Speusippos (, latinisiert Speusippus; * um 410–407 v. Chr.; † 339 oder 338 v. Chr.) war ein antiker griechischer Philosoph. Er war ein Neffe und Schüler Platons und dessen Nachfolger als Leiter der Platonischen Akademie (Scholarch). Da von seinen philosophischen Werken nur kleine Bruchstücke erhalten sind, gestaltet sich die Rekonstruktion seiner Lehren schwierig. Dank der Erschließung neuer Quellen seit der Mitte des 20. Jahrhunderts wird seine philosophische Leistung heute günstiger beurteilt als in der älteren Forschung. In zentralen Fragen entfernte sich Speusippos von der Auffassung Platons und schlug neue Wege ein.

Leben

Speusippos war ein Sohn von Platons Schwester Potone und ihres Ehemanns Eurymedon von Myrrhinous. Er wuchs in Athen auf und schloss sich früh Platon an. Nach einer von Plutarch überlieferten Anekdote nahm Platon Anteil an der Erziehung des Jungen und brachte ihn von einem fragwürdigen Lebenswandel ab, was den Eltern nicht gelungen war. Wahrscheinlich nahm Speusippos auch Unterricht bei Isokrates.Philip Merlan: Zur Biographie des Speusippos. In: Philip Merlan: Kleine philosophische Schriften, Hildesheim 1976, S. 127–143, hier: 131.

Als der sizilische Politiker Dion von Syrakus, der mit Platon seit dessen erster Sizilienreise (um 388 v. Chr.) befreundet war, 366 vom Tyrannen Dionysios II. von Syrakus verbannt wurde, begab er sich nach Griechenland. In Athen trat er in Platons Akademie ein. Dort schloss er Freundschaft mit Speusippos; wie Plutarch berichtet, schenkte Dion, der sehr reich war, dem Freund ein Landgut. Im Jahr 361 unternahm Platon auf Einladung von Dionysios seine dritte Sizilienreise, begleitet von einigen seiner Schüler, darunter Speusippos und Xenokrates. Er wollte sich in Syrakus insbesondere für eine Rehabilitierung Dions einsetzen. Der Versöhnungsversuch misslang jedoch, und Dionysios beschlagnahmte Dions großes Vermögen, das er bisher nicht angetastet hatte; das bedeutete den endgültigen Bruch zwischen den beiden. Als radikaler Anhänger Dions gehörte Speusippos zu den Befürwortern einer gewaltsamen Lösung des Konflikts mit militärischen Mitteln. Er nutzte seinen Aufenthalt in Syrakus, um Erkundigungen über die Stimmung der Bürger einzuziehen. Damit wollte er herausfinden, wie sich die Bevölkerung im Falle eines Versuchs, den Tyrannen zu stürzen, verhalten würde. Diese Aktivitäten des Speusippos blieben Dionysios aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verborgen.Plutarch, Dion 22. Siehe dazu Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 110; Kurt von Fritz: Platon in Sizilien und das Problem der Philosophenherrschaft, Berlin 1968, S. 70; Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 53. Platon und seine Schüler gerieten in den Verdacht, mit einer gewaltbereiten Opposition zu sympathisieren. Dies führte zur endgültigen Entfremdung zwischen Platon und dem misstrauisch gewordenen Tyrannen. Platon wurde von Söldnern des Dionysios bedroht, geriet in eine lebensgefährliche Lage und konnte nur mit Mühe eine Gelegenheit zur Abreise erlangen.

Nach Platons Rückkehr im Jahr 360 trieb Dion die Rüstungen für einen Feldzug voran, wobei er von seinen Freunden in der Akademie unterstützt wurde. Speusippos bestärkte ihn in der Annahme, dass der Tyrann bei seinen Untertanen verhasst und das Vorhaben daher aussichtsreich war.Plutarch, Dion 22. Einige Platoniker beteiligten sich an dem Unternehmen, das Dion 357 mit einer relativ kleinen Streitmacht von Söldnern begann. Speusippos blieb in Athen,Angaben, wonach er mitzog, sind unzutreffend. Zu den Schülern Platons, die teilnahmen, siehe Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 111 f.; Helmut Berve: Dion, Wiesbaden 1957, S. 65 f. ließ sich aber von einem der teilnehmenden Akademiemitglieder, Timonides von Leukas, brieflich über den erfolgreichen Verlauf des Kriegszugs unterrichten.

Nach Platons Tod übernahm Speusippos 348/347 die Leitung der Akademie; eine förmliche Wahl scheint nicht stattgefunden zu haben. Er führte ein Schulgeld ein und wich damit von der Haltung Platons ab, bei dem der Unterricht stets kostenlos gewesen war. Im Unterschied zu seinem Vorgänger Platon und seinem Nachfolger Xenokrates wohnte Speusippos als Scholarch nicht in der Akademie. Die schon zu Platons Zeit bestehende Rivalität mit der Schule des Isokrates setzte er fort. Im Kampf um die makedonische Hegemonie in Griechenland ergriff er mit Entschiedenheit für die makedonische Seite Partei. Er gehörte zu den eifrigen Anhängern des Makedonenkönigs Philipp II. und versuchte – anscheinend erfolglos – den Einfluss des Isokrates am makedonischen Hof zurückzudrängen.

Die Nachrichten über seinen Tod (339/338) sind widersprüchlich; angeblich setzte er wegen einer chronischen schweren Krankheit seinem Leben ein Ende.Diese oft wiedergegebene Behauptung hält John Dillon: The Heirs of Plato, Oxford 2003, S. 32 für sehr unglaubwürdig. Bis zuletzt soll er schriftstellerisch tätig gewesen sein. Seinem Wunsch folgend wählten die Mitglieder der Akademie Xenokrates zu seinem Nachfolger.

Der Verfasser des unechten 13. Briefs in der Sammlung der Platon zugeschriebenen Briefe behauptet, Speusippos habe seine Nichte geheiratet.

Werke

Von den philosophischen Schriften des Speusippos sind nur Fragmente erhalten. Er greift insbesondere Fragestellungen auf, die sich aus den späten Werken Platons ergeben. Diogenes Laertios überliefert ein unvollständiges Verzeichnis der Werke. Es umfasst 27 Titel, darunter sowohl Abhandlungen als auch Dialoge.Diogenes Laertios nennt dreißig Titel, wovon drei doppelt angeführt sind; siehe John Dillon: The Heirs of Plato, Oxford 2003, S. 34 und Anm. 14. Behandelt werden Themen der Metaphysik, Mathematik, Erkenntnislehre, Wissenschaftstheorie, Sprachphilosophie, Ethik, Politik, Theologie und Kosmologie, vermutlich auch der Rhetorik. Aus der Korrespondenz des Speusippos ist nur ein Brief an König Philipp II. erhalten.

Homoia

Etwa ein Drittel der bekannten Fragmente stammt aus seinem aus zehn Büchern bestehenden Hauptwerk „Ähnliche Dinge“ (Hómoia).Dies ist ein abgekürzter Titel, der genaue Wortlaut des vollständigen Titels ist unklar. Es handelte sich um eine systematisch geordnete Darstellung der Gesamtheit der damals bekannten Dinge. Dabei ging es Speusippos aber nicht um die Schaffung einer Enzyklopädie als Nachschlagewerk, sondern sein Ziel war eine durchgängige Klassifikation der gesamten Wirklichkeit nach einer einheitlichen Methode der Definition und Begriffsbildung. Zu diesem Zweck entwarf er ein umfassendes System von Gattungen und Arten. Als Ordnungsprinzip diente, wie der Titel besagt, die Ähnlichkeit. Dabei scheint Speusippos mehrere Grade der Ähnlichkeit unterschieden zu haben. Vermutlich ging das ambitiöse Vorhaben auf eine Anregung Platons zurück.

Erhalten sind rund sechzig zoologische und botanische Beispiele. Sie stammen alle aus dem zweiten der zehn Bücher, das der biologischen Systematik gewidmet war. Die Erörterungen betreffen in erster Linie Einzelfälle aus der zoologischen und botanischen Systematik. Auffallend sind Übereinstimmungen von Speusippos’ Klassifikationen mit denen des Aristoteles in dessen Historia animalium. In den übrigen neun Büchern der Homoia wurde die Gliederung der unbelebten Natur dargestellt; dort wurde wohl auch die Einteilung der Metaphysik, der Mathematik, der Ethik und der Technik behandelt.

Unklar ist, ob es Speusippos nur um die Methodik des Klassifizierens ging, also um die philosophische Frage nach allgemeinen Gesetzen der Gliederung der Wirklichkeit, oder ob er seine naturkundlichen Untersuchungen auch aus einem spezifisch naturwissenschaftlichen Interesse anstellte. Jedenfalls ist ein empirischer Ansatz bei ihm nicht feststellbar; erst Aristoteles vollzog den Schritt zur empirischen Wissenschaft und wandte sich damit vom Wissenschaftsverständnis der Akademie ab.

Weitere philosophische Werke

Weitere Schriften, die demselben Themenbereich gewidmet waren wie die Homoia, trugen die Titel „Über Beispiele von Gattungen und Arten“ (oder: „Über Gattungen und Arten als Beispiele“, Peri genōn kai eidōn paradeigmátōn), „Einteilungen und Annahmen hinsichtlich der ähnlichen Dinge“ (Dihairéseis kai pros ta hómoia hypothéseis) und „Definitionen“ (hóroi). Ferner verfasste er eine Abhandlung „Über die pythagoreischen Zahlen“ (Peri Pythagorikōn arithmōn), worin er seine Theorie der Zahlen darlegte; er behandelte die Zahlen unter dem Gesichtspunkt ihrer „Ähnlichkeit“, das heißt ihrer Eigenheiten, Gemeinsamkeiten, Analogien und gegenseitigen Beziehungen. Dabei ging er von einer Zuordnung der Zahlen zu bestimmten geometrischen Figuren wie etwa Quadraten, Rechtecken und den platonischen Körpern aus. Von diesem Werk ist ein Auszug erhalten.

Eingehend äußerte sich Speusippos zur Frage nach der Funktion der Lust, die Platon in seinem Dialog Philebos behandelt hatte. Mit diesem Thema befasste er sich in einem Dialog mit dem Titel Aristippos (benannt nach Aristippos von Kyrene, einem prominenten Vertreter des Hedonismus) sowie in einer Abhandlung „Über die Lust“ (Peri hēdonḗs). Einige andere Schriften waren anscheinend rhetorischen Themen gewidmet.

Ferner verfasste Speusippos ein „Enkomion (Lobrede oder Lobschrift) auf Platon“. Unklar ist, ob es sich dabei um die Gedenkrede handelt, die Speusippos entweder beim Leichenmahl Platons hielt oder (wahrscheinlicher) anlässlich der ersten Feier von Platons Geburtstag, der nach dessen Tod alljährlich in der Akademie gefeiert wurde. Hier taucht erstmals die Legende von Platons göttlicher Abstammung auf; sein Vater soll der Gott Apollon gewesen sein. Allerdings ist kaum anzunehmen, dass Speusippos selbst an die Legende glaubte.Leonardo Tarán: Speusippus of Athens, Leiden 1981, S. 228 f.

Briefe

In der Sammlung der „Sokratikerbriefe“ sind acht Briefe überliefert, die angeblich von Speusippos verfasst wurden oder an ihn gerichtet waren. Nach heutigem Forschungsstand sind alle außer einem Schreiben des Philosophen an König Philipp II. unecht. Die Echtheit des Briefs an Philipp wird in der neueren Forschung fast einhellig angenommen, wenn auch nicht mit restloser Gewissheit.Kai Trampedach: Platon, die Akademie und die zeitgenössische Politik, Stuttgart 1994, S. 138 und Anm. 100; Francisco Pina Polo, Sabine Panzram: Mito, historia y propaganda política: La carta de Espeusipo a Filipo II de Macedonia. In: Gerión 19, 2001, S. 355–390, hier: 357 f. Anm. 6; Anthony Francis Natoli: The Letter of Speusippus to Philip II, Stuttgart 2004, S. 17–31. Anders Leonardo Tarán: Speusippus of Athens, Leiden 1981, S. XXIII. In dem 343/342 verfassten Brief wird dem König ein Historiker namens Antipatros von Magnesia empfohlen, der besser als Isokrates geeignet sei, für die makedonische Politik zu werben. Die Gegnerschaft zu Isokrates, mit dem Speusippos um die Gunst Philipps rivalisierte, tritt unverhüllt zutage.Zu den Hintergründen siehe Minor M. Markle III: Support of Athenian intellectuals for Philip: a study of Isocrates’ Philippus and Speusippus’ Letter to Philip. In: The Journal of Hellenic Studies 96, 1976, S. 80–99. Umstritten ist, ob der Brief privat war oder sein Verfasser ihn zwecks Beeinflussung der öffentlichen Meinung zur Veröffentlichung bestimmte.Anthony Francis Natoli: The Letter of Speusippus to Philip II, Stuttgart 2004, S. 20–22 plädiert für privaten Charakter des Schreibens und erörtert die älteren Forschungsmeinungen.

Es soll auch eine Korrespondenz des Speusippos mit Dionysios II. gegeben haben. Briefliche Äußerungen des Tyrannen gegenüber dem Philosophen sind zitatweise überliefert,Philip Merlan: Zur Biographie des Speusippos. In: Philip Merlan: Kleine philosophische Schriften, Hildesheim 1976, S. 127–143, hier: 136–138. die Authentizität dieser Zitate ist allerdings ungewiss.

Lehre