Als Großmacht bezeichnet man einen souveränen Staat, der einen wesentlichen geopolitischen, strategischen Einfluss hat oder ausübt. Länder, die den Anspruch hegen, eine Großmacht zu sein, oder die diesen Status bereits innehaben, üben mitunter eine Großmachtpolitik oder einfach Machtpolitik aus.

Begriff Der Brockhaus definiert den Begriff „Großmacht“ als Bezeichnung „für einen Staat, dessen Stellungnahme im internationalen Leben (Diplomatie, Friedensschlüsse, Kongresse) berücksichtigt werden musste, weil er sich sogar im Kampf mit der Mehrzahl der anderen Großmächte machtmäßig behaupten konnte“.Brockhaus Enzyklopädie in 20 Bänden. 17., völlig neu bearb. Auflage, Band 7, F.A. Brockhaus, Wiesbaden 1969, S. 711.

Nach dem Philologen Erich Bayer werden diejenigen Staaten als Großmächte bezeichnet, die „einen bestimmenden Einfluss auf die Weltpolitik“ haben. Dies waren im ausgehenden 18. Jahrhundert (nach dem Ausscheiden Schwedens und Spaniens) das Vereinigte Königreich, Frankreich, Russland, Preußen und Österreich. Im 19. und 20. Jahrhundert kamen die USA und Japan dazu.Erich Bayer (Hrsg.): Wörterbuch zur Geschichte. Begriffe und Fachausdrücke (= Kröners Taschenausgabe. Band 289). Kröner, Stuttgart 1960, S. 185.

Der Begriff kam im frühen 19. Jahrhundert auf, als die Hegemonie Frankreichs am Ende der napoleonischen Herrschaft durch die Pentarchie abgelöst wurde, eine beschränkte Kooperation der Siegermächte Russland, Österreich, das Vereinigte Königreich und Preußen mit dem besiegten Frankreich, die sich auf dem Wiener Kongress herausbildete. Zunächst wurden nur diese fünf Mächte so bezeichnet.

Der Begriff Großmacht ist nicht genau definiert, wird aber seit dieser Zeit auch zur Charakterisierung früherer und späterer Machtkonstellationen angewandt.

Anwendung des Begriffs Eine Unterscheidung zwischen großen Mächten und kleineren Spielbällen der Weltpolitik nimmt bereits Ende des 5. Jahrhunderts v. Chr. Thukydides in seinem Melierdialog vor, indem er den Athenern den Satz in den Mund legt: „Die Starken tun, was sie wollen, die Schwachen leiden, was sie müssen!“Thukydides: Der Peloponnesische Krieg. V 89.

Die Begriffsbildung Großmacht bleibt indes der Neuzeit vorbehalten und wird deshalb nur selten zur Charakterisierung der Machtgewichtung im Altertum und Mittelalter herangezogen, wo man eher von Großreichen spricht. So werden in der historischen Fachliteratur das alte Ägypten, Babylon, das Assyrische Reich, das Reich der Hethiter, das Alt- bzw. Neupersische Reich, Karthago, Athen, Sparta, Makedonien bzw. das Alexanderreich, das Seleukidenreich, das Römische Reich und das Kaiserreich China als Großreiche bezeichnet.

Als „Großmächte“ des Frühmittelalters gelten das zum Byzantinischen Reich gewandelte Römische Reich, das Fränkische Reich, das islamische Kalifat und weiterhin China. Im Hochmittelalter entstanden aus dem Frankenreich das Heilige Römische Reich und Frankreich. Das Osmanische Reich verdrängte das Byzantinische Reich als Großmacht. Für die Zeit ihrer Blüte hatten die beiden oberitalienischen Stadtrepubliken Genua und Venedig eine Vormachtstellung im Mittelmeerraum, Ägypten erlangte in der Zeit der Ayyubiden und der Mamluken eine Großmachtstellung, die Mongolenreiche für kurze Zeit sogar eine Hegemonie in Mittel- und Ostasien. Auf dem amerikanischen Doppelkontinent etablierten sich im 15. Jahrhundert die Reiche der Inka und Azteken.

Geschichte

Großmächte in der Epoche der Neuzeit In der frühen Neuzeit hatten aufgrund ihrer Kolonien auch Spanien und Portugal weltweiten Einfluss, später gewannen die Niederlande, das Russische Reich, Schweden, Polen-Litauen, die Habsburgermonarchie, Frankreich, England und nach dem Siebenjährigen Krieg auch Preußen eine Großmachtstellung. Mit dem Verlust einiger ihrer Kolonien bzw. Gebiete im 18. und 19. Jahrhundert verloren die iberischen Länder und die Niederlande jedoch diesen Status wieder, Schweden wurde im Großen Nordischen Krieg durch die neue Großmacht Russland zurückgedrängt. Polen-Litauen verschwand nach den drei Teilungen Polens von der Landkarte. Auf dem indischen Subkontinent etablierte sich seit dem 16. Jahrhundert das Mogulreich als Regionalmacht.

Seit Ende des Siebenjährigen Krieges bestimmte die europäische Pentarchie der zur Zeit des Wiener Kongresses erstmals wörtlich so genannten fünf Großmächte: „Die wichtigsten Entscheidungen [auf dem Wiener Kongress] fielen im Komitee der fünf Großmächte“: Großbritannien, Österreich, Preußen, Russland und Frankreich.

Im Europäischen Ausschuss der acht Signatarmächte des 1. Pariser Friedens saßen darüber hinaus noch Spanien, Portugal und Schweden.Geiss, Imanuel: Geschichte im Überblick. Daten und Zusammenhänge der Weltgeschichte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, S. 404. Das ehemals so mächtige Osmanische Reich galt nur noch als Regionalmacht (Kranker Mann am Bosporus).

In der Epoche des Imperialismus kamen zu den bisherigen fünf europäischen Großmächten zwei außereuropäische Staaten hinzu, die aufgrund ihrer frühen Industrialisierung Großmachtstatus erwarben: Die Vereinigten Staaten von Amerika und Japan.Imanuel Geiss: Geschichte im Überblick. Daten und Zusammenhänge der Weltgeschichte. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1995, S. 437: „Im Zeitalter des Imperialismus stießen zwei überseeische Großmächte mit Kriegen als neue dynamisch expandierende Machtzentren im Fernen Osten und im Fernen Westen zu den europäischen Großmächten – Japan und die USA.“

Mit der Gründung des Deutschen Bundes trat nach zeitgenössischem Urteil Deutschland wieder als „Gesamtmacht in die Reihe der Mächte“, die als Hauptmächte, als grandes puissances oder als europäische Mächte von den Staaten zweiter Ordnung abgehoben wurden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stieg Italien in den Kreis der Großmächte auf, Österreich wandelte sich zu Österreich-Ungarn und Preußen ging im Deutschen Kaiserreich auf. Außerhalb Europas gewannen die Vereinigten Staaten nach dem Sezessionskrieg und Japan nach dem Russisch-Japanischen Krieg eine Großmachtstellung.

20. Jahrhundert Vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges galten das Deutsche Reich, Frankreich, das Vereinigte Königreich, Italien, Japan, die Sowjetunion und die USA als Großmächte. Die Hauptsiegermächte behielten nach Kriegsende diesen Status.

Im Kalten Krieg ab 1947 waren die USA und die Sowjetunion die dominierenden Großmächte, weshalb man sie auch als Supermächte bezeichnete. Umgangssprachlich sprach man auch von den Giganten.

Bereits seit den 1950er-Jahren haben sich die europäischen Länder durch eine Vielzahl von Verträgen und Abkommen – wie dem Brüsseler Pakt und der Westeuropäischen Union (WEU) – zu einer wirtschaftsstarken Macht entwickelt. Seit dem Brexit gehört das Vereinigte Königreich nicht mehr zu diesem Staatenverbund, was als eine Schwächung interpretiert werden kann.

Bereits 1955 wurde Deutschland wiederbewaffnet. Ab 1991 wurden die Bundeswehr und die Nationale Volksarmee (NVA) zu einer „Einheitsarmee“ zusammengeführt. Ebenfalls im Jahr 1955 wurde Deutschland Teil der NATO und unterzeichnete den Nordatlantikvertrag.

21. Jahrhundert Seit dem Ende der Sowjetunion und ab den 1990er Jahren wird Russland weiterhin als Großmacht angesehen, in erster Linie deshalb, weil das Land bis heute neben den USA das größte Nuklearwaffenarsenal besitzt. Das Land verfügt außerdem über große Öl- und Gasvorkommen. Bereits ab dieser Dekade sprach man von Großmachtpolitik, da der Jahrtausendwechsel bevor stand.

Seit den 2010er Jahren ist ein verstärkter Machtkampf zwischen den Großmächten USA, Russland und der VR China erkennbar. Die Frage der US-amerikanischen Führung wird von Politikwissenschaftlern diskutiert. Bereits 2018 wurde die Rückkehr zur Großmacht-Rivalität in der National Defense Strategy (NDS) des US-Militärs angedeutet. In diesem Kontext sind die erheblichen Veränderungen der militärischen Kapazitäten einiger Staaten zu erwähnen. Es kommt zu einer weltweiten Aufrüstung, speziell auch der atomaren Rüstung.

Ab dem Jahr 2025 kommt es in den westlichen Ländern aufgrund der von der 47. US-Administration unter US-Präsident Donald Trump forcierten Außen-, Innen-, Wirtschafts- und Sicherheitspolitik zu erheblichen Veränderungen der politischen Ordnung. (Siehe auch die Trump-Doktrin, MAGA, America First oder Project 2025.) Fachleute attestieren der Regierung Trump, dass sie die Länder Russland und sogar China nicht als autoritäre Regime, die ihr eigenes Volk unterdrücken und ihre Nachbarn bedrohen, sondern als potenzielle Investitionsmöglichkeiten und Handelspartner sieht. Die Auswirkungen dieser Politik werden von den Partnerländern der USA und der NATO unmittelbar wahrgenommen. Diese Mittelmächte betreiben teilweise eine Appeasementpolitik, um der schwierigen Lage (viz. Trumps Großmachtpolitik) zu begegnen. Ein weiteres Beispiel für die neuen US-Ambitionen als Großmacht, welche unilaterale Interessen verfolgt, ist die Grönlandkrise. Die USA haben sich im Zuge der Coronapandemie auch aus der WHO zurückgezogen und damit ihren Rückzug aus multilateralen Institutionen angedeutet.

Auch in Fragen des Russland-Ukraine-Kriegs agiert die Großmacht USA teilweise außerhalb internationaler Organisationen. So finden beispielsweise trilaterale Gespräche mit der Ukraine und Russland in Abu Dhabi (UAE) statt. Seit etwa 2023 hat sich in Europa die Koalition der Willigen (vgl. auch die E3-Staaten) formiert, die einen gemeinsamen Ansatz in Fragen der Lösung des Kriegs versuchen. Die USA sind bereits seit der Regierung unter Präsident Joe Biden als „Superverbündeter“ der UAE in Rüstungsfragen bekannt und Partner.

In seiner Rede beim Weltwirtschaftsforum 2026 drückte es der kanadische Premierminister Mark Carney, welcher Kanada als Mittelmacht bezeichnet, direkt aus: Die Weltordnung sei „gebrochen“. Im selben Zuge gründete Donald Trump sein eigenes „Board of Peace“, um den Krieg in Israel und Gaza unter seiner eigenen Führung zu verwalten. Dieser „Friedensrat“ geht auf eine Resolution des UN-Sicherheitsrates zurück und demonstriert die damit verbundenen Interessen bzw. Ansprüche einer Großmacht.

Atommächte

Der Besitz von Atomwaffen wurde ab 1945 ein wichtiges Kriterium für den Anspruch als Großmacht, neben dem Status als Ständiges Mitglied des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen. Diesen haben die USA, die Sowjetunion/Russland, das Vereinigte Königreich, Frankreich und die VR China bis heute inne. Diese fünf Staaten sind auch die Kernwaffenstaaten nach dem Nichtverbreitungsvertrag (NVV) und ebenfalls die fünf Vetomächte (P5) der UN.

Der Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen verleiht aufgrund des Vetorechts einen anerkannten Status in der internationalen Politik, speziell im Kontext der Sicherheitspolitik. Der Besitz von Atomwaffen ist jedoch nicht das einzige Kriterium für eine Großmacht; auch die wirtschaftlichen, technologischen, gesellschaftlichen und anderen Kapazitäten und/oder Potentiale sind entscheidend.

Kontroversen In dem 1975 erschienenen Bericht bzw. Buch „The Crisis of Democracy“ der Trilateralen Kommission besprechen Politikwissenschaftler die Demokratie kritisch. Das Werk behandelt unter anderem die Frage, ob Demokratien noch regierbar sind: „Stattdessen rühren einige der Probleme der Regierungsführung in den Vereinigten Staaten heute von einem Übermaß an Demokratie her – einem ‚Übermaß an Demokratie‘ im selben Sinne, in dem David Donald den Begriff verwendete, um die Folgen der Jackson-Revolution zu beschreiben, die zum Ausbruch des Bürgerkriegs beitrug. Notwendig ist stattdessen ein größeres Maß an Mäßigung in der Demokratie.“ Der Bericht erwähnt beispielsweise wie Medien eine autonome Macht geworden sind. Es werden viele Empfehlungen gegeben, wie man Demokratie stärken kann, was im Sinne der Autoren war.