Adolf-Hitler-Schulen (AHS) waren Internate in der Zeit des Nationalsozialismus, die den Nationalpolitischen Erziehungsanstalten („Napolas“) ähnelten und zu den nationalsozialistischen Ausleseschulen zählten.
Die Adolf-Hitler-Schulen sind nicht mit einer großen Zahl von Schulen zu verwechseln, die 1933 den Namen Adolf-Hitler-Schule erhalten hatten; vergleiche beispielsweise die Martin-Luther-Schule in Marburg, das Werner-Heisenberg-Gymnasium in Heide, die Nordstadtschule in Pforzheim, die Paul-Werner-Oberschule in Cottbus oder die Goethe-Schule Flensburg.
Entstehung und Aufgabe Baldur von Schirach hatte vergeblich versucht, die elitären Nationalpolitischen Erziehungsanstalten unter seinen Einfluss zu bekommen. Die fünfjährige Schulzeit (vor dem Krieg war ursprünglich eine sechsjährige Schulzeit vorgesehen) wurde mit dem Diplom der Adolf-Hitler-Schulen abgeschlossen, das dem staatlichen Abitur gleichgesetzt war und den Absolventen jede Partei- und Staatslaufbahn öffnen sollte. Der Besuch der Schulen war unentgeltlich, d. h. es wurde kein Schulgeld erhoben.
Während die Napolas dem Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung und damit dem Reichsminister Bernhard Rust unterstanden, hatten die Gauleiter der NSDAP bzw. die Hitler-Jugend unter Reichsjugendführer Baldur von Schirach und die Deutsche Arbeitsfront unter Robert Ley die Kontrolle über die Adolf-Hitler-Schulen. Die Gründung von Adolf-Hitler-Schulen kann man mit der Verfügung von Adolf Hitler auf den 15. Januar 1937 datieren, an dem er die Genehmigung erteilte, dass die „neueinzurichtenden nationalsozialistischen Schulen, die gleichzeitig als Vorschulen für die nationalsozialistischen Ordensburgen gelten sollen“,Denkschrift Die Adolf-Hitler-Schule. Verlag der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1937, S. 4. seinen Namen tragen durften. Allerdings herrschte zu diesem Zeitpunkt über wichtige organisatorische Aspekte oder die Finanzierung noch Unklarheit, und die Planungen waren de facto auch erst im Februar und März 1937 so weit vorangeschritten, dass einzig in der NS-Ordensburg Krössinsee in Hinterpommern am 19. April der Schulbetrieb aufgenommen werden konnte. Die Schüler wurden dabei aus zehn beteiligten Gauen zusammengefasst, wobei jeder Gau 30 Schüler im Alter von 12 bis 13 Jahren zu stellen hatte.
Struktur Reichsjugendführer Baldur von Schirach und der Leiter der Deutschen Arbeitsfront (DAF) Robert Ley gaben am 17. Januar 1937 eine Erklärung ab, in der die AHS näher definiert wird. Sie wurde zu einem Zeitpunkt abgegeben, zu dem Ziele und Aufgaben der AHS noch nicht klar waren, und war der raschen Veröffentlichung durch die beiden Initiatoren geschuldet. Sie beinhaltete vorerst folgende sechs Punkte:Robert Ley, Baldur von Schirach: Erklärung vom 17. Jänner 1937. In: Denkschrift Die Adolf-Hitler-Schule. Verlag der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1937, S. 4.
Die Adolf-Hitler-Schulen (AHS) sind Einheiten der Hitlerjugend (HJ) und werden von dieser verantwortlich geführt. Lehrstoff, Lehrplan und Lehrkörper werden von den unterzeichnenden Reichsleitern reichseinheitlich bestimmt. Die AHS umfasst sechs Klassen. Die Aufnahme erfolgt im Allgemeinen mit dem vollendeten zwölften Lebensjahr. Aufnahme in die AHS finden solche Jungen, die sich im Deutschen Jungvolk hervorragend bewährt haben und von den zuständigen Hoheitsträgern in Vorschlag gebracht werden. Die Schulausbildung ist unentgeltlich. Die Schulaufsicht gehört zu den Hoheitsrechten des Gauleiters der NSDAP. Er übt sie entweder selbst aus oder übergibt die Ausübung dem Gauschulungsamt. Nach erfolgreicher Reifeprüfung steht dem Adolf-Hitler-Schüler jede Laufbahn der Partei und des Staates offen.
Die Hoheitsträger der Partei und die HJ-Führer suchten die Schüler aus. Beide Formen der Eliteschule des Dritten Reiches hatten gemeinsam, begeisterte und fähige Nationalsozialisten heranziehen zu wollen. Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass sie als kostenlose Internatsschulen in Burgen und verstaatlichten Internaten angelegt wurden. Während jedoch an den Adolf-Hitler-Schulen als Vorschulen der NSDAP-Ordensburgen die Laufbahn als künftiger Parteifunktionär erwünscht war, fehlte diese Betonung bei den Absolventen der Napola, sie sollten weiterstudieren oder einen Beruf ergreifen.
Standorte Schulen Vorerst (bis 1941) waren zehn AHS geplant, die gleichzeitig unter drei Bezeichnungen (Schulnummer; Benennung nach dem Gau; zukünftiger Standort) geführt wurden.
Die Grundsteinlegung für die AHS in Waldbröl fand feierlich am 15. Januar 1938 statt; mit dem Bau der neun übrigen AHS wurde gleichzeitig begonnen.Paul Bruppacher: Adolf Hitler und die Geschichte der NSDAP Teil 2: 1938 bis 1945, S. 13 ()
Laufende NummerierungBenennung nach dem GauZukünftiger StandortSchulleiterHarald Scholtz: Nationalsozialistische Ausleseschulen. Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973, ISBN 3-525-36156-4, S. 210.ArchitektBarbara Feller, Wolfgang Feller: Die Adolf-Hitler-Schulen. Pädagogische Provinz versus ideologische Zuchtanstalt. Weinheim u. a. 2001, S. 39.Schule 1 Ostpreußen Tilsit Hannes Klauke, Wilhelm Lenz (ab 1938), Ludwig Magsam (ab 1943) Erich zu PutlitzSchule 2 Kurmark Potsdam (dann: Frankfurt (Oder)) Reinhard Meinung (ab 1938) Hanns DustmannSchule 3 Köln-Aachen Waldbröl W. Kirsch (zeitw. H. Steinbronn) Clemens KlotzSchule 4 Koblenz-Trier (dann: Moselland) Koblenz August Buttkereit Clemens KlotzSchule 5 Sachsen Plauen Rudolf Raab N.N.Schule 6 Thüringen Weimar Horst Munske Hermann GieslerSchule 7 Franken Hesselberg H. Roloff Julius Schulte-FrohlindeSchule 8 München-Oberbayern Mittenwald (dann: Chiemsee) H. Kreissl Carl VessarSchule 9 Mecklenburg Heiligendamm Max Klüver, H. Gause (1938) Hanns DustmannSchule 10 Saarpfalz (dann: Westmark) Landstuhl Jupp Madert Rudolf Krüger Im Jahr 1941 entstand die Schule 11 und im Jahr 1943 kam die Schule 12 durch Abspaltung aus der Schule 8 hinzu.Barbara Feller, Wolfgang Feller: Die Adolf-Hitler-Schulen. Pädagogische Provinz versus ideologische Zuchtanstalt. Weinheim u. a. 2001, S. 60.
Laufende NummerierungBenennung nach dem GauZukünftiger StandortSchulleiterSchule 11 Schlesien Wartha Walter Stopp (zeitw. H. Lischner)Schule 12 Böhmen-Mähren Iglau Ernst Popp
Da der Schulbetrieb in neuen Schulgebäuden mit der entsprechenden nationalsozialistischen Architektur stattfinden sollte, wurden die Schüler der oben stehenden Gaue zuerst gemeinsam in der Ordensburg Krössinsee in Hinterpommern zusammengefasst. Der Spatenstich für die geplanten zehn AHS-Gebäude erfolgte am Jahrestag der oben erwähnten Verfügung Adolf Hitlers am 15. Januar 1938 gleichzeitig in allen zehn Gauen. Robert Ley und Baldur von Schirach nahmen die Grundsteinlegung persönlich in der Schule 3 in Waldbröl vor, während in den anderen Gauen die Gauleiter diese Aufgabe übernahmen.
Aufgrund des Krieges und der Knappheit an Arbeitskräften und Material gerieten die Bauvorhaben ins Stocken, so dass alle Schulen mit einer Gesamtschülerzahl von rund 1.500 im Jahr 1940 in der Ordensburg Sonthofen (Oberallgäu) untergebracht wurden. Diese Lösung war offenbar unbefriedigend, so dass man nach Alternativen suchte. Da die geplanten Bauten nicht in angemessener Zeit fertigzustellen waren, ging man dazu über, adäquate Gebäude zu suchen.
Vorläufige Standorte der Schulen Darum begann man im Herbst 1941 mit der Auslagerung der Schulen an folgende provisorische Standorte: NS-Ordensburg Krössinsee (Schule 1) Schloss Drachenburg, Königswinter (Schule 3) NS-Ordensburg Vogelsang (Schulen 4, 7 und 10) Schloss Sonnenstein (als AHS Plauen/Vogtl.) (Schule 5) Schloss Blankenhain bei Weimar (Schule 6) NS-Ordensburg Sonthofen, Oberallgäu (Schulen 2, 8 und 9)
Auswahl der Schüler mini|Adolf-Hitler-Schule: „Hitlerjunge vom Dienst“ kontrolliert die Spinde seiner Mitschüler Für die Auswahl geeigneter Schüler sollten die Gauleiter der ausgewählten Gaue, später alle Gaue, folgende Kriterien heranziehen: „Bewertung des Jungen durch die Hitler-Jugend. Hat sich der Junge im Kreise der Jugend bereits als Führernatur, gewissermaßen als Rädelsführer hervorgetan und durchgesetzt? Den einwandfreien rassischen Nachweis seiner Vorfahren (Richtlinien des Rassenpolitischen Amt, selbstverständlich werden uneheliche Kinder den ehelichen gleichgesetzt, soweit sie dieser Bedingung Genüge erweisen). (Anmerkung: Es wurde ein Ahnennachweis zurückreichend bis zum 1. Januar 1800 gefordert.) Konnten die Dokumente für den sogenannten Ariernachweis nicht lückenlos beigebracht werden, bestand die Möglichkeit, sich durch das SS-Rasse- und Siedlungshauptamt nach den Regeln der nationalsozialistischen Rassenlehre anhand von eingesandten Fotos die sogenannte Rassenreinheit bescheinigen zu lassen. Dieses fragwürdige biometrische Verfahren wurde bei Theo Sommer durchgeführt, ehe er als 12jähriger Schüler Aufnahme in Sonthofen fand.Theo Sommer: Zeit meines Lebens. Erinnerungen eines Journalisten. Ullstein Buchverlage, Berlin 2022, ISBN 978-3-8437-2885-0 Völlige Gesundheit. Nachweis der Erbgesundheit der Sippe. Betätigung der Eltern in der völkischen Gemeinschaft (Parteizugehörigkeit, Tätigkeit in den Gliederungen der Partei und den angeschlossenen Verbänden)“Denkschrift Die Adolf-Hitler-Schule. Verlag der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1937, S. 10.
Ab 1938 wurden die Auswahlkriterien präzisiert und von Gebietsführer Kurt Petter, dem Inspekteur der AHS, Weisungen herausgegeben, wie die technische und auch qualitative Durchführung der Ausleseverfahren zu geschehen habe. Neben den oben genannten Kriterien wird bei den Weisungen deutlich, dass neben den kognitiven Fähigkeiten, die die Schüler in den Auswahlgruppen von ca. acht Pimpfen beweisen mussten, der gesamte Tagesablauf zur Bewertung herangezogen wurde.
Prominente Schüler Wolfgang Grönebaum, deutscher Schauspieler, Hörspiel- und Off-Sprecher.Franz Albert Heinen: NS-Ordensburg Sonthofen. In: Historisches Lexikon Bayerns Hardy Krüger, deutscher Filmschauspieler, Hörspielsprecher, Synchronsprecher und Schriftsteller; NS-Ordensburg Sonthofen Helmutz Morlock (1929–2017), deutscher Architekt; NS-Ordensburg Sonthofen Jakob Muth, deutscher Volksschullehrer und Pädagogik-Professor; NS-Ordensburg Sonthofen Theo Sommer, deutscher Historiker und Publizist; NS-Ordensburg Sonthofen
Pädagogisches Konzept Lehrplan Neben einem erweiterten Sportunterricht fanden Wehrsportlager statt, da das Lagerleben in der Kameradschaft betont wurde.Arnd Krüger: „Es gab im Grunde keine Sportstunde, die, von Gesten abgesehen, anders verlaufen wäre als vor- und nachher.“ Realität und Rezeption des nationalsozialistischen Sports. In: Mechthild von Schoenebeck (Hrsg.): Vom Umgang des Faches Musikpädagogik mit seiner Geschichte (= Musikpädagogische Forschung. Bd. 22). Verlag Die Blaue Eule, Essen 2001, ISBN 3-89206-046-0, S. 19–41, pedocs.de (PDF; 6,3 MB).
Grundsatz Laut dem späteren Herausgeber der Wochenzeitung Die Zeit, Theo Sommer, Schüler an der Adolf-Hitler-Schule Sonthofen, galt an den AHS der Grundsatz „Gute Kameraden muss man sein“. Er verweist damit auf den höheren Stellenwert der Kriegsertüchtigung im Gegensatz zum Lehrbetrieb.Setzen, Sechs! – Schulgeschichten aus Deutschland (1/3). Verlorene Kindheit. Dokumentarfilm von Dora Heinze im Auftrag des SWR. Deutsche Erstausstrahlung am 8. Dezember 2005
Literatur Hans-Peter de Lorent: Die Verantwortlichen im Hamburger Bildungswesen unterm Hakenkreuz. Bd. 1. Landeszentrale für politische Bildung, Hamburg 2016, ISBN 978-3-929728-92-7. Rainer Hülsheger: Die Adolf-Hitler-Schulen 1937–1945, Suggestion eines Elitebewusstseins. Beltz, 2015, ISBN 978-3-7799-2653-5. Kapitel 3: Gründung und Konzeptionierung der AHS, S. 20–26 Barbara Feller, Wolfgang Feller: Die Adolf-Hitler-Schulen. Pädagogische Provinz versus ideologische Zuchtanstalt. Juventa, Weinheim 2001, ISBN 3-7799-1413-1.