mini|Heutige Standorte beider Tempel mini|Die beiden Tempel vor der Verlegung (ca. 1905–1907)
Die Tempel von Abu Simbel sind zwei Felsentempel am Westufer des Nassersees. Sie befinden sich im ägyptischen Teil Nubiens am südöstlichen Rand des Ortes Abu Simbel und wurden im 13. Jahrhundert v. Chr. unter König (Pharao) Ramses II. aus der 19. Dynastie des altägyptischen Neuen Reiches errichtet.
Die Felsentempel von Abu Simbel, der große Tempel zum Ruhm Ramses’ II. und der kleine Hathor-Tempel zur Erinnerung an Nefertari, dessen Große königliche Gemahlin, stehen seit 1979 auf der Weltkulturerbeliste der UNESCO. Beide Tempel befinden sich nicht mehr an ihrem ursprünglichen Standort. Um sie vor dem ansteigenden Wasser des Nassersees, des durch den Assuan-Staudamm aufgestauten Stausees des Nil, zu retten, wurden sie in den Jahren 1963 bis 1968 abgetragen und 64 Meter höher auf der Hochebene von Abu Simbel wieder aufgebaut. Dort erheben sie sich heute auf einer Insel im Nassersee, die an der Nordwestseite durch einen befahrbaren Damm mit dem Ort Abu Simbel verbunden ist.
Der Name Abu Simbel ist eine europäische Umstellung des arabischen Abu Sunbul, einer Ableitung vom antiken Ortsnamen Ipsambul. In der Zeit der Könige des Neuen Reiches hatte die Region, in der die Tempel errichtet wurden, vermutlich den Namen Meha. Eine sichere Zuweisung konnte bislang jedoch nicht vorgenommen werden.
Lage mini|Luftbild der Tempelanlagen (2013)
Abu Simbel liegt im Süden Ägyptens im Gouvernement Aswan (Assuan), unweit der Grenze zum Sudan. Die sudanesische Grenze im Südwesten am sogenannten Wadi Halfa Salient ist nur etwa 20 Kilometer entfernt. Mit der 240 Kilometer nordöstlich gelegenen Gouvernement-Hauptstadt Assuan ist Abu Simbel durch eine Straße verbunden, die westlich des Nassersees durch die Libysche Wüste führt. Sie wird hauptsächlich von Touristenbussen genutzt, die Besucher zu den beiden Tempeln von Abu Simbel bringen. Der Nassersee ist schiffbar, so dass der Tempelbereich auch von der Seeseite aus angelaufen wird. Einige Kreuzfahrtschiffe befahren nur den See oberhalb des Assuan-Staudamms. Durch den Flughafen Abu Simbel ist der Ort auch auf dem Luftweg erreichbar.
In der Vergangenheit lag Abu Simbel am Westufer des Nils zwischen dem ersten und zweiten Katarakt. Katarakte sind durch Blöcke oder Felsriegel gegliederte Stromschnellen, sie waren für die Nilschifffahrt vor allem bei Niedrigwasser nur schwer passierbar. Heute sind die beiden genannten Katarakte bei Assuan und dem 65 Kilometer südöstlichen Wadi Halfa im Sudan im Nassersee versunken, der auf ägyptischer Seite nach Gamal Abdel Nasser, dem ehemaligen ägyptischen Präsidenten von 1954 bis 1970, benannt ist. Zur Zeit Ramses’ II. befand sich nahe dem zweiten Katarakt die südliche Grenze des Pharaonenreiches. Der dortige Bau der Tempelanlagen von Abu Simbel sollte die Macht und ewige Überlegenheit Ägyptens gegenüber dem tributpflichtigen Nubien demonstrieren.
Forschungsgeschichte und Tempelverlegung mini|hochkant|Aufnahme des Kopfes der nördlichen der Ramsesstatuen von 1850 mit einem Menschen als Größenvergleich (Fotografie von Maxime Du Camp) mini|Lageskizze von Lepsius, links die beiden Tempel (der kleine ganz links)
Entdeckung der Tempel Im Jahr 1813 erforschte der Schweizer Reisende Johann Ludwig Burckhardt (1784–1817), alias Scheich Ibrahim Ibn Abdallah, die Gegend südlich von Kasr Ibrîm in Nubien.Dieter Arnold: Die Tempel Ägyptens. Augsburg 1996, S. 78. Auf dem Rückweg erfuhr er durch Einheimische von einem besonders schönen Tempel am Nilufer bei Ebsambal, wie der Ort in Burckhardts Aufzeichnungen später genannt wird.Valeria Manferto de Fabianis, Fabio Bourbon (Hrsg.): Archäologica – Die Enzyklopädie der untergegangenen Kulturen. Aus dem Englischen von Sabine Bartsch, White Star Publishers, Vercelli 2004, ISBN 3-8289-0568-4, S. 200. Daraufhin erreichte er am 22. März 1813 den Hathor-Tempel der Nefertari von Abu Simbel.Wolfram Giese: Die Felsentempel von Abu Simbel. Schätzer der Welt / Erbe der Menschheit, Daten & Fakten. Ein Film von Wolfram Giese – Auf: swr.de; zuletzt abgerufen am 2. März 2021. Bei der Erkundung der Umgebung fand Burckhardt auch den durch eine Sanddüne weitestgehend verdeckten Großen Tempel Ramses’ II. Das Innere des Tempels war durch die angehäuften Sandmassen für ihn nicht zugänglich.
Über die Ankunft am Großen Tempel vermerkte Burckhardt in seinem Tagebuch: „Mein Blick fiel auf den noch sichtbaren Teil von vier Kolossalstatuen … Sie befanden sich in einer tiefen, in den Hügel eingegrabenen Mulde; schade, dass sie fast vollständig vom Sand begraben wurden, den der Wind an dieser Stelle wie das Wasser eines Wildbaches vom Berg herabstürzen lässt. Von einer Statue ragt noch der Kopf und ein Teil der Brust und der Arme aus dem Sand. Die benachbarte ist fast nicht mehr zu sehen, da der Kopf fehlt und der Körper bis über die Schulter vom Sand bedeckt ist. Von den beiden anderen ragt nur der Kopfputz heraus.“Winfried Maaß, Nicolaus Neumann, Hans Oberländer, Jörn Voss, Anne Benthues: 100 Weltwunder – Die größten Schätze der Menschheit in 5 Kontinenten. Naumann & Göbel, Köln 2000, ISBN 3-625-10556-X, S. 194.
Nach seiner Rückkehr nach Kairo beschrieb Burckhardt die von ihm entdeckten Tempel dem italienischen Abenteurer Giovanni Battista Belzoni (1778–1823), auch machte er diesen mit dem britischen Generalkonsul Henry Salt bekannt. Im Auftrag von Salt reiste Belzoni 1817 nach Nubien und besuchte Abu Simbel. Dabei befreite er am 1. August 1817 den oberen Teil des Eingangs zum Großen Tempel vom Sand und drang ins Innere vor.Giovanna Magi: Assuan. Philae, Abu Simbel. Florenz 1992, S. 71. Belzoni schrieb über den Tempel: „Unser erster Eindruck war, dass es sich offensichtlich um ein ziemlich großes Bauwerk handelte; unser Erstaunen wuchs, als wir entdeckten, dass es ein außerordentlich reiches Heiligtum war, ausgeschmückt mit Flachreliefs, Gemälden und Kolossalstatuen von großer Schönheit.“
Die wissenschaftliche Untersuchung der Tempel begann 1828 durch eine französisch-toskanische Expedition unter Jean-François Champollion und Ippolito Rosellini, die eine Dokumentation des Tempelzustands erstellten. Weitere Expeditionen nach Abu Simbel wurden 1830 durch Robert Hay und 1844 durch Karl Richard Lepsius geleitet. Robert Hay schützte als erster den großen Tempel durch technische Maßnahmen vor der ständigen Zuschüttung durch Sand.Abu Simbel – ein Tempel in Nubien. Auf: sachmet.ch; zuletzt abgerufen am 2. März 2021. Infolge des Bekanntwerdens der Tempel von Abu Simbel in Europa besuchten schon im 19. Jahrhundert viele Ägyptenreisende die Felsenheiligtümer am Nil. Einige verewigten sich durch Einmeißeln ihrer Namen an den Tempelfassaden. Ende des Jahrhunderts wurde der Sand an den sitzenden Kolossalstatuen Ramses’ II. mehr und mehr abgetragen. Doch erst im Jahr 1909 war die Fassade des Großen Tempels vollständig vom Sand freigelegt.
Verlegung der beiden Tempel mini|Modell der Tempel vor und nach der Verlegung. Dargestellt ist die neue Wasserlinie unter der die Tempel versunken wären mini|hochkant|Verlegung der Sitzbilder
In den 1950er Jahren bedrohte der geplante Bau des Assuan-Hochdamms die Zugänglichkeit und architektonische Integrität der beiden Tempel Ramses’ II. in Abu Simbel. Sie wären neben den Tempeln von Philae, Kalabscha und anderen vom geplanten Nassersee überflutet worden. Bereits 1955 wurde ein internationales Dokumentationszentrum mit dem Ziel gegründet, das Gebiet von Assuan bis über die Grenze des Sudan aufzunehmen. Am 8. März 1960 bat die UNESCO um internationale Hilfe zur Rettung der Tempelanlagen.Valeria Manferto de Fabianis, Fabio Bourbon (Hrsg.): Archäologica – Die Enzyklopädie der untergegangenen Kulturen. Vercelli 2004, S. 202. Unter den zahlreichen Vorschlägen und Plänen zur Rettung der Bauwerke erhielt im Juni 1963 ein schwedisches Projekt die Zustimmung; es sah die Zerlegung der Tempel, die Abfuhr der gesamten Felsmasse und den Wiederaufbau an einem höher gelegenen Ort vor.Giovanna Magi: Assuan. Philae, Abu Simbel.Florenz 1992, S. 93.
Die Verlegung der beiden Tempel von Abu Simbel erfolgte schließlich zwischen November 1963 und September 1968 als weltweites Gemeinschaftsprojekt. Die Arbeit wurde von ägyptischen, deutschen, französischen, italienischen und schwedischen Baufirmen durchgeführt. Hochtief hatte die Leitung des Konsortiums unter Planung von Walter Jurecka inne. Von den Schweden stammte der Plan der Zersägung des Tempels.Irene Meichsner: Rettung vor den Fluten, Vor 50 Jahren sollte Hochtief ägyptische Felsentempel verlegen. Auf: deutschlandfunk.de vom 17. November 2013. Zur Einweihung des Staudamms am 15. Januar 1971 würdigte der damalige ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat die Verlegung der insgesamt 23 nubischen Tempel und Schreine: „Völker können Wunder vollbringen, wenn sie für einen guten Zweck zusammenarbeiten.“
Für den Abtransport und den Wiederaufbau bohrte man zunächst 17.000 Löcher in den Fels, um das Gestein mit 33 Tonnen Epoxidharz zu verfestigen. Zusätzlich dienten Eisenklammern der Stabilisierung. Danach wurden die Tempel von Abu Simbel mittels einer Seilsäge in 1036 Blöcke zerschnitten, deren jeweiliges Gewicht zwischen 7 und maximal 30 Tonnen betrug. Die Schnitte der einzelnen Blöcke sind heute äußerlich sichtbar. Ihr neuer Standort sollte etwa 180 Meter nordwestlich und 64 Meter über dem Niveau des alten Tempelareals liegen, wobei man besonderen Wert auf die exakte originale Orientierung (Ausrichtung) der Tempel legte. Der erste Block wurde am 12. Mai 1965 mit der Nummer GA 1A01 verladen. Neben den Blöcken der Tempel kamen 1112 Felsstücke aus der unmittelbaren Umgebung zur originalgetreuen Nachgestaltung der Tempelansicht am neuen Standort hinzu. Der Abschluss der Verlegung der Tempelanlage wurde am 22. September 1968 mit einer feierlichen Zeremonie begangen.UNESCO: Abu Simbel – Adress delivered at the ceremony to mark the completion of the operations for saving the two temples, 22. September 1968
Das Innere der Tempel wird – teilweise hängend – von darüber befindlichen Stahlbetonkuppeln gehalten, die des Großen Tempels misst 140 Meter. Es handelt sich hierbei also nicht mehr um wirkliche Höhlentempel. Die Kuppel wird äußerlich durch aufgeschütteten Sand, Geröll und Original-Felsen (darunter die Originalfassade) verborgen, wodurch der ursprüngliche Eindruck eines Felsentempels gewahrt bleibt. Für die damalige Zeit stellte dies eine bautechnische Leistung dar, die vereinzelt mit dem Bau der Tempel durch Ramses II. verglichen wird.Regine Schulz, Hourig Sourouzian: Die Tempel – Königliche Götter und göttliche Könige. In: Regine Schulz, Matthias Seidel, Manfred Allié: Ägypten – Die Welt der Pharaonen. Könemann, Köln 1997, ISBN 3-89508-541-3, S. 213 Die Kosten für die Tempelverlegung beliefen sich auf etwa 80 Millionen US-Dollar, die von über 50 Ländern gespendet wurden. Abu Simbel war einer der Anlässe für die Verabschiedung der UNESCO-Welterbekonvention von 1972 und für die Erstellung der Liste des UNESCO-Welterbes.The World Heritage Convention whc.unesco.org, siehe Abschnitt Brief History.
Die Tempelbauten
Die Tempel übernahmen als „Zweigniederlassung des Königspalastes“ die Repräsentation als „göttliche Aufenthaltsstätte“, in der der König symbolisch durch seine göttliche Legitimation als irdischer Herrscher die Gottheiten anruft, um mit ihnen in Kontakt zu treten. Damit fungieren die Tempel als Bindeglied zwischen Himmel und Erde im Rahmen der göttlichen Himmelskosmologie.Rolf Gundlach: „Horus im Palast“ – Legitimation, Gestalt und Wirkungsweise des politischen Zentrums im pharaonischen Ägypten. In: Werner Paravicini: Das Gehäuse der Macht: Der Raum der Herrschaft im interkulturellen Vergleich Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit. (= Mitteilungen der Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen. Sonderheft 7). Christian-Albrechts-Universität, Kiel 2005, S. 15–26.
mini|Großer Tempel Ramses’ II.