mini|Blindgänger aus dem Ersten Weltkrieg mini|Blindgänger auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz.Die abgebildete Granate mittleren Kalibers hat wahrscheinlich schon einige Jahrzehnte dort gelegen. mini|Stabbrandbombe im Forstenrieder Park bei München 2019 alternativtext=Zerscheller als Kriegsmahnmal in Bad Oldesloe|mini|Zerscheller als Kriegsmahnmal in Bad Oldesloe Blindgänger (fachsprachlich: Kampfmittelaltlasten, nicht detonierte Kampfmittel, explosive Kampfmittelrückstände) sind Munition wie Granaten oder Bomben, die nach ihrer Verwendung (Abschuss oder Abwurf) nicht oder nicht vollständig explodieren. Ursache dafür können technisches Versagen, Fehlbedienung, ungünstige Einsatzbedingungen oder Sabotage bei der Produktion sein. Ein Blindgänger ist von einem Versager zu unterscheiden: Während bei einem Blindgänger der Zündmechanismus auslöst, es aber nicht zu einer Explosion kommt, hat bei einem Versager der Zündmechanismus nicht oder nur unvollständig ausgelöst.
Eine besondere Kategorie stellen Langzeitzünder bei Fliegerbomben dar, die dazu dienen sollten, langfristig das Bedrohungspotenzial im Zielgebiet aufrechtzuerhalten und die Bombe später explodieren zu lassen. Auch diese Zünder können versagen und zu echten Blindgängern werden. Bomben, die nicht explodieren, aber beim Aufschlag aufgerissen sind, werden als Zerscheller bezeichnet. Bomben, die nur teilweise auf die Zündung ansprechen, heißen Teildetonierer.
Der Begriff wird auch bei nicht detonierenden Feuerwerkskörpern verwendet.
International werden diese als UXO als Abkürzung für Unexploded Ordnance (übersetzt: „nicht explodierte Munition“) bezeichnet.siehe auch englische Wikipedia
Hintergrund In Deutschland stellen Blindgänger auch mehr als 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ein ernstzunehmendes Problem dar. Vor allem in industriellen und urbanen Ballungsräumen (Ruhrgebiet, Köln, Hamburg, Dresden, Berlin etc.), die primäres Ziel alliierter Luftangriffe waren, finden sich auch heute noch eine Vielzahl von Blindgängern im Erdreich. Häufig werden diese unabhängig von der gezielten Suche bei Baumaßnahmen entdeckt.
Erfahrungswerte der Sprengkommandos im Zweiten Weltkrieg ergaben, dass ca. 10 bis 20 % der von den alliierten Flugzeugen abgeworfenen Bomben Blindgänger waren. Seit 1947 gab es ca. 20 Selbstdetonationen in Deutschland.Stichwort Selbstdetonation
Das Österreichische Heer gibt an, dass rund ein Prozent der in Österreich abgefeuerten Granaten Blindgänger sind.http://ooe.orf.at/news/stories/2669094/ Gefundene Granate war vom Heer, ORF.at, 18. September 2014.
Ursachen mini|Ein russischer Pionier bereitet 2016 das Entfernen einer nicht explodierten Mörsergranate in Aleppo vor. Vor allem bei Fliegerbomben des Zweiten Weltkrieges war die Blindgängerrate besonders hoch. Aufgrund der Sicherheitsforderungen für die eigenen Streitkräfte bei Transport, Lagerung, Beladung und während des Fluges zum Ziel mussten die Bomben so gesichert sein, dass Zwischenfälle bis hin zu Bruchlandungen und Abstürzen keine Detonation der Bomben verursachen konnten. Erst kurz vor dem Start wurde der Zünder durch Ziehen des Vorsteckers zunächst entsichert und nach dem Abwurf z. B. durch ein sich im Luftstrom drehendes Windrad geschärft. Allein dabei konnte eine Vielzahl von Ursachen dazu führen, dass der Schärfvorgang nicht oder nur unvollständig ablief und die Bombe unscharf aufschlug.
Bei den mechanischen Aufschlagzündern konnten viele Einflüsse die Auslösung auch einer vollständig geschärften Bombe verhindern: Detonation eines anderen Sprengkörpers in unmittelbarer Nähe. Durch die Wucht von dessen Explosion schlug der Sprengkörper nicht im vorgesehenen Aufschlagwinkel auf. zu weicher Aufschlag z. B. bei einem Auftreffen auf schlammigen Untergrund oder Gebäude mit ungünstiger Deckenkonstruktion, bei welcher der Fallkörper zwar mit jedem Durchbruch gebremst wurde, die notwendige Verzögerung für die Zündung jedoch nicht erreicht wird. Mauerschlag: Eine Bombe fällt selten genau senkrecht. Trifft sie in spitzem Winkel gegen eine Mauer, prallt sie ab und gerät dabei ebenfalls ins Taumeln. Technischer Fehler des Zünders, insbesondere bei Massenproduktion. Sabotage: Das betrifft hauptsächlich die deutsche Rüstungsindustrie, die im Zweiten Weltkrieg in großem Maße Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt hat, welche mit Absicht funktionsuntüchtige Munition herstellten. Es gibt aber auch Berichte über mehr oder weniger erfolgreiche Infiltrationen der gegnerischen Waffenproduktion mit demselben Zweck. Dabei wurde mitunter auch versucht, bereits die Konstruktionspläne bzw. Produktionsmittel derart zu sabotieren, dass sie zu funktionsuntüchtigen Bomben geführt hätten. Die dabei ausgebrachten Blindgänger gelten als besonders tückisch, da selbst die von der Herstellerfirma nach dem Krieg freigegebenen Konstruktionspläne nicht zuverlässig dem vorliegenden Sprengkörper entsprechen müssen. Hier ist die Identifizierung der Charge von existentieller Bedeutung.alt=5000-kg-Bombe ausgestellt auf Helgoland|mini|Größter Blindgänger im 2. Weltkrieg. 5000-kg-Bombe (Tallboy) auf Helgoland Sonderfall Langzeitzünder: Mit dem Ziel, Lösch- und Bergungsarbeiten zu behindern bzw. unmöglich zu machen und durch die Detonation noch Stunden nach Ende des Luftangriffs auch Personen zu treffen, die ihre Schutzräume bereits verlassen hatten, wurden chemisch-mechanische Langzeitzünder mit einer Verzögerungszeit von 1 bis 144 Stunden (6 Tage) entwickelt. Äußerlich ist nicht zu unterscheiden, ob bei einem Langzeitzünder der Auslöseprozess noch läuft (durch Auflösung eines Zelluloidplättchens mittels Aceton, vorgesehene Auslösezeit bis zu 6 Tagen nach dem Abwurf), ob der Auslöseprozess durch unbekannte Umstände unterbrochen wurde und jederzeit wieder anlaufen kann oder ob es sich um einen wirklichen Versager handelt. Möglich ist auch eine mechanische Umlagerung im Erdreich, so dass ein schwerkraftabhängiger Fluss von Lösungsmitteln oder Ätzstoffen nicht möglich ist.
Suche Zur Suche nach Einschlagtrichtern werden heute auch historische Luftbilder benutzt, die von Aufklärungsflugzeugen nach einer Bombardierung gemacht wurden, um den Erfolg der Aktion zu dokumentieren. Mit teilweise automatisierten Bildverarbeitungsprozessen können so konkrete Verdachtspunkte von Blindgängern auf z. B. einem Baugrundstück ermittelt werden.
Im Gegensatz zur Minensuche, bei der kleine Metallteile (vorwiegend Buntmetall) mit Metalldetektoren aufgespürt werden, nutzt man bei der Suche nach Blindgängern die Tatsache, dass alle Bomben (Granaten etc.) aus ferromagnetischem Stahl bestehen. Dieser ferromagnetische Stahl bewirkt eine Störung des sonst homogenen Erdmagnetfeldes an der Erdoberfläche, die sich mit Hilfe von Magnetometern nachweisen lässt. Am häufigsten werden diese Magnetometer in einer Gradiometeranordnung verwendet. Dabei werden zwei Sonden (Magnetometer) in einem Abstand von circa 0,5…2 m (Basis) gegensinnig angeordnet, so dass sie in einem homogenen Feld beide die gleiche Induktion entgegengesetzter Polarität messen. Schaltet man diese beiden Sonden in Reihe, so zeigt der effektive Messwert die Differenz (den Gradienten) des Magnetfeldes an. Auf diese Weise lassen sich Bomben (je nach Größe) in Tiefen bis zu 6 m orten (im Überlauf circa 10 nT Ausschlag).
Zum Vergleich: Metalldetektoren zur Minensuche sind auf die Detektion von minimalen Metallteilen optimiert und haben Detektionstiefen von maximal 50 cm. Vereinzelt werden allerdings Großschleifen eingesetzt, die eine größere Suchtiefe haben (ca. 4 m).
Die Empfindlichkeit der beschriebenen Gradiometer variiert stark je nach Aufwand der Bauform. Entscheidend ist neben einer Mindest-Rauscharmut der verwendeten Sonden deren Parallelisierung. Da beide Sonden nicht perfekt parallel zueinander sind, ergibt eine Bewegung/Drehung im Erdmagnetfeld mit circa 50.000 nT leicht einen Ausschlag von mehreren Nanotesla. Qualitativ hochwertige Produkte garantieren eine Suchempfindlichkeit von wenigen Nanotesla. Das ist mit einer aufwendigen mechanischen Parallelisierung der beiden Sonden verbunden, die von Zeit zu Zeit nachjustiert werden muss.
Eine Ausnahme bilden sogenannte Spannbandsonden, bei denen die Sondenkerne auf ein unter starker Spannung stehendes Spannband aufgebracht werden. Diese Sonden sind wartungsfrei und mit hoher Präzision parallel (Änderung bei Drehung im Erdfeld < 1 nT).
Beseitigung mini|Vorbereitungen zur Beseitigung einer Luftmine in Koblenz, 4. Dezember 2011 Blindgänger stellen ein großes Gefährdungspotenzial dar. Kampfgebiete, Truppenübungsplätze und Flächen, auf denen Munition unsachgemäß vernichtet wurde, müssen aufwendig von solchen gefährlichen Überresten geräumt werden, und auch bombardierte Stadtgebiete sind noch lange nicht blindgängerfrei.
Die Kampfmittelbeseitigung in Deutschland erfolgt heute weitgehend gewerblich. Zuständigkeiten und Durchführung sind dabei in den Bundesländern unterschiedlich in jeweils eigenen Verordnungen zur Kampfmittelbeseitigung geregelt.
Wie ein Blindgänger entschärft wird, hängt vom Fundort, der Konstruktion sowie dem Zustand von Sprengkörper und Zünder ab.
Nach dem Fund wird daher zuerst das Herkunftsland und der genaue Typ des Blindgängers und des Zünders ermittelt. Aus den Konstruktionsmerkmalen ergibt sich die Gefährdung durch Selbstauslösung (z. B. bei vorgespannten Zündern), der Empfindlichkeit gegen äußere Einflüsse (Erschütterungen, Lageänderungen, Temperatureinflüsse etc.).
Entschärfung am Fundort In Abhängigkeit von den genannten Faktoren kann die Entschärfung, d. h. die Unterbrechung der Zündkette durch Entfernen des Zünders, vorgenommen werden. Sie ist möglich, wenn der Zünder eindeutig zu erkennen ist, sich in gutem Zustand befindet und seine Konstruktion sowie die Lage des Sprengkörpers eine Entfernung ohne wesentlich erhöhte Gefahr ermöglicht. Da immer ein Restrisiko vorhanden ist, werden bei der Entschärfung – entsprechend der Gefährdung bei einer Detonation – regelmäßig Sicherheitsradien festgelegt und Anwohner evakuiert.
Insbesondere bei Langzeitzündern, die mit einer Ausbausperre versehen sind, um ein Entschärfen des Zünders vor seiner Auslösung zu unterbinden (der Zünder löst beim Ausschrauben sofort aus), sind Entschärfungen aufwendig, da diese Zünder besonderer Verfahren bedürfen: Entfernen des Zünders durch eine hydraulische Zugvorrichtung, die ihn aus dem Gewinde der Zünderaufnahme reißt, ohne ihn zu drehen (amerikanische Langzeitzünder) Schlagartiges Herausschrauben des mechanischen Teils des Zünders mittels einer pyrotechnisch angetriebenen Schraubvorrichtung (sogenannte Raketenklemme), so dass die mechanischen Teile durch die Fliehkräfte kurzzeitig zusammengepresst werden und erst nach dem Herausschrauben auslösen, ohne den Detonator zu treffen (britische Langzeitzünder) Heraustrennen des Zünders mittels einer Fräse Heraustrennen des Zünders mittels des Wasser-Abrasiv-Suspensionstrahl-Schneidverfahrens aus bis zu 500 m Entfernung mit Hilfe mobiler Schneidführungssysteme Entfernen der Zünderaufnahmebuchse inklusive Zünder, wenn diese nicht verstiftet ist Nach Möglichkeit werden derartige Verfahren unter Sicherheit, d. h. mittels ferngesteuerter Geräte und Videobeobachtung durchgeführt. Dennoch sind in jedem Fall immer manuelle Arbeiten unmittelbar an der Bombe erforderlich, die mit erheblichem Risiko verbunden sind. Nach dem Entschärfen ist der Blindgänger transportfähig und kann zur weiteren Zerlegung und Vernichtung abtransportiert werden.
Vernichtung am Fundort mini|Eine amerikanische 500-Pfund-Bombe mit Pads mini|Kontrollierte Sprengung einer Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg an der Münchner Schwabinger 7 am 28. August 2012