Dieser Übersichtsartikel behandelt die Kultur des Vereinigten Königreichs. Durch die große Bedeutung der englischen Sprache übt sie in der übrigen Welt einen weitreichenden Einfluss aus. Das Vereinigte Königreich ist eine politische Union ehemals voneinander unabhängiger Staaten. Die Regionalkulturen in den vier Teilstaaten England, Schottland, Wales und Nordirland weisen zum Teil erhebliche Unterschiede auf, basierend auf angelsächsischen und keltischen Traditionen. Die Vergangenheit des Landes als weltumspannende Kolonialmacht hatte ebenfalls einen Einfluss auf die britische Kultur, insbesondere seit Mitte des 20. Jahrhunderts, als viele Menschen aus den ehemaligen Kolonien des indischen Subkontinents und der Karibik hierher zogen.

Literatur mini|hochkant|Erste Seite des Beowulf-Manuskripts mini|hochkant|Die Brontë-Schwestern Die früheste Literatur auf dem Territorium des modernen Vereinigten Königreichs (abgesehen von Werken in Latein) wurde in den verschiedenen keltischen Sprachen der Inseln geschrieben. So reicht die Tradition der walisischen Literatur bis ins 6. Jahrhundert zurück; das frühmittelalterliche Mabinogion ist eine Sammlung von Erzählungen der walisischen Barden.Dafydd Johnston: The literature of Wales. University of Wales Press, Cardiff, 2004, ISBN 0-7083-1265-9. Ebenfalls seit dem 6. Jahrhundert nachweisbar ist die Tradition der irischen Poesie, wobei in Nordirland vor allem der Ulster-Zyklus von Bedeutung ist. Die Altenglische Literatur brachte Werke wie Beowulf oder Cædmons Hymnen hervor, doch die gebildete Elite bevorzugte Latein. Bekannte Autoren in dieser Sprache sind Beda Venerabilis und Geoffrey von Monmouth.Anglo-Saxon literature

Nach der normannischen Eroberung Englands brachte die anglonormannische Literatur Einflüsse vom europäischen Festland auf die Britischen Inseln. Die Englische Literatur im eigentlichen Sinne entwickelte sich ab dem späten 14. Jahrhundert mit dem Aufstieg und der Verbreitung des Londoner Dialekts des Mittelenglischen. Als erster namentlich bekannter Schriftsteller der englischsprachigen Literatur gilt Geoffrey Chaucer, der Autor der Canterbury Tales.Hans Ulrich Seeber: Englische Literaturgeschichte. Metzlersche J.B. Verlagsb., 1993, ISBN 3-476-00911-4. Nach der Einführung des Buchdrucks in England durch William Caxton im Jahr 1476 gelangte die Literatur in der elisabethanischen Ära zur Blüte, vor allem im Bereich der Poesie und des Dramas.N.F. Blake: William Caxton and English Literary Culture. Hambledon Press, London 1991, ISBN 1-85285-051-5. Aus dieser Zeit sticht vor allem William Shakespeare hervor.

Im 18. Jahrhundert begann das Zeitalter des englischen Romans. Berühmte Autoren dieser Zeit sind Daniel Defoe, Samuel Richardson und Henry Fielding. Nach einer Periode des Niedergangs belebte der Schotte Robert Burns das Interesse an Literatur in der „Sprache des Volkes“, wobei die Rhyming Weavers von Ulster durch die schottische Literatur in Scots beeinflusst wurden. Die folgenden zwei Jahrhunderte brachten eine noch nie dagewesene Vielfalt an Literatur hervor. Im frühen 19. Jahrhundert erinnerte die Poesie der Romantik an jene der Renaissance, mit Autoren wie William Blake, William Wordsworth, John Keats und Lord Byron. Das viktorianische Zeitalter war die goldene Ära des realistischen englischen Romans, repräsentiert durch Jane Austen, die drei Brontë-Schwestern, Charles Dickens, William Thackeray, George Eliot und Thomas Hardy. Spezialisiert auf Historienromane waren unter anderem Walter Scott und Robert Louis Stevenson.Herbert F. Tucker: A companion to victorian literature and culture. Blackwell, Malden, Mass. 2004, ISBN 0-631-20463-6.

Der Erste Weltkrieg brachte die britischen „Kriegspoeten“ wie Wilfred Owen, Siegfried Sassoon, Robert Graves und Rupert Brooke hervor, die (oft im paradoxen Stil) über ihre Erwartungen an den Krieg und/oder ihre Erlebnisse im Schützengraben schrieben.Poets and poetry of the Great War Im Zuge des Celtic Revival gab es eine vermehrte Anerkennung der traditionellen irischen Literatur. Seit der Unabhängigkeit Irlands im Jahr 1922 wird die irische Literatur als eine von der britischen Literatur eigenständige Richtung gesehen. Die schottische Renaissance des frühen 20. Jahrhunderts modernisierte die englischsprachige schottische Literatur und führte auch zur Einführung neuer Formen in der Literatur des Scots und des Gälischen.

Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts entwickelte der englische Roman eine viel größere Vielfalt, die zusätzlich durch eingewanderte Schriftsteller bereichert wurde. Der Roman ist bis heute die dominierende Literaturform geblieben. Weitere berühmte Romanschriftsteller sind Arthur Conan Doyle, D. H. Lawrence, George Orwell, Salman Rushdie, Mary Shelley, J. R. R. Tolkien, Virginia Woolf, Graham Greene, H. G. Wells und Joanne K. Rowling. Einflussreiche Dichter sind unter anderem Elizabeth Barrett Browning, Ted Hughes, John Milton, Alfred Tennyson, Alexander Pope und Dylan Thomas.

Den Nobelpreis für Literatur gewannen folgende britische Autoren: Rudyard Kipling (1907), John Galsworthy (1932), T. S. Eliot (1948), Bertrand Russell (1950), Winston Churchill (1953), William Golding (1983), Harold Pinter (2005) und Doris Lessing (2007).Liste der Literatur-Nobelpreisträger

Theater mini|hochkant|Aphra Behn Das Vereinigte Königreich besitzt auch eine lange Tradition im Bereich des Theaters. Sie reicht bis in die Zeit der Römer zurück, die im ganzen Land Theater errichteten. Bis zum Mittelalter hatte sich die Pantomime entwickelt, mit der englischen Spezialform des Mummers Play, einer frühen Art des Straßentheaters. Dieses stand in Verbindung mit dem Morris Dance und behandelte Themen wie den Heiligen Georg mit dem Drachen oder Robin Hood. Dabei handelte es sich um Volksmärchen, die auf uralten Erzählungen beruhten. Die Schauspieler reisten von Stadt zu Stadt und gaben ihre Vorstellungen, wobei sie als Gegenleistung Geld und Unterkunft erhielten. Die mittelalterlichen Mysterienspiele und Moralitäten handelten von christlichen Themen und wurden im Rahmen religiöser Feierlichkeiten aufgeführt.

Während der Herrschaft von Königin Elisabeth I. erlebten die englischen Künste und vor allem das Theater eine Blütezeit (siehe Elisabethanisches Theater). Der berühmteste Dramatiker jener Zeit, William Shakespeare, schrieb etwa 40 Theaterstücke, die bis heute auf der ganzen Welt aufgeführt werden. Darunter sind Tragödien wie „Romeo und Julia“ (1595), „Hamlet“ (1603) und „Othello“ (1604), Komödien wie „Ein Sommernachtstraum“ (1595/96) und „Viel Lärm um nichts“ (1599) sowie Historiendramen wie „Heinrich V.“ (1600).Biografie und Werke von William Shakespeare Die elisabethanische Ära wird manchmal scherzhaft als „Zeitalter des Shakespeare“ bezeichnet, dies aufgrund des enormen Einflusses, den er damals hatte. Weitere bekannte Dramatiker des 16. und 17. Jahrhunderts sind unter anderem Ben Jonson, Christopher Marlowe und John Webster.

Während des Interregnums (1642–1660) schlossen die Puritaner aus religiösen und ideologischen Gründen alle englischen Theater. Als die Londoner Theater mit der Wiedereinsetzung der Monarchie wieder ihren Betrieb aufnahmen, erlebten sie dank des persönlichen Interesses und der Unterstützung von König Karl II. eine erneute Blüte. Neue Attraktionen wie die ersten professionellen Schauspielerinnen zogen ein breites und sozial durchmischtes Publikum an (zu Shakespeares Zeiten waren alle weiblichen Rollen von Knaben gespielt worden). Neue Genres waren das heroische Drama, das pathetische Drama und die Restaurationskomödie.Robert David Hume: The Development of English Drama in the Late Seventeenth Century. Clarendon Press, 1976, ISBN 0-19-812063-X. Aus jener Zeit sind die Komödien am besten in Erinnerung geblieben, wie z. B. „The Country Wife“ von William Wycherley (1676), „The Rover“ von Aphra Behn (1677), „The Relapse“ von John Vanbrugh (1696) und „The Way of the World“ von William Congreve.

Im 18. Jahrhundert verlor die provokative Restaurationskomödie die Gunst des Publikums, das sich nun der sentimentalen Komödie, der Tragödie und der italienischen Oper zuwandte. Die Unterhaltung für breite Bevölkerungsschichten wurde in dieser Ära wichtiger als je zuvor, mit der derbkomischen und possenhaften Burleske und den Vorgängern der Varieté („music hall“). Diese Theaterformen blühten auf Kosten des englischen Dramas, das in eine lange Periode des Zerfalls eintrat. Im frühen 19. Jahrhundert waren Dramen überhaupt nicht mehr auf den Theaterbühnen zu sehen, mit Ausnahme des „closet drama“ (Schauspiele, die für die Aufführung in sehr kleinem Rahmen zuhause gedacht waren). Dies änderte sich wieder im späten 19. Jahrhundert, als auf den Londoner Bühnen die Werke der Iren George Bernard Shaw und Oscar Wilde sowie des Norwegers Henrik Ibsen gezeigt wurden. Sie alle waren vom englischen Drama beeinflusst worden und sorgten für dessen Wiederbelebung.

Heute gibt es im Londoner West End eine Vielzahl von Theatern.London's West End Theatres Andrew Lloyd Webber dominierte das West End während vieler Jahre; seine Musicals eroberten auch den Broadway und wurden verfilmt. Die renommierte Royal Shakespeare Company ist von Shakespeares Heimatstadt Stratford-upon-Avon aus tätig und führt hauptsächlich, aber nicht ausschließlich, dessen Werke auf. Wichtige Theaterautoren der Neuzeit sind Alan Ayckbourn, John Osborne, Harold Pinter, Tom Stoppard und Arnold Wesker.

Musik Die britische Musik ist von großer Vielfalt geprägt und hat zahlreiche Musikrichtungen entscheidend mitgeprägt. Dies ist insbesondere seit den 1960er Jahren der Fall, als britische Musiker dazu beitrugen, den Rock ’n’ Roll in aller Welt bekanntzumachen. Seither hat das Land zahlreiche Musikrichtungen und Musiker hervorgebracht, in so unterschiedlichen Stilen wie Heavy Metal, Britpop oder Drum and Bass. Gleichzeitig erlebte auch die traditionelle Volksmusik, der Folk, eine Renaissance. Darüber hinaus besitzt das Land eine jahrhundertealte Tradition der klassischen Musik.

Volksmusik Jeder der vier Teilstaaten (England, Schottland, Wales, Nordirland) besitzt eine eigenständige Volksmusik. Darüber hinaus haben die Isle of Man, Cornwall und die Kanalinseln eigene Stile entwickelt, während die Einwanderer aus den früheren Kolonien ihre Musiktraditionen zu einem großen Teil bewahrt und weiterentwickelt haben.

mini|Parade von Dudelsackspielern Die traditionelle englische Musik basiert auf Instrumenten wie Laute, Hackbrett, Cembalo, Krummhorn, Drehleier und Schalmei und weist beträchtliche regionale Unterschiede auf. Nach der industriellen Revolution war die Volksmusik in ihrer ursprünglichen Form auf die ländlichen Gegenden beschränkt, während in den Industriestädten modernere Formen der Unterhaltungsmusik Anklang fanden. Musiker wie Martin Carthy läuteten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zuge des „roots revival“ so etwas wie eine Wiedergeburt in Form des Folk ein.

Die schottische Volksmusik umfasst zahlreiche unterschiedliche Gesänge wie Balladen und Laments (Klagelieder). Diese werden von einem einzelnen Sänger vorgetragen, der von Dudelsäcken, Fiddles und Harfen begleitet wird. Traditionelle Tänze sind Reel, Strathspey und Jig. Das „roots revival“ wurde hier von Cathy-Ann McPhee und Jeannie Robertson angeführt, die ihrerseits Gruppen wie The Incredible String Band und The Chieftains beeinflussten.Ailie Munro: The Folk Music Revival in Scotland. Kahn & Averill, London 1984, ISBN 0-900707-78-X.

Lange Zeit war die walisische Musik der englischen Kultur untergeordnet und war fast verloren gegangen, weshalb sie im 20. Jahrhundert neu aufgebaut werden musste. Typisch walisische Instrumente sind die Crwth, die Harfe und die Tripelharfe. Die lebendigste Volksmusiktradition weist Nordirland auf, die im Wesentlichen dem Irish Folk entspricht. Typische Instrumente sind Fiddle, Tin Whistle, Bodhrán, Uilleann Pipes und Akkordeon.

Klassische Musik