Die Erzähltheorie oder Erzählforschung ist ein interdisziplinäres Arbeitsgebiet der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, in dem eine systematische Beschreibung der Darstellungsform eines Erzähltextes angestrebt wird.
Die englische Bezeichnung lautet „“, die französische „“. Deshalb taucht auch im Deutschen der Begriff Narratologie auf. Die Bezeichnung „Narrativik“ hat sich dagegen nicht allgemein durchgesetzt. Allerdings wird die Erzähltheorie oft nur als Teilgebiet einer weiter gefassten Narratologie angesehen, die darüber hinaus die Geschichte des Erzählens, insbesondere die Gattungsgeschichte der erzählenden Prosa, sowie Anwendungsaspekte in Form der konkreten Erzähltextanalyse umfasst.
Einleitung Gegenstand der Erzähltheorie ist jede Art erzählender Texte – von der erzählenden Literatur (Epik) über Geschichtsschreibung bis hin zu Interviews, Zeitungsartikeln, Spielfilmen, Fotos oder Witzen. Fächer, in denen die Erzähltheorie eine wichtige Rolle spielt, sind Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Soziologie.
Nach Monika Fludernik (2006)Monika Fludernik: Einführung in die Erzähltheorie. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2006, ISBN 978-3-534-16330-4, S. 17 f sei die Erzähltheorie der Versuch, die „typischen Konstanten, Variablen und Kombinationen des Erzählens“ zu beschreiben sowie „innerhalb von theoretischen Modellen die Zusammenhänge zwischen den Eigenschaften narrativer Texte zu klären.“
Helmut Utzschneider und Stefan Ark Nitsche (2001)Helmut Utzschneider, Stefan Ark Nitsche: Arbeitsbuch Literaturwissenschaftliche Bibelauslegung. Eine Methodenlehre zur Exegese des Alten Testaments. 4. vollständig überarbeitete und ergänzte Auflg., Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2001, ISBN 978-3-579-08153-3, S. 140. sehen im Erzählen ein Geschehen, welches sich „in mindestens zwei Welten und Zeiten gleichzeitig abspielte“. Es sei die „Welt von der erzählt wird“, im Vergleich zu der „Welt in der erzählt wird“.
Der Kommunikationswissenschaftler Harold Dwight Lasswell entwarf im Jahre 1948Harold Dwight Lasswell: The structure and function of communication in society. In: Lyman Bryson (Hrsg.): The communication of ideas. A series of addresses. Harper, New York 1948, S. 37–51 ein Modell, die „Lasswellsche-Formel“ (), das danach fragte: Wer sagt was, in welchem Kanal, zu wem mit welchem Effekt? (). Ein Ansatz, der sich sowohl auf die verbale als auch auf die nonverbale Kommunikation bezieht. Fix (2008)Martin Fix: Texte schreiben: Schreibprozesse im Deutschunterricht. (= UTB 2809) 2. Aufl. Ferdinand Schöningh, Paderborn 2008, ISBN 978-3-506-75641-1, S. 26 entwickelte auf der Basis des Lasswellschen Ansatzes eine Zuordnung zu sechs Aspekten der Schreibkompetenz, die er als „interdependente Fragen im Schreibprozess“ bezeichnete: Selbsteinschätzung (wer), Schreibanlass (warum), Zielbestimmung (wozu), Adressateneinschätzung (für wen), Textgegenstand (was), konkrete sprachliche Mittel (auf welche Weise) Hingegen spezifiziert die Erzähltheorie genauer das Who says what (…), indem sie die versprachlichten Geschehen, die Art des Erzählens, der Perspektive, der Frage, ob die Geschehen faktuale oder fiktionale sind, differenziert und untersucht.
Geschichte der Erzähltheorie Die neuere Erzähltheorie wurde ab 1915 in Ansätzen vom Russischen Formalismus entwickelt und vom Strukturalismus seit den 1950er Jahren weiter ausgearbeitet, wobei Tzvetan Todorov zu den wichtigsten Vermittlern der formalistischen Ansätze in Frankreich gehörte. Der hier entwickelte strukturalistische Ansatz – mit späteren Ergänzungen – ist bis heute maßgeblich, es gab jedoch nie eine einheitliche strukturalistische Erzähltheorie. Wichtige Theoretiker der Narratologie sind Gérard Genette, Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricœur. Die strukturelle (formalistische) Erzähltheorie wird oft durch interdisziplinäre Ansätze, so durch die Semiotik ergänzt, wozu insbesondere Juri Lotman beigetragen hat. Im deutschen Sprachraum war Franz Karl Stanzel der erste Vertreter der Erzähltheorie.
Jörg Schönert (2006)Jörg Schönert: Was ist und was leistet Narratologie? Anmerkungen zur Geschichte der Erzählforschung und ihrer Perspektiven. literaturkritik.de (Online-Ausgabe: ISSN 1437-9317; Print-Ausgabe: ISSN 1437-9309), NR. 4, April 2006 () grenzt, zeitlich und inhaltlich orientierend, vier Phasen der modernen ‚Narratologie‘ voneinander ab und gibt folgende Übersicht:
In der ersten Phase von 1910 bis 1965 wurden insbesondere die Problemfelder des „Erzählens“ (Käte Friedemann) und die Kunst des Romanschreibens thematisiert (hier zeichnen sich Henry James, Edward Morgan Forster, Percy Lubbock als relevant ab). Der sich mit dem Ende der ersten Phase überlappende Zeitraum von 1955 bis 1965, war die Periode ,proto-narratologischer' Konzepte, die in den unterschiedlichen Wissenschaftskulturen auftraten (hierfür stehen Jean Pouillon, Wayne Clayson Booth, Günther Müller, Eberhard Lämmert, Käte Hamburger, Franz Karl Stanzel u. a. m.). In der zweiten Phase, die sich anschloss und von 1965 bis ca. 1975/1985 andauerte, wurde zunächst eine ,klassisch-orientierte' (strukturalistische) Narratologie für fiktionale Erzählprosa entwickelt (hierfür stehen Roland Barthes, Algirdas Julien Greimas, Claude Bremond, Tzvetan Todorov, Gérard Genette). Aus den theoretischen Überlegungen leiteten sich dann u. a. didaktisch orientierte ‚Pragmatisierungen‘ dieses Wissenssystems ab, die ihr Zentrum vor allem in der angelsächsischen Wissenschaftskultur, unter Einschluss von Israel und den Niederlanden fanden (wichtige Vertreter sind Mieke Bal, Shlomith Rimmon-Kenan, Dorrit Cohn, Seymour Chatman, Gerald Prince u. a. m.). In einer dritten Phase, in der Zeit von 1980 bis 1995, formierte sich die Kontroverse um eine zu enge Interpretation des Wissenschaftsanspruchs der ‚Narratologie‘. Es kam zu ,Dekonstruktionen' der Narratologie, zugleich werden ,Narrative' für nicht-literarische Bereiche, etwa im Film, in der Historiografie, der biblischen Exegese, im Journalismus, der ökonomischen Theorie, der Ethik und der Rechtspraxis erkannt und ein Schritt hin zu einer Neuinterpretation der Narratologie als vollzogen. In der vierten Phase, die Mitte der 1990er Jahre einsetzte, begann die ,Renaissance' () und Rückbesinnung auf einen als ,neoklassische Narratologie' bezeichneten Ansatz. Er versuchte die ,klassische Narratologie' zu präzisieren und zu differenzieren, um sie im theoretischen Ansatz ‚beweglicher‘ zu gestalten sowie sie andererseits im Sinne einer kulturtheoretisch gerechtfertigten Universalisierung einzubringen (hierfür stehen David Herman, Monika Fludernik u. a. m.). Im Zusammenhang mit neuen Entwicklungen geistes- und kulturwissenschaftlicher Forschung ändern sich letztlich Begründungen, Funktionen und Reichweite der ‚Narratologie‘ und ihrer einzelnen Konzepte.
Je nachdem, ob sich der Fokus eher auf die Struktur der dargestellten Geschichte (histoire) bezieht oder auf deren sprachlich-erzählerische Vermittlung (discours), kann zwischen zwei Richtungen unterschieden werden,Die begriffliche Dichotomie wurde auf den Überlegungen von Tomaschewski (1925) 1965 aufgebaut und von Todorov letztlich in seiner direkten Begrifflichkeit von dem Linguisten Émile_Benveniste abgeleitet; Émile Benveniste: The Correlations of Tense in the French Verb. É. Benveniste: Problems in General Linguistics. University of Miami P, Coral Gables 1971 (1959), S. 205–15. die sich komplementär ergänzen: Die histoire-Narratologie steht in der Tradition der formalistisch-strukturalistischen Erzähltheoretiker (Vladimir Propp, A. J. Greimas, Roland Barthes, Claude Bremond, Tzvetan Todorov, Jurij M. Lotman, Lubomir Doležel u. a.), während die discours-Narratologie eher Fragen nach Gestaltung der Erzählerfigur, der Perspektive und Informationsvergabe untersucht. Ihr können u. a. die Untersuchungen von Gérard Genette und Dorrit Cohn zugerechnet werden; zudem dominierte diese Perspektive lange Zeit die deutschsprachige Erzählforschung (Wolfgang Kayser, Eberhard Lämmert, Franz Karl Stanzel u. a.).
Die „klassische“, strukturalistische Narratologie betrachtet literarische Werke als für sich bestehende Systeme oder Strukturen. Sie lässt den Entstehungs- und Herstellungszusammenhang bei der Erzähltextanalyse weitgehend unberücksichtigt.
Die „postklassischen“, poststrukturalistischen Erzähltheoretiker vermissen die Einbettung der Erzähltexte in sprachliche Praktiken und soziale Zusammenhänge.Sandra Heinen: Bestandsaufnahmen der Erzähltheorie. Rezension: David Herman, Manfred Jahn, Marie-Laure Ryan (Hrsg.): Routledge Encyclopedia of Narrative Theory. Routledge, London/New York 2005, ISBN 978-0-415-28259-8 und James Phelan, Peter J. Rabinowitz (Hrsg.): A Companion to Narrative Theory. Blackwell, Malden, (MA) 2005, ISBN 978-1-4051-1476-9. Journal of Literary Theory, 18. Oktober 2007 Sie deuten Erzählungen nicht als Sprechakte von textinternen Äußerungsinstanzen, sondern als sprachliche Handlungen von Textproduzenten, die in historische und kulturelle Kontexte eingebunden sind. Zudem erweitern sie – mit dem narrative turn auch in den Sozialwissenschaften – das Forschungsfeld u. a. um lyrische und visuelle Narrationen: Sämtliche kulturelle Produkte können als Erzählungen aufgefasst werden.
Jüngere Richtungen der Narratologie Mit dieser Weitung des Blicks im Zuge poststrukturalistischer Revisionen hat die Erzählforschung zudem Anregungen verschiedener Disziplinen und Theorien aufgenommen:
Neben psychoanalytischen Modellen integrierte eine kontextorientierte Richtung der Narratologie u. a. Fragen nach race, class und gender. Zudem wurden empirische und kognitivistische Ansätze aufgenommen, die sich mit der mentalen Verarbeitung von Narrationen beschäftigen.
Als weiteres Forschungsfeld hat sich insbesondere im deutschsprachigen Raum eine historische Narratologie etabliert. Vor dem Hintergrund, dass ‚klassische‘ erzähltheoretische Modelle vor der als Norm angenommenen modernen Romanliteratur entstanden sind, untersucht und diskutiert sie, wie diese Konzepte und Kategorien auf vormoderne Erzählungen übertragen werden können und welche Anpassungen und Verfeinerungen hierzu nötig sind.
2009 unterschied Ansgar Nünning 16 kontextualistische und/oder kulturalistische Richtungen der Narratologie im Bereich der und ordnete die Namen einzelner Vertreter zu, manche von ihnen mehreren dieser Richtungen, etwa Monika Fludernik und sich selbst.Ansgar Nünning: Surveying Contextualist and Cultural Narratologies: Towards an Outline of Approaches, Concepts and Potentials. In: Sandra Heinen, Roy Sommer (Hrsg.): Narratology in the Age of Cross-disciplinary Narrative Research. de Gruyter, Berlin 2009, ISBN 978-3-11-022243-2, S. 48–70, S. 54–55.
2011 geben die vier Herausgeber des Bandes in ihrer Einleitung zu bedenken, dass einerseits die Erweiterung des Feldes narratologischer Studien wertvoll ist, andererseits aber die Gefahr besteht, dass spezifisch literarischen Qualitäten zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Sie benennen als Tatsache, dass literarische Erzählweisen (Narrative) „“ (dt. etwa: „sich auszeichnen in der Konstruktion von und dem Spiel mit der Fremdartigkeit der geschriebenen, erzählenden Stimme“).Per Krogh Hansen, Stefan Iversen, Henrik Skov Nielsen, Rolf Reitan (Hrsg.): Strange voices in narrative fiction. de Gruyter, Berlin 2011, ISBN 978-3-11-026857-7, S. 1–11, S. 4.
Die erzähltheoretische Grundannahme von Franz Stanzel und Gérard Genette, dass jede fiktionale Erzählung einen fiktiven Erzähler haben müsse (Pan-Narrator Theory), wird seit 2021 durch die von Brian Boyd, Jonathan Culler und Sylvie Patron verteidigte „Lehre von der Wählbarkeit des Erzählers“ (Optional-Narrator Theory) in Frage gestellt. Weitere bekannte Vertreter dieser Auffassung sind Dietrich Weber und Tilmann Köppe.
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