Der Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer ist ein Nationalpark im schleswig-holsteinischen Teil des Wattenmeers der Nordsee. Der Landtag begründete ihn mit dem Nationalparkgesetz vom 22. Juli 1984 zum 1. Oktober 1985 und erweiterte ihn 1999 signifikant. Zusammen mit dem Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer, dem Nationalpark Hamburgisches Wattenmeer und nicht dem Naturschutz unterliegenden Teilen der Elbmündung bildet er den deutschen Teil des Wattenmeers.
Der Nationalpark reicht von der deutsch-dänischen Seegrenze im Norden bis hin zur Elbmündung im Süden. Im nordfriesischen Teil umfasst er das Watt um die Geestkern- und Marscheninseln und Halligen. Dort ist das Watt teilweise 40 Kilometer breit. Weiter südlich liegen Wattengebiete, in denen es vor allem größere Sandbänke gibt. Neben den Pflanzen und Tieren, die für das gesamte Wattenmeer der Nordsee typisch sind, finden sich im schleswig-holsteinischen Teil besonders viele Schweinswale, Brandgänse und Seegräser.
Mit einer Fläche von 4410 km² handelt es sich um den mit Abstand größten Nationalpark in Deutschland und den größten Nationalpark zwischen dem Nordkap und Sizilien. 68 % liegen unter Wasser und 30 % fallen periodisch trocken. Der Landteil besteht zum größten Teil aus Salzwiesen. Seit 1990 bildet der Nationalpark zusammen mit den nordfriesischen Halligen das von der UNESCO anerkannte Biosphärenreservat Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen. Zusammen mit dem niedersächsischen und niederländischen Wattenmeergebieten wurde das schleswig-holsteinische Wattenmeer 2009 als Weltnaturerbe der UNESCO eingetragen. Seit 2011 gehört das Hamburgische Wattenmeer und seit 2014 auch der dänische Nationalpark Vadehavet zu diesem Verbund.
Geographie Nationalparkgebiet mini|hochkant|Karte des Nationalparks mit eingezeichneten Schutzzonen Der Nationalpark umfasst das schleswig-holsteinische Küstengebiet der Nordsee von der dänischen Grenze im Norden bis zur Elbmündung im Süden. Im nördlichen Bereich (bis etwa Amrum) verläuft die Nationalparkgrenze an der Zwölfmeilenlinie, südlich davon etwa auf der Dreimeilenlinie. An der Landseite verläuft sie im Wattenmeer 150 Meter vor der Küste. Seedeiche und unmittelbares Deichvorland sind nicht Teil des Nationalparks, auch Badestrände sind damit weitgehend aus dem Schutzgebiet ausgenommen. Ausgenommen aus dem Nationalpark sind auch die bewohnten Gebiete im Meer, darunter die fünf deutschen nordfriesischen Inseln und die großen Halligen: Langeneß, Hooge, Gröde, Oland und Nordstrandischmoor. Teil des Nationalparks sind unbewohnte Inseln, Halligen und Sandbänke wie Trischen, Blauort oder die Nordfriesischen Außensände. Nach der Gliederung der Naturräumlichen Haupteinheiten Deutschlands gehört das Gebiet des Nationalparks zur Einheit „Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer, Inseln und Halligen“ in der Gruppe Schleswig-Holsteinische Marschen und zur Haupteinheit Deutsche Bucht.
Der Nationalpark lässt sich in zwei Gebiete teilen. Im Norden zwischen der dänischen Grenze und der Halbinsel Eiderstedt liegt der nordfriesische Teil, an der Südküste Eiderstedts bis hin zur Elbmündung der Dithmarscher Teil. Das nordfriesische Wattenmeer gehört zusammen mit dem dänischen Wattenmeer zum nördlichen Wattenmeer der Nordsee. Es wird durch die nordfriesischen Inseln und Halligen gegen die offene See abgeschirmt. Die Inseln entstanden vor allem aus Festlandgebieten, die bedingt durch Katastrophenfluten vom Land abgetrennt wurden. Das Wattengebiet ist geschützter, der Übergang zwischen Watt und Meer oft klarer, da erstes an der Ostseite der großen Inseln liegt, zweites an der Westseite. Es gibt keine großen Flussmündungen, der Tidenunterschied ist mit unter zwei Meter verhältnismäßig gering. Nur im nördlichen Wattenmeer finden sich noch Geest-Kliffs aus den Eiszeiten, so dass hier an den Küsten auch die größten Höhenunterschiede im an sich sehr flachen Gebiet vorkommen. Der Dithmarscher Teil und die Südküste Eiderstedts zwischen Elb- und Eidermündung bildet einen Teil des zentralen Wattenmeers. Ein Tidenhub von über drei Metern verhindert weitgehend das Entstehen von Inseln. Einige Sandbänke erheben sich aus dem Meer, einzig Trischen erreicht genug Höhe und damit Sicherheit vor Sturmfluten, um auch salzwasserempfindliche Vegetation zu ermöglichen. Im Vergleich zu den geologisch ähnlichen Ostfriesischen Inseln des südlichen Wattenmeers ist Trischen jedoch wesentlich kleiner und jünger. Alle Versuche menschlicher Bewohner, die Insel zu befestigen, sind gescheitert. Durch mehrere große Ästuare liegt der Salzgehalt im zentralen Wattenmeer niedriger als im restlichen Wattenmeer und unterliegt höheren Schwankungen.CWSS S. 19–30.
Schutzzonen des Nationalparks Der Nationalpark ist in zwei Zonen aufgeteilt, die verschiedenen Schutzstufen entsprechen. Hinzu kommt ein sogenanntes nutzungsfreies Gebiet.
Schutzzone eins Zone 1 bildet den Kernbereich des Schutzgebiets. Die 162.000 ha große Zone umfasst ein gutes Drittel des Nationalparks. Sie besteht aus zwölf größeren Raumeinheiten, die jeweils Salzwiese, Schlick-, Misch- und Sandwatt, flache und tiefe dauerhaft unter Wasser liegende Gebiete (Sublitoral) sowie Prielströme aufweisen. Dazu kommen kleinere Einheiten um besonders sensible Gebiete wie Seehundsbänke oder die Brutkolonien der Seevogelarten, Plätze, an denen sich viele Zugvögel mausern, sowie geomorphologisch bedeutsame Gebiete mit nahezu natürlichen Oberflächenstrukturen.MLUL S. 32–34. Die Zone 1 ist prinzipiell für die Öffentlichkeit geschlossen, Ausnahmen bilden lediglich direkt an die Küste angrenzende Wattgebiete für Wattwanderer, Routen für geführte Wattwanderungen und die Fischerei.CWSS S. 125–131.
Nutzungsfreies Gebiet Das nutzungsfreie Gebiet ist Teil der Schutzzone eins und war als Referenzgebiet geplant, indem ein von Grundnetzschleppfischerei freies Gebiet in seinen ökologischen Zustand beobachtbar und mit dem anderer Areale vergleichbar gehalten werden sollte, in denen diese Art Fischerei legal ist. Geplant war zunächst, dass diese Schutzzone das Watt nördlich des Hindenburgdamms umfassen sollte – zwischen diesem, der Insel Sylt, der dänischen Grenze und dem Festland. Dies wäre durch die bestehende Wattforschungsstation in List perfekt zu beobachten gewesen. Doch es kam anders; stattdessen wurde 1999 das Gebiet südlich des Hindenburgdamms auf der Landseite Sylts angelegt, wohl auf Betreiben der Fischereilobby, wie Naturschützer es mutmaßten. Dieses Sperrgebiet umfasst kein einziges Prielsystem, sondern lediglich landnahe Wattflächen. Zudem ist dieses Areal für das Forschungsschiff, das in List stationiert ist, nicht zu erreichen, es sei denn, es wäre unverhältnismäßig lange unterwegs, da zunächst die Nordspitze Sylts und nach einer langen Route entlang der gesamten Insel schließlich noch die Südspitze zu umfahren wären. Die Folge: Es hat in der nutzungsfreien Zone bis 2019 kein einziges Forschungsprojekt stattgefunden.Rainer Borcherding: Eine Nullnummer. Nutzungsfreies Wattenmeer bleibt ein Traum. In: Wattenmeer. Informationen für Mitglieder und Freunde der Schutzstation Wattenmeer, Ausgabe 4/2019, Husum 2019. Kritisiert wird zudem, dass das Areal so eckig geschnitten ist, dass von Land aus kaum feststellbar ist, wo die Schutzzonengrenze verläuft. In der Realität wurde dieses Gebiet von Krabbenfischern nach 1999 illegal befischt, was vereinzelt die Wasserschutzpolizei auf den Plan rief, ohne dass insgesamt die Grundnetzfischereiaktivitäten unterblieben wären, obwohl nach den Bestimmungen für diese Zone eine menschliche Nutzung völlig ausgeschlossen ist („Nullnutzungszone“). Das offiziell als nutzungsfrei ausgewiesene Gebiet nimmt 12.500 ha ein, wovon etwa 3.500 ha permanent von Wasser bedeckt sind.
Schutzzone zwei Zone 2 bildet eine so genannte „Pufferzone“ um die Zone 1 herum. Erlaubt ist hier der Freizeitgenuss in Form von Befahren mit Booten, Wattwandern, Pflanzen sammeln, Muscheln suchen und Drachen steigen lassen. Reiten hingegen ist bis auf wenige Ausnahmeareale verboten. Kommerziell darf Fischerei nach Austern, Garnelen und Miesmuscheln betrieben werden, nicht aber nach Herzmuscheln.
Schweinswalschutzgebiet In der Schutzzone 2 liegt das 1999 ausgewiesene Schweinswalschutzgebiet. Es erstreckt sich entlang der gesamten westlichen Sylter Küste und hat eine Größe von 124.000 ha. Europaweit ist es das erste Walschutzgebiet, da es bedeutend für die Fortpflanzung der Schweinswale ist, deren Nordseebestand bis Ende des 20. Jahrhunderts um 90 % zurückgegangen war. Nutzungen wie Baden, Segeln oder die traditionelle Krabbenfischerei sind weiterhin in diesem Gebiet möglich. Die Verhinderung internationaler Industrie- und Stellnetzfischerei wird für dieses Gebiet erst noch angestrebt. Geringere Schiffsgeschwindigkeiten mit höchstens zwölf Knoten zumindest in der Fortpflanzungszeit der Schweinswale werden ebenfalls gefordert. Verhindert werden sollen auch Aktivitäten des Militärs sowie die Ressourcenausbeutung (Sand, Kies, Gas oder Öl). Da die Umsetzung der Schutzmaßnahmen bislang nicht konsequent genug erfolgt ist, war eine Reduzierung des Bestands an Schweinswalen in diesem Gebiet trotz Bestehens des Schutzstatus von gut 15.000 auf rund ein Drittel nicht zu verhindern (Stand 2022).
Wasser, Land und Watt mini|hochkant|Wattenmeer bei tiefstehender Sonne Die Küste der Nordsee ist flach; der Meeresboden fällt teilweise nur wenige Zentimeter pro Kilometer ab. Zweimal täglich trägt die Flut Sand, Ton und Schluff in das Gebiet des Wattenmeeres. Der Tidenhub im Schleswig-Holsteinischen Wattenmeer beträgt dabei zwischen 1,5 und 3,7 Meter, wobei er von Norden nach Süden zunimmt: Die geringsten Gezeitenunterschiede bestehen an der Sylter Nordküste, die höchsten im südlichen Dithmarschen.Petra Witez: Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben MTK 0608 (03 KIS 3160): Programme zur langfristigen Erhaltung des Wattenmeers – Prowatt. hrsg. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Laboe 2002, S. 7–8. Überall im Wattenmeer beträgt die Zeitdauer des Wasserauflaufs nur etwa 85 % der Zeit, die das Wasser dafür braucht, wieder abzulaufen. Die Strömung beim Wasserauflauf ist also stärker, und die Ebbe hat nicht die Kraft, die durch die Flut angespülten Sedimente wieder abzutragen.Petra Witez: Abschlussbericht zum Forschungsvorhaben MTK 0608 (03 KIS 3160): Programme zur langfristigen Erhaltung des Wattenmeers – Prowatt. hrsg. vom Bundesministerium für Bildung und Forschung. Laboe 2002, S. 18–19.
Über zwei Drittel der Fläche des Nationalparks werden von Gebieten eingenommen, die ständig unter Wasser stehen (Sublitoral), 30 % vom Watt, das bei Niedrigwasser trocken liegt und bei Hochwasser überspült ist (Eulitoral). Der Rest sind Landgebiete (Supralitoral), die nur unter besonderen Umständen überspült werden. Die Wassergebiete bestehen zum einen aus dem seewärtigen Teil des Parks, zum anderen aus größeren Gezeitenströmen wie dem Lister Tief, dem Heverstrom, dem Purrenstrom, dem Wesselburener Loch oder dem Piep. Direkt vor dem Watt verläuft eine beständige starke Strömung von Süd nach Nord, die aus der südlichen Nordsee kommt und sich bis zur Norwegischen Rinne fortsetzt. Da die Strömung die Mündungsgewässer großer europäischer Flüsse wie Rhein oder Elbe mit sich trägt, liegt der Salzgehalt mit 20–30 psu unter dem des Meeres, aber noch über dem von Flussmündungen.