mini|Franz von Bayros: Manar es-Sana und Tohfe. Der junge Goldschmied Hasan kann auf einer abenteuerlichen Reise eine wunderschöne Prinzessin zur Gemahlin erobern, aber nur durch eine List: Er raubt ihr das Federkleid, mit dem sie sich in einen Vogel verwandeln kann, denn die Prinzessin ist Manar es-Sana, die jüngste Tochter des mächtigen Großkönigs der Dschinn. Ein Flaschengeist ist eine Mythen- und Märchenfigur. Er muss seinem Befreier lebenslang dienen oder ihm eine gewisse Anzahl Wünsche erfüllen, meist mit Einschränkungen. Der Wunsch darf z. B. nur einmal ausgesprochen werden. Dieses Motiv ist seit den morgenländischen Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht bekannt und auf der ganzen Welt umfassend rezipiert worden. In der deutschen Literatur debütiert der Flaschengeist in Faust. Der Tragödie zweiter Teil als Homunkulus. Von einem Flaschengeist zu unterscheiden ist der dienstbare Geist, der als Mephistopheles um Beistand angerufen oder als Paredros magisch herbeigezwungen wurde.

Ursprünge Die vermutlich aus Indien stammenden mittelpersischen Tausend Erzählungen, die bereits das Strukturprinzip der Rahmenerzählung hatten, wurden Mitte des 9. Jahrhunderts unter dem Titel Alf Layla ins Arabische übersetzt. Später kamen einzelne Geschichten hinzu, wie Der Fischer und der Dschinni sowie der Zyklus vom Kaufmann und Dschinni,Der Kaufmann und der Dschinne. In: Claudia Ott, Muhsin Mahdi: Tausendundeine Nacht. S. 7; die den Band auf einen Erzählumfang von 1001 Nächte gebracht haben sollen. Aus dem Jahre 1150 ist eine Fassung unter dem Titel Alf Layla wa-Layla dokumentiert. Die Forschung vermutet den Beginn der arabischen Überlieferung in Bagdad.

Ein Flaschengeist gilt als persisches Motiv in der griechischen und arabischen Märchenwelt. Im antiken Griechenland ist es der historisch belegte, sagenumwobene König Gyges, im arabischen Raum Aladin. Klassische Erzählungen des Gyges-Stoffes finden sich bei Herodot, Xanthos dem Lyder sowie bei Platon.Lajos Berkes: Gyges und Aladdin – Ein Persisches Motiv in Der Griechischen und in der Arabischen Märchenwelt. In: Acta Antiqua Academiae Scientiarum Hungaricae, 2008, 48, S. 263, doi:10.1556/AAnt.48.2008.1-2.29. Hier kommt allerdings nirgendwo ein Flaschengeist vor, sondern – nur bei Platon – ein magischer, unsichtbar machender Ring, mit dem Gyges als Sohn eines einfachen Hirten die Macht an sich reißt; doch Platons Geschichte weist große Ähnlichkeiten mit der von Aladin auf. Das Motiv des unbedachten Wunsches an eine Macht, die in der Lage ist, diesen zu erfüllen, und dies auch konsequent tut, kommt in einer berühmten mythischen Anekdote um Midas vor (hier ist die Macht Dionysos und der Wunsch, dass alles, was Midas berührt, zu Gold werde).

mini|Albert Robida (1846–1926). Illustration zu Aladin In der orientalischen Erzählwelt verkörpert der Flaschengeist einen Geist, der sich gegen ranghöhere Geister auflehnte und zur Strafe in einer verschlossenen Flasche eingesperrt wurde, aus der er sich nicht befreien kann. Er ist jedem Menschen zum Dienst verpflichtet, der diese Flasche öffnet und ihn befreit. Sterbliche können sie befreien, indem sie die Flasche öffnen oder sie reiben. Ab 1704 übersetzte der französische Orientalist Antoine Galland das Werk ins Französische. Dabei ergänzte er es um einige Geschichten, wie die von Aladin und die Wunderlampe, in der Aladin mithilfe des dienstbaren Geistes mächtig und reich wird. Diese und andere Ergänzungen, wie Ali Baba und die vierzig Räuber, ließ sich Galland 1709 von dem in Paris lebenden maronitischen Christen Hanna Diyab in die Feder diktieren. Diese insgesamt 14 Ergänzungen prägen das Bild, das die westliche Welt von den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht hat, vermutlich stärker als die arabischen Handschriften der Originalquelle. In Drama, Oper und Film gibt es viele Adaptionen dieser Geschichte.

August Ernst Zinserling übersetzte das Werk von Galland 1823 bis 1824 ins Deutsche. Anschließend entstand Faust. Der Tragödie zweiter Teil mit der Figur des künstlichen Menschleins Homunkulus in der Phiole. Johann Wolfgang von Goethe kannte Zinserling.

Durch Übersetzungen nah-östlicher Geschichten im Kolonialzeitalter kam es, dass man Flaschengeister als Dschinn bezeichnete. Diese haben aber nur wenig Ähnlichkeiten mit den Dschinn aus der islamischen Mythologie.

Verhältnis zu anderen mythologischen Figuren mini|Dante Gabriel Rossetti – Pandora In Märchen und Sagen gibt es eine Vielzahl dienstbarer Geister, die nach ihren Aufenthaltsorten voneinander unterschieden werden: Der alpenländische Tattermann, der schlesische Rübezahl und Skandinaviens Troll. Im Vorderen Orient gibt es den bösen Dev und den arabischen Gül. Trotz dieser regionalen Differenzierung erscheint es unmöglich, die Geisterwelt zu systematisieren. Deshalb ist es angebracht, von ihrer Funktion als Handlungsträger auszugehen, denn trotz ihrer Heterogenität erfüllen sie meistens die gleichen Aufgaben. Im Märchen legen sie als Helfer eine optimistische Grundhaltung an den Tag. In der eher pessimistischen Sage steht der Mensch dem dienstbaren Geist oft schutzlos gegenüber. Das Flaschengeist-Motiv als literarisches Motiv ist weit optimistischer als das verwandte der Büchse der Pandora. Während der Flaschengeist überlistet werden kann, vollzieht sich das Verhängnis der Pandora seit Hesiod unaufhaltsam.Otta Wenskus: Umwege in die Vergangenheit: Star Trek und die griechisch-römische Antike. StudienVerlag, Innsbruck 2009, ISBN 3-7065-4661-2, S. 131.

In Märchenerzählungen verspricht der Geist, jeden Wunsch zu erfüllen, solange die Flasche verschlossen ist. Im geöffneten Zustand bringt der Inhalt der Flasche tödliche Gefahren. In politischen Darstellungen wird die Metapher des Flaschengeistes häufig zur Charakterisierung einer selbstverschuldeten Gefahr verwendet. Ein Beispiel ist der Flaschengeist der Globalisierung, der ein Ausscheren aus dieser Entwicklung mit dem volkswirtschaftlichen Ruin bestrafen würde. Bezahlsysteme, die aus Smartphones eine digitale Brieftasche machen, sind als Flaschengeister der Subversion in der digitalen Welt bezeichnet worden. In diesem Zusammenhang dient der Flaschengeist als Bild für einen selbstverschuldeten Konsumismus.

Rezeption und Verbreitung des Motivs 2004 wurde der 300. Jahrestag der ersten europäischen Übersetzung der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht gefeiert. Aus diesem Anlass hat die UNESCO das Werk auf die Liste der von ihr unterstützten Anlässe kultureller Gedenkjahre gesetzt. Ebenso wie dieses Werk hat auch der Flaschengeist zur Konstituierung der westlichen Kulturen beigetragen. Er ist zu einer Quelle der Fantasie geworden, vor allem in der Literatur, in der Musik, im Film und in der Malerei. In der Literaturwissenschaft ist dieses Phänomen als Orientalismus bekannt. Die westliche Rezeption ist auch stereotyper Ausdruck einer faszinierenden und attraktiven Seite des Orients geworden und versinnbildlicht die westliche Wunschvorstellung nach einem glücklichen Leben. Vor diesem Hintergrund bedienen sich auch vor allem die Verhaltenswissenschaften sowie die Informatik der mit dem Flaschengeist verbundenen westlichen Vorstellungswelt.

Schöngeistige Literatur Bereits 1796 – also rund 90 Jahre nach der ersten europäischen Übersetzung der Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht durch den Franzosen Antoine Galland – verwendet Samuel Taylor Coleridge in seinem Gedichtfragment Kubla Khan für seinen Protagonisten das Motiv des Dschinn.

mini|Homunkulus in der Phiole: „Was gibt’s zu tun?“ Mephistopheles, auf eine Seitentüre deutend: „Hier zeige deine Gabe“ (Die Traumbilder des schlafenden Faust zu beschreiben) (Umriss-Radierung nach Moritz Retzsch 1836) In Goethes Faust. Der Tragödie zweiter Teil schafft Famulus in seinem Laboratorium auf chemische Weise einen Homunkulus, ein künstliches Menschlein, das einzig in einer Phiole überleben kann. Als er dort zum Leben erwacht, erkennt er seinen Vater. Dann schwebt er in seiner Flasche hinüber zu Faust. Homunkulus kann Fausts Träume lesen. Er wickelt ihn in den fliegenden Mantel und bringt ihn in das antike Griechenland, wo sich Faust auf die Suche nach Helena macht. Homunculus hat eigene Reisepläne. Er möchte aus seinem Fläschchen hinaus und sich weiterentwickeln, also Gestalt annehmen. Die Kräfte der Natur sollen ihm helfen. Er wird dem Meergott Nereus vorgestellt, der hellseherische Fähigkeiten hat. Er schickt ihn weiter mit den Worten: „Im weiten Meere musst du anbeginnen!/ Da fängt man erst im Kleinen an.“ Auf dem Rücken eines Delphins kann Homunkulus das Reich des Anbeginns durchstreifen. Er ruft sich in Erinnerung, was Proteus sagte: „Das Erdetreiben, wie’s auch sei,/ ist immer doch nur Plackerei/ Denn bist du erst ein Mensch geworden,/ dann ist es völlig aus mir dir.“Klaus Seehafer: Goethe für Eilige.

1810 entstand Eine Geschichte vom Galgenmännlein von Friedrich de la Motte Fouqué. Hier ist nicht der Protagonist Reichard der Bannende über den Flaschengeist, sondern der Flaschengeist der Herrscher über Reichard. Reichard ist in der Rolle eines jungen deutschen Kaufmanns, der sich während des Dreißigjährigen Krieges in Venedig befindet. Da er dort über seine finanziellen Verhältnisse lebt, gerät er schnell in Bedrängnis. Er lernt einen Spanier kennen, der ihm ein kleines, in einer Flasche eingesperrtes Teufelchen zeigt, nämlich das Galgenmännlein. Dem Besitzer des Galgenmännleins wird jeder Wunsch erfüllt, der materiell ist. Als Gegendienst darf das Teufelchen sich der Seele seines Besitzers bemächtigen. Davon kann sich der Besitzer einzig durch einen Verkauf des Flaschengeistes befreien. Dabei muss er von dem Käufer einen niedrigeren Geldbetrag verlangen, als er selber zuvor bezahlt hat. In seiner Not wünscht sich Reichard fünf Dukaten, dieser Wunsch wird ihm erfüllt. Es geht im gut, er kehrt zu seinem alten Lebensstil zurück. Als er krank wird, wird ihm sein Wunsch nach Genesung verwehrt. Daraufhin trennt sich Reichard von dem Flaschengeist, er verkauft ihn an seinen Arzt. Auf schicksalhafte Weise kauft Reichard das Galgenmännlein immer wieder zurück. Am Ende der Geschichte bezahlt er dafür nur noch einen Heller, wodurch ein weiterer Verkauf ausgeschlossen ist, es gibt keinen kleineren Geldbetrag. Reichard bleibt dem Teufel ausgeliefert. Rettung wird ihm aber letztlich doch noch zuteil, als er auf einen Mann trifft, der seine Seele sowieso längst dem Teufel verschrieben hat und ihm das Galgenmännlein mit frisch geschlagenen Halbhellern abkauft.

In dem Märchen Der Geist im Glas der Brüder Grimm fungiert ein Konflikt zwischen Vater und Sohn – er studiert Medizin – als Rahmenhandlung. Das der Geschichte von dem Fischer und seinem Dämon (Sammlung 1001 Nacht) entlehnte Motiv des Flaschengeistes ist in diesen erzählerischen Rahmen eingebettet und verbindet sich mit dem vom Vater verkannten Genie des Studenten. Der Sohn findet im Wald ein froschähnliches Lebewesen in einer Glasflasche. Als er es herauslässt, droht der Geist, ihn zu töten. Mithilfe einer List gelingt es dem Sohn, dass der Geist wieder in seine Flasche zurückgeht. Als der Geist ihm eine hohe Belohnung verspricht, lässt er ihn abermals heraus. Der Geist gibt ihm einen kleinen Lappen, der – auf die Vorstellungswelt im Mittelalter Bezug nehmend – Metalle in Silber verwandeln und Wunden heilen kann. Dadurch erlangt der Student Reichtum und Erfolg und wird zu einem anerkannten Arzt. Im Mittelalter stellte man sich einen Geist als eine Art Gas vor, das sich komprimieren und wieder ausdehnen lässt.Alice Dassel: Interpretationen zu drei Grimm’schen Märchen: Der Geist im Glas / Die Sterntaler / Das tapfere Schneiderlein. S. 7;