Misburg-Anderten () ist der 5. Stadtbezirk in der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover. Er hat 34.637 Einwohner (17.572 Frauen und 17.065 Männer) und besteht aus den Stadtteilen Misburg-Nord (23.768 Einwohner), Misburg-Süd (2.911 Einwohner) und Anderten (7.958 Einwohner) (Stand 31. Dezember 2022).
Misburg Das erstmals 1365 urkundlich erwähnte Misburg entwickelte sich im 19. Jahrhundert durch die sich hier ansiedelnde Zementindustrie von einem kleinen Dorf zu einer industriell geprägten Gemeinde. 1963 zur Stadt erklärt wurde Misburg 1974 im Zuge der niedersächsischen Kommunalreform nach Hannover eingemeindet und besteht heute aus den Stadtteilen Misburg-Nord und -Süd.
Geschichte Entstehung mini|Misburger Ortszentrum bei Meyers Garten
Der 1958 entdeckte Misburger Urnenfriedhof deutet auf die Völkerwanderungszeit zurück.
Erstmals erwähnt wurde Misburg als Mudzborgh 1365 in einer Urkunde, in der Herzog Wilhelm zu Braunschweig und Lüneburg den Bürgern der Stadt Hannover das Privileg des Torfstechens zwischen Altwarmbüchen, Lahe und dem Misburger (Mudzborgher) Holz im Altwarmbüchener Moor erteilte.
In einer Urkunde des Bischofs Gerhard von Hildesheim aus dem Jahre 1373 ist festgehalten, dass Misburg für die Ausbesserung und den Ausbau der Hannoverschen Landwehr („der Landwere zwischen Middesborch unde Hannover …“) zuständig ist. Der hannoversche Bürgermeister Christian Ulrich Grupen beschrieb Misburg in seinem Werk Origines et Antiquitates Hannoverenses 1740 folgendermaßen:
„Mißborg eine wüste Feldmarck samt den Mißborger HolzGemeint ist der Misburger Wald. ist für Zeiten eine Borch gewesen, dem Stifft Hildesheim zugehörig, jetzo wohnen die von Alten da.“
Misburg war 1525 eine Bauernsiedlung mit etwa 25 Einwohnern, deren Höfe sich auf dem Gebiet der heutigen Anderter Straße befanden, zwischen der heutigen Waldstraße und der Kreisstraße. In dieser Zeit wurde die „Mudzborch“ aufgegeben und verfiel. 1585 hatte das Dorf sieben Hofstellen, die sich bis 1800 auf 18 erweiterten. Das Misburger Dorfleben aus dieser Zeit ist in Straßennamen teilweise noch erkennbar. Das zwischen 1817 und 1917 jährlich im Sommer gefeierte Rosenfest („Rosenfeststraße“), dessen Stifter Ludwig Cropp („Croppstraße“) sowie das für den Bau des Rathauses abgerissene Forsthaus („Am Alten Forsthaus“) lassen auf diese Epoche schließen.
Schreibweise
Die Schreibweise Misburgs änderte sich von Mudzburg über Meßborg oder Mißborg über Mißburg (1740 belegt) und schließlich in Misburg. Einer Sage nach ist Misburg nach der Burg des Ritters Miß benannt worden. Anderen Quellen zufolge entstammt das Wort „Mis“ einem inzwischen verschwundenen, durch das Hochdeutsche verdrängten, lokalen Dialekt und bedeutet schlicht „Moor“. Dadurch wird Misburg zur Burg im Moor.
Mudzborgh Die mittelalterliche Burg Mudzborgh soll einst in dem Bereich gestanden haben, an der heute die Straße „Hinter der Alten Burg“ liegt. Bis 1947 waren dort noch Sandwälle vorhanden. Der eigentliche Standort der Burg wird auf dem Gelände der heutigen St.-Anna-Kirche vermutet, da bei deren Bau 1955 Grundmauerreste und behauene Sandsteinquader freigelegt wurden. Wegen des schnell fortschreitenden Baus der Kirche konnte das Gelände nicht weiter archäologisch untersucht werden.
Industrialisierung mini|Kartierung von Misburg 1896 bei der Preußischen Landesaufnahme
Ein enormer Wachstumsschub durch die Industrialisierung setzte ab 1870 durch die hier entstehende Zementindustrie ein. Der im Boden entdeckte Mergel wurde in Kalköfen gebrannt und zu Zement verarbeitet. Die vorbeiführende Eisenbahnstrecke erleichterte den Abtransport des Zements. Bis 1900 entstanden vier Fabriken:
Hannoversche Portland-Cementfabrik AG (1873–1986/90) Portland Cementfabrik Germania (1881–1976) Teutonia Zementwerk (1887), seit 2004 HeidelbergCement Norddeutsche Portland-Cementfabriken (1898), (heute Holcim)
Neben der Zementindustrie entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die Spritfabrik in Misburg. Durch diese Gründungen kam es zu einem starken Wachstum der Bevölkerung sowie zu einer Ausdehnung des Dorfes mit neuen, durch die Einwanderer aus Schlesien geprägten Wohnsiedlungen („Jerusalem“).
Die Ära Gustav Bratkes Misburgs Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde entscheidend durch den Sozialdemokraten Gustav Bratke geprägt. Der gelernte Lithograph kam 1910 nach Misburg und arbeitete hier zunächst als Lagerhalter im Konsumverein, bald gemeinsam mit seiner Ehefrau als dessen Geschäftsführer. Seit 1912 gehörte er für die SPD dem Misburger Gemeinderat an, ein Ereignis, das er später mit den Worten kommentierte:
1919 wurde er Gemeindevorsteher (Bürgermeister) von Misburg und 1920 SPD-Abgeordneter im Provinziallandtag der preußischen Provinz Hannover; 1926 außerdem Vorsitzender der Provinzialverwaltung. Gustav Bratkes Kommunal- und Sozialpolitik war durch eine Verbindung von Industrieansiedlung und kommunalen Investitionen gekennzeichnet. Er ließ die Gemeinde Bauland ankaufen, so dass es ihm gelang, 1931 die Ansiedlung der Erdöl-Raffinerie Deurag-Nerag in Misburg zu bewirken. Er ließ 154 gemeindeeigene Wohnhäuser sowie 250 Wohnungen in Misburg bauen und förderte den Eigenheimbau. 1925/26 folgte der Bau des eigenen Wasserwerks durch den Architekten Friedrich Fischer, der ersten Kanalisation und von zwei Kläranlagen, 1926 des Jugendheims ebenfalls durch Friedrich Fischer. Während der Weltwirtschaftskrise sorgte er für die Einrichtung einer Volksküche in der damaligen Turnhalle. Zu dieser Zeit waren von den damals circa 7.000 Einwohnern Misburgs rund 2.000 arbeitslos. 1933 wurde Gustav Bratke von den Nationalsozialisten aus allen politischen Ämter gedrängt.
Zweiter Weltkrieg Während des Zweiten Weltkriegs wurde Misburg bei circa 45 alliierten Luftangriffen auf Hannover von ungefähr 40.000 Spreng- und Brandbomben getroffen, 60 % der Wohnhäuser wurden vernichtet oder beschädigt. Die Angriffe galten kriegswichtigen Betrieben, wie sie die Raffinerie Deurag-Nerag und die Zementfabriken Misburgs darstellten. Nur knapp 4 % der Bomben trafen jedoch die Raffinerie als Ziel der alliierten Luftoffensive gegen die deutsche Mineralölindustrie.
Im Jahre 1944 erfolgte vom Umspannwerk Ahlten der Aufbau einer Versuchsanlage zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung nach Misburg.Dietrich Oeding, Bernd R. Oswald: Elektrische Kraftwerke und Netze. Verlag Springer, Berlin 2004, ISBN 3-540-00863-2, S. 838 ().
Der Schriftsteller und Weltkriegsveteran Ernst Jünger, der ab September 1944 im nahen Kirchhorst lebte, hat in seinen Tagebuchaufzeichnungen „Kirchhorster Blätter“ zu den Luftangriffen auf Misburg vermerkt:
Am 15. März 1945, dem Tag des schwersten Luftangriffs auf Misburg, notierte er:
Der Journalist und Dramatiker Josef Nowak (1901–1988) versah zu jener Zeit Dienst als Flaksoldat bei Misburg. Er schildert die generellen Umstände und den von Jünger beschriebenen Angriff in seinem Buch „Mensch auf den Acker gesät“.
mini|hochkant|Mahnmal für das frühere KZ-Außenlager von Eugène Dodeigne
Nahe dem Werkgelände der Raffinerie befand sich von Juni 1944 bis April 1945 das KZ-Außenlager Hannover-Misburg des KZ Neuengamme. Bei den ersten Häftlingen handelte es sich um belgische und französische Widerstandskämpfer. Sie wurden bei Aufräumarbeiten auf dem durch Bombenangriffe beschädigten Raffineriegelände der Deurag-Nerag eingesetzt. Durchschnittlich 1.000 Häftlinge waren in dem Lager untergebracht; etwa 55 sollen während seines Bestehens zu Tode gekommen sein. Gegen Ende des Krieges wurden die Häftlinge auf einen Todesmarsch nach Norden in Richtung Neuengamme geführt, der am 8. April 1945 im KZ Bergen-Belsen endete. Auf dem früheren Lagergelände an der Hannoverschen Straße in Höhe des Mittellandkanals wurde 1989 als Mahnmal eine Skulptur von Eugène Dodeigne aufgestellt.
Weitere Entwicklung mini|hochkant|Die 1955 anstelle der kriegszerstörten neu gebaute Sankt-Anna-Kirche Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Misburg dem „Europäischen Gedanken“ gewidmet und mehrere Städtepartnerschaften aufgenommen: Bollnäs (Schweden, 1961), Flekkefjord (Norwegen, 1970), Kankaanpää (Finnland, 1970), Shepton Mallet (Großbritannien, 1961) und Morsö (Dänemark, 1970). 1972 erhielt Misburg vom Europarat als Dank für die Bemühungen um Völkerverständigung die Ehrenfahne. (PDF; 141 kB)Städtepartnerschaften des Stadtbezirks Misburg-Anderten auf hannover.de, abgerufen am 1. Oktober 2022
Bei der niedersächsischen Kommunalreform wurde die Stadt, welche Misburg seit dem 29. Juli 1963 ist, am 1. März 1974 nach Hannover eingemeindet. Im Zuge der Einführung von Stadtbezirken 1981 wurden die beiden Misburger Stadtteile Misburg-Nord und Misburg-Süd gemeinsam mit dem Stadtteil Anderten als Stadtbezirk Misburg-Anderten zusammengelegt. Die Städtepartnerschaften werden vom Stadtbezirk weitergeführt.Städtepartnerschaften auf nananet.de, abgerufen am 1. Oktober 2022
Während der 1980er-Jahre wurden einige Zementwerke sowie die Erdölraffinerie DEURAG-NERAG stillgelegt.
Misburg-Nord mini|hochkant=0.7|St.-Johannis-Kirche
Der Stadtteil wird im Nordosten begrenzt durch den Misburger Wald und die Autobahn A 2, im Osten durch die ungefähr parallel zur Autobahn A 7 verlaufende Stadtgrenze, im Süden durch den Stichkanal zum Misburger Hafen und im Nordwesten durch die Straßen Gundelrebe und Bollnäser Straße und weiter südwestlich des Mittellandkanals parallel zum Kauzenwinkelhag, die Straßen Milanstraße, Am Stadtrand, westlich der Grenzstraße und von dort in südlicher Richtung bis zur Eisenbahnstrecke.
Nachdem Misburg seit 1894 eine eigenständige evangelisch-lutherische Kirchengemeinde hatte, wurde in den Jahren 1902–1904 die von Karl Mohrmann entworfene St.-Johannis-Kirche gebaut. Weitere Kirchen in Misburg-Nord sind die evangelisch-lutherische Trinitatiskirche von 1963 mit ihrem freistehenden Turm, die katholische St.-Anna-Kirche von 1956, das Ukrainische Ökumenische Zentrum St. Wolodymyr von 1984 sowie eine neuapostolische Kirche. An der Waldstraße am Rande des Misburger Waldes wurde 1921 der Waldfriedhof Misburg (auch: Stadtteilfriedhof Misburg) eröffnet. Der 7,9 Hektar große Friedhof bietet Platz für 4.500 Grabstätten und wird vom Stadtfriedhof Lahe aus verwaltet.
Seit 1971 besteht das Bürgerhaus Misburg.
Im Dezember 2010 erhielt Misburg-Nord Anschluss an die Stadtbahn durch die Streckenverlängerung der Linie 7 vom Paracelsusweg, ehemals Lahe bis zum vorläufigen Endpunkt an der Schierholzstraße. Die weitere Verlängerung der Strecke bis Meyers Garten mit den Stationen Kafkastraße und Am Forstkamp und der neue Endpunkt Misburg am Misburger Rathaus ging im Dezember 2014 in Betrieb. Die weitere Erschließung des Stadtteils übernehmen die Buslinien 124, 125 und 127.
Im Stadtteil gibt es drei Grundschulen (Mühlenweg, Pestalozzischule I, Kardinal-Galen-Schule), die Realschule Misburg sowie das Kurt-Schwitters-Gymnasium Misburg.
Misburg-Süd mini|hochkant=0.7|Kolumbarium Hl. Herz Jesu
Der Stadtteil wird begrenzt durch den Mittellandkanal, den Stichkanal zum Misburger Hafen, die Eisenbahnstrecke nach Lehrte und die Stadtgrenze im Osten. Er ist geprägt durch die hier ansässige Bau- und Zementindustrie. Zu den größten ansässigen Unternehmen gehören u. a: Sievert Baustoffe GmbH & Co. KG, Leonhard Moll Betonwerke AG und Kuhnke Holz GmbH (Stand 2022). An der Grenze zu Anderten befindet sich die S-Bahn-Station Hannover-Anderten-Misburg, an der die S-Bahnen der Linie S 3 (Hannover–Hildesheim) und S 7 (Hannover–Celle) der S-Bahn Hannover halten. Ansonsten erschließt die Buslinie 125 den Stadtteil und verbindet ihn mit Misburg-Nord und Anderten.
Die 1904/05 als Pfarrkirche für die im Zuge der Industrialisierung zugezogenen Katholiken errichtete Herz-Jesu-Kirche wurde 2010 in ein Kolumbarium umgewandelt.