mini|Jakob Wassermann* 1873 †1934 Laudin und die Seinen ist der Titel eines 1925 im S. Fischer VerlagVorabdruck als Fortsetzungsroman in der „Vossischen Zeitung“ erschienenen ZeitromansKoester (S. 70) bezeichnet ihn als Eheroman. Koranyi schließt sich diesem Urteil nur teilweise an und nennt die Identitätskrise der bürgerlichen Gesellschaft und den Generationskonflikt als weitere Schwerpunkte des Romans, (Nachwort der dtv Ausgabe 1987, S. 340.). von Jakob Wassermann. Thematisch und personell verbunden mit der Lebenskrise des Rechtsanwalts Laudin sind drei seiner Fälle, die autobiographische Bezüge zum Scheidungsprozess des Autors aufweisen.Stephan Koranyi: Nachwort der dtv Ausgabe 1987, S. 339.

Überblick über die Haupthandlung Die zwischen Herbst und Frühling in Wien spielende Haupthandlung thematisiert am Beispiel des erfolgreichen Rechtsanwalts Friedrich Laudin und seiner Frau Pia die Frage nach der Identität einer Person und nach dem Ausstieg aus verfestigten bürgerlichen Strukturen und einem Neubeginn eines alternativen Lebens sowie nach der Sozialisation und der Entwicklung von Partnerschaften.

Der 47-jährige Laudin ist durch die Routine der beruflichen und privaten Abläufe ermüdet, verbirgt aber seine Unzufriedenheit hinter einer freundlichen Fassade. In dieser Lebenssituation bearbeitet er drei Beziehungsfälle, in denen er Ähnlichkeiten zu seiner versteckten Problematik entdeckt: Karoline Lanz und May Ernevoldt lebten mit verheirateten Männern zusammen, deren Witwen gegen Schenkungen an die Geliebten klagen. Der 18-jährige Nikolaus Fraundorfer verliebt sich in die verheiratete und von vielen Männern umworbene Schauspielerin Luise Dercum und begeht Suizid. Diese miteinander vernetzten Schicksale lösen bei Laudin eine Krise aus, die sich auf seine Familie ausdehnt, und er gerät in eine emotionale Abhängigkeit von Luise Dercum. Durch eine dramatische Entwicklung kann sich Laudin am Ende aus der traumatischen Situation befreien und seine Familie erhalten. Inhalt → Inhalt  Familie Laudin Dr. Friedrich Laudin ist ein erfolgreicher und angesehener Rechtsanwalt mit einer renommierten Anwaltskanzlei am Fleischmarkt in Wien. Er hat sich auf das Scheidungs- und Erbschaftsrecht spezialisiert und wird wegen seines souveränen und einfühlsamen Umgangs sogar von den Gegenparteien geschätzt. Ebenso gilt seine Ehe mit seiner Frau Pia, den beiden Töchtern Marlene und Relly und den kleinen Sohn Hubert als vorbildlich (Teil I, Kap. 6–8). Doch über diesem Idealbild liegt ein nur ihm sichtbarer Schatten. In der Mitte seines Lebens fühlt sie der 47-Jährige sich müde und in der Routine des Arbeits- und Familienlebens gefangen (I, 10, 18). Dass er mit seinen Prozessen die Gerechtigkeit erkämpfen kann, daran glaubt er nicht mehr. Er kann höchstens im Streit der Interessensgruppen, die ihre eigenen Versionen vortragen, die Lage der Schwächeren etwas mildern (II, 25). Seine durch Haushalt und Familie oft erschöpfte, ca. zehn Jahre jüngere Frau Pia versucht ihm ein Heim ohne Sorgen zu schaffen und verdrängt die drohende Gefahr einer Ehemüdigkeit. Die fünfzehnjährige sensible Tochter Marlene nimmt dagegen die latente Spannung wahr. Sie stellt die Moral der bürgerlichen erfolgsorientierten Erwachsenen-Welt in Frage und spricht mit ihrem Vater über die Selbstmorde zweier Jugendlicher als Zeichen eines Generationskonfliktes (I, 16, II, 22). Mit einer Freundesgruppe plant sie einen Jugendbund „Von der Flamme“, der den Alten und Müden die Zügel aus der Hand nehmen will, um das Böse und Falsche durch das Richtige und Gute zu ersetzen (II, 39, III, 64).

In personaler und thematischer Vernetzung sind in die Ehe- und Familiengeschichte Laudins drei juristische Fälle des Advokaten eingearbeitet. Bei seinen Recherchen werden dem Rechtsanwalt jeweils die verschiedenen Versionen der Beteiligten vorgetragen, Aussage steht gegen Aussage und Laudin ist bei seinen Entscheidungen auf seine psychologische Erfahrung und sein Einfühlungsvermögen angewiesen. Dabei mischen sich die Konflikte mit seiner persönlichen Situation, der Unzufriedenheit mit der Rechtsprechung und der Unsicherheit mit seiner gesellschaftlichen Rolle, und dies löst bei ihm eine dramatische Entwicklung aus:

Karoline Lanz versus Brigitte Hartmann Der Student Konrad Lanz bittet Laudin um juristische Hilfe in einem Erbschaftsstreit seiner Schwester Karoline (I, 3). Sie war die Lebensgefährtin Hartmanns, nachdem sich dieser nach einer langen unglücklichen Ehe von seiner Familie getrennt hatte und nach Steyr gezogen war. Vor seinem Tod informierte er sie darüber, dass sie und ihr Sohn seinem im Hartmannshof in Kottingbrunn hinterlegten Testament berücksichtigt seien. Doch das Schriftstück ist nicht aufzufinden und Hartmanns Frau Brigitte bestreitet seine Existenz. Sie ist über ihren Mann verbittert und reagiert auf Laudins Drohungen, eine Kopie sei aufgetaucht und der Fall werde in einem Schwurprozess geklärt werden, widersprüchlich: einmal zeigt sie sich zu einem Vergleich bereit (I, 9), ein anderes Mal lehnt sie jegliche Abfindung ab (II, 21). Als Laudin ihr mit einem Prozess und dem Einfrieren ihres Vermögens droht, wird sie aggressiv und belästigt Pia mit Telefonanrufen und einem Besuch (III, 48), bei dem sie ihren Mann der Rücksichtslosigkeit und des mangelnden Verständnisses für eine von ihrem Mann verlassene Mutter beschuldigt. Brigitte spürt auch dem Privatleben des Rechtsanwalts nach, um ihn unter Druck zu setzen (II, 38). Während Pia Mitleid mit Frau Hartmann hat, sieht Laudin sie als Repräsentantin einer alten Gesellschaft, die „Pflicht, Ehre, Gewissen, Mutterschaft, Aufopferung, Glaube, Religion, Heim und Herd“ als höchste Werte ansieht und die ungebundene junge Frauen verleumdet (II, 31).

Während Laudin erfolglos mit Brigitte Hartmann verhandelt, wird Konrad Lanz verhaftet. Er hat, um sein Studium zu finanzieren und die Schwester mit dem Kind zu versorgen, Falschgeld gedruckt, allerdings nur so viel davon ausgegeben, wie er für den Unterhalt brauchte (III, 56). Als Laudin davon erfährt, besucht er ihn im Gefängnis und bietet ihm an, ihn zu verteidigen. Konrad lehnt ab. Einerseits weiß er, dass der Schaden für den Staat im Vergleich zu seinen großen Inflationsmanipulationen gering ist, doch andererseits hat er das Rechtsempfinden des Kategorischer Imperativs, dass jeder einzelne sich an das Gesetz halten muss. Deshalb verzichtet er auf seine Verteidigung (III, 59). Laudin fährt daraufhin zu Brigitte Hartmann, schildert ihr die Lage Karolines und appelliert an ihr Gewissen. Sie stimmt schließlich der Teilung des Erbes ihres Mannes zu (III, 60).

Egyd Fraundorfer verus Luise Dercum Laudin unterhält sich mit seinem Freund Egyd Fraundorfer oft über philosophische Fragen und sie vertrauen sich ihre Probleme an (I, 12). Nach der Geburt des Sohnes Nikolaus hat sich Fraundorfers Frau von ihrem Mann getrennt, angeblich wegen Narrheit, Geiz und Misanthropie des Privatgelehrten, der eine Geschichte der menschlichen Dummheit geschrieben hat. Laudin kritisiert oft den kritischen, spöttischen, vielleicht nur spielerisch-flachsenden Umgang des alleinerziehenden Vaters mit seinem Sohn (I, 11). Jetzt hat sich der begabte 18-jährige Musiker erschossen und der Vater macht sich Gedanken über die Hintergründe des Suizids (I, 14). Er vermutet als Motiv eine unglückliche Liebesgeschichte mit der 24-jährigen exaltierten Schauspielerin Luise Dercum und zeigt dem Freund ein Bild der Frau, das den Rechtsanwalt beeindruckt: „Das ist allerdings ein Gesicht von unbeschreiblicher, von erstaunlicher Wahrheit und Unschuld“ (I, 12). Fraundorfer bittet ihn um Nachforschungen und weist auf eine Brandverletzung an der Schulter des Toten hin (I, 15, II, 26). Laudin besucht Luise in ihrer Atelierwohnung im Kreis ihrer Künstlerfreunde und befragt sie über ihre Beziehung zu Nikolaus. Sie bezeichnet den Kontakt, von ihrer Seite aus, als musikalisch-künstlerische Freundschaft, der Jüngling dagegen habe sie umworben und heiraten wollen. Sie habe den „achtzehnjährigen Frosch“ wegen des Altersunterschiedes zurückgewiesen (II, 25). Später verwickelt sie sich in Widersprüche: sie leugnet eine sexuelle Beziehung nicht mehr ab, könne sich aber nicht mehr daran erinnern. (II, 37) Laudin erfährt von ihrer Freundin May, die Brandverletzung sei die Folge einer Liebesprobe mit einem glühenden Feuerhaken gewesen, die Luise von Nikolaus verlangt habe (II, 45). Laudin ist zu diesem Zeitpunkt bereits selbst so stark von Luise fasziniert, dass er die Spur nicht weiterverfolgt und Fraundorfer meidet. Dieser recherchiert nun selbst und findet heraus, dass sein Sohn zwei Tage vor seinem Suizid einen Spezialisten für Syphilis-Erkrankungen konsultiert hat. Anfang August hat ihm Nikolaus gestanden, noch keinen sexuellen Kontakt mit Frauen gehabt zu haben und deshalb gibt er bei einem nächtlichen spektakulären Auftritt vor den Premierengästen der Schauspielerin die Schuld, ihren Sohn mit ihrer Geschlechtskrankheit angesteckt zu haben und für den Selbstmord verantwortlich zu sein. Für den anwesenden Laudin bedeutet dies den Zusammenbruch seiner Illusionen.

Konstanze Altacher versus May Ernevoldt Konstanze, die Frau des Konsuls Altacher beauftragt Laudin mit ihrer Erbschaftsangelegenheit. Ihr Mann Edmund lässt sich zu diesem Zeitpunkt wegen seines Herzleidens in einem Sanatorium behandeln und stirbt bald darauf. Er wollte sich scheiden lassen und hat ein Viertel seines Vermögens seiner Sekretärin May Ernevoldt geschenkt. Seine Frau weigert sich, dies zu akzeptieren, will ihn entmündigen lassen und fordert nach seinem Tod sechzigtausend Goldkronen zurück. Sie trägt Laudin ihre Geschichte vor: Nach zwanzigjähriger Ehe hat sich Edmund, nach einer Zeit der Entfremdung, vor anderthalb Jahren von ihr und ihren drei Töchtern getrennt und sich einer Gruppe in Hietzing angeschlossen, die theosophischen und okkultistischen Ideen und Praktiken anhängt. Die zentrale Figur dieses von Edmund finanzierten Kreises mit komplizierten personalen Beziehungen ist May, die als Erleuchtet und Visionärin gilt. Zu ihr fasste Altacher großes Vertrauen und stellte sie als seine Privatsekretärin ein. So gewann sie großen Einfluss auf ich. May selbst ist wiederum abhängig von Luise Dercum, der Freundin ihres familiär und beruflich unsteten 35-jährigen Bruders Bernt, durch den Altacher in diese Gruppe geriet. Die schauspielerisch begabte Luise (Lu) soll eine anrüchige moralische Vergangenheit haben und ihren Mann, den Schauspieler Arnold Keller, um sich von ihm zu befreien, in einer Psychiatrie untergebracht haben.

Laudin lernt durch den Fall Nikolaus Fraundorfer Luise und ihre Freunde kennen. Durch sie erhält er Einblick in ein Memorandum des Konsuls, in dem er seine Version darstellt und in den Persönlichkeitsunterschieden zwischen ihm und seiner Frau die Ursache für das Scheitern ihrer Ehe sieht. Während sie an den Werten der höheren bürgerlichen Gesellschaft orientiert ist, ihre Töchter autoritär leistungsorientiert erzieht und das Dienstpersonal diszipliniert, fühlt er sich jetzt im phantasievollen und menschlichen Künstlerkreis seiner Freundin von den Zwängen des Sippengeistes erlöst. Das Verhängnis liegt seiner Meinung nach in der Institution des „Clans“ begründeten, der auf „Blut und Mutterschaft“ beruht und deren Formen dem Leben nicht mehr entsprechen: „[W]enn [die Frauen] ihre Geburten mit Schmerzen bezahlt haben, so werden sie bis ans Lebensende dafür entschädigt, dass sie in [den Kindern] unschuldige und um desto unzerreißbarere Bindeglieder erlangt haben, die den Mann und Gatten […] auf Gnade und Ungnade in ihre Hände geben“ (II, 27). Eine dritte Version der Beziehungsprobleme erfährt Laudin aus der Perspektive Mays. Sie analysiert einfühlsam die Ehesituation der Altachers und ihre Versuche, deren Ehe zu retten (III, 51).

Laudins Verstrickung