Die Phonologie der Koine (auch Koinē, zwischen 300 vor und 600 nach Christus) entwickelte sich, wie Sprachwissenschaftler festgestellt haben, in einem Zeitraum, in dem tiefgreifende Veränderungen stattgefunden haben: Während die Aussprache zu Beginn der Koine der des Altgriechischen noch nahezu glich, unterschied sie sich zu deren Ende nur noch in wenigen Punkten von der des modernen Griechischen.
Für die hiesigen rekonstruierten Ausspracheangaben in Tabellenform gilt:
Hinter der Ausspracheangabe in IPA ist die damalige Schreibweise aufgeführt. Die Begriffe „gerundet“ und „ungerundet“ bei Vokalen beziehen sich auf das Vorhandensein von Rundung. Die Abkürzungen „stl.“ und „sth.“ bei Konsonanten bedeuten „stimmlos“ bzw. „stimmhaft“. Durch Klick auf ein griechisches Zeichen gelangen Sie zu dem Artikel zu ebendiesem Zeichen, durch Klick auf eine Lautangabe zu dem Artikel über diesen Laut.
Überblick
Nahezu alle wichtigen Lautverschiebungen während der Koine betrafen Vokale: So wurde Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen aufgegeben, der tonale Akzent und die altgriechischen Diphthonge wurden zu Monophthongen (ausgenommen die Diphthonge αυ, ευ und ηυ, die sich zu Vokal-Konsonant-Kombinationen entwickelten). Aller Wahrscheinlichkeit nach begannen diese Verschiebungen im 2. Jahrhundert vor Christus im ägyptischen und endeten im zweiten Jahrhundert nach Christus im attischen Griechisch.
Eine andere Serie von Veränderungen betrafen die Verschiebung von stimmhaften und stimmlos-aspirierten Plosiven und den u-Lauten der Diphthonge αυ, ευ und ηυ zu Frikativen, was höchstwahrscheinlich auch im ägyptischen Griechisch des 1. Jahrhunderts vor Christus seinen Anfang und während des Überganges der Koine zum Byzantinischen in Form der generellen Verselbständigung sein Ende nahm.
Probleme der Rekonstruktionen
Wenn man die Aussprache der Koine rekonstruieren will, hat man ein relativ großes Spektrum an Hinweisen. Dennoch ist die damalige Größe des griechischen Sprachraumes ein Problem: Hinweise geben immer an, dass sich Veränderungen zu verschiedenen Zeitpunkten an verschiedenen Orten ereigneten (z. B. Unterschiede zwischen Soziolekten). Daher muss man miteinberechnen, dass manche der Lautveränderungen, die angeblich so typisch für die Koine waren, sich teilweise bereits vorher in anderen Dialekten ereignet hatten, sich aber nicht vor etwa 300 n. Chr. durchsetzten: Wenn man sich vor Augen führt, dass sich spätere Aussprachen von früheren dialektalen ableiten lassen (was allerdings immer noch in Diskussion behandelt wird) und nicht unabhängig davon parallel verliefen, würde es teilweise bis zu tausend Jahre dauern, bis sie sich generell durchsetzten; und selbst, wenn man das Gegenteil annimmt, ergeben sich Lücken von bis zu zwei Jahrhunderten. Das Problem ist, dass nicht jeder griechische Dialekt rekonstruiert werden konnte und auch nicht werden kann, da es zu wenige Hinweise und Belege hierfür gibt. Daher ist eine Aussprache, die man zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort hat rekonstruieren können, nicht zwingend die allgemeingültige.
Viele Belege sind schlichte Schreibfehler; dennoch kann die Orthographie konservativ geblieben sein, und erste Schreibfehler sind eventuell erst lange nach dem eigentlichen Zusammenfall von Lauten aufgetreten.
Wenn man Schreibfehler unterschiedlicher Quellen, z. B. ägyptischer Papyri und attischer Inschriften, analysiert, kommt man oft zu unterschiedlichen Datierungen ähnlicher Lautveränderungen. Es gibt allerdings viele Erklärungen für den auftretenden Konservativismus der formellen attischen Inschriften, verglichen mit den ägyptischen Papyri. Eine erste wären dialektale Abweichungen mit Einflüssen fremder Sprachen; in diesem Falle hätten sich die Änderungen im ägyptischen Griechisch eher ereignet als die im attischen. Eine andere ist die, dass die gehobene attische Sprache eher konservativer war als das ägyptische Griechisch; die formelle Sprache würde dann eher sprachliche Eigenheiten bewahrt haben als die Vulgärsprache. Die dritte wäre, dass die attische Orthographie eher konservativer geblieben sei als die des ägyptischen Griechisch; in diesem Falle hätten sich die Lautveränderungen nicht zu unterschiedlichen Zeitpunkten ereignet, jedoch hätte man im attischen eher auf Bewahrung der älteren Orthographie geachtet denn im ägyptischen Griechisch. All diese Theorien sind zu einem gewissen Grade plausibel,Die zweite scheint in den meisten Fällen die richtige zu sein, die anderen beiden können jedoch auch in anderen Fällen aufgetreten sein. würden jedoch zu unterschiedlichen Datierungen der Veränderungen führen.
Beschreibungen von Grammatikern und, in einem geringeren Grade, Transkriptionen in andere Sprachen sind weitere Belege, denn sie belegen zumindest, welche Aussprache Standard der Gelehrten war; dennoch ist es auch möglich, dass es sich mehr um konventionelle Transliterationen denn um phonetische Transkriptionen handelte.
Aussprache der Redner zwischen dem 1. und 4. Jahrhundert nach Christus
Bis zur Spätantike (ab etwa 300 n. Chr.) scheinen gelehrte griechische Lektoren eine bewusst konservative, an den (tendenziell weniger entwicklungsfreudigen) attischen Dialekt angelehnte Aussprache verwandt zu haben (vgl.: Attizismus). Im Attischen selbst ist diese „echte“ altgriechische Aussprache bis zum frühen 2. Jahrhundert nach Christus belegt, danach verfiel sie jedoch relativ schnell.
Die nachstehende Ausspracheangabe ist durchgängig attizistisch, ausgenommen der Diphthong [], der im Attischen bereits monophthongiert worden war, und [], der im klassischen Attischen überhaupt nicht existiert hatte, jedoch von manchen Lektoren der frühen Koine gepflegt wurde.
Vokale
+ Kurze Vokale Vorne Hinten Ungerundet Gerundet Gerundet Geschlossen [] [] Mittel [] ε [] ο Offen []
+ Lange Vokale Vorne Hinten Ungerundet Gerundet Gerundet Geschlossen [] , ει [] [] ου Mittel [] η, ει [] ω Offen []
Der Pseudo-Diphthong ει hatte vor Vokalen denselben Lautwert wie das Eta, in allen anderen Fällen wie das lange Iota.
+ Diphthonge Vorderer Auslaut Hinterer Auslaut Kurzer erster Vokal αι, οι, υι αυ, ευ Langer erster Vokal αυ, ευ, ωυ
Diphthonge, bei denen der erste Vokal kurz ist, wurden meist in Klammern geschrieben, da sie bereits seit Beginn der Koine nach und nach diphthongiert wurden. Sprecher aus den höheren Klassen der frühen Koine versuchten wahrscheinlich, diese Diphthonge zu bewahren, doch im 1. Jahrhundert vor Christus war dieser Prozess der Monophthongierung abgeschlossen.
Konsonanten + Plosive Bilabial Alveolar Velar Stimmhaft [] β [] δ [] γ aspiriert stimmlos [] φ [] θ [] χ Stimmlos [] π [] τ [] κ
Den Angaben antiker Grammatiker und Transkriptionen zufolge blieben die Plosive bis etwa 300 n. Chr. solche.
+ Andere Konsonanten Bilabial Alveolar Velar Glottal sth. stl. sth. sth. stl. Nasale [] μ [] ν ([]) (γ) Vibranten [] ρ, [rʰ] ῥ Frikative [] σ [] ζ, σ [] laterale Approximanten [] λ
Die Tatsache, dass [ŋ] eingeklammert ist, rührt daher, dass nur manche Gelehrte es als eigenständiges Phonem betrachten, andere hingegen nur als Allophon von [n].
Am Wortanfang trug das ρ den Spiritus asper, ῥ; der Lautwert dieser Kombination ist unklar: Wahrscheinlich war es ein Allophon von /r/, doch man weiß auch nicht, welches Allophon dies war. Als am wahrscheinlichsten gelten der stimmlose alveolare Vibrant [] oder ein aspirierter Laut [].
Das Zeta dient zur Wiedergabe der Gemination [zː].
Böotisch, 4. Jahrhundert vor Christus
Obschon es zeitlich eher zur späten Klassik denn zur Koine gehört, wird hier das Böotische genannt, da es relativ progressiv war und gut einer ersten Zwischenstufe zwischen der Klassik und dem heutigen Griechischen entspricht.
Im 4. Jahrhundert vor Christus waren im Böotischen bereits fast alle Diphthonge monophthongiert und mit dem Gamma hatte auch schon die Plosiv-zu-Frikativ-Verschiebung begonnen.
Es ist auch wichtig zu erwähnen, dass im Gegensatz zum Ionisch-Attischen und der Koine das Ypsilon ein Hinterzungenvokal geblieben war, also eher „Upsilon“ ausgesprochen wurde (bereits vor der Klassik war [u(ː)] zu [y(ː)] geworden).
Es gibt keine Hinweise darauf, ob im Böotischen die Vokallängen noch unterschieden wurden oder nicht; zwar ist es nicht unwahrscheinlich, dass die Aufgabe der Unterscheidung zwischen langen und kurzen Vokalen zeitlich mit der der Monophthongierung der Diphthonge auf gleicher Stufe stand, aber es kann genau so gut nicht der Fall sein.
Erste Theorie: Vokallänge wurde schon nicht mehr unterschieden
+ Kurze Vokale Vorne Hinten Ungerundet Gerundet Gerundet Geschlossen [] ι, ει [] (?) οι, υι [] υ, ου Fast geschlossen [] η Halbgeschlossen [] ε [] ο Halboffen [] αι [] ω Offen []
Ob die in dieser Tabelle als y-Laute angegebenen Laute wirklich solche waren, ist fraglich.
Zweite Theorie: Vokallängen wurden noch unterschieden
+ Kurze Vokale ungerundet Vorne gerundet Hinten Geschlossen [] [] Mittel [] ε [] ο Offen []
+ Lange Vokale Vorne Hinten Ungerundet Gerundet Gerundet Geschlossen [] ι, ει [] (?) οι, υι [] υ, ου Halboffen [] η Halbgeschlossen [] αι [] ω Offen []
Konsonanten
+ Plosive Bilabial Alveolar Velar Stimmhaft [] (?) β [] (?) δ [] γ aspiriert stimmlos [] (?) φ [] (?) θ [] (?) χ Stimmlos [] π [] τ [] κ
Frikativische Aussprache von Beta, Delta, Phi, Theta und Chi sind für das Böotische nicht belegt, wären jedoch nicht untypisch, so ist die frikativische Aussprache des Theta im Lakonischen bereits im 5. Jahrhundert vor Christus belegt.
+ Andere Konsonanten Bilabial Alveolar Velar Glottal (?) sth. stl. sth. sth. stl. Nasale [] μ [] ν ([]) (γ) Vibranten [] ρ, ? ῥ Frikative [] σ [] ζ, σ [] (?) laterale Approximanten [] λ
Ob der Spiritus asper noch ausgesprochen wurde, ist fraglich, für die anderen Konsonanten gelten die gleichen Anmerkungen wie auch für die attizistische Aussprache.
Ägyptisches Griechisch, um die Zeitwende
Vom 2. Jahrhundert vor Christus an waren im ägyptischen Griechisch die Diphthonge monophthongiert worden und die Unterscheidung der Vokallängen war aufgegeben worden.
Vokale
Vorne Hinten Ungerundet Gerundet Gerundet Geschlossen [] ι, ει [] υ, οι, υι [] ου Halboffen [] η [] ο, ω Halboffen [] ε, αι Offen []
Es ist umstritten, ob es zu diesem Zeitpunkt noch schließende Diphthonge im ägyptischen Griechisch gab, möglicherweise waren mit [aw], [ɛw] und [iw] gerade Zwischenstufen erreicht.
Konsonanten
+ Plosive Bilabial Alveolar Velar Stimmhaft [] β [] δ [] γ aspiriert stimmlos [] φ [] θ [] χ Stimmlos [] π [] τ [] κ
Es gibt leichte Hinweise darauf, dass Beta und Gamma bereits Frikative sein könnten, konkret sind sie jedoch nicht. Wahrscheinlich hat sich die frikativische Aussprache der aspirierten Laute erst später durchgesetzt.
+ Andere Konsonanten Bilabial Alveolar Velar Glottal (?) sth. stl. sth. sth. stl. Nasale [] μ [] ν ([]) (γ) Vibranten [] ρ, ? ῥ Frikative [] σ [] ζ, σ [] (?) laterale Approximanten [] λ
Ob der Spiritus asper noch ausgesprochen wurde, ist fraglich, für die anderen Konsonanten gelten die gleichen Anmerkungen wie auch für die attizistische Aussprache.
4. Jahrhundert nach Christus
Im 4. Jahrhundert hatte sich die Nichtunterscheidung der Diphthonge bereits gemeinhin durchgesetzt. Das Eta wurde bereits oft mit Iota, teilweise aber dennoch mit Epsilon verwechselt. Auch hatte sich die frikativische Aussprache der ehemaligen Plosive bereits durchgesetzt, nur in einigen Dialekten scheint die Plosivaussprache sich noch bis zum Jahrtausendwechsel gehalten zu haben.
Vokale
Vorne Hinten Ungerundet Gerundet Gerundet Geschlossen [] ι, ει, η [] υ, οι, υι [] ου Halboffen [] ε, teilweise η [] ο, ω Halboffen [] αι Offen []
Die Verwechslung der y- und i-Laute hatte bereits seit dem 2. Jahrhundert begonnen, jedoch sich wahrscheinlich noch nicht gemeinhin durchgesetzt.