Psychedelika sind psychotrope Substanzen, die bestimmte Serotonin-Rezeptoren im Gehirn aktivieren und dadurch (dosis-abhängig) einen psychedelischen Bewusstseinszustand auslösen (umgangssprachlich auch als „Trip“ bezeichnet). Dieser Zustand ist gekennzeichnet durch tiefgreifende Veränderungen von Wahrnehmung, Denken, Affekt und Selbstwahrnehmung, wobei das Wachbewusstsein erhalten bleibt.
Die bekanntesten und am verbreitetsten genutzten Psychedelika sind LSD, psilocybinhaltige Pilze („Magic Mushrooms“), DMT (bspw. als Ayahuasca) und Mescalin (bspw. vom Kaktus Peyote). Klassischerweise zählen nur solche serotonerge Halluzinogene zu den Psychedelika. Dennoch wird manchmal auch Ketamin, obwohl primär ein Dissoziativum bei „nichtklassischer“ Rezeptorwirkung, aufgrund der subjektiven Effekte bei kompletter Dissoziation („K-Hole“) als Psychedelikum bezeichnet.Richard K. Ries, Shannon C. Miller, David A. Fiellin: Principles of Addiction Medicine In: M – Medicine Series. Lippincott Williams & Wilkins, 2009. ISBN 978-0-7817-7477-2. S. 231ff.Jan Dirk Blom: A Dictionary of Hallucinations. Springer Science & Business Media, 2009. ISBN 978-1-4419-1223-7. S. 148f.
Psychedelika „führen nicht zu Abhängigkeit oder Sucht“.Nichols: „Wie bei anderen Halluzinogenen auch kommt es zu keiner Abhängigkeit.“ In: Europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA): Drug profiles, Lysergid (LSD)Alexander Glahn, Thomas Hillemacher, Stefan Bleich: Psychische und Verhaltensstörung durch Kokain, Amphetamine, Ecstasy und Halluzinogene. In: PSYCH up2date. 9, 2015, S. 197, .
Rezeptorwirkung Die psychologischen Wirkungen klassischer Psychedelika werden primär durch die Aktivierung serotonerger 5-HT2A Rezeptoren in kortiko subkortikalen neuronalen Schaltkreisen vermittelt. Eine zusätzliche Stimulation der 5-HT1A Rezeptoren sowie nachgeschaltete Effekte auf glutamaterge, GABAerge und dopaminerge Systeme dürften dabei eine modulierende Rolle spielen.J. L. Moreno, C. Muguruza u. a.: Identification of three residues essential for 5-hydroxytryptamine 2A-metabotropic glutamate 2 (5-HT2A·mGlu2) receptor heteromerization and its psychoactive behavioral function. In: The Journal of biological chemistry. Band 287, Nummer 53, Dezember 2012, S. 44301–44319, doi:10.1074/jbc.M112.413161, PMID 23129762, .I. Raote, A. Bhattacharya, M. M. Panicker: Serotonin 2A (5-HT2A) Receptor Function: Ligand-Dependent Mechanisms and Pathways. In: A. Chattopadhyay (Hrsg.): Serotonin Receptors in Neurobiology. CRC Press, 2007, Kapitel 6. PMID 21204452 Darüber hinaus wird ein möglicher Beitrag durch die Stimulation von 5HT2C-Rezeptoren,D. E. Nichols: Psychedelics. In: Pharmacological reviews. Band 68, Nummer 2, April 2016, S. 264–355, doi:10.1124/pr.115.011478, PMID 26841800, (Review).Thomas S. Ray, Olivier Jacques Manzoni: Psychedelics and the Human Receptorome. In: PLoS ONE. 5, 2010, S. e9019, doi:10.1371/journal.pone.0009019. sowie σ1-Rezeptoren diskutiert (siehe auch: funktionelle Selektivität bei Rezeptor-Oligomeren).
Eigenschaften des psychedelischen Rauschzustands Unter dem Einfluss psychedelischer Substanzen können sich Wahrnehmung und gedankliche Assoziation in allen Aspekten stark verändern, wobei das Bewusstsein, dass man sich in einem Rauschzustand befindet, normalerweise nicht verloren geht. Die nichtreale Natur von Illusionen und Pseudohalluzinationen wird immer erkannt. Die veränderte Assoziation kann in überraschenden Wendungen des Wahrgenommenen und des Rausches an sich resultieren und als einsichtsreich empfundene innere Erlebnisse hervorrufen, bis hin zu lebensverändernden spirituellen Erfahrungen. Daher werden Psychedelika für gewöhnlich den Entheogenen zugeordnet.
Eine phänomenologische Beschreibung des Rausches an sich ist kaum möglich; letztlich ist ein psychedelischer Rausch stets eine höchst subjektive, sprachlich nur oberflächlich vermittelbare Erfahrung und auch die neurochemischen Grundlagen sind nur teilweise erforscht.
Grundlegender Aspekt eines Rausches ist die (euphorische oder angstvolle) Ich-Auflösung beziehungsweise ozeanische Selbstentgrenzung, die Aufhebung der Grenzen zwischen Ich und Außenwelt. Eine typische solche Erfahrung bei intensiveren Rauschzuständen ist das Wahrnehmen nicht tatsächlich vorhandener Objekte, welche jedoch als Illusionen erkannt werden. Diese sind häufig symbolischer Ausdruck des Unbewussten (Gedanken sowie Gefühle).
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der psychedelische Drogenrausch einen veränderten Bewusstseinszustand darstellt, bei dem das Wachbewusstsein vollständig erhalten bleibt.
Psychedelische Substanzen Zu den Psychedelika gehören:
Tryptamine: z. B. Psilocybin, Dimethyltryptamin (DMT) (vorhanden in Ayahuasca), 5-MeO-DMT, α-MT, 4-HO-DIPT etc. Phenylethylamine: z. B. Mescalin, 2C-B, 2C-I, 25I-NBOMe, DOB, DOM, TMA, Bromo-DragonFLY etc. Lysergsäureamide: z. B. LSD und Analoga, LSH, Ergin (LSA) etc. in hoher Dosierung werden manchmal auch die Effekte verschiedener Dissoziativa den psychedelischen zugeordnet, obwohl keine 5HT2A-Rezeptorwirkung besteht: Ketamin, Methoxetamin (MXE), Dextromethorphan (DXM) und Salvinorin A.Henry R. Kranzler, Domenic A. Ciraulo, Leah R. Zindel: Clinical Manual of Addiction Psychopharmacology, 2. Ausgabe, American Psychiatric Pub, 2014. ISBN 978-1-58562-528-4. S. 268.K. A. MacLean, M. W. Johnson, C. J. Reissig, T. E. Prisinzano, R. R. Griffiths: Dose-related effects of salvinorin A in humans: dissociative, hallucinogenic, and memory effects. In: Psychopharmacology. Band 226, Nummer 2, März 2013, S. 381–392, doi:10.1007/s00213-012-2912-9, PMID 23135605, .
Gesundheit und psychedelische Substanzen
Statistische Untersuchungen mini|hochkant=1.4|Vergleich der Schadenspotenziale geläufiger psychotroper und psychedelischer Substanzen in Großbritannien (nach David Nutt, 2010).David J. Nutt, Leslie A. King, Lawrence D. Phillips: Drug harms in the UK: a multicriteria decision analysis. In: The Lancet. 376, 2010, S. 1558–1565, doi:10.1016/S0140-6736(10)61462-6 Allerdings wurden Nutts Konzept und Methodik kritisiert., PDF., PDF hochkant=1.4|mini|Vergleich von Abhängigkeitspotential und Verhältnis zwischen üblicher und tödlicher Dosis verschiedener psychoaktiver Substanzen und psychedelischer Substanzen nach R. S. GableR. S. Gable: Acute toxicity of drugs versus regulatory status. In: J. M. Fish (Hrsg.): Drugs and Society: U.S. Public Policy. Rowman & Littlefield Publishers, Lanham, MD 2006, S. 149–162.
In einer retrospektiven Querschnittsstudie (2013) von Patientenangaben in Fragebögen aus den Jahren 2001 bis 2004 wurde ein möglicher statistischer Zusammenhang zwischen ärztlicher Behandlung innerhalb des vergangenen Jahres wegen psychischer oder psychiatrischer Probleme und mindestens einmaliger Einnahme von einer der „klassischen“ psychedelischen Substanzen (LSD, Psilocybin, Mescalin/Peyote) während des gesamten Lebens untersucht. Die Unterlagen des National Survey of Drug Use and Health (NSDUH), durchgeführt vom Gesundheitsministerium der USA, lieferten die Daten von 130.152 solcher Patienten für diesen Zeitraum. Von diesen gaben 21.967 an, mindestens einmal in ihrem Leben eine der genannten Substanzen konsumiert zu haben. Ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen den untersuchten Variablen wurde nicht gefunden. Die Autoren folgerten daraus, dass eine mindestens einmalige Einnahme von einer „klassischen“ psychedelischen Substanz während des gesamten Lebens kein unabhängiger Risikofaktor für psychische Probleme des vergangenen Jahres sei. Sie wiesen jedoch darauf hin, dass eine Studie dieser Art keine Hinweise auf mögliche ursächliche Zusammenhänge gebe.Teri S. Krebs, Pål-Ørjan Johansen, Lin Lu: Psychedelics and Mental Health: A Population Study. In: PLoS ONE. 8, 2013, S. e63972, doi:10.1371/journal.pone.0063972.
In einer ähnlichen Analyse (2015) von Fragebögen aus der Normalbevölkerung der Jahre 2008 bis 2012 (ebenfalls von der NSDUH) wurde ein möglicher statistischer Zusammenhang zwischen dem Vorkommen eines psychischen Belastungszustands innerhalb des vergangenen Monats sowie dem Vorkommen von Suizidneigung innerhalb des vergangenen Jahres und einer mindestens einmaligen Einnahme einer „klassischen“ psychedelischen Substanz (LSD, Mescalin und Psilocybin) während des gesamten Lebens untersucht. Von den 191,382 Antwortbögen enthielten 27,235 die Angabe einer mindestens einmaligen Einnahme einer der Substanzen innerhalb des vergangenen Jahres. Dieser Personenkreis zeigte ein statistisch signifikant vermindertes Risiko für die genannte psychische Belastung und Suizidneigung. Die Autoren weisen jedoch darauf hin, dass bestimmte Persönlichkeitsmerkmale sowohl ein erhöhtes Interesse an den genannten Substanzen als auch eine verminderte Stress-Gefährdung bewirken könnten. Dass etwa die Einnahme der Substanzen einen allgemeinen gesundheitlichen Schutz bewirkt hätten, könne keinesfalls aus den Daten geschlossen werden.P. S. Hendricks, C. B. Thorne, C. B. Clark, D. W. Coombs, M. W. Johnson: Classic psychedelic use is associated with reduced psychological distress and suicidality in the United States adult population. In: Journal of Psychopharmacology. 29, 2015, S. 280, doi:10.1177/0269881114565653. Weitere Untersuchungen, gerade auch bezüglich möglicher medizinischer Anwendungen, seien jedoch wünschenswert, so die Autoren:
Mögliche medizinische Anwendung
Beispiele für mögliche medizinische Anwendungen ist die Behandlung posttraumatischer Belastungsstörung und Angststörungen von Patienten im Endstadium tödlicher Erkrankungen.C. S. Grob, A. L. Danforth, G. S. Chopra, M. Hagerty, C. R. McKay, A. L. Halberstadt, G. R. Greer: Pilot study of psilocybin treatment for anxiety in patients with advanced-stage cancer. In: Archives of general psychiatry. Band 68, Nummer 1, Januar 2011, S. 71–78, doi:10.1001/archgenpsychiatry.2010.116, PMID 20819978. Weiterhin werden in neueren Studien die Wirksamkeit von psychedelischen Substanzen bei Depression und Abhängigkeitserkrankungen durch psychotrope Substanzen (Alkohol, Tabak, Kokain) untersucht.K. W. Tupper, E. Wood, R. Yensen, M. W. Johnson: Psychedelic medicine: a re-emerging therapeutic paradigm. In: CMAJ: Canadian Medical Association journal = journal de l’Association medicale canadienne. Band 187, Nummer 14, Oktober 2015, S. 1054–1059, doi:10.1503/cmaj.141124, PMID 26350908, (Review).M. Winkelman: Psychedelics as medicines for substance abuse rehabilitation: evaluating treatments with LSD, Peyote, Ibogaine and Ayahuasca. In: Current drug abuse reviews. Band 7, Nummer 2, 2014, S. 101–116, PMID 25563446 (Review).
Mögliche Gefahren Psychedelische Substanzen können unter ungünstigen Voraussetzungen vorübergehende Angstepisoden (Horrortrip) oder eine Psychose (substanzinduzierte Psychose) auslösen.Jan Dirk Blom: A Dictionary of Hallucinations, Springer Science & Business Media 2009, ISBN 1-4419-1223-1, S. 310.Ralph E. Tarter, Robert Ammerman, Peggy J. Ott: Handbook of Substance Abuse: Neurobehavioral Pharmacology, Springer Science & Business Media 2013, ISBN 1-4757-2913-8, S. 236.Review in: A. L. Halberstadt, M. A. Geyer: Serotonergic hallucinogens as translational models relevant to schizophrenia. In: The international journal of neuropsychopharmacology / official scientific journal of the Collegium Internationale Neuropsychopharmacologicum. Band 16, Nummer 10, November 2013, S. 2165–2180, doi:10.1017/S1461145713000722, PMID 23942028, (Review). Weitere psychische Störungen wie die fortbestehende Wahrnehmungsstörung nach Halluzinogengebrauch (HPPD)J. H. Halpern, H. G. Pope: Hallucinogen persisting perception disorder: what do we know after 50 years? In: Drug and alcohol dependence. Band 69, Nummer 2, März 2003, S. 109–119, PMID 12609692 (Review). sind als Diagnosekategorie im DSM-IV aufgenommen.APA Diagnostic Classification DSM-IV-TR
Microdosing