mini|Künstlerische Darstellung von Laokoon (Detail der Laokoon-Gruppe) Laokoon () war in der griechischen und römischen Mythologie ein trojanischer Priester des Apollon Thymbraios oder des Poseidon. Namentlich zuerst erwähnt wurde er bei Arktinos von Milet in der Iliu persis (7. Jahrhundert v. Chr.), dessen Werk aber größtenteils verloren ist. Spätere Autoren der griechischen und der lateinischen Literatur erwähnen bei ihren Darstellungen des Trojanischen Krieges Laokoons Handlungen, variieren ihre Darstellungen dabei jedoch stark.

Zunächst erzählen griechische Autoren, deren Texte nur fragmentarisch oder in Zusammenfassungen überliefert sind, dass Laokoon und seine Frau im Tempel des Apollon Thymbraios einander liebten und sich damit den Zorn des Gottes zuzogen. Zwei Schlangen, die der Gott daraufhin aussandte, töteten dann entweder Laokoon mitsamt einem Sohn oder nur seine beiden Söhne am Altar des Apollon Thymbraios in der Stadt Troja. Die erste längere Darstellung des Mythos ist erst in Vergils Aeneis im 1. Jahrhundert v. Chr. überliefert. Darin wird die Geschichte Laokoons verlagert und mit der des Trojanischen Pferdes verknüpft: Die Griechen gaben vor, Troja zu verlassen und der Stadt zur Ehrung der Götter ein hölzernes Pferd schenken zu wollen, welches in Wirklichkeit jedoch mit griechischen Kämpfern gefüllt war. Laokoon erkannte als einziger den Betrug. Er stieß mit einem Speer auf das Pferd ein; dieser prallte jedoch ab. Daraufhin erschienen zwei von Athene geschickte Schlangen, die Laokoon zusammen mit seinen beiden Söhnen töteten. Die Trojaner meinten darin eine Strafe der Götter für die Entweihung des Geschenkes zu sehen, zogen das hölzerne Pferd in die Stadt und besiegelten damit ihren Untergang.

Auch bildnerische Darstellungen von Laokoon sind aus der Antike nicht viele überliefert. Neben zwei Krateren sind zwei Wandmalereien aus Pompeji und wenige Kontorniat-Medaillons bekannt; ob auch eine spätetruskische Gemme Laokoon darstellt, ist umstritten. Bis zum Ende des lateinischen Mittelalters schwand die Kenntnis des Mythos, und auch die Bildnisse gingen verloren; zu den einzigen künstlerischen Belegen für die Kenntnis der Geschichte zählen Zeichnungen für Manuskripte der Vergilausgaben. Erst der Fund der Laokoon-Gruppe (1506), einer antiken römischen Marmorskulptur aus dem 1. Jahrhundert vor oder nach Chr., die Laokoon und dessen Söhne beim Kampf mit Schlangen zeigt, führte zu vermehrten Darstellungen der Sage. Anhand dieser Gruppe entwickelte sich vor allem im 17. und 18. Jahrhundert eine allgemeine Debatte über die griechische Kunst. Die Interpretation des Laokoonmythos in der Fachwissenschaft ist äußerst umstritten, der Fokus liegt dabei auf den Darstellungen bei Vergil, Petron und Quintus von Smyrna.

Person Der Name Laokoon ist zusammengesetzt aus , und .Priscian, Latini Grammatici 2,253 gibt an, dass er auf einem apollinischen Dreifuß aus Byzanz ein Epigramm mit „sehr alten Buchstaben“ (unter anderem einem Digamma) gefunden habe. Dieses habe den Namen als dargestellt. Er bedeute demzufolge „der auf das Volk achtet“., Sp. 1632; im Literaturverzeichnis notierte Werke werden in den Einzelnachweisen in der Form Person (Jahr) S(eite)./Sp(alte). angegeben.

Laokoon galt als Sohn des Antenor oder Kapys/Acoetes, Bruder des Anchises und Onkel des Aeneas.Zu Antenor vgl. Tzetzes, ad Lycophron 347; Robert (1881) S. 201f. und Robert (1923) S. 1251f.; zu Kapys und Anchises Hyginus Mythographus, Fabulae 135 – Engelmann/Höfer (1897) Sp. 1833 führt Kapys als Konjektur für Acoetes an; und Pearson (1917) S. 40 genau andersherum; vgl. dazu Robert (1881) S. 194 Anm. 3. Damit ist er mit dem trojanischen Königshaus verwandt. Laut Hyginus Mythographus, Fabulae 135 hatte Apollon Laokoon untersagt, zu heiraten und Kinder zu bekommen; er ging dennoch eine Ehe mit Antiope ein und zeugte mit ihr Kinder.Zu Antiope vgl. Maurus Servius Honoratius, In Vergilii Aeneidos Libros ad Aeneis 2,201 Über die Namen seiner Söhne waren sich antike Autoren allerdings uneinig: Der spätantike Kommentator Maurus Servius Honoratius gibt an, dass der sonst unbekannte Autor Thessandrus sie Ethron/Aethion und Melanthus nannte; Hyginus Mythographus hingegen gab ihnen die Namen Antiphates und Thymbraios/Thymbraeus.Hyginus Mythographus, Fabulae 135; Maurus Servius Honoratius, In Vergilii Aeneidos Libros ad Aeneis 2,211 – Engelmann/Höfer (1897) Sp. 1836 sehen als Quelle für die Namen Ethron und Melanthus statt Thessandrus eher Peisandros von Laranda an; Carl Robert: Archaeologische Nachlese. In: Hermes. Band 22, Berlin 1887, S. 457–459 und Robert (1923) S. 1250 Anm. 4 bringt noch Alexander Polyhistor ins Spiel, Foerster (1890a) S. 430–432 schließlich Peisandros von Kameiros, vgl. dazu Zintzen (1979) S. 46f. mit besonders Anm. 117; Austin (1964) S. 104 bezweifelt, dass ein Sohn nach Apollon Thymbraios benannt sei.

Im Laufe seines Lebens wurde Laokoon entweder zu einem Priester des Apollon Thymbraios (nach dem dann auch Laokoons Sohn genannt wurde) oder des Meeresgottes Poseidon/Neptun geweiht.Zu Apollon Thymbraios vgl. Maurus Servius Honoratius, In Vergilii Aeneidos Libros ad Aeneis 2,201; zu Poseidon vgl. Tzetzes, ad Lycophron 347 – die Zuordnung zu Poseidon ist aber nur in einer Lesart überliefert (vgl. Bethe (1924) Sp. 736); vergleichend zu beiden Hyginus Mythographus, Fabulae 135; Neptun hingegen nennt der lateinische Autor Vergil in Aeneis 2,201 [vgl. Tiberius Claudius Donatus, Interpretationes Vergilianae ad Aeneis 2,201f. und Simons (2009) S. 118] – bei diesem ist Apollon Thymbraios der Gott, der Aeneas und seine Gefolgschaft nach deren Flucht aufnimmt (Aeneis 3,72–88) und Panthus Priester des Apollon (Aeneis 2,319). Diese uneindeutige Zuordnung führt Servius auf die Darstellung des Mythos bei Euphorion zurück (siehe unten).

Laokoons Söhne kurz vor ihrem Tod. Ausschnitt aus der Laokoon-Gruppe.

Rahmenhandlung mini|Älteste bekannte Darstellung des Trojanischen Pferdes (670 v. Chr.).Reliefpithos, bekannt als Pithos von Mykonos (oder „Mykonos-Vase“) Der Mythos um die Eroberung der Stadt Ilios wurde von mehreren griechischen und lateinischen Autoren geprägt. Schon in der Homer zugeschriebenen Odyssee (7. Jahrhundert v. Chr.) wird der Mythos erwähnt, allerdings ohne eine Beteiligung des Laokoon zu erwähnen. Später sind es vor allem Autoren wie Quintus von Smyrna (3. Jahrhundert n. Chr.) mit den Posthomerica in griechischer und Vergil mit der Aeneis (1. Jahrhundert v. Chr.) in lateinischer Sprache, die dies ausbauen.Homer, Odyssee 8,486–521; Quintus von Smyrna, Posthomerica 12; Vergil, Aeneis 2; vgl. auch Robert (1923) S. 1241–1275 (besonders 1241–1254) und Zintzen (1979) S. 27–48 (besonders 32–39), die ausführlich den Ablauf der Iliu persis darstellen; kurz dazu Stubbe (1933) S. 34–36; siehe auch Zintzen (1979) S. 16–18 mit einer Tabelle über die wichtigsten Unterschiede auf S. 17 und Gärtner (2005) S. 159f. mit einer Vergleichstabelle. Daraus ergibt sich für die Geschehnisse um Laokoons Handlungen ungefähr folgender Ablauf:

Nachdem der Trojanische Krieg zehn Jahre lang erfolglos geführt worden war, ersannen laut Homer die Achaier – laut Quintus nach einer Weissagung des Sehers Kalchas ausschließlich Odysseus – eine List, um Ilios doch noch zu erobern: Der beste Baumeister der Achaier, Epeios, solle ein hölzernes Pferd entwerfen. Es ist wegen der Region um die Stadt Ilios („Troja“) als „Trojanisches Pferd“ bekannt. Die nötigen Anweisungen für den dreitägigen Bau soll ihm Quintus zufolge Athene in einem Traum vermittelt haben. Die Achaier müssten zunächst ihr Lager niederbrennen und das Verlassen des Kampffeldes vortäuschen. Die stärksten Krieger hingegen sollten im Bauch des Pferdes in die Stadt Ilios gelangen und nachts heimlich aus ihm herausklettern. Mittels eines Leuchtzeichens sollten sie den übrigen Achaiern das Signal zum Stürmen der Festung geben und ihnen schließlich dafür die Tore öffnen. Also fuhr die Mehrzahl der Achaier zur Insel Tenedos außerhalb der Sichtweite der Trojaner. Ein einziger Mann sollte zurückbleiben, um den Trojanern das Pferd als Ersatz für das gestohlene Athenebildnis (Palladion) zu übergeben. Nur Sinon war mutig genug, diesen Plan auszuführen. Er teilte den Trojanern den angeblichen Grund für das Ersatzgeschenk mit und gab vor, dass die Achaier ihn für eine gute Rückfahrt hätten opfern wollen, er aber geflohen sei, sich an die Füße des Pferdes geklammert und damit in den Schutz Athenes begeben habe.

Die Trojaner waren zunächst – je nach Fassung vor oder nach Sinons Rede – unschlüssig, ob sie das hölzerne Pferd verbrennen, aufschlitzen, die Klippe hinunterwerfen oder als Weihgeschenk zur Besänftigung und Freude der Götter nach Ilios ziehen sollten. Nach mancher Darstellung der Laokoongeschichte hätten sich die Trojaner unabhängig von Laokoons Auftreten für letzteres entschieden. In anderen Fassungen folgt auf Sinons Rede die Geschichte Laokoons, die mit seiner Bestrafung durch die Tötung eines oder mehrerer seiner Kinder oder auch durch seinen eigenen Tod endet. Kassandra weissagte je nach Mythos entweder vor oder nach diesen Toden, dass nun Ilios’ Ende bevorstünde; die Trojaner aber ignorierten diese Warnung. Kassandra ergriff daraufhin laut Quintus eine Fackel und eine Doppelaxt, um den Betrug im Pferd aufzudecken, doch sie wurde von ihren Landsleuten daran gehindert und floh – zur stillen Freude der Achaier im Pferd. Nachts konnten die Achaier dieses verlassen und die Trojaner letztendlich wie geplant vernichten.

Antiker Laokoonmythos Arktinos von Milet Zuerst wird Laokoon in dem frühgriechischen Epos Iliu persis erwähnt, das Arktinos von Milet (7. Jahrhundert v. Chr.) zugeschrieben wird und nur fragmentarisch erhalten ist. Nach einer von dem spätantiken Gelehrten Proklos überlieferten Zusammenfassung des Epos entscheiden sich die Trojaner zunächst, das Pferd nicht von einer Klippe hinabzustürzen oder zu verbrennen, sondern Athene zu weihen. Während der Siegesfeier kommen zwei Schlangen und töten Laokoon und einen seiner beiden Söhne. Dies interpretiert der Trojaner Aineias als schlechtes Omen und flieht zum Berg Ida; Sinon öffnet währenddessen den Griechen, die nicht aus dem Rumpf des Pferdes, sondern aus Tenedos zum Kampf herbeikommen, die Tore. (Arktinos von Milet, Epicorum Graecorum Fragmenta 62,11 = Proklos, Chrestomatia 239–251 Severyns, .)