mini|Tagsatzung in Baden im Jahr 1531 mini|Einzug der eidgenössischen Gesandten in das Grossmünster bei Eröffnung der Tagsatzung 1807 in Zürich Die Tagsatzung war in der Schweiz bis 1848 die Versammlung der Abgesandten der Orte (Kantone) der Alten Eidgenossenschaft. Sie besass (von Beschlüssen betreffend die gemeinen Herrschaften abgesehen) kaum exekutive und legislative Kompetenzen, doch entfaltete die Tagsatzung «bei einem Minimum festgeschriebener Befugnisse ein Maximum an wichtigen praktischen Tätigkeiten und erlangte durch ihre hohe Leistungsfähigkeit zentrale Bedeutung als Integrationsfaktor für die Orte und als Treffpunkt der politischen Eliten». Am Ende der Verhandlungen wurden den Gesandten die eidgenössischen Abschiede ausgehändigt.
Die Bezeichnung «Tagsatzung» ist abgeleitet von der Formulierung «einen Tag setzen» und bedeutet die Vereinbarung eines (Rechts-)Tages beziehungsweise des Termins für diese Zusammenkunft.Schweizerisches Idiotikon. Bd. VII, Sp. 1564, Artikel Tag-Satz und Sp. 1598–1601, Artikel Tag-Satzung.
Typologie Die Tagsatzung bildete die wichtigste Kommunikationsplattform der Schweizerischen Eidgenossenschaft nach innen und aussen. Im internationalen typologischen Vergleich ist die eidgenössische Tagsatzung als Versammlung politisch und sozial Gleichrangiger in vielem mit den zahlreichen Ständeversammlungen anderer Länder zu vergleichen. Im Unterschied zu jenen stand sie aber nicht einem Fürsten gegenüber und handelte auch keine Steuern aus. In den Augen des englischen Diplomaten Abraham Stanyan, der 1714 während der Friedensverhandlungen von Baden in der Schweiz weilte, bildete die Tagsatzung «the Majesty of the Helvetick Body», sie verkörperte also den politischen Verband ebenso wie andernorts der souveräne Fürst.Andreas Würgler: Die Tagsatzung der Eidgenossen. Politik, Kommunikation und Symbolik einer repräsentativen Institution im europäischen Kontext 1470–1798. Verlag Bibliotheca Academica, Epfendorf 2014.
Vom Spätmittelalter bis 1798 Erste Zusammenkünfte gab es in Brunnen (1315), Beckenried (seit 1291?), später je nach Bedürfnis in Zürich, Bern, Luzern, Baden, Aarau, Altdorf (seit 1357), Schwyz, Bellinzona, Stans (ab 1320), Zug, St. Gallen, Wil, Freiburg, Lugano und Locarno, Grandson (nur für Bern und Freiburg) und Neuenburg (1512–1529). In Konstanz gab es sehr viele Verhandlungen mit den süddeutschen Städten und Österreich (seit 1315). In Solothurn fanden Zusammenkünfte statt, zu denen der französische Gesandte einlud.Tagsatzung. In: Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz. Bd. 6. Neuenburg 1931, S. 629–631 (online; PDF; 29,1 MB, S. 517–657). Neben den gemeineidgenössischen Tagsatzungen fanden nach der Reformation jeweils noch separate Tagsatzungen oder Konferenzen der katholischen und reformierten Orte statt.
Im Dezember 1481 kam es bei einer besonderen Tagsatzung der Acht Orte in Stans zum Stanser Verkommnis.Kurt Messmer: Stans 1481, vielleicht sind das wir, blog.nationalmuseum.ch, 12. Dezember 2022
Die ordentliche Tagsatzung begann ab 1424 am Mittwoch nach Pfingsten, ab 1462 am zweiten Sonntag nach Fronleichnam (Donnerstag nach Trinitatis) – also zwischen 31. Mai und 4. Juli –, ab 1587 am Sonntag nach Johannes Baptista (24. Juni), ab 1712 jährlich am Montag nach Peter und Paul (29. Juni) und dauerte bis zu drei Wochen.
Die Tagsatzung fand zwar an wechselnden Orten statt, doch Baden in der Gemeinen Herrschaft der Grafschaft Baden war aufgrund der Thermalbäder und der damit verbundenen Zerstreuungen besonders beliebt. Die wichtigsten Geschäfte, die die ganze Eidgenossenschaft vor 1712 betrafen, wurden ausschliesslich im Badener Rathaus verhandelt, so z. B. ab 1424 die Abnahme der Jahresrechnungen sämtlicher Gemeinen Herrschaften, aber auch Entscheidungen über Krieg und Frieden. So etwa am 11. März 1499, als die Schweizer Eidgenossen in einer Tagsatzung beschlossen, dass in den Schlachten des kurz zuvor begonnenen Schwabenkrieges gegen den Schwäbischen Bund und das Haus Habsburg keine Gefangenen gemacht und verwundete gegnerische Kämpfer «abgetan» werden sollten. Eine bis heute wirksame Entscheidung traf die Tagsatzung, als sie 1505 Papst Julius II. auf dessen Anfrage 150 Söldner sandte, um den Vatikan zu schützen. Daraus entstand schliesslich die Schweizergarde.
Nach dem Zweiten Villmerger- bzw. Toggenburgerkrieg im Jahr 1712 kam die Tagsatzung abwechselnd in Baden und Frauenfeld zusammen (1742–1797 ständig in Frauenfeld), wo sie zur Jahrrechnung der deutschen Gemeinen Herrschaften Thurgau, Rheintal, Sargans, Gaster, Uznach und Baden sowie der Freien Ämter zusammentrat.
1803–1848 mini|hochkant=2|Sitzung im Jahr 1847 unter dem Vorsitz von Ulrich Ochsenbein (zeitgenössische Darstellung) Durch die Mediationsakte wurde die Tagsatzung als Versammlung der Abgeordneten der Kantone der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1803 wiederhergestellt und blieb auch nach der Restauration 1815 bestehen. Allerdings wurden ihre Kompetenzen weiter beschnitten. Der mit der Durchführung der Tagsatzung beauftragte Kanton hielt zugleich den Vorsitz und wurde als Vorort bezeichnet.
1848 erarbeitete die Tagsatzung die erste Schweizer Bundesverfassung. Damit gründete sie den modernen Schweizer Bundesstaat und löste sich selbst, respektive den Bundesvertrag von 1815, auf.
Als Nachfolge der Kantonsvertretung dient seit 1848 der Ständerat mit je zwei gewählten Vertretern je Kanton (ein Vertreter für die ehemaligen Halbkantone Appenzell Innerrhoden, Appenzell Ausserrhoden, Basel-Stadt, Basel-Landschaft, Obwalden und Nidwalden). Die Ständeräte sind in ihrem Stimmverhalten jedoch nicht an die Vorgaben der Kantone, welche sie vertreten, gebunden.
Präsidenten der eidgenössischen Tagsatzung 1814–1848 Als Präsident der Tagsatzung amtierte jeweils der Regierungschef des Vorortkantons (Bürgermeister von Zürich, Schultheiss von Bern oder von Luzern).
+ Präsidenten der eidgenössischen Tagsatzung Jahr Datum Vorort Präsident 1814 6. April 1814 24. Juni 1814 Zürich Hans von Reinhard 1814 25. Juni 1814 12. Dez. 1814 Hans Conrad Escher (vom Luchs) 1815 21. Dez. 1814 31. Dez. 1815 David von Wyss 1816 Hans von Reinhard 1817 Bern Niklaus Rudolf von Wattenwyl 1818 Niklaus Friedrich von Mülinen 1819 Luzern Josef Karl Amrhyn 1820 Vinzenz Rüttimann 1821 Zürich David von Wyss 1822 Hans von Reinhard 1823 Bern Niklaus Rudolf von Wattenwyl 1824 Niklaus Friedrich von Mülinen 1825 Luzern Josef Karl Amrhyn 1826 Vinzenz Rüttimann 1827 Zürich David von Wyss 1828 Hans von Reinhard 1829 Bern Niklaus Rudolf von Wattenwyl 1830 Emanuel Friedrich von Fischer 1831 Luzern Josef Karl Amrhyn 1832 Eduard Pfyffer von Altishofen 1833 Zürich Johann Jakob Hess 1834 Conrad Melchior Hirzel 1835 Bern Franz Karl von Tavel 1836 Karl Friedrich Tscharner 1837 Luzern Josef Karl Amrhyn 1838 Georg Jakob Kopp 1839 Zürich Johann Jakob Hess 1840 Johann Konrad von Muralt 1841 Bern Johann Karl Friedrich Neuhaus 1842 Karl Friedrich Tscharner 1843 Luzern Rudolf Rüttimann 1844 Konstantin Siegwart-Müller 1845 1. Jan. 1845 2. April 1845 Zürich Johann Heinrich Emanuel Mousson 1845 2. April 1845 31. Dez. 1845 Jonas Furrer 1846 Ulrich Zehnder 1847 1. Jan. 1847 28. Mai 1847 Bern Alexander Ludwig Funk 1847 28. Mai 1847 5. Nov. 1847 Ulrich Ochsenbein 1847 5. Nov. 1847 2. Dez. 1847 Johann Rudolf Schneider 1847 2. Dez. 1847 31. Mai 1848 Ulrich Ochsenbein 1848 31. Mai 1848 20. Nov. 1848 Alexander Ludwig Funk
Siehe auch Liste von Gesandten der Stände an die eidgenössische Tagsatzung Liste der Gesandten der Republik und des Kantons Wallis an die eidgenössische Tagsatzung
Literatur
Andreas Würgler: Die Tagsatzung der Eidgenossen. Politik, Kommunikation und Symbolik einer repräsentativen Institution im europäischen Kontext 1470–1798. Verlag Bibliotheca Academica, Epfendorf 2014.
Weblinks
Digitalisat der Amtlichen Sammlung der älteren Eidgenössischen Abschiede 1245–1798 Digitalisat der Abschiede der ordentlichen eidgenössischen Tagsatzung 1813–1848
Einzelnachweise
Kategorie:Schweizerische Geschichte (19. Jahrhundert)