Prokopios von Caesarea (, im Deutschen meist Prokop genannt; * um 500 in Caesarea Maritima; † um 560 in Konstantinopel) war ein spätantiker griechischer bzw. frühbyzantinischer Historiker des 6. Jahrhunderts n. Chr. Er gilt als der letzte große Geschichtsschreiber der Antike und als bedeutendste Quelle zur Zeit Kaiser Justinians (527–565).
Abgesehen von den ersten sieben Büchern der Historien, die zweifellos 550/51 entstanden, ist die Frage nach der genauen Datierung der übrigen Werke Prokops seit langem strittig. Einer Frühdatierung (alles bis 553/54) steht eine Spätdatierung (Bauwerke und Geheimgeschichte erst um 560) gegenüber, ohne dass eine eindeutige Antwort möglich wäre. In der aktuellen Forschung wird meist eine Frühdatierung bevorzugt. Im Zusammenhang mit dem stark gewachsenen Interesse an der Spätantike hat sich die Forschung zu Prokop seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts erheblich intensiviert. mini|Prokops Historien in der um 1315 geschriebenen Handschrift Venedig, Biblioteca Marciana, Gr. 398, fol. 98r
Leben Prokopios stammte wohl aus einer privilegierten hellenisierten Familie aus Caesarea Maritima (griech. ) in Palaestina und genoss offensichtlich eine rhetorische und juristische Ausbildung, vermutlich an der Rechtsschule von Beirut, vielleicht aber auch in Caesarea oder Konstantinopel. Von 527 bis 540 oder 542 war er consiliarius bzw. assessor (griech. ) und damit Rechtsbeistand des oströmischen magister militum Belisar. Durch seine Hände ging damit wohl auch die gesamte Feldpost, daher war er zumindest über die militärischen und diplomatischen Vorgänge hervorragend informiert, überdies hatte er auf diese Weise Zugang zu vielen Akteuren. Prokop nahm persönlich an Belisars Feldzügen gegen die Sassaniden, Vandalen und Ostgoten teil, nach 542 hielt er sich wahrscheinlich vor allem in Konstantinopel auf und verfasste dort seine Werke.
Als assessor eines Heermeisters muss er mindestens den Rang eines vir spectabilis bekleidet haben; die mittelbyzantinische Suda bezeichnet ihn sogar als vir illustris. Trifft das zu, war er nicht nur formal, sondern auch faktisch Senator. Johannes von Nikiu bezeichnet ihn zudem als patricius und Amtsträger.Johannes von Nikiu 92,20. Vielleicht war Prokop mit jenem Stadtpräfekten von Konstantinopel identisch, der laut Johannes Malalas 561/62 eine Verschwörung gegen Justinian untersuchte, doch bleibt dies ungewiss.
In der Regel nimmt man an, dass Prokop noch vor Justinians Tod 565 starb; so fehlt jeglicher Hinweis auf den Friedensschluss mit den Sassaniden im Jahr 562, den Prokop wohl mit Sicherheit erwähnt hätte, wenn er ihn noch erlebt hätte.Zu Prokops Leben vgl. H. Börm, Prokop und die Perser. Stuttgart 2007, S. 45 ff. (mit weiterer Literatur); D. Brodka: Prokop von Caesarea. Hildesheim 2022, S. 9 ff.
Werke
Die Kriegsgeschichte (Historien) Prokop verfasste um 550 auf Griechisch eine Geschichte der Kriege Kaiser Justinians bis ins Jahr 550 (Osten) bzw. 553 (im Westen). Das Werk wird auch oft als Historien oder Bella bezeichnet und umfasst acht Bücher. Es ist Prokops bedeutendste, wenngleich nicht berühmteste Arbeit.
Buch 1 und 2 behandeln den persischen Kriegsschauplatz (Sassaniden, siehe auch Römisch-Persische Kriege) bis in die 540er Jahre.Vgl. hierzu Henning Börm: Procopius and the East. In: Mischa Meier, Federico Montinaro: A Companion to Procopius of Caesarea. Boston 2022, S. 310 ff. In den Büchern 3 und 4 werden die Kämpfe gegen die Vandalen in Nordafrika geschildert, in den Büchern 5 bis 7 die Kriege gegen die Ostgoten in Italien. Die ersten sieben Bücher wurden 550/51 endgültig fertiggestellt und gemeinsam veröffentlicht. Buch 8 wurde erst 553/54 fertiggestellt, hat ein eigenes kurzes Vorwort und bietet als „bunte Geschichte“ eine Zusammenfassung der weiteren militärischen Auseinandersetzungen an verschiedenen Kriegsschauplätzen (sowohl im Westen als auch im Osten) bis zum Herbst des Jahres 553.
Prokops Historien sind nach dem Vorbild Appians aufgebaut (also nach geographischen Gesichtspunkten), stilistisch sind sie an Herodot und Thukydides orientiert, was bereits in den Vorreden deutlich wird. Die Historien sind nicht nur inhaltlich sehr umfassend, sie bewegen sich auch auf einem hohen stilistischen Niveau und arrangieren das Material geschickt und keineswegs ohne Absicht. Sie stellen durch ihre Exkurse, etwa über die Justinianische Pest oder den Nika-Aufstand, weit mehr als eine reine Kriegschronik dar, sondern können durchaus als Geschichte der Zeit Justinians angesehen werden.Albrecht Ziebuhr: Die Exkurse im Geschichtswerk des Prokopios von Kaisareia. Literarische Tradition und spätantike Gegenwart in klassizistischer Historiographie. Stuttgart 2024. Prokop benutzte für Rückblicke, so in das 5. Jahrhundert, teilweise schriftliche Werke als Quellen, so möglicherweise Priskos und Eustathios von Epiphaneia. Ansonsten konnte er vor allem auf seine eigenen Erfahrungen zurückgreifen, wozu er zuvor bereits Notizen erstellt haben wird; ebenso hatte er aufgrund seiner Position teilweise Zugriff auf amtliche Dokumente und konnte Gespräche mit Augenzeugen führen. Allerdings zeigt sich in seinem formal und sprachlich stark an den Klassikern der antiken Geschichtsschreibung orientierten Werk oft auch ein gewisser Hang zu unterhaltsamen Anekdoten, und seine Angaben über fremde Völker sind von mitunter zweifelhaftem Wert, enthalten aber auch zuverlässige Information, die durch andere Quellen bestätigt werden.
Die Historien scheinen rasch weite Verbreitung gefunden zu haben – Prokop selbst gibt zu Beginn des achten Buches an, die ersten sieben Bücher würden bereits im ganzen Römischen Reich gelesenProk. Hist. 8,1,1. – und wurden häufig von anderen Autoren zitiert. Prokop wurde auf diese Weise ein wichtiges Bindeglied zwischen der antiken und der späteren byzantinischen Geschichtsschreibung. Die Geschichtswerke, die Zeitgenossen wie Johannes Lydos über Justinians Kriege verfassten, erreichten keine vergleichbare Popularität und sind daher nicht überliefert.
Die Bauten In den „Bauten“ (De Aedificiis), einer mutmaßlichen Auftragsarbeit, in der Prokop in sechs Büchern auf das umfassende Bauprogramm Justinians in Konstantinopel (Buch I) und in den Provinzen (außer Italien) einging, wird der Kaiser (aber teils auch Belisar) panegyrisch gelobt.Teils wurde allerdings versucht, auch in den Bauten subtile, verstecke Kritik an Justinian nachzuweisen; vgl. Philip Rousseau: Procopius's "Buildings" and Justinian's pride. In: Byzantion 68 (1998), S. 121–130. Die Kriterien, nach denen Prokop die beschriebenen Orte und Bauten auswählte, sind dabei bislang schlecht erforscht; so ist unklar, wieso Antiochia am Orontes ausführlich, das nicht minder bedeutende Alexandria hingegen nur in wenigen Sätzen behandelt wird. Die Bücher 5 und 6 sind überdies vielleicht nicht vollendet worden, sondern blieben womöglich im Entwurfsstadium (hierfür spricht die notizartige Abfassung); auch die fehlende Behandlung Italiens, das Prokop doch gut kannte, spricht dafür, dass die Bauten unvollendet geblieben sein könnten.
Das Werk entstand nach Ansicht der meisten Gelehrten wohl zwischen 553 und 555. Forscher wie James Evans und Michael Whitby haben dagegen eher für eine Abfassung erst um 561 plädiert und vermuten, Prokop sei vor Abschluss der Arbeit gestorben. Das Werk ist handschriftlich in zwei deutlich unterschiedlichen Fassungen überliefert, einer kurzen („z“) und einer langen („y“). Letztere scheint nach gegenwärtigem Forschungsstand eine Reihe von späteren Ergänzungen zu erhalten, die nicht von Prokop selbst stammen.Federico Montinaro: Power, Taste, and the Outsider: Procopius and the Buildings revisited. In: Geoffrey Greatrex, Hugh Elton (Hrsg.): Shifting Genres in Late Antiquity. Aldershot 2013, 191–206.
Die Geheimgeschichte Demgegenüber ist die berühmt-berüchtigte „Geheimgeschichte“ (Historia Arcana bzw. Anekdota, erstmals erwähnt und so genannt in der Suda), die höchstwahrscheinlich nicht zu Lebzeiten des Kaisers und Prokops veröffentlicht und entweder 550 oder (unwahrscheinlicher) 558 verfasst wurde,Jüngst wurde, abweichend von den beiden herkömmlichen Ansätzen, eine Datierung auf 554 vorgeschlagen; vgl. Florian Battistella: Zur Datierung von Prokops Geheimgeschichte. In: Byzantion 89 (2019), S. 37 ff. eine reine Skandalgeschichte und Schmähschrift (psogos). Entweder sollte der Text nach Justinians Tod in die Bella integriert werden, oder er war von Anfang an als eine Geheimschrift für oppositionelle Zirkel gedacht. In ihr werden Justinian und seine Frau Theodora I., aber auch Belisar und seine untreue Frau Antonina gegeißelt. Wieso und wie das rätselhafte Werk überliefert wurde, ist ungeklärt; erstmals erwähnt und zitiert wird es erst im 10. Jahrhundert, weshalb man früher vermutete, es handle sich um eine spätere Fälschung. Seit Jahrzehnten gilt es aber als sicher, dass die Anekdota tatsächlich von Prokop stammen. Zweck, Interpretation und Entstehungshintergrund des Werkes sind in der Forschung hingegen nach wie vor sehr umstritten. Da das Werk späteren Autoren, die Prokop ansonsten ausgiebig heranziehen, bis ins 10. Jahrhundert unbekannt gewesen zu sein scheint, wird vermutet, dass der offenbar unfertige Text erst lange nach dem Tod des Verfassers aufgefunden und publiziert wurde; die näheren Umstände bleiben rätselhaft.Vgl. zuletzt die Zusammenfassung der Debatte bei D. Brodka: Prokop von Caesarea. Hildesheim 2022, S. 62 ff.
Auch wenn gerade die Schilderungen in den Anekdota angesichts des ganz konträren Bildes von Justinian in den Bauten auf den ersten Blick ein schiefes Licht auf Prokops Charakter werfen, sind seine Werke dennoch die wichtigste Quelle für die Regierungszeit Justinians. Averil Cameron hat versucht, die Widersprüche zwischen den Werken damit zu erklären, dass Prokop geglaubt habe, nur auf diese Weise ein vollständiges Abbild seiner Zeit liefern zu können. Prokop erwähnt wiederholt seine Absicht, auch eine Kirchengeschichte zu schreiben, doch falls er seinen Plan verwirklicht haben sollte (was unwahrscheinlich ist), so ist das Werk komplett verloren.
Stil und Intention Das Niveau der Darstellung in Prokops Werken, vor allem in den Historien, ist insgesamt als sehr hoch anzusetzen; tatsächlich war er neben Ammianus Marcellinus der einzige (erhaltene) Historiker der Spätantike, der sich mit den berühmten Vorbildern (Herodot, Thukydides, Polybios und Tacitus) messen konnte. Prokop, der sich formal und sprachlich an klassischen Autoren wie Herodot und ThukydidesKlaus Meister: Thukydides als Vorbild der Historiker. Von der Antike bis zur Gegenwart. Paderborn 2013, S. 94 ff. orientierte, diente später wiederum selbst nachweislich vielen Autoren als Vorbild und Quelle. Sein Werk muss weit verbreitet gewesen sein, denn es ist in ungewöhnlich vielen Handschriften überliefert und wurde überdies von anderen Geschichtsschreibern, die bewusst an ihn anschlossen, fortgesetzt (siehe unten). John Bagnell Bury formulierte die Bedeutung Prokops in seiner History of the Later Roman Empire (Geschichte des spätrömischen Reiches) so: „Es war eines der Ruhmesblätter des justinianischen Zeitalters, einen Autor hervorgebracht zu haben, der als der hervorragendste griechische Historiker seit Polybios angesehen werden muss.“„It was one of the glories of Justinian’s age to have produced a writer who must be accounted the most excellent Greek historian since Polybius“. Bury, History of the later Roman Empire Band 2, 1923, S. 419. Auch in der modernen Forschung wird sein Quellenwert in der Regel als sehr hoch veranschlagt. So beruht unser Bild der Zeit Justinians nach wie vor ganz wesentlich auf Prokops Darstellung, obwohl man sich in jüngster Zeit etwas von seinem Werk zu lösen versucht. Prokops Werk ist nach wie vor eine der am intensivsten ausgewerteten und erforschten Quellen zur Spätantike.