Die Bulgarische Nationale Wiedergeburt (, oder einfach Възраждане) war eine Periode des sozio-ökonomischen Wachstums und der nationalen Einigung des bulgarischen Volkes im 18. und 19. Jahrhundert innerhalb des Osmanischen Reiches. Sie ist eng mit der Einbeziehung der Balkanhalbinsel und des Osmanischen Reiches in das allgemein-europäische Wirtschaftssystem verknüpft.Torsten Szobries: Sprachliche Aspekte des nation-building in Mazedonien, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1999, S. 44ff, ISBN 9783515076227 Weiter wurde sie durch mehrere gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Reformen innerhalb des Osmanischen Reiches in dieser Zeit begünstigt.

Hintergrund und Voraussetzungen Die Osmanen hatten während der Aufklärung eine eigenständige Fortentwicklung der Bulgaren unterdrückt. Obwohl die Renaissance ihre Anfänge in der Region hatte (siehe z. B. Kirche von Bojana) und kirchenkritische Bewegungen wie die der Bogomilen und Paulikianer verbreitet waren, konnten sich Bewegungen wie die Reformation oder eine bürgerliche Revolution mit dem Vormarsch der Osmanen nicht entfalten. Ihre Ideen waren jedoch durchaus der Bevölkerung bekannt. Die Bulgarische Wiedergeburt hatte im Gegensatz zu den nationalen Bewegungen der Nachbarvölker mit erheblichen äußeren Schwierigkeiten zu kämpfen. Durch die geographische Nähe zu Konstantinopel (bulg. Zarigrad, zu dt. Stadt der Zaren/Sultane), dem Machtzentrum des Osmanischen Reiches, waren die Bulgaren stärker als andere Balkanvölker dem Islamisierungsdruck ausgesetzt.Imanuel Geiss: Geschichte griffbereit. Band 5: Staaten. Die nationale Dimension der Weltgeschichte. (=rororo-Handbuch 6239), Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1980, ISBN 3-499-16239-3, S. 158. Hinzu kam die Überpräsenz der griechischen Geistlichen als Repräsentanten des christlich-orthodoxen Milieus (siehe Millet-System), welche das Alltagsleben regelten. Diese religiöse Prämisse verhinderte lange Zeit auch die Schaffung einer ökonomischen Basis für einen gesellschaftlichen Aufstieg.Edgar Hösch: Geschichte der Balkanländer. S. 152. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich ein bulgarisches Kaufmannstum herauszubilden. Das so entstandene Bürgertum verfügte über gute Beziehungen zu den wichtigen Handels-, und Kulturzentren Russlands und Zentraleuropas, wo es auch mit der Aufklärung und modernem Bildungswesen vertraut wurde. Die Anfänge der Bulgarischen Wiedergeburt liegen in Makedonien.Nina Janich, Albrecht Greule: Sprachkulturen in Europa: ein internationales Handbuch, Gunter Narr Verlag, 2002, S. 29.

Für den Verlauf der Aufklärungsbewegung erwies sich jedoch eine andere Sachlage als besonders wichtig: die Dominanz der griechischen Kirche und Sprache im 18. und 19. Jahrhundert innerhalb des Osmanischen Reiches. So ist es nicht verwunderlich, dass von der ersten Generation der bulgarischen Intellektuellen viele an griechischen Schulen ausgebildet wurden: Neofit Rilski in Melnik, Iwan Seliminski in Kydonies, Konstantin Fotinow in Plowdiw, Christaki Pavlovič in Melnik und Serres, Rajno Popovič in Thessaloniki, Chios und Bukarest, Emmanuil Vaskidovič in Melnik, Sophronius von Wraza in Kotel. Die Anfänge der Bulgarischen Wiedergeburt sind also weniger in der direkten Abgrenzung zum Osmanentum, sondern vielmehr in der bewussten Distanzierung vom griechischen Einfluss zu suchen, der in allen Lebensbereichen präsent war. Der später resultierende politische Unabhängigkeitskampf richtete sich jedoch gegen den osmanischen Staat.

Wichtige Impulse kamen aus den Emigrationszentren – von den Städten nördlich der Donau (Brăila, Bukarest), von den bulgarischen Kolonien in den großen Handelszentren (Odessa, Smyrna, Konstantinopel) und den bulgarischen Klöstern (Rila, Zografou und Chilandar).

In der Vergangenheit wurde der Beginn der Periode mit dem Erscheinen (1762) des ersten geschriebenen bulgarischen Geschichtsbuchs von Paisi Hilendarski „Istorija Slawjanobolgarska“ („Slawobulgarische Geschichte“) und die Dauer mit mehr als einem Jahrhundert bis zur Befreiung und Gründung des Fürstentums Bulgarien 1878 als Folge des Russisch-Türkischen Befreiungskrieges datiert. Heute sind jedoch die Chroniken der katholischen Priester Blasius Kleiner (1761) und vor allem das erst 2017 vollständig entdeckte Werk von Petar Bogdan (spätestens 1667) bekannt.

Definition und Begriff Die bulgarische Geschichtsschreibung bezeichnet mit dem Begriff Bulgarische Wiedergeburt die Epoche der „Nationalen Befreiung Bulgariens“, also die nationale Wiedergeburt – die Entwicklung eines eigenen bulgarischen Nationalbewusstseins. Die Wiedergeburt wird hier nicht in der sonst üblichen Bedeutung als kulturelle Wiedergeburt – also Renaissance – verstanden, eher als Aufklärung oder (geistige) Erweckung.Frithjof Rodi: Dilthey-Jahrbuch für Philosophie und Geschichte der Geisteswissenschaften. 10 (1996), Vandenhoeck & Ruprecht, S. 246. Der Begriff wurde jedoch bereits von den Zeitzeugen dieser Epoche verwendet und eingeführt. So schrieb Ljuben Karawelow in der Zeitung Swoboda in der Ausgabe vom 30. Januar 1871 im Bezug auf die Gründung des Bulgarischen Exarchats:Wera Bonewa: Wiedergeburt. Bulgarien und die Bulgaren im Übergang in die neue Zeit (aus dem Bulg: Възраждане: България и българите в преход към новото време), Universitätsverlag Епископ Константин Преславски, Schumen, 2005, ISBN 954-577-300-6, S. 10–26.

Am 5. Juli 1876 kam in Brăila die erste Ausgabe der Zeitung Wiedergeburt (Bulg: Възраждане) von Swetoslaw Milarow, Todor Peew und Iwan Drassow heraus. Der Begriff ist aber auch in der literarische Praxis der Autoren dieser Zeit, wie Wassil Aprilow, Marko Balabanow, Petko Slawejkow, Christo Botew, Georgi Rakowski, Iwan Wasow weit verbreitet.

Merkmale mini|Titelblatt der von Petar Bogdan 1667 verfassten Geschichte Bulgariens mit dem Titel De antiquitate Patrerni soli, et de rebus Bulgaricis Die Bulgarische Wiedergeburt bezeichnet eine Periode von radikalen Veränderungen in allen Sphären des gesellschaftlich-ökonomischen, politischen und kulturellen Lebens.

In gesellschaftlicher Hinsicht verändert und wächst in der Zeit der Wiedergeburt allmählich die Struktur der schwach entwickelten bürgerlichen Gesellschaft in den bulgarischen Gebieten.

Die Veränderungen auf kultureller und geistiger Ebene haben dabei zwei Tendenzen, einerseits die „Neubulgarische Aufklärungsbewegung“ (новобългарско просветно движение) und andererseits das Streben nach einer unabhängigen Kirche. Ziel war die Befreiung der Bildung und Kultur von hellenistischen Einflüssen, sowie die Schaffung einer neuen, eigenen materiellen und geistigen Kultur. Eine wesentliche Rolle für die nationale Unabhängigkeit spielte dabei der Kampf gegen die griechische Kirchenhoheit.

Die tiefen Veränderungen in der Gesellschaft führten schließlich zur Bildung der bulgarischen Nation. Diese entstand in seinen ethnischen Grenzen auf einem gemeinsamen Territorium auf der Grundlage einer einheitlichen Schrift und Sprache. Es wuchs und erneuerte sich das Bewusstsein einer gemeinsamen kulturellen Tradition.

Das reiche Literaturerbe von Autoren wie Iwan Wasow und Christo Botew inspirierte den Kampf der Bulgaren für die Unabhängigkeit und eine autonome Kirche. Der von den Türken niedergeschlagene Aprilaufstand (1876) und der Russisch-Türkische Krieg (1877–1878), an dem sehr viele bulgarische Freiwillige teilnahmen, der letztendlich zur Befreiung Bulgariens führte, war ein bedeutsamer Wendepunkt im bewaffneten Kampf der Bulgaren gegen die Herrschaft der Osmanen.

Perioden

Die Bulgarische Wiedergeburt wird in drei Perioden eingeteilt: die frühe Periode, die sich von 1762 bis ins beginnende 19. Jahrhundert erstreckt, die mittlere Periode von den osmanischen Reformen 1820 bis zum Krimkrieg und die späte Periode, die zum Ende der osmanischen Herrschaft 1878 führte.

Nach einer anderen Einteilung durchlief die Wiedergeburt Bulgariens drei Hauptphasen: Eine intellektuelle Wiedergeburt (1830 bis 1840), deren Haupterrungenschaft die Gründung christlicher Schulen war. Den Unabhängigkeitskampf der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche (1805 bis 1860), auf deren Höhepunkt die unabhängige Kirche und die Befreiung aus der geistigen Abhängigkeit von den Griechen ausgerufen wurde (Einrichtung des Bulgarischen Exarchats 1870). Das Entstehen einer revolutionären Bewegung, die sich sowohl für die nationale Befreiung, als auch für die Lösung der sozialen Frage einsetzte.

Die erste Periode Die erste Periode umfasst das Ende des 18. Jahrhunderts (1762) bis zu den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. Diese Periode ist gekennzeichnet von einem sich beschleunigenden Zerfall des osmanischen Wirtschaftssystems und der osmanischen militärpolitischen Ordnung. Das Osmanische Reich wandelte sich regressiv von einer Weltmacht, die es seit dem 16. Jahrhundert gewesen war, im Verlauf des 19. Jahrhunderts zu einer zweitrangigen europäisch-asiatischen „Mittelmacht“.

Seit 1393, dem Jahr des Unterganges des Zweiten Bulgarischen Reiches mit der Einnahme von Weliko Tarnowo durch die Osmanen, war die autokephale bulgarische Kirche dem griechisch geprägten ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel untergestellt. Die bulgarische Diözese war dem Patriarchen von Konstantinopel unterstellt. Das andere bulgarische Kirchenzentrum – Ohrid mit dem Erzbistum Ohrid und Bulgarien – existierte noch einige Jahrhunderte (bis zu seiner Auflösung 1767).

In die Zeit der ersten Periode der Bulgarischen Wiedergeburt fiel der Verlust an ökumenischer Wirksamkeit des Konstantinopeler Patriarchats, der sowohl von der Auflösung der relativ selbständigen Erzbistümer von Peć (1766) und Ochrid (1767) herrührte als auch durch die Gründung des Bulgarischen Exarchats 1870 und durch das darauffolgende Schisma (1872) gefördert wurde.

Noch vor der Befreiung Bulgariens wurde 1874 im Peter und Paul Kloster bei der Stadt Ljaskowez die erste theologische Schule eröffnet. Das Exarchat eröffnete weiter eine Priesterschule in Prilep 1885, die 1886 nach Ohrid verlegt wurde. Eine geistliche Schule entstand in Odrin 1883, wurde 1893 als geistliches Seminar nach Konstantinopel und 1915 nach Plowdiw verlegt. 1895 wurde eine geistliche Schule in Samokow eröffnet, die bald als Geistliches Seminar nach Sofia verlegt wurde.Döpmann, 2006, S. 55 – S. 70.

Die zweite Periode Die zweite Periode fällt mit der Zeit der ersten ernsthaften Reformanstrengungen im Osmanischen Reich unter Mahmut II. und Abdülmecid I. während des 19. Jahrhunderts (Sened-i ittifak, Hatt-ı Şerif) zusammen und endete 1856 mit der Krimkrieg und dem Hatt-i humayun-Erlass. Dieser Zeit wurde geprägt durch die Auflösung des Janitscharenkorps (1826), die Abschaffung des Lehnswesens (Tımar, 1833/1834–1844), Abschaffung der Steuerpacht (Iltizam, 1839) und kulminierte mit der Proklamierung der Gleichstellung aller osmanischen Untertanen und die Garantie kirchlicher Privilegien und Immunitäten durch den Hatt-i humayun.Helmuth Scheel: Die staatsrechtliche Stellung der ökumenischen Kirchenfürsten in der alten Türkei. Ein Beitrag zur Geschichte der türkischen Verfassung und Verwaltung (= Abhandlungen der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Jg. 1942, Nr. 9, ). Verlag der Akademie der Wissenschaften, Berlin 1945, S. 10.

Es begannen zwei nationale Bewegungen: für die geistige Bildung des bulgarischen Volkes (новобългарска просвета – „neubulgarische Bildung/Aufklärung“) für die kirchliche Unabhängigkeit vom griechisch-orthodoxen Patriarchen, denn die Knechtschaft der Bulgaren war doppelt: politisch unterstanden sie den Türken, religiös unterstanden sie den Griechen.

In die zweite Periode fällt auch die nationale Befreiung Griechenlands vom Osmanischen Reich (Griechische Revolution).