mini|Teile der Weserseite der Martini-Kirche, vom Teerhof aus gesehen mini|Weserseite der Martini-Kirche, vom Teerhof aus gesehen, samt Chor und Neanderhaus
Die St.-Martini-Kirche (Plattdeutsch ) in der Altstadt von Bremen (nicht zu verwechseln mit der St.-Martini-Kirche in Bremen-Lesum) ist die viertälteste der fünf erhaltenen Altstadtkirchen und steht in unmittelbarer Nähe zur Weser oberhalb des nach ihr benannten Schiffsanlegers an der Schlachte. Der spätgotische Backsteinbau erlitt im Zweiten Weltkrieg 1944 schwere Zerstörungen und wurde bis 1960 wieder aufgebaut. Er gehört zur evangelisch-reformierten St.-Martini-Gemeinde.
Das Gebäude steht seit 1917 unter dem Bremischen Denkmalschutz.
Kenndaten Der gesamte Kirchenbau hat heute eine Länge von 60 m und eine Breite von 31 m.Bestimmung der Gesamtlänge und -breite über Satellitenbild (Juli 2009). Das südöstlich angebaute Pfarrhaus geht in diese Maße nicht ein, da es in Richtung der Gebäudeachse vom Chor überragt wird und in Querrichtung mit einem Strebepfeiler des Langhauses abschließt. Die Längsachse des Gebäudes verläuft von Nordwesten nach Südosten, mit Abweichung von einer exakten Westostrichtung um etwa 47,5°.Bestimmung der Lage der Gebäudeachse im Gradnetz anhand von Openstreetmap.
Der Turm hat heute mit der rund 3,5 m hohen Wetterfahne eine Höhe von 62 mHöhe der Martinikirche durch indirekte Höhenmessungen am 13. Juli 2009 durch J. Möhring nochmals nachgewiesen. Die ältere Angabe von 62 m ist korrekt. Weiterhin Höhe der Uhr bestimmt. und eine Breite von 9 m. Die Turmuhr befindet sich in einer Höhe von 33 m (Mitte des Zifferblatts).
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Allgemeine Geschichte mini|Bremen um 1600 mit Schlachte und Martini-Kirche von Frans Hogenberg
Die Gründungsgeschichte von St. Martini geht zurück auf Klagen aus der seit Mitte des 12. Jahrhunderts stark anwachsenden Bevölkerung (um 1200 etwa 10.000–15.000 Einwohner) über geistliche Unterversorgung. Zu der ersten Pfarrkirche, St. Veit, der heutigen Liebfrauenkirche, war 1139 die Stephanikirche hinzugekommen, zu deren Gemeinde außerdem auch weserabwärts gelegene Dörfer gehörten. Nach dem Bau der Stadtmauer Ende des 12. Jahrhunderts lag sie zwar zunächst außerhalb der Ummauerung, aber ihr Sprengel umfasste auch einen Bereich innerhalb des ersten Mauerrings. Am 31. Juli 1227 befahl Papst Gregor IX. dem Bremer Erzbischof Gerhard II., die bestehenden Missstände zu beheben, was 1229 zur Neufestsetzung der Kirchspielgrenzen führte. Neben Unser Lieben Frauen wurden die neuen Sprengel für St. Ansgarii und St. Martini zugewiesen.
mini|Von (Süd-)Osten: links neben dem Chor Neanderhaus mit Stufengiebel Die erste urkundliche Erwähnung von St. Martini als selbständige Pfarrgemeinde datiert demzufolge aus dem Jahr 1229. Ihren Namen erhielt sie nach Sankt Martin (um 316 bis 397), der im Jahre 375 Bischof von Tours wurde und später der Nationalheilige der Franken war.
St. Martini lag auf der Insel zwischen dem Weserarm Balge und dem Hauptstrom der Weser. Dieser Martenswerder bildete auch den größten Teil des ihr zugewiesenen Pfarrsprengels.Tobias Conrad Lotter (ca. 1750): Bremen mit Pfarrsprengeln Zunächst lag sie damit außerhalb der Stadtmauer, was reisenden Kaufleuten und Schiffsbesatzungen auch nach dem Schließen des Stadttors (Fischertor – porta piscatorum, die spätere Erste Schlachtpforte) Gelegenheit zum Kirchgang gab. Trotz des Baus einer Wehrmauer 1371 an der Flussseite und mehrfacher Erhöhung des Fußbodens litt die Kirche immer wieder unter Überschwemmungen. Das spiegelt sich auch in einem alten Reim wider: Sunt Marten – wo de Wind döer weit; wo’t Water döer geiht (Sankt Martin – wo der Wind durch weht; wo das Wasser durch geht).
Gerade noch im Sprengel der Martinipfarrei lag der am Nordufer der Balge und an der Südseite des Marktplatzes errichtete Schütting, Sitz des Koopmanns to Bremen, der Kaufmannsgilde und deren mächtiger Älterleute. So galt St. Martini jahrhundertelang als die Kirche der Kaufleute und wurde nach den Elderleuten auch „Ollermannskark“ genannt.
Baugrund Wegen der Lage im Uferbereich des Weserflusses musste der Baugrund zur Errichtung des ersten Gotteshauses erheblich aufgeschüttet und befestigt werden und im Laufe der Zeit bestand mehrmals akute Einsturzgefahr. Den Hochwasserstand im Kirchenraum vom März 1881 zeigt eine Beschilderung im vorderen Teil des Südschiffes. Die 1887 bis 1892 vorgenommenen Weserregulierung wirkte sich in unterschiedlicher Weise aus: Die Absenkung der Gewässersohle des Stroms verminderte die Überschwemmungsgefahr bei Binnenhochwasser. Der massiv erhöhte Tidenhub von jetzt vier Metern bei der Bremer Altstadt lässt auch den Grundwasserspiegel innerhalb von 23 Stunden zweimal stark ansteigen und zweimal stark fallen. Für das Eichenpfahlrost unter den Fundamenten bilden Grundwasserabsenkungen wie in allen derartigen Fällen ein Risiko, denn das Holz beginnt zu faulen, wenn es nicht mehr unter Wasser liegt.
Baugeschichte Mittelalter mini|Grundrissentwicklung seit dem 14. Jh., oben Süd(west)portal mit Stufengewände, unten Nord(ost)portal mit Vorhalle statt ehem. Marienkapelle mini|Nordostseite der Martinikirche, aus dem Hauseingang von Martinistraße 27 gesehen
Zunächst wurde St. Martini als Basilika errichtet, und zwar schon überwiegend aus Backstein, nachdem kurz vorher begonnen worden war die ältere Pfarrkirche Unser Lieben Frauen durch eine frühgotische Hallenkirche zu ersetzen, mit Kernmauerwerk aus Backstein, aber überwiegend Sandsteinverblendung. Mit 38,60 m Länge ihres Mittelschiffs und 24,50 m Gesamtbreite war St. Martini die kleinste Bremer Pfarrkirche. Im (Süd-)Osten hatte sie eine Hauptapsis am Mittelschiff und Nebenapsiden an den Seitenschiffen.
Wegen des zur Weser hin unsicheren Baugrundes wurde der Turm asymmetrisch vor das nördliche Seitenschiff gesetzt. An der Baufuge zwischen dem etwas vorstehenden Turm und der Nordwand des Schiffs schließt seit dem Umbau zur Hallenkirche jüngeres Mauerwerk des Schiffs an älteres des Turms an. Die Fassadenwände des unteren Turmgeschosses sind durch Lisenen und Spitzbögen aus Sandstein in jeweils drei große Blenden gegliedert, deren Hintergrund aus Backstein besteht. Die Turmgeschosse darüber sind nach (Nord-)Westen mit Sandstein verblendet, die anderen drei Turmseiten zeigen dort Backstein.
Große Teile der drei Mittelschiffsjoche von St. Martini stammen noch vom basilikalen Erstbau, allerdings in zwei Phasen. Das älteste Außenmauerwerk findet sich am wenig jüngeren Turm. Archäologisch nachgewiesen sind zudem Reste der Nordwand des Schiffs und derjenigen des Chors, dreier Apsiden sowie die Basen zweier oberirdisch nicht mehr erkennbarer Arkadenpfeiler. (s. u.)
Aus dieser Zeit stammen die aus Backstein gemauerten robusten Rechteckprofile der Gurtbögen und ihre aus Sandstein gefertigten Wulstrippen. mini|St. Martini um 1734, Südportal nicht dargestellt Nach der ab 1371 durchgeführten Befestigung der Schlachte erfolgte von 1376 bis 1384 der Umbau zur Hallenkirche. Er lag im allgemeinen Trend jener Zeit, hatte aber wohl erhebliche Schäden an den Seitenschiffen zum Anlass. Es wurden dabei beide Seitenschiffe bis neben das Chorjoch verlängert und diesem ein weiteres Rechteckjoch und ein polygonaler Abschluss angehängt. Der Zustand des als erstes umgebauten Südschiffs war so schlecht, dass man die Bausubstanz völlig ersetzte. Nach Südschiff und Chor wurde das Nordschiff umgestaltet. Anschließend wurden bis Mitte des 15. Jahrhunderts Mittelschiff und südliches Seitenschiff bis an die Flucht der westlichen Turmkante verlängert.
Die Dachkonstruktion der Halle besteht aus quergestellten Dächern, die an den Längsseiten des Schiffs in blendengeschmückten Giebeln enden. Auf der Landseite sind die Blendenhintergründe verputzt, auf der Weserseite backsteinsichtig. Das Dach des Chors hat ein Giebeldreieck zum Langhaus hin.
Neuzeit Mitte des 16. Jahrhunderts wurde südlich neben den Chor das Predigerhaus mit einem Stufengiebel der Renaissance gestellt, nach seinem bekanntesten Bewohner heute Neanderhaus genannt. Dafür wurde der vorher wohl diagonal platzierte „Südostpfeiler“ des Schiffs an die „Südseite“ umgesetzt und das angrenzende östlichste Südfenster dafür verschmälert. mini|Blick aus dem Chorraum Der heutige Vorraum des Nord(-ost)portals steht an der Stelle einer von Kaufleuten gestifteten Marienkapelle.
Erst im 19. Jahrhundert wurden die westlichen Schiffsverlängerungen zum Gemeindehaus umgebaut.
Am 5. Oktober 1944 erlitt dieser spätgotische Backsteinbau in einer der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges schwerste Zerstörungen. Die Kirche brannte aus, und alle Dächer gingen verloren. Vier Gewölbe stürzten ein, und zwei der vier weserseitigen Giebeldreiecke.Luftbild der Martinikirche 1945 Auch die Glockenanlage überstand den Feuersturm nicht.
Wiederaufbau und Erforschung Am 12. Januar 1952 begann der Wiederaufbau, an dem sich auch die Bremer Regierung beteiligte. Nach über acht Jahren, am 17. Dezember 1960, wurde die Kirche feierlich eingeweiht.
Bei der Untersuchung der Ruine, einschließlich archäologischer Grabungen, entdeckte der Kunsthistoriker Siegfried Fliedner, dass die Martinikirche zunächst als Basilika mit gebundenem System errichtet worden war. Im Bremischen Jahrbuch Nr. 44 von 1955 schrieb er auf Seite 309: „… setzen später aufgeführte Verstärkungsarkaden, eine entsprechende Umbildung der Pfeiler und eine Veränderung des sechsteiligen Gewölbes, dessen Querrippen unten gekappt wurden, den Verlust von Zwischenpfeilern und Obergaden voraus.“ Und auf Seite 310: „Vom Chor des 13. Jahrhunderts fand sich keine Spur mehr. Auch Grabungen förderten innerhalb und außerhalb des Chors keine Fundamentreste dieser Zeit zutage.“ Im Verlauf des Wiederaufbaus wurde er dann doch fündig. Er musste feststellen, dass die Basilika deutlich kürzer gewesen war als die heutige, spätgotische Hallenkirche, und er entdeckte die Spuren dreier Apsiden. In dem zusammen mit Werner Kloos am 1. Januar 1961 herausgegebenen Buch Bremer Kirchen schrieb er: „Wesentliche Teile des – jetzt freilich stark restaurierten – Mittelschiffes stammen noch aus dem 13 Jahrhundert. Darüber hinaus aber wurden nunmehr im Langhaus Reste von Findlingsfundamenten aufgedeckt, die eine sehr viel klarere Vorstellung von dem Gründungsbau vermitteln. Deutlich zeichnet sich der Grundriß einer zwei Mittelschiffsjoche umfassenden Basilika gebundener Ordnung mit apsidial geschlossenem Chorquadrat und Nebenschiffsapsiden ab.“ Aus einem eingemauert gefundenen Kapitell nach dem Muster des Dom-Mittelschiffs, also für einen profilierten Gurtbogen aus Sandstein, schloss Fliedener, auch das Mittelschiff von St. Martini sei zunächst nach dem Vorbild des Doms eingewölbt worden. Nach dem Einsturz der Ansgarikirche seien die Gewölbe von St. Martini wegen mangelnder Standsicherheit durch die heutigen ersetzt worden. Weitere Indizien für zwei Einwölbungen im Abstand von zwanzig Jahren erwähnt der Text von 1961 aber nicht.Es gibt aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts mehrere Beispiele, wo Bauformen vorbereitet oder angefangen wurden, der Bau dann aber doch anders ausgeführt wurde. In St. Martini waren die weniger eleganten (Rechteckprofil) Gurtbögen aus Backstein sicherlich mit Sicherheit kostengünstger als elegant profilierte Gurtbögen aus Sandstein.
Name Die Martinikirche, niederdeutsch Sunte Marten, wurde nach dem Heiligen Martin von Tours (um 316/317 bis 397), dritter Bischof von Tours, benannt.
In Bremen steht der Name in Verbindung mit den Straßen Martinskirchhof und Martinistraße in der Bremer Altstadt, der Martinischule, die im Kirchspiel von St. Martini seit dem 16. Jahrhundert bis 1886 bestand, als sie von der Gemeinde übernommen wurde, dem Martinianleger an der Weser, direkt vor der Kirche,