Das Haus Lüttinghof (früher auch „Lüttinghoff“ geschrieben)August Schröder: Wie das Vest Recklinghausen preußischer Kreis und die Stadt Recklinghausen Kreissitz wurde. In: Vestischer Kalender, Jg. 1967, S. 29–33, hier S. 31. ist eine Wasserburg in Gelsenkirchen. Sie steht im Stadtteil Hassel nördlich von Gelsenkirchen-Buer an der Stadtgrenze zu Marl, unweit des Marler Stadtteils Polsum. Die Niederungsburg wurde Anfang des 14. Jahrhunderts erbaut und ist das älteste Baudenkmal der Stadt. Anfang des 18. Jahrhunderts ließen die Herren von Nesselrode die Anlage im Stil des Barocks umgestalten und einen Ziergarten anlegen. Die Burgkapelle sowie die Wirtschaftsgebäude wurden im 20. Jahrhundert abgebrochen und anstelle der Vorburg bis 1991 ein moderner Neubau errichtet.

Architektur und Baugeschichte Gesamtanlage mini|Schematischer Plan der Anlage; dunkelgrau: bestehende Gebäude, hellgrau:ehemalige Gebäude

Die Wasserburg liegt in der Nähe eines alten Handelsweges inmitten einer als Naturschutzgebiet ausgewiesenen Niederung mit über 300 Jahre alten Eichenbäumen. Die Gebäude der Anlage stehen auf einzelnen von breiten Gräften umgebenen Inseln, die durch steinerne Bogenbrücken miteinander verbunden sind. Der Zugang zur Vorburg erfolgt von Südwesten über eine Brücke. Voraus erhebt sich der Westflügel des Herrenhauses aus dem Wassergraben, der ihn von der Vorburg trennt. Südlich des Zuwegs liegt auf einer Halbinsel eine freie Rasenfläche, auf der bis 1974 eine Burgkapelle stand. Nördlich davon befindet sich anstelle der einstigen Wirtschaftsgebäude ein moderner dreiflügeliger Neubau. Von der Hoffläche der Vorburg führt eine weitere Brücke, von Pfeilern begleitet, auf den nahezu quadratischen Innenhof der Kernburg. Er wird im Süden und Westen von den rechtwinklig zueinander angeordneten Flügeln des Herrenhauses eingefasst. Der Eingang des Herrenhauses führt über eine Treppe am Westflügel ins erste Geschoss. Auf der gegenüberliegenden Seite des Innenhofs führt eine Brücke, die von zwei barocken Pfeilern mit aufgesetzten Vasen flankiert wird, zur langgestreckten Insel des ehemaligen Barockgartens. Vor der Brücke führt ein schmaler Weg auf eine Terrasse hinter dem Herrenhaus.

Herrenhaus Das Äußere Das erste Gebäude entstand kurz vor 1308. Aus dieser Bauperiode sind die 1,65 Meter starken Außenmauern an den Gräftenseiten bis ins erste Geschoss erhalten. Dieses Bruchsteinmauerwerk war eine im Burggraben stehende fünf Meter hohe Umfassungsmauer mit einem Wehrgang, die einen 31,5 × 26 Meter großen Innenhof einschloss. Innerhalb der Mauer standen das Oberhaus (Südflügel) und das daran rechtwinklig angeschlossene Vorhaus (Westflügel), deren Außenmauern ebenfalls teilweise erhalten sind. Zu dieser Zeit bildete eine Durchfahrt des Westflügels, in einer Achse mit der Brücke der Vorburg, den Zugang zum Innenhof. Der Haupteingang ins Herrenhaus lag in der Gebäudeecke im Innenhof.

mini|Das sogenannte Vorhaus von der Vorburgbrücke aus gesehen

1423 oder 1424 brannte die Burg ab. Teile der Außenmauern konnten bei dem baldigen Wiederaufbau genutzt werden. Der Südflügel wurde mit feinerem Mauerwerk um ein Geschoss erweitert. Der etwa 35 cm starke Fassadenabsatz erhielt ein Werksteingesims. Heute ist er mit Dachziegeln gedeckt. Im Kellergeschoss des Südflügels wurden Kreuzgewölbe mit Gurtbögen errichtet, die Tonnengewölbe des Westflügels konnten erhalten werden. Die unterschiedlich alten Gewölbe führten zu der Annahme, der Südflügel sei ein jüngerer Anbau des Westflügels.

Mitte des 16. Jahrhunderts wurde die Durchfahrt des Vorhauses zugemauert. Der Zugang zur Kernburg wurde an die Nordseite der Insel verlegt.

Zum Ende des 17. und zu Anfang des 18. Jahrhunderts kam zu größeren Umbauten. Einem Auftrag vom Juni 1690 an den Maurermeister Niklas Kamarck zufolge, sollte ein Bau „vom neuen Haus bis heraus zum Weyer hin“ mit einer 7,22 × 7,54 Meter messenden Kammer, einer Galerie und einer neuen Pforte errichtet werden. Ob, und wenn ja, wo genau der Bauauftrag ausgeführt wurde, ist unklar. In einer undatierten Auftragsbestätigung des gleichen Handwerkers sollte ein runder Turm aus Ziegelsteinmauerwerk abgebrochen und durch einen quadratischen Turm mit einer Kantenlänge von 5,65 Meter und vier Geschossen Höhe ersetzt werden. Bei diesen Turm handelt es sich wahrscheinlich um einen Treppenturm, der im Winkel der beiden Flügel stand. Bis 1692 wurden 100.000 Ziegelsteine für ein „neues Gebäude“ beschafft. Damit ist vermutlich der Ausbau des zweiten Geschosses des Westflügels um 1700 gemeint. Die Fenster im Untergeschoss wurden vergrößert und den neuen, regelmäßigen Fenstern im Obergeschoss axial angepasst. Unter den Fenstern wurden, möglicherweise schon um 1688, geschweifte Sohlbänke angebracht, im Obergeschoss ein von geschweiften Konsolen getragener Aborterker. Die Satteldächer mit drei Giebeln wurden von 1709 bis 1713 durch Walmdächer ersetzt. Dabei wurde vermutlich auch das Dachgesims angefügt. Die Außenwand des Westflügels zum Innenhof und die darunter befindlichen Gewölbe musste 1711 teilweise neu errichtet werden. 1713 wurde der Haupteingang ins Herrenhaus von der Gebäudeecke ein Stück nach Norden in den Westflügel, in eine Achse mit dem Barockgarten, versetzt. Die alte Umfassungsmauer im Nordwesten und Nordosten des Innenhofs wurde vermutlich 1714 abgetragen. Ein Auftrag an den Maurermeister Henrich Tutmann vom 20. Juli 1715 erwähnt drei Bögen im Innenhof. Dabei handelt es sich vermutlich um eine Loggia an der Nordwestseite des Innenhofs, die dem Bau vom Juni 1690 entsprechen könnte. Wegen der massiven, geschlossenen Bauweise blieb der Wehrcharakter der Anlage trotz der barocken Umbauten erhalten.

Der Treppenaufgang im Innenhof zum Eingang im ersten Geschoss wurde 1841 nach Plänen des Berliner Architekten C. Freyse neu gestaltet. Die Treppenführung im Innern wurde 1869/70 verändert.

Vermutlich führten Bergsenkungen zum Einsturz der nordöstlichen Ecke des Südflügels, die danach erneuert wurde.

Von 1988 bis 1991 wurde die Burg restauriert. Unter anderem wurde das Dach neu eingedeckt und die Außenwände gestrichen. Der Anstrich mit ziegelroter Mineralfarbe auf dünnem Schlämmputz erfolgte in Anlehnung an Farbreste des Mauerwerks im zweiten Geschoss des Vorhauses. Im Inneren wurden die Holzbalkendecken durch Stahlbeton entlastet, Zwischenwände abgerissen und eine neue Treppe installiert. Der Innenhof wurde neu gepflastert und neue Brücken aufgebaut.

Innenausstattung mini|Nachbildung des barocken Kamins im Rittersaal

Der größte Teil der Innenausstattung kam ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Haus Havixbeck.

Ein Renaissance-Kamin von 1562 stand ursprünglich in der Herrenstube in der Nordwestecke des Vorhauses im ersten Geschoss. Er wurde zur Eheschließung des Burgherrn Reiner von Raesfeld mit Anna von der Lippe (genannt Hoen) aufgestellt und wird daher auch Hochzeitskamin genannt. Von zwei Säulen gehen Halbbögen aus, die den Kaminmantel tragen. Er ist oben und unten von Gesimsbändern abgeschlossen. Auffallend sind vor allem die vier weit vortretenden Köpfe. Die beiden Büsten auf der Frontseite lassen sich den Ehepartnern zuordnen. Zwischen ihnen befindet sich in der Mitte eine mit Rollwerk dekorierte Kartusche mit dem Spruch „Uf dusser stuffe sall men sprechen: Ehrbare wordt un va nemanz gebrechen. 1562.“ („In dieser Stube soll man sprechen: Ehrbare Worte und von Niemands’ Gebrechen. 1562.“)

Ein zweiter Kamin von 1688 stand im Rittersaal, in dem heute eine Nachbildung davon steht. Der Kamin stammt aus der Werkstatt des Johann Wilhelm Gröninger und ist in Baumberger Sandstein ausgeführt. Von Blüten geschmückte Lisenen und Karyatiden halten den Kaminmantel, der durch Faszien architraviert wird. Zwischen den horizontalen Balken wird eine Kartusche mit der Inschrift „OMNIA PRO POSTERIS“ („Alles für die Nachkommen“) von Roll- und Knorpelwerk sowie zwei Putten eingefasst. Über dem oberen Gebälk folgt ein gesprengter Schweifgiebel. In seiner Mitte befindet sich eine Kartusche, welche die Ämter und Titel des Burgherrn Johannes Wilhelm von Nesselrode aufzählt. Die Kartusche darüber zeigt das Wappen derer von Nesselrode. Beide Kartuschen werden von üppigen Voluten, Blütenornamentik und Putten umrankt. Den äußeren Abschluss bilden zwei Frauengestalten, die auf den geschwungenen Giebelstücken ruhen.

Wirtschaftsgebäude mini|Der LWL ließ auf der Vorburginsel diesen modernen Neubau errichten.

Die drei Flügel der Wirtschaftsgebäude standen auf der Vorburginsel. Sie enthielten Erntekammern, Schmiede und Holzwerkstatt, Ställe für Kühe, Schweine und Pferde sowie Wohnräume für die Bediensteten. Der nordöstliche, weiß verputzte Ziegelstein- und Holzfachwerkbau mit Walmdach wurde 1725 erbaut. Das Gebäude hatte aber einen auf Eichenpfählen gegründeten Vorgängerbau aus Bruchsteinen. Im 19. Jahrhundert wurde es erneuert und 1948 um Wohnräume im Südosten erweitert. Im Nordwesten schloss sich im rechten Winkel eine langgestreckte Scheune an. Sie wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und danach wiederaufgebaut, brannte jedoch 1959 ab und wurde 1960/61 ein weiteres Mal neu errichtet. Der Scheune schloss sich der südwestliche Trakt aus Ziegelsteinen an. Er stammte aus dem Jahr 1838.

Die Wirtschaftsgebäude wurden 1987/88 abgebrochen und an ihrer Stelle ein großflächig verglaster Backsteinbau mit Holzbaugliedern errichtet. Der moderne Neubau orientiert sich am Grundriss der alten Vorburg und besteht wie diese ebenfalls aus drei Flügeln. Der Bau wirkt durch die niedrige Trauflinie des Satteldachs trotz seiner zwei Geschosse relativ niedrig gegenüber dem Herrenhaus. 1994 wurde er als „vorbildliches Bauwerk in Nordrhein-Westfalen“ ausgezeichnet.

Mühlen Unmittelbar im Südwesten der Burganlage mündet der Hasseler Mühlenbach in den Picksmühlenbach, der weiter als Rapphoffs-Mühlenbach nach Norden der Lippe zufließt. Die Bachläufe trieben 1671 zwei Kornmühlen, eine Ölmühle und eine Walkmühle an. 1691 wurde eine Bohr- und Schleifmühle erwähnt. Der aufgestaute Rapphoffs-Mühlenbach wurde ab 1716 auch zum Antrieb einer Papiermühle genutzt.

Nur von der Kornmühle neben dem Zugang zur Vorburg sind Reste erhalten. Sie wurde von 1718 bis 1721 neu erbaut. 1872 erhielt sie vom streng katholischen Müller die Türinschrift „Credo in unam sanctam ecclesiam et papam infallibilem“, in dem er sich zur Unfehlbarkeit des Papstes nach dem Ersten Vatikanischen Konzil bekannte. Deshalb wurde die Mühle als „Unfehlbarkeitsmühle“ bekannt. Im Frühjahr 1945 wurde sie bei Bombenangriffen zerstört. Ihre Fundamentreste und Mühlsteine erinnern an den Standort.

Burgkapelle mini|Eine Lithografie von 1837/40 zeigt Haus Lüttinghof mit der seinerzeit noch erhaltenen Burgkapelle.

Die Anerkennung der Ausstattung (Dotation) einer Kapelle seitens des Burgherrn Johann Stecke – datiert auf den 23. November 1379 – belegt erstmals eine dem Heiligen Antonius geweihte Burgkapelle auf Lüttinghof. Unklar bleibt, ob es sich dabei um einen Kapellenraum im Herrenhaus oder bereits um einen selbstständigen Bau handelte.

Die Baumaßnahmen der Kapelle um 1500 am heutigen Platz waren demnach entweder der erste Bau oder eine umfangreiche Erneuerung einer schon bestehenden Kapelle. Die Fundamente mussten 1516 erneuert werden. Der Backsteinbau war 13,65 Meter lang und 8,75 Meter breit. Der 3/8-Chorschluss lag im Nordosten. Sieben zweibahnige Spitzbogenfenster mit spätgotischem Fischblasen-Maßwerk und die dazwischen stehenden Strebepfeiler gliederten die Kapelle in der Vertikalen.

Um 1670 stiftete die Familie von Nesselrode den Altar, der einen niedrigeren ersetzte. Vermutlich wurde zu seiner Aufstellung das mittlere Chorfenster zugemauert. Das Schmuckwerk des Altars zeigte sowohl Stilformen der Renaissance als auch des Barocks. Aus der gleichen Zeit stammten die Kirchenbänke, die Wandverkleidung und ein Sakramentshäuschen. Die Chorschranken kamen aus der Engelsburg in Recklinghausen in die Kapelle.