mini|Ortsmitte mit Brunnen, Rathaus und Kirche St. Nikolaus mini|Ansicht von Wiedergeltingen, Blickrichtung Südost mini|Ansicht von Wiedergeltingen, Blickrichtung Südwest Wiedergeltingen ist eine Gemeinde im schwäbischen Landkreis Unterallgäu. Das Haufendorf liegt in einer Unterbrechung der Seitenmoräne der Wertach nördlich der Bahnstrecke Buchloe–Memmingen und der Autobahn A 96 München–Lindau. Die ursprünglich stark landwirtschaftlich geprägten Strukturen wurden durch Gewerbeansiedlungen in den letzten Jahren tiefgreifend verändert. Die Gemeinde ist Mitglied der Verwaltungsgemeinschaft Türkheim.

Geographie Lage Wiedergeltingen liegt rund 40 km östlich von Memmingen in der Region Donau-Iller in Mittelschwaben. Das Gemeindegebiet wird im Westen von der Wertach durchflossen. Auf der südwestlichen Gemeindegrenze befindet sich der Irsingener See, eine Staustufe der Wertach. Von der Fläche des Irsingener Sees entfallen etwa 17 ha auf Wiedergeltingen. Nördlich davon wird durch eine Wehranlage der Mühlbach aus der Wertach ausgeleitet, der bei Türkheim schließlich wieder in sie zurückfließt. Durch das östliche Gemeindegebiet fließen der Kleine und der Große Hungerbach. Der südliche Teil der Wiedergeltinger Flur wird durch einen bewaldeten Höhenrücken, den Heisteig, in eine Ost- und eine Westhälfte gegliedert. Am südöstlichen Rand der Gemeinde befindet sich das Wiedergeltinger Wäldchen.

Gemeindegliederung Das Gemeindegebiet besteht nur aus der Gemarkung Wiedergeltingen.

Die Gemeinde besteht aus den zwei Gemeindeteilen Wiedergeltingen (Pfarrdorf) und Wiedergeltinger Mühle (Einöde).

Geschichte Die ersten Siedlungsspuren in der Wiedergeltinger Gegend reichen zurück in die mittlere Bronzezeit (1600–1200 v. Chr.) und die Hallstattzeit (800–500 v. Chr.). Entsprechende Bodendenkmale sind in Form von etwa 150 Hügelgräbern südlich des Ortes nachweisbar. Darüber hinaus gibt es einige Funde von Werkzeugen und Schmuck aus der angesprochenen Zeit auf Wiedergeltinger FlurAugsburger Anzeigenblatt.Nr. 66, 16. März 1872, S. 2..

Wann die Gründung des Ortes am heutigen Platz stattfand, lässt sich nur ungefähr eingrenzen. Mit der alemannischen Landnahme nach Abzug der Römer dürften im 5. Jahrhundert neue Siedler in die Gegend um Wiedergeltingen gekommen sein. Der Aufstieg der Franken/Karolinger im 7. und 8. Jahrhundert und die einhergehende fränkische Dominanz über Alemannien führte zu mehreren Siedlungsschüben aus Norden – u. a. wurde die nicht weit entfernte Benediktinerabtei Ottobeuren 764 von fränkischen Adeligen gegründet. Der Ortsname gibt darüber hinaus ebenfalls einen Hinweis, in welcher Zeit die entscheidende Ansiedlung stattfand. Der bestimmende Namensteil ist der Personenname Widargelt, zusammen mit dem bei den Alemannen in Ortsnamen üblichen Suffix -ingen, was „bei den Leuten des Widargelt“ heißt. Die Gründung der -ingen-Orte in der Gegend wird allgemein in das 6. und 7. Jahrhundert datiert. Eine wahrscheinliche Deutung ist, dass Widargelt in dem genannten Zeitraum mit einem fränkisch-alemannischen Siedlerzug in diese Gegend kam und die vorhandene Altsiedlung übernahm.

Ebenfalls fast bis in diese Zeit dürfte die Verbindung des Ortes mit dem Herrschergeschlecht der Welfen reichen. Diese gehörten dem karolingischen Dienstadel an und kamen ebenfalls mit der fränkischen Expansion zu Macht und Grundbesitz u. a. im süddeutschen, schwäbischen Raum. Spekulationen, ob in Wiedergeltingen – wie auch z. B. in Mindelheim oder Kaufbeuren – ein fränkischer Reichshof bestand, konnten bislang nicht belegt werden. Die in Bodenfunden nachgewiesene Welfenburg (s. u.) könnte dafür in Betracht kommen; entsprechende Untersuchungen wurden bisher jedoch nicht durchgeführt. Weitere frühe Siedlungszeugen sind frühmittelalterliche Wölbacker-Fluren südlich des Ortes in unmittelbarer Nähe zu den o. g. HügelgräbernJanine Claudia Fries: Vor- und frühgeschichtliche Agrartechnik auf den Britischen Inseln und dem Kontinent: eine vergleichende Studie., 1995, S. 243, Nr. 1035..

Die erste urkundliche Erwähnung des Ortes datiert auf den 26. Januar 1172, als Herzog Welf VI. „in domo Welfonis ducis“ – d. h. in der örtlichen Pfalz/Burg – eine Urkunde ausstelltMonumenta Pollingana. In: Monumenta Boica. Volumen Decimum. 1768, S. 25.. Welf VI. schenkte um diese Zeit umfangreiche Güter in Wiedergeltingen an das von ihm 1147 gegründete Prämonstratenserkloster Steingaden. Der Ort bildete eine geschlossene Hofmark der ehemals reichsunmittelbaren (bis zum 15. Jahrhundert) Abtei und war zunächst Teil der Herrschaft Schwabegg, nach dessen Verkauf dann des Kurfürstentums Bayern. Steingaden hatte bis zur Säkularisation 1803 die niedere Gerichtsbarkeit über den Ort und einige Dörfer in der Gegend inne. In Wiedergeltingen wurde zur Verwaltung der umliegenden steingadischen Besitzungen ein Oberrichteramt (Obervogtamt) errichtet. Einer der Wiedergeltinger Oberrichter war Anton Wilhelm Ertl (frühestens 1686 bis spätestens 1696), der in dieser Zeit seinen Kurbayerischen Atlas herausgab. Seine Frau starb im Jahr 1690 in Wiedergeltingen.Anton Maria Kobolt: Baierisches Gelehrtenlexikon. 1795, S. 207. Die im Mittelalter übliche Zweiteilung der Gerichtsbarkeit (kleinere Vergehen wurden von den örtlichen Vögten geahndet, während der Blutbann für schwere Verbrechen vom Landesherren ausgeübt wurde) führte in der Folge zu wiederholten Streitigkeiten zwischen dem Kloster und den wechselnden Besitzern der Herrschaft Schwabegg, welche die hohe Gerichtsbarkeit beanspruchten. Im Zuge der Verwaltungsreformen im Königreich Bayern entstand mit dem Gemeindeedikt von 1818 die heutige Gemeinde.

Bereits ab dem frühen Mittelalter bestand die Mühle etwas außerhalb des Ortes an einem durch ein Wehr (Flusskilometer 48,8) regulierten Seitenarm der Wertach, dem Mühlbach. Am 18. Januar 1279 verzichtet das Kloster Weingarten gegenüber dem Konvent Steingaden auf seine Rechte an Mühle, Mühlbach und Wehr in Wiedergeltingen.Caroli Henrici de Lang: Regesta Rerum Boicarum Autographa. Volumen IV, 1828, S. 84. Ursprünglich bestand das genannte Wehr aus Holz; Unterhalt und Reparatur nach den Frühjahrshochwassern waren vielfach Gegenstand von Vereinbarungen und Streitigkeiten zwischen den Müllern und der Obrigkeit in Gestalt des Klosters Steingaden. Im 17. Jahrhundert wurde zusätzlich die zunächst direkt an der Wertach gelegene Türkheimer Mühle durch den Sohn des Wiedergeltinger Müllers Florian Spöttel an den Unterlauf des Mühlbachs verlegt.Vergabebrief des Klosters Steingaden an Müller Florian Spöttel. , 23. Juni 1650, eingesehen als Abschrift durch das Wasserwirtschaftsamt Kempten. Am 15. September 1924 begann die Firma Lehne (mittelbarer Vorläufer der jetzt an Stelle der Türkheimer Mühle bestehenden Kunststoffwerke) als Besitzer der Wasserrechte der alten Türkheimer Mühle am Mühlbach mit den Planungen für ein neues Betonwehr etwa 80 m flussaufwärts des alten Holzwehres auf Wiedergeltinger Flur. Schon am 15. Juli 1919 genehmigte das Bezirksamt Mindelheim der genannten Firma, einen Teil des Oberlaufes des Mühlbaches bis zum Fabrikgelände auszubauen und zu begradigen.Genehmigungsbeschluss des Bezirksamtes Mindelheim, 15. Juli 1919 Der Bach verlor dadurch in diesem Teil den ursprünglich stark mäandernden Verlauf.

Die Lage an der Straße Landsberg–Mindelheim–Memmingen brachte dem Ort gelegentlich hohen Besuch. Nach der Doppelwahl im Jahr davor standen sich Anfang September 1315 König Ludwig der Bayer und seine Gegner König Friedrich der Schöne und Herzog Leopold in der unmittelbaren Nähe des Ortes an der Wertach gegenüber. Ungünstige Geländeverhältnisse und schlechtes Wetter verhinderten jedoch Kampfhandlung, so dass der Ort und seine Umgebung nicht in Mitleidenschaft gezogen wurden. Im Mai 1501 lagen dann Teile des Gefolges des römisch-deutschen Königs Maximilian I. im Dorf.Johann Friedrich Böhmer: Regesta Imperii, Band 14, Ausgabe 3, Teil 1., 1996, S. 457, Nr. 27 und 28. Dies dürfte im Zusammenhang mit dem Reichstag stehen, den Maximilian im Juli dieses Jahres in Nürnberg abhielt. Am 20. Oktober lagen dann während des Spanischen Erbfolgekrieges Verbände des Markgrafen von Baden unter der Führung von Johann Matthias Graf von der Schulenburg bei Wiedergeltingen, um einem Gefecht mit bayerisch-kurfürstlichen Truppen, die bei Memmingen stationiert waren, auszuweichen.Johann Baptist Schels: Oesterreichische Militärische Zeitschrift, 1847, S. 206.

In den Bauernaufständen legten die Aufständischen am 3. März 1525 die Wiedergeltinger Artikel mit insgesamt 13 Forderungen u. a. zu Steuern und Abgaben, Leibeigenschaft, Frondiensten, sowie Grundbesitz vor.Günther Franz: Der Deutsche Bauernkrieg., 1935, S. 164.Louis Calen: Forschungen zur Rechtsarchäologie und rechtlichen Volkskunde., 1978, S. 67. Der Prälat des Klosters Steingaden ging auf diese Forderungen ein; es kam in der Folge jedoch weiter zu Unstimmigkeiten mit der Obrigkeit, die auch durch einen Vermittlungsversuch des Landsberger Kastners Ludwig von Seimen nicht überwunden werden konnten.Joseph Edmund Jörg: Deutschland in der Revolutionsperiode 1522–1525. 1851, S. 430f. Daraufhin wurde der Ort am 20. April 1525 von Truppen Herzog Ludwigs von Bayern unter Ritter Leonhard von EckEdelgard Metzger: Leonhard von Eck (1480–1550): Wegbereiter u. Begr. d. frühabsolutist. Bayern. 1980, S. 122. als abschreckende Maßnahme zerstört.Josef Striebel: Der Landkreis Mindelheim in Vergangenheit und Gegenwart. 1968, S. 211. Als Vergeltung brannten die Bauern im Jahr darauf u. a. das Kloster Steingaden nieder. Im Dreißigjährigen Krieg litt der nahe der Heerstraße gelegene Ort ebenfalls Schaden, als durchziehende Söldnerheere sich schadlos hielten und die Pest mit sich brachten. 1646 wird von schwedischen Truppen berichtet, die unter der Führung des Rittmeisters Sittengast drei als „Salvegast“ stationierte Reiter aus Wiedergeltingen nach Polling verschleppten.Wilhelm Wodiczka: Kurzer Bericht von dem wunderbarlich erfundenen Heil. Kreutze zu Polling. 1772, S. 71. Nach Ende des Krieges leistete das Kloster Steingaden 1649 neben Zahlungen für den Wiederaufbau des Mayerhofes und der Kirche mit Orgel auch umfangreiche Hilfszahlungen an seine Untertanen im Dorf.Norbert Backmund: Professbücher oberbayerischer Prämonstratenserklöster, 2. Teil: Steingaden. In: Beiträge zur altbayerischen Kirchengeschichte 35, 1984, S. 175.

Im Jahre 1683 heirateten in Wiedergeltingen die Eltern des berühmten Orgelbaumeisters Augustin Simnacher; er selbst verbrachte einige Jahre seiner Kindheit dort und wurde 1697 hier gefirmt.

Im Bereich der heutigen südöstlichen Flurgrenze befand sich bis in die Zeit der Schwedenkriege (1630–1635) der mittlerweile abgegangene Ort Hermannstetten.

Nachdem über Jahrhunderte die Heeresstraße durch den Ort die einzige Anbindung an die nächstgrößeren Ortschaften und Städte war, wurde am 1. Mai 1874 die Bahnstrecke Buchloe–Memmingen eröffnet und der Bahnhof Wiedergeltingen in Betrieb genommen.Verordnungs- und Anzeigenblatt für die königl. bayerischen Verkehrsanstalten, Nr. 54, 25. April 1874, S. 285. Neben dem Bahnhofsgebäude gab es ein Nebengleis mit Rampe zum Be- und Entladen von Güterwagen. Am 1. Juni 1985 hielt schließlich der letzte Zug in Wiedergeltingen; der Haltepunkt wurde dann aufgegeben.Gemeindeblatt Wiedergeltingen vom März 2012. Gemeindeblatt auf der Website der Gemeinde Wiedergeltingen. Abgerufen am 28. August 2019.

Die erste Poststelle im Ort wurde am 1. Mai 1894 eingerichtet, der damalige Bürgermeister Norbert Lutzenberger übernahm diese Aufgabe aufgrund mangelnder Bewerber und die Familie behielt die Poststelle bis 1947. Vier Jahre später – im Juli 1898 – wurde ein Telegraphen- bzw. Morseapparat installiert, der 1911 durch ein Telefon ersetzt wurde. Die Poststelle oder -filiale bestand bis Ende 1997 an wechselnden Orten.