Atlantic City, USA [] ist ein Spielfilm des Regisseurs Louis Malle in französisch-kanadischer Koproduktion aus dem Jahr 1980. Burt Lancaster spielt in diesem Kriminaldrama mit komödiantischen Untertönen den alternden Möchtegern-Gangster Lou, dem durch die Begegnung mit der jungen Sally (Susan Sarandon) seine langgehegten Wünsche erfüllt werden. Die Stadt Atlantic City spielt an ihrem Wendepunkt vom heruntergekommenen Seebad zum modernen, unpersönlichen Spielerparadies eine Hauptrolle im Film.

Handlung

Lou Pascal, ein heruntergekommener kleiner Ganove in Atlantic City, kümmert sich um die bettlägerige und launische Ex-Schönheit Grace Pinza. Jeden Abend beobachtet er heimlich seine Nachbarin Sally Matthews, während sie sich am Fenster stehend zur Musik einer Arie aus Norma ihre Arme und Brüste mit Zitronensaft reinigt. Sally arbeitet in einem Casino an der Austernbar, will aber Black-Jack-Kartendealerin werden, wofür sie bei dem lüsternen Franzosen Joseph Unterricht nimmt.

Sallys Ex-Ehemann Dave und ihre von Dave schwangere Schwester Chrissie, zwei Hippies, die in Philadelphia Kokain von der Rauschgiftmafia gestohlen haben, tauchen bei Sally auf und wollen bei ihr Unterschlupf haben. Sally setzt Dave nach einem Streit vor die Tür. Dave will das Rauschgift in der Unterwelt von Atlantic City verkaufen und trifft dabei auf Lou, den er überredet, mit ihm zusammenzuarbeiten. Während Lou einen Teil des Kokains an den Mann bringt, finden Felix und Vinnie, die bestohlenen Rauschgift-Gangster aus Philadelphia, Dave, verfolgen ihn durch ein Parkhaus und töten ihn.

Lou trifft die von der Polizei benachrichtigte Sally im Krankenhaus an Daves Totenbett, gibt sich ihr als ihr Nachbar zu erkennen und bietet ihr an, sich um Daves Begräbnis zu kümmern. Während Sally langsam Vertrauen zu Lou fasst, verwandelt dieser sich durch neue Kleidung aus dem Erlös des Kokainverkaufs in den wohlhabenden und weltgewandten Gangster, der er immer sein wollte. Sie essen zusammen und haben, nachdem Lou ihr beichtet, dass er sie täglich beobachtet, in Sallys neuer Wohnung, die sie bald beziehen will, miteinander Sex.

Vor ihrem Appartementhaus lauern Felix und Vinnie dem Paar auf und greifen Sally an, um an das Rauschgift zu kommen. Lou wird mit einer Waffe bedroht und steht hilflos daneben. Als die beiden Gangster abziehen, bemerken Lou und Sally, dass Sallys alte Wohnung durchsucht und verwüstet ist. Sally erfährt von Chrissie vom Kokaindiebstahl, während Lou seine Sachen und eine Pistole packt und den Gangstern die Information zukommen lässt, er habe das Geld und den Rest des Rauschgifts. Sally ist wütend auf Lou und will ihn zur Rede stellen. Sie erfährt, dass das Casino ihr wegen ihres kriminellen Ex-Ehemanns gekündigt hat. Joseph will sie zur Prostitution zwingen. Als Sally Lou findet und sie über die Verwendung des Drogengeldes diskutieren, werden sie abermals von Felix und Vinnie angegriffen. Lou erschießt die beiden Gangster, und das ungleiche Paar flieht aus Atlantic City. Als die beiden merken, dass sie keine gemeinsame Zukunft haben können, fährt Sally in eine ungewisse Zukunft, vielleicht in Frankreich, davon, während Lou nach Atlantic City zurückkehrt und zusammen mit der genesenen Grace den Rest des Kokains verkauft. Arm in Arm wandern Lou und Grace über den Boardwalk von Atlantic City.

Entstehungsgeschichte Skript und Vorproduktion Nach Malles erstem amerikanischen Film, dem kontrovers diskutierten Pretty Baby, ergab sich für ihn 18 Monate lang keine Möglichkeit, ein Filmprojekt zu verwirklichen. Mitte 1979 bekam er das Angebot, den Krimi The Neighbor von Laird Koenig zu verfilmen: Ein kanadischer Filmfonds hatte fünf Millionen Dollar und ein fertiges Drehbuch bereitgestellt; die Voraussetzung war, dass der Film bis zum Jahresende 1979 abgedreht sein musste, um die Steuersparmöglichkeiten zu nutzen. Malle mochte das Drehbuch nicht, willigte jedoch unter zwei Voraussetzungen ein: Der Dramatiker John Guare, der am Broadway bereits Erfolge gefeiert hatte, sollte ein komplett neues Drehbuch zu dem Stoff verfassen und Malles damalige Freundin Susan Sarandon sollte neben einem noch zu findenden kassenträchtigen Hollywoodstar die Hauptrolle spielen.Southern/Weissgerber S. 185–200.

Malle und Guare diskutierten, wo der Film spielen solle und kamen auf Atlantic City, das durch die kürzlich erfolgte Legalisierung des Glücksspiels landesweit in den Schlagzeilen war. Sie besuchten Atlantic City und waren fasziniert von der Situation des Umbruchs und der Ambivalenz der Stadt. Malle sagte: „Wir sahen den Glamour, und wir sahen die Widersprüche. Hinter der glänzenden Fassade war die Stadt im wahrsten Sinne des Wortes ein einziger Slum.“French: S. 171–184. Buchstäblich am Tag ihres Besuchs konstruierten die beiden die Geschichte, die sie erzählen wollten anhand dessen, was sie sahen und erlebten. Guare erinnert sich: „Wir gingen in das Resort International […] und da gab es eine Austernbar. Da waren lauter hübsche Mädchen und wir fragten: ‚Wer sind die?‘. Man sagte uns: ‚Nun, die wollen alle Kartendealer werden, aber um Blackjack-Dealer zu sein, musst du erst drei oder vier Monate hier arbeiten, um zu zeigen, dass du bei der Stange bleibst.‘ Wir sagten: ‚Oh ja, das passt genau für Susan.‘“

Malle reiste nach Frankreich und Guare folgte ihm, um dort innerhalb von zwei Wochen das komplette Drehbuch neu zu schreiben. Für die männliche Hauptrolle des alternden Gangsters wurden Henry Fonda, James Mason, James Stewart und Laurence Olivier in Betracht gezogen. Malles Favorit war der von ihm verehrte Robert Mitchum, doch der hatte, frisch geliftet, kein großes Interesse an einer Altersrolle. Schließlich war Burt Lancaster bereit, den Herren im gesetzten Alter zu spielen und erkannte das Potential des Skripts, in dieser Rolle brillieren und in selbstironischer Weise seinem Lebenswerk einen späten Höhepunkt hinzufügen zu können. Für die Rolle der Grace wurde zuerst Ginger Rogers angefragt, die aber die bettlägerige, tyrannische Figur als zu peinlich für sie ablehnte. Die Kanadierin Kate Reid übernahm schließlich die Rolle.

Produktion und Nachproduktion Die Dreharbeiten begannen mit einem kanadisch-französisch-amerikanischen Team im Oktober 1979. Zuerst wurden alle Außenaufnahmen in Atlantic City gedreht, dann die Innenaufnahmen im Studio in Montreal. Lancaster, der über ein gefürchtet großes Ego verfügte, zeigte sich während der Dreharbeiten ziemlich respektlos gegenüber Malle und Sarandon. Er wollte seine Rolle schwieriger und aggressiver anlegen und geriet darüber mit Malle in Streit. Erst in ihrer gemeinsamen Verehrung für die Regiegröße Luchino Visconti fanden die beiden wieder einen Ansatzpunkt für die weitere Zusammenarbeit. Lancaster setzte jedenfalls durch, dass der Schluss zu einem Casablanca-ähnlichen Ende abgeändert wurde, bei dem Lou nicht als Betrogener von Sally im Stich gelassen wird, sondern er das Heft in der Hand behält, als Sally ihn verlässt.

Pünktlich zum 31. Dezember waren die Dreharbeiten beendet, aber ein Studio für die Distribution und die Vermarktung des Films zu finden gestaltete sich schwierig. Paramount, das gerade mit Reds und Ragtime einen Verlust von 10 Millionen Dollar gemacht hatte, willigte erst nach dem Gewinn des Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen von Venedig ein, den Film zu vermarkten. Deshalb kam er in den Vereinigten Staaten erst im April 1981 in die Kinos, während er in Europa bereits 1980 angelaufen war. Im deutschen Fernsehen war der Film erstmals am 2. Oktober 1982 um 22.20 Uhr in der ARD zu sehen.

Rezeption und Nachwirkung Der Film wurde in Europa und den Vereinigten Staaten von Kritik und Publikum gut aufgenommen. Während in Amerika die Zuschauer den Hintergrund des Umschwungs der heruntergekommenen Stadt gut verstanden, stieß der Film lediglich in Malles Heimat Frankreich auf Ablehnung. Der Kritiker Claude-Michel Cluny äußerte sich in der Filmzeitschrift Cinéma: „Ich muss Ihnen mitteilen, dass es nichts Wundervolles über Atlantic City zu berichten gibt, einen Film, der allein durch seinen holzschnittartigen dramatischen Grundaufbau ins Schleudern kommt“. Die Kritiker der Les Cahiers du cinéma äußerten sich sarkastisch, die Bilder des Films „im Hamilton-Stil“ akzentuierten die „überzuckerte, rückwärtsgewandte Seite von Atlantic City“. Malle kreiere diese Bilder „mit derselben Lässigkeit, als würde man eine Touristenbroschüre durchblättern“. Frey argwöhnt, dass „überzuckert“ eine Spitze der Cahiers gegen die großbürgerliche Herkunft Malles ist. Dessen Familie hatte ihren Reichtum in der Zuckerindustrie erworben.Frey: S. 108.

Begeisterter zeigte sich die britische Presse: Philip French schrieb im Observer: „Dies ist ein witziger, präziser, ironischer und tieftrauriger Film, der es vermeidet, auf trockene Art zynisch oder […] herablassend zu sein, und zwar wegen der verschrobenen Zuneigung, mit der Malle und Guare ihre Hauptcharaktere betrachten. Der Film setzt kaum einen falschen Akzent.“

Edgar Wettstein urteilte im film-dienst, die Figuren seien „vorzüglich gespielt“, der Film habe aber „einen Zug von glatter Routine“, da ihm „die zupackende Kraft und das Engagement, das auch den Zuschauer miteinbeziehen würde“, fehle.film-dienst Ausgabe 25/1980.

Die amerikanische Presse zeigte sich ebenfalls wohlwollend und sagte ein gutes Abschneiden bei den Oscars voraus. Bruce Williamson schrieb im Playboy zum Film: „Als Gegenpart zu Sarandon legt Burt Lancaster seine beste schauspielerische Leistung seit Jahren hin […]. Guares scharfzüngige Dialoge […] haben den größten Anteil am Erfolg von Atlantic City als verquerer, amoralischer Komödie […]. Ganz schön seltsam, aber auf Dauer einfach unwiderstehlich.“

David Danby äußerte sich differenzierter. Atlantic City sei „süß, lustig und liebenswert, aber es ist nicht viel erzählerischer oder poetischer Schwung drin […]. Guare hat die Tendenz, seine Leitthemen immer wieder zu wiederholen, als ob sie besonders gewichtig oder lustig wären, und der Humanismus des Films wird nach einer Weile […] etwas nervtötend.“

Filmanalyse Der Film als Sozialmärchen Die vordergründigste Sicht des Films ist die eines Sozialmärchens, als einer Fantasie, dass Wünsche wahr werden können: Lou wird zum echten Gangster, wie er es sich immer gewünscht hat. Sally macht ihren Traum wahr und entflieht in eine bessere Welt. Grace überwindet ihr Selbstmitleid und wird zur Gangsterbraut an Lous Seite. Sie träumen alle den amerikanischen Traum, der aber aus Sicht des europäischen Filmemachers auf das alte Europa zurückprojektiert wird: Für Sally ist Frankreich das Ziel ihrer Träume und Wünsche.

Selbstmystifizierung Analog zur Situation der Stadt Atlantic City, ist die Selbstmystifizierung ein Thema des Films. So wie die Stadt lediglich vorgab, eine Mondänität wie europäische Seebäder zu besitzen, wie sie als Bühne der Selbstdarstellung für ihre Besucher diente, so gibt Lou Pascal vor, etwas zu sein, was er nicht ist. Lou stilisiert sich zum Gangsterkollegen von Capone, Lansky und Siegel hoch, doch nichts davon ist wahr. Erst im Laufe des Films entdeckt Lou, dass dieses vorgebliche Selbst wirklich in ihm steckt, dass er stark genug ist, seine Vorstellungen, wie er zu sein habe, wirklich ausleben zu können. Frey sieht den Film als „akkurate und durchdachte Studie der psychologischen Obsession des Protagonisten mit Geschichte“. Lou leide an einem Fehler in seiner Vergangenheit, indem er die Heldenrolle nicht ausfüllen konnte, als ein Freund in einer Schießerei starb und er unfähig war, im zu helfen. Er durchlebe dieses Drama der Vergangenheit erneut und besiege seine Minderwertigkeitskomplexe, indem er dieses Mal Sally vor den Bedrohungen retten könne.Frey: S. 109.

Europäische Sichtweisen