Die Hizbullah (Türkei) (Kurdisch: Hizbullahî Kurdî, Türkisch: Kürt Hizbullahı) war eine gewalttätige kurdische islamistische Organisation, die Anfang der 1980er Jahre in Diyarbakır gegründet wurde. Die kurdische Hizbullah strebte die Errichtung eines unabhängigen islamischen Staates nach iranischem Vorbild an. Die Hizbullah richtete ihre Gewalt gegen Andersdenkende, eigene Mitglieder und die Arbeiterpartei Kurdistans. Ihr Führer war Hüseyin Velioğlu. Im Jahr 2000 wurde Velioğlu erschossen und die Organisation zerschlagen.

Name Der Name der Organisation () bedeutet "Partei Gottes" und ist koranischen Ursprungs. Die Hizbullah nahm sich bei der Namenswahl und der radikalen Ausrichtung die iranische Hezbollah zum Vorbild, rekrutiert sich im Gegensatz zu ihr aber aus sunnitischen Muslimen.

Ideologie Fidan Güngör, eines der Gründungsmitglieder der Organisation, erklärte die Frage, wie man es schaffen könne, dass der Islam das Leben bestimme, zum zentralen Anliegen der Hizbullah.Faik Bulut: Kod Adı Hizbullah. Türkiye Hizbullahı’nın Anatomisi. Istanbul 1999, S. 21 Seiner Vorstellung nach sollten in der Anfangsphase wenige Personen zu Kadern ausgebildet werden.Fidan Güngör: Teoriden Pratiğe İslami Hareket. Istanbul 1997, S. 20 Molla Mansur Güzelsoy lieferte die Rechtfertigung für den Einsatz von Gewalt. Man könne das degenerierte und verfaulte soziale Gefüge nicht reformieren. Man müsse alles einreißen und die Struktur neu errichten. Das ginge nicht ohne Gewalt. Das vorhandene System betrachtete die Hizbullah dabei als Dschāhilīya.Faik Bulut: Kod Adı Hizbullah. Türkiye Hizbullahı’nın Anatomisi. Istanbul 1999, S. 22f.

Geschichte An den vorbereitenden Versammlungen in den Jahren 1979 und 1980 nahmen folgende Personen teil Ekrem Baytap, Mehmet Kaya, Gudbettin Gök, Tevfik Durmaz, Zübeyir Gümüş und Ali Ateş. Die erste Gruppe kam schwerpunktmäßig aus dem kurdischen Batman. Zunächst beschränkte man sich auf tebliğ (Verkündung, Missionierung). Man traf sich in Buchläden, Moscheen und Teehäusern, z. B. im Buchladen Cem Kitabevi in Batman, der Ekrem Baytap gehörte. Später stießen Hüseyin Velioğlu und Abdullah Yiğit hinzu und die Zentrale der Hizbullah verlagerte sich nach DiyarbakırFaik Bulut: Kod Adı Hizbullah. Türkiye Hizbullahı’nın Anatomisi. Istanbul 1999, S. 60f., was angesichts des Ausnahmezustands kurz nach dem Putsch von 1980 für Spekulationen sorgte.Bericht der Cumhuriyet vom 24. April 1998

Die konstituierende Sitzung fand dann in Diyarbakır im Buchladen Vahdet Kitabevi statt, der Abdulvahap Ekinci gehörte. Teilnehmer waren Fidan Güngör, Hüseyin Velioğlu, Ubeydullah Dalar, Abdullah Yiğit (Mehmet Ali Bilici), Mansur Güzelsoy.Faik Bulut: Kod Adı Hizbullah. Türkiye Hizbullahı’nın Anatomisi. Istanbul 1999, S. 62

Parallel dazu entwickelten sich 1981 auch in Kasımpaşa Gesprächskreise mit sieben bis acht Teilnehmern aus Kreisen der Akıncılar oder der MHP. Ab 1983 machte dieser Zweig durch Raubüberfälle von sich reden. Teilnehmer des Kreises in Batman vom Cem Kitabevi nahmen von 1981 bis 1983 an den Treffen in Istanbul teil. Angehörige der Gruppe wurden 1984 gefasst nach einem Raubüberfall auf einen Juwelier in Istanbul. Bei Verhören geben sie an, Mitglieder der Hizbullah zu sein. Bei Hausdurchsuchungen fand man Waffen und Dokumente, die dies bestätigten. Insgesamt soll die Gruppe 19 Überfälle begangen haben. Ziel sei die Gründung eines Islamischen Staates gewesen. Die Überfälle orientierten sich am Vorbild der Raubzüge des Propheten gegen die Ungläubigen Mekkaner.Faik Bulut: Kod Adı Hizbullah. Türkiye Hizbullahı’nın Anatomisi. Istanbul 1999, S. 63f.

1981 gründete Fidan Güngör den Buchladen Menzil. Hüseyin Velioğlu gründete 1982 den Buchladen İlim. Bis 1987 haben die Gruppen, die sich um die Buchläden Menzil und İlim gebildet haben, zusammengearbeitet. Common Dreams News CenterVgl. Parlamentsbericht aus der Tageszeitung Cumhuriyet vom 2. Februar 2000.

Als weitere Gruppierungen innerhalb der Hizbullah wurden genannt: Tevhid, angeführt von Nurettin Şirin und Mehmet Şahin; Yeryüzü, angeführt von Burhan Kavuncu.

Regionale Zentren Batman Hier befand sich der Buchladen İlim Kitabevi. Der Menzil-Flügel organisierte sich hier als Fecir-Grubu. Der religiöse Führer war laut Polizei İhsan Yeşilırmak, der weltliche Giyasettin Uğur. Beide wurden von Anhängern des İlim-Flügels ermordet. In Batman starben weitaus die meisten Menschen in Auseinandersetzungen mit der PKK oder innerhalb der Hizbullah.

Silvan Hier befand sich im Dorf Susa lange Zeit das Zentrum der Hizbullah. Die PKK beging in dem Dorf ein Massaker. Ab 1992 herrschte der İlim-Flügel. Führer war ein Molla namens Mele Mehmet.

Diyarbakır Diyarbakır war Gründungsstadt der Organisation. Das Viertel Bağlar galt lange als befreite Zone der Hizbullah.

Weitere regionale Schwerpunkte Weitere regionale Schwerpunkte waren Mardin, Van und Gaziantep. In Gaziantep trat die Hizbullah dabei unter der Bezeichnung Vasat auf. Bekannt wurde der Bombenanschlag am 14. September 1997 auf einen Bücherstand eines Buchladens der Bibel verkaufte bei einer Buchmesse. Dabei starb ein Kind. Anfang des Jahres 2000 ging die Vasat-Fraktion in Gaziantep dazu über, Imame zu bedrohen und zu erpressen. Weitere regionale Zentren waren Malatya, Adıyaman und Şanlıurfa.

Konflikt zwischen Menzil und İlim Meinungsverschiedenheiten zum Führungsstil und zum Beginn von bewaffneten Aktionen führten im Jahre 1987, als Hüseyin Velioğlu seinen Buchladen İlim nach Batman verlegte, zur Trennung der beiden Flügel. Der sogenannte İlim-Flügel, unter der Führung von Hüseyin Velioğlu, beharrte darauf, den bewaffneten Kampf sofort zu führen. Güngör wollte zunächst eine ausreichende Zahl an Kadern schaffen und dann den bewaffneten Kampf aufnehmen. Bei einem Treffen beider Führer zur Ausräumung der Konflikte im Dorf Yolaç soll Velioğlu Güngör gedroht haben, ihn einzukerkern, falls man nicht sofort zu den Waffen greife.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. 61 In der Folge kam es zu blutigen Auseinandersetzung zwischen beiden Flügeln. Bei dem Machtkampf zwischen Güngör und Velioğlu ging es auch um Profit aus Lösegeldern, Spenden (fitre, zekât, infak) oder Opfertierhäute.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. S. 64ff.

Mit Beginn der 90er Jahre tat sich dann der İlim-Flügel mit Morden an Sympathisanten der PKK hervor.

Am stärksten war Hizbullah neben Batman im Kreis Cizre der Provinz Şırnak, im Kreis Nusaybin der Provinz Mardin und im Kreis Silvan der Provinz Diyarbakır organisiert. Dort geschahen viele Morde. Lange Zeit benutzte die Organisation das Dorf Yolaç als Stützpunkt. Anfangs waren beide Flügel in Silvan vertreten, bis 1992 der İlim-Flügel die Oberhand gewann.

Hinweise auf Kooperation mit dem Staat Als gesichert gilt, dass Angehörige der Sicherheitsapparate die Hizbullah unterstützten. Bei Durchsuchungen gegen die Vasat-Gruppe in Gaziantep wurden beispielsweise Waffen sichergestellt. Bei Verhören gab der Verantwortliche für den bewaffneten Kampf Mehmet Yıldırım zu Protokoll, man habe die Waffen und Sprengmittel von einem Bereitschaftspolizisten aus Siirt erhalten. Dieser wurde verhaftet.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. 81 Auch Innenminister Mehmet Ağar räumte bei seinen Aussagen vor dem Verfassungs- und Justizausschuss am 27. Januar 2000 ein, dass es Polizisten gegeben haben mag, die Sympathie für Ziele der Hizbullah gehabt hätten.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. 97 Der Politiker und ehemalige Minister Fikri Sağlar sagte in einem Interview mit der Zeitschrift Siyah-Beyaz (Schwarz-Weiß), dass die Armee die Hizbullah nicht nur benutzte, sondern sie gründete und förderte. Er behauptete, dass 1985 ein entsprechender Beschluss gefasst wurde.Zitiert im von Human Rights Watch unter Berufung auf das Buch von Faik Bulut und Mehmet Farac: Kod Adı: Hizbullah (Deckname: Hizbullah), Verlag Ozan, März 1999. Der damalige Gouverneur für das Gebiet unter Ausnahmezustand, Ünal Erkan sagte der Tageszeitung Milliyet, dass sie nicht beabsichtigten, militante Organisationen aufzulösen, so lange die PKK nicht beseitigt sei.Tageszeitung Milliyet vom 17. Februar 1993

Die Zeitschrift "2000'e Doğru" vom 16. Februar 1992 berichtete, dass nach Aussagen von Augenzeugen und Sympathisanten der Hizbullah, Mitglieder der Organisation in Diyarbakır in der Zentrale der schnellen Eingreiftruppe ausgebildet wurden. Nach Aussagen eines Wachpostens kamen einige Personen mit Bärten und den typischen Pluderhosen gegen Mitternacht in die Zentrale der Schnellen Eingreiftruppe und hielten dort eine Versammlung ab. Zwei Tage nach dem Erscheinen dieses Artikels wurde der Verfasser Halit Güngen durch Unbekannte ermordet.

Namık Tarancı, der für die Wochenzeitschrift Gerçek in Diyarbakır arbeitete, wurde am 20. November 1992 erschossen. In der Ausgabe von Gerçek vor seinem Tod waren Berichte zur Verquickung von Staat und Hizbullah erschienen. Hafız Akdemir, Journalist von Özgür Gündem wurde am 8. Juni 1992 in Diyarbakır erschossen. Er hatte berichtet, dass ein des Mordes im Auftrag der Hizbullah verdächtigter Mann nach sechs Wochen freigelassen wurde, ohne vor Gericht zu erscheinen.

Morde und Verfolgung Charakteristisch für Gewalttaten der Hizbullah war die Verwendung der Pistole vom Typ Makarow oder einer Kopie dieser 9-mm-Pistole aus dem Nordirak, im Gegensatz zur PKK, die Kalaschnikows verwendete und sie keleş nannte. Vollstrecker der Hizbullah töteten ihre Opfer in der Regel mit einem Schuss in den Nacken. Die Waffen für einen geplanten Anschlag wurden per Kurier übergeben. Bisweilen setzte man auch Handgranaten oder Fleischermesser (satır) ein. Diese Messer nannte man sallama. Diese Gruppe von Tätern nannte man satırcılar, aber man hegte ihnen gegenüber innerhalb der Organisation Bedenken.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. 176ff.

Nach polizeilichen Ermittlungen hatten gefasste Hizbullah-Mitglieder den Auftrag zum Suizid, falls die Gefahr bestehe, dass sie unter dem Verhör zusammenbrächen. Selbstmörder der Organisation wurden zu Märtyrern erklärt. Beispielhaft ist dafür der Fall von Abdulsamet İrdem („die Blume der Hizbullah“). In den Moscheen der Hizbullah wurde monatlich Geld eingesammelt für die Hinterbliebenen von den Şuheda. Um polizeilichen Ermittlungen zu erschweren, verwendete die Hizbullah Codenamen, denen ein schwer durchschaubares System zugrunde lag, das man çaprazkod (etwa Überkreuzkodierung) nannte, bei dem ein Mitglied unterschiedliche Codenamen von unterschiedlichen Hierarchieebenen erhält.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. 34f.

In den Jahren 1990 bis 1995 richteten sich die politischen Morde der Hizbullah besonders gegen PKK-Anhänger. 1996 wurde erstmals der Staat ins Visier genommen. Aktivisten beschossen Angehörige einer Sondereinheit der Polizei in Pirinçlik. Anfang der Jahre 2000 eskalierte die Zahl der internen Abrechnungen. Man tötete auch Anhänger, die polizeilich verhört worden waren, als vermeintliche Agenten.Mehmet Faraç: Hizbullah'ın Kanlı Yolculuğu. Istanbul 2002, S. 78

Der İlim-Flügel tötete die Menzil-Anhänger und Gründungsmitglieder Ubeydullah Dalar (Dezember 1992) und Fidan Güngör (12. September 1994). Mitte Dezember 1999 begannen in Istanbul Entführungen kurdischer Unternehmer aus Nurcu-Kreisen. So verschwand zum Beispiel İzettin Yıldırım, dessen Leiche mit sechs weiteren am 28. Januar 2000 in Kartal entdeckt wurde. Währenddessen versammelten sich Gendarmerie und Polizei der kurdischen Regionen in Diyarbakır unter Vorsitz des Sondergouverneurs Gökhan Aydıner, um das Vorgehen gegen die Hizbullah zu koordinieren.