hochkant|mini|Philipp von Hessen (Hans Krell 1534, Wartburg-Stiftung)

Als Packsche Händel bezeichnet man eine politische Krise, die das Heilige Römische Reich im Jahr 1528 an den Rand eines Religionskriegs brachte. Im Mittelpunkt steht eine angebliche Bündnisurkunde, mit der sich katholische Gegner der Reformation verpflichteten, den Kurfürsten Johann von Sachsen und den Landgrafen Philipp von Hessen wegen ihrer Unterstützung für Martin Luther abzusetzen. Die Urkunde wurde nie im Original vorgelegt; der Informant Otto von Pack zeigte dem Landgrafen eine Kopie, von der eine Abschrift gefertigt wurde. Hessen und Kursachsen planten daraufhin einen Präventivschlag, um ihren Gegnern zuvorzukommen.

Vorgeschichte Philipp von Hessen wurde 1518 für mündig erklärt und trat mit 13 Jahren die Regentschaft in der Landgrafschaft Hessen an. Diese wurde sofort massiv herausgefordert:Jan Martin Lies: Zwischen Krieg und Frieden. Die politischen Beziehungen Landgraf Philipps des Großmütigen von Hessen zum Haus Habsburg (1534–1541). Göttingen 2013, S. 38 f. militärisch durch Franz von Sickingen, der die reiche Grafschaft Katzenelnbogen plünderte, die seit 1479 von den hessischen Landgrafen regiert wurde; juristisch durch die Grafen von Nassau-Dillenburg, die ebenfalls Anspruch auf das Katzenelnboger Erbe erhoben; diplomatisch durch die mächtigen Nachbarn Kurpfalz und Kurmainz sowie die Wetterauer Grafen. Um sich abzusichern, trat Philipp 1519 dem Schwäbischen Bund bei.

hochkant|mini|Herzog Georg von Sachsen (Lucas Cranach d. Ä., 1524, Kunstsammlungen der Veste Coburg)

1523 heiratete er Christine, eine Tochter des Herzogs Georg von Sachsen. Philipps Schwester Elisabeth wiederum war mit Georgs Sohn, dem Erbprinzen Johann, verheiratet.Die Erbverbrüderung zwischen dem Dresdner und dem landgräflichen Hof bestand seit dem 14. Jahrhundert und wurde immer wieder durch Heiraten bekräftigt. Vgl. Cordula Nolte: Christine von Sachsen – fürstliche Familienbeziehungen im Zeitalter der Reformation. In: Heide Wunder et al. (Hrsg.): Landgraf Philipp der Großmütige von Hessen und seine Residenz Kassel. Elwert, Marburg 2004, S. 75–88, hier S. 76. Reichspolitisch stand Philipp damit dem albertinischen Herzogtum Sachsen näher als dem ernestinischen Kurfürstentum (Kursachsen). Doch indem sich Philipp ab 1525/26 als Parteigänger Luthers zu erkennen gab, kehrte sich das um. Philipps Beziehung zu seinem Schwiegervater, dem entschieden altgläubigen Herzog Georg von Sachsen, wurde wegen der Religionsfrage zunehmend schwieriger. Trotzdem blieb Herzog Georg als „Erbverbündeter“ weiterhin eine wichtige Kontaktperson des hessischen Landgrafen.Jan Martin Lies: Zwischen Krieg und Frieden. Die politischen Beziehungen Landgraf Philipps des Großmütigen von Hessen zum Haus Habsburg (1534–1541). Göttingen 2013, S. 57; Jean-Yves Mariotte: Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567): Fürstlicher Reformator und Landgraf. Marburg 2018, S. 70 f.

Im Lauf der 1520er Jahre wuchs die Sorge vor einem Religionskrieg im Reich und dementsprechend das Misstrauen unter den politischen Akteuren. Kaiser Karl V., so die Gerüchte, plane einen Militärschlag gegen die protestantischen Fürsten. Vor allem Kursachsen und Hessen fühlten sich bedroht. Katholische Fürsten wie Georg von Sachsen waren überzeugt, dass Luthers Lehre den Bauernkrieg verursacht habe. Philipp von Hessen stand daher im Verdacht, die Bauern noch einmal mobilisieren zu wollen, um die Reformation gewaltsam durchzusetzen.Jan Martin Lies: Zwischen Krieg und Frieden. Die politischen Beziehungen Landgraf Philipps des Großmütigen von Hessen zum Haus Habsburg (1534–1541). Göttingen 2013, S. 68 f. Vgl. Jean-Yves Mariotte: Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567): Fürstlicher Reformator und Landgraf. Marburg 2018, S. 69.

Der Informant: Otto von Pack Otto von Pack, Doktor beider Rechte, war Vizekanzler am Dresdner Hof. Philipp bat seinen Schwiegervater Herzog Georg, von Pack als juristischen Experten nach Hessen zu entsenden, um dort im Katzenelnboger Erbstreit als Berater tätig zu sein. Im Januar 1528 traf von Pack in Kassel ein. Er führte mehrere vertrauliche Gespräche mit dem Landgrafen. Von Pack eröffnete Philipp, dass hochrangige geistliche und weltliche Fürsten im Mai 1526 in Breslau ein Bündnis geschlossen hätten, um den sächsischen Kurfürsten und den hessischen Landgrafen wegen ihrer Unterstützung für Luther abzusetzen, und zwar:Gabriele Haug-Moritz: Pack, Otto von. Sp. 751.

Erzherzog Ferdinand von Österreich, zugleich König von Böhmen und als jüngerer Bruder Kaiser Karls V. dessen Statthalter im Reich, Kurfürst Joachim von Brandenburg, dessen Bruder, der Kurfürst und Kardinal-Erzbischof Albrecht von Mainz, der Salzburger Kardinal-Erzbischof Matthäus Lang von Wellenburg, die gemeinsam regierenden Herzöge Wilhelm und Ludwig von Bayern, Herzog Georg von Sachsen, der Bamberger Bischof Weigand von Redwitz, der Würzburger Bischof Konrad II. von Thüngen.

Sobald er wieder in Dresden sei, könne er Philipp auch eine Kopie des Vertrages zeigen. Philipp veranlasste daraufhin, dass von Pack im Februar 1528 nach Dresden zurückkehrte, drei Tage später traf auch der Landgraf selbst dort ein. Seinem Schwiegervater gegenüber verschleierte er den Zweck seines Besuchs. Am 18. Februar morgens kam Otto von Pack unter einem Vorwand in sein Gästezimmer im Dresdner Schloss und legte ihm eine besiegelte Kopie der angeblichen Bündnisurkunde vor. Philipps Angaben zufolge war die Urkunde mit schwarzen Seidenfäden umwunden und trug auf beiden Seiten das Siegel der herzoglich-sächsischen Kanzlei. Der Landgraf las das Dokument, ließ sich von seinem eigenen Sekretär Johann Nordeck eine Abschrift ausfertigen (also eine Kopie der Kopie) und gab das Dokument an von Pack zurück. Von Pack erklärte später, er habe das Dokument anschließend verbrannt, da er die Siegel nicht mehr korrekt daran befestigen konnte.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 61; Stephan Ehses: Geschichte der Pack’schen Händel. Ein Beitrag zur Geschichte der Reformation. Freiburg 1881, S. 12–15.

Da von Pack auch behauptete, er habe das Original mit den Unterschriften gesehen, war Philipp sehr daran interessiert, sich dieses Beweismittel zu beschaffen. Einige Wochen später schickte er seinen Sekretär Nordeck mit mehreren Begleitern nach Dresden. Da von Pack Gefahr lief, durch Beschaffung der Urkunde sein Amt und Gut zu verlieren, bot ihm die hessische Seite 10.000 Gulden als Belohnung an. Von Pack wollte diese Summe vorab ausgezahlt bekommen, erhielt aber nur 4000 Gulden gegen einen Schuldschein.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Marburg 1958, S. 95–98. Zum Vergleich: Philipp zahlte seinem Kanzler Johann Feige ein Jahresgehalt von 150 Gulden und Naturalien in etwa dem gleichen Wert. Vgl. Jean-Yves Mariotte: Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567): Fürstlicher Reformator und Landgraf. Marburg 2018, S. 72 Anm. 21. Das Original konnte Otto von Pack nie liefern; der hessische Landgraf verhielt sich danach aber so, als reiche die von ihm eingesehene Kopie als Beweis für die Bündnispläne aus.

Die Forschung geht davon aus, dass die Kopie, die von Pack dem Landgrafen zeigte, eine Fälschung war.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 63: „Alles war freie Erfindung.“ Dem jungen Kammersekretär Johann Nordeck, der die Abschrift anfertigte, fehlte die Erfahrung, aus mehreren Merkwürdigkeiten der ihm vorgelegten Urkunde Zweifel an der Echtheit abzuleiten und seinen Herrn entsprechend zu warnen.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 64. Die Motivation des Fälschers bleibt allerdings rätselhaft. Kurt Dülfer zufolge war Otto von Pack Ende 1527 in einer ausweglosen Lage: Er war verschuldet und hielt seine Gläubiger damit hin, dass er behauptete, Herzog Georg habe sich eine größere Summe bei ihm geliehen, die er in Kürze zurückzahlen werde. Dann drohte auch noch eine Unterschlagung offenbar zu werden. Außerdem konstatiert Dülfer bei ihm ein Interesse, sich mit allerlei Spielereien bei seinem Täuschungsmanöver geheimnisvoll zu geben, so dass „Abenteuerlust und Geltungsbedürfnis“ neben dem finanziellen Motiv wohl auch eine Rolle spielten.Vgl. Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 71–73.Vgl. Jean-Yves Mariotte: Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567): Fürstlicher Reformator und Landgraf. Marburg 2018, S. 71: „Tatsächlich hatte sich von Pack angewöhnt, seine mageren Einkünfte durch Tricksereien aufzubessern … weil er aufgrund seiner Funktionen mit Leichtigkeit an die Siegel des Herzogs – das Großsiegel und das Geheimsiegel – gelangen konnte.“ Undurchschaubar ist auch, ob der Landgraf die Täuschung wirklich nicht erkannte oder sich des Vorwands bediente, den ihm von Pack lieferte, um die eigenen Pläne zu verfolgen.Jan Martin Lies: Zwischen Krieg und Frieden. Die politischen Beziehungen Landgraf Philipps des Großmütigen von Hessen zum Haus Habsburg (1534–1541). Göttingen 2013, S. 81.

Hessische Kriegsrüstungen Mit Kursachsen hochkant|mini|Kurfürst Johann von Sachsen (Lucas Cranach der Ältere 1536, Schloss Ambras)

Philipp von Hessen und Johann von Sachsen berieten vom 6. bis 9. März 1528 in Weimar, wie sie auf das angebliche, gegen sie beide gerichtete Breslauer Bündnis reagieren sollten. Der Landgraf behauptete wahrheitswidrig, er habe die Bündnisurkunde in der Originalausfertigung gesehen und kopieren lassen.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 75. Er sagte dem Kurfürsten zu, alles zu tun, damit dieses Original in ihrer beider Besitz gelange: Zu dem andern, dieweil wir landgraff Philipps ain recht besigelt und gehantzeichent originall der vorangezeigten unser widerwertigen vereinung und buntnus gesehen, gelesen und abschreiben lassen, haben wir uns zu kreftiger anzeigung im falh der notturft bewilliget, allen muglichen vleis furzuwenden, damit solich original zu unser baider handen mochte gebracht werden …Hessisch-sächsisches Bündnis gegen die angeblichen Breslauer Verbündeten, Weimar, 1528 März 9. In: Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Zweiter Teil: Quellen. Zur Geschichte der Beziehungen zwischen Landgraf Philipp und Otto von Pack, Marburg 1958, S. 6 (Nr. 7). Diese Vertragsurkunde im Landeshauptarchiv Weimar, die im Marburger Archiv fehlt, wurde erstmals publiziert von Georg Mentz: Zur Geschichte der Packschen Händel. In: Archiv für Reformationsgeschichte 1 (1903/04), S. 172–191. Beide schlossen am 9. März in Weimar ein militärisches Bündnis. Als Akt der Notwehr wollten sie den altgläubigen Fürsten, die gegen sie rüsteten, mit einem Präventivschlag zuvorkommen, um den Status quo zu sichern und Friedenszusicherungen zu erhalten.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 76. 600.000 Gulden wurden veranschlagt, um 20.000 Fußknechte und 6000 Reiter aufzustellen. Da das die eigenen finanziellen Möglichkeiten überstieg, erhoffte man sich die Finanzhilfe der süddeutschen Reichsstädte. Der 1. Juni wurde unverbindlich als Tag des Angriffs vereinbart.Kurt Dülfer: Die Packschen Händel. Darstellung und Quellen. Erster Teil: Darstellung. Die Packschen Händel im Lichte der hessischen Politik. Marburg 1958, S. 79; Jean-Yves Mariotte: Philipp der Großmütige von Hessen (1504–1567): Fürstlicher Reformator und Landgraf. Marburg 2018, S. 73.