Druck, was zu vereinzelten Handelskriegen führte, jedoch erst mit dem Ausbrechen des Ersten Weltkriegs (und damit nicht primär aus wirtschaftlichen Gründen) zu Fall. mini|Plakat der Liberal Party, welches ihre Ansichten zu den Unterschieden zwischen Freihandel (links) und Protektionismus (rechts) darstellt