Demeter ist ein deutscher Bio-Anbauverband, dessen Name 1932 in München für „biodynamische“ Produkte geschützt wurde. Die seit 1924 von Demeter-Mitgliedern praktizierte anthroposophische biologisch-dynamische Landwirtschaft basiert auf den esoterischen Ideen Rudolf Steiners. Bereits 1930 entstand der Demeter-Wirtschaftsbund als Nachfolgeorganisation einer 1927 von anthroposophischen Landwirten gegründeten Verwertungsgenossenschaft.Helmut Zander: Anthroposophie in Deutschland. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2007, S. 1599f, S. 1586ff. Die Rechte am Markennamen Demeter hält der Demeter-Bund e. V.Sabine Dietzig-Schicht: Biobauern heute: Landwirtschaft im Schwarzwald zwischen Tradition und Moderne. (= Internationale Hochschulschriften). Verlag Waxmann, 2016, ISBN 978-3-8309-3440-0, S. 57ff.
Das Produktspektrum von Demeter umfasst mehr als 3500 Lebensmittel sowie Kosmetika und Modeartikel, welche vorwiegend in Bioläden und Reformhäusern verkauft werden, seit einiger Zeit aber auch bei den meisten Supermarktketten.
Der Name leitet sich von der griechischen Mutter- und Fruchtbarkeitsgöttin Demeter ab.
Geschichte
Landwirtschaftlicher Kurs 1924 hielt Rudolf Steiner im schlesischen Koberwitz acht Vorträge zum Thema Landwirtschaft. Die Vorträge trugen den Titel Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft. Im Anschluss daran gründete sich der Landwirtschaftliche Versuchsring der anthroposophischen Gesellschaft, im dem die Ideen der Vorträge in die Landwirtschaft übertragen wurden.
Gründung der Verwertungsgenossenschaft und Vertriebsgesellschaft 1927 gründeten Landwirte, die nach anthroposophischen Ideen arbeiten, die Verwertungsgesellschaft Demeter (später: Demeter-Wirtschaftsbund e. V.). 1928 wurde das Warenzeichen „Demeter“ eingeführt und erste Qualitäts-Merkmale definiert. Ab Januar 1930 wurde anstelle des anfänglich internen Rundbriefes die Zeitschrift Demeter – Monatszeitschrift für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise herausgegeben.Gunter Vogt: Geschichte des ökologischen Landbaus im deutschsprachigen Raum – Teil I. In: Ökologie & Landbau. 119, März 2001, S. 47. Ihre Redakteure waren Erhard Bartsch und Franz Dreidax als enge Weggefährten Rudolf Steiners. Ab Juli 1933 war Bartsch alleiniger Herausgeber.Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945). Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1999, S. 82. 1931 wurden etwa 1000 Höfe biologisch-dynamisch bewirtschaftet.
Unterstützung des Nationalsozialismus Erhard Bartsch und Franz Dreidax versuchten, die höchsten Regierungs- und Parteimitglieder der NSDAP von Demeter zu überzeugen. Dazu wurden Vertreter der Nationalsozialisten zur Besichtigung verschiedener Demeter-Güter und zu den Wintertagungen des Reichsbundes für biologisch-dynamische Wirtschaftsweise auf Bartschs Hof in Bad Saarow eingeladen. Nachdem es gelungen war, die Gunst und Fürsprache des Hitlerstellvertreters Rudolf Heß zu gewinnen, wurde auch die Belieferung des Rudolf-Heß-Krankenhauses mit Demeter-Gemüse aufgenommen.Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1999, S. 87.
Bereits 1937 hatten sich das Führungspersonal der Demeter-Bewegung rückhaltlos der Völkischen Bewegung und dem Nationalsozialismus zur Verfügung gestellt.Peter Staudenmaier: Der deutsche Geist am Scheideweg: Anthroposophen in Auseinandersetzung mit völkischer Bewegung und Nationalsozialismus. In: Uwe Puschner: Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus: eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 489.
Im Mai 1937 bereitete das Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft eine Verordnung vor, um den Anbau von Demeter-Getreide zu verbieten. Um das Verbot abzuwenden, verfasste der landwirtschaftliche Berater Fritz Todts, Alwin Seifert, ein ausführliches Schreiben an Heß, um für die bio-dynamische Arbeitsweise zu werben. Der mit dem Fall betraute Reichsnährstand übergab die Angelegenheit der Landwirtschaftlichen Betriebsprüfung GmbH (LBP) in Berlin, deren wissenschaftlich verfasste Untersuchungsmethode Heß gegenüber von Seifert und Benno von Heynitz als parteiisch und voreingenommen kritisiert wurde. Daraufhin veranlasste Heß 1939 eine zweite Besichtigung durch Sachverständige der Schutzstaffel (SS). Den Vertretern der Demeter-Höfe gelang es, nachzuweisen, dass die LBP-Gutachter die Ernteergebnisse lediglich geschätzt hatten, die realen Erträge jedoch 50 % darüber lagen. Dieses Resultat überzeugte den Reichsnährstand und das Reichsernährungsministerium, und auf das Anbauverbot von Demeter-Getreide wurde verzichtet.
Im Anschluss gab der Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft eine Erklärung ab, die Bartsch im Januar 1940 in Demeter veröffentlichte, in der auch im Namen von Heß erklärt wurde, dass man zwar im Sommer 1938 übereingekommen sei, dass jede Propaganda für oder gegen die Anwendung der Demeter-Düngeweise und Reklame für dieselbe unterbleiben soll, der Leiter der Abteilung Biologie und Landwirtschaft, Konrad Meyer, dieser Vereinbarung jedoch energisch widersprach und die biologisch-dynamischen Anbauideen bekämpfe.
Wegen des Kriegsbeginns solle dieser Streit auf Geheiß Heß’ beigelegt werden. Am 18. Juni 1940 gelang es Bartsch schließlich u. a., Landwirtschaftsminister Walther Darré zu einem Besuch seines Demeter-Hofes zu bewegen, der sich beeindruckt zeigte.Uwe Werner: Anthroposophen in der Zeit des Nationalsozialismus. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 1999, S. 268, S. 270–272.
Die Zeitschrift Demeter bejubelte in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges die militärischen Siege der Wehrmacht und lobte den Führer in einem Leitartikel von September 1940 wie folgt: „Das soll unser Ziel und unsere hohe Aufgabe sein, gemeinsam mit unserem Führer Adolf Hitler für die Befreiung unseres lieben deutschen Vaterlandes zu kämpfen!“Peter Staudenmaier: Der deutsche Geist am Scheideweg: Anthroposophen in Auseinandersetzung mit völkischer Bewegung und Nationalsozialismus. In: Uwe Puschner: Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus: eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 484.
Die teilweise Befürwortung der Demeter-Wirtschaftsweise durch die Nazis beruhte nicht auf der anthroposophischen Philosophie, sondern auf der vermeintlichen „Ursprünglichkeit“ der landwirtschaftlichen Praxis.
Neben der seit 1939 bestehenden Kooperation zwischen Anthroposophen und SS zur Errichtung eines Demeter-Lehrguts auf einem enteigneten Posener Hof konnte die Mitarbeit mit Genehmigung Himmlers und gefördert durch den Leiter des SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamtes, Oswald Pohl, und Günther Pancke an diversen Projekten nach der Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften fortgeführt werden. Die nun der SS gehörenden Demeter-Betriebe wurden bis zum Kriegsende weiter bewirtschaftet, und der Anthroposoph und SS-Offizier Franz Lippert beaufsichtigte den Demeter-Kräutergarten Dachau beim KZ Dachau. Der Chef des Rasse- und Siedlungshauptamts, Günther Pancke, hielt den Demeter-Landbau bei der Bewirtschaftung des Lebensraums im Osten für die einzig brauchbare Wirtschaftsweise „für die zukünftigen Wehrbauern und Bauern im Osten“.Peter Staudenmaier: Der deutsche Geist am Scheideweg: Anthroposophen in Auseinandersetzung mit völkischer Bewegung und Nationalsozialismus. In: Uwe Puschner, Clemens Vollnhals (Hrsg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus: eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, ISBN 978-3-525-36996-8, S. 489f.
In der Aktion gegen Geheimlehren und sogenannte Geheimwissenschaften wurden 1941 alle deutschen Demeter-OrganisationenGunter Vogt: Entstehung und Entwicklung des ökologischen Landbaus. Dissertation. Verlag Ökologische Konzepte, Bad Dürkheim 2000, ISBN 3-934499-21-X. und die Monatszeitschrift Demeter durch den Sicherheitsdienst (SD) und die Polizei verboten. Der Versuchsring agierte daraufhin verdeckt. Trotz dieser schwierigen Umstände konnte die Demeter-Wirtschaftsweise weiterentwickelt werden.
Nach 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand in der Demeter-Wirtschaft ein Mangel an Führungspersönlichkeiten. Die Demeter-Bewirtschaftung wurde – bis auf einen Betrieb in Marienhöhe (Bad Saarow) – in den sozialistischen Ländern im Osten Deutschlands verboten. In Westdeutschland wurde 1946 als Nachfolger des Versuchsrings der Forschungsring für Biologisch-Dynamische Wirtschaftsweise gegründet.Sabine Dietzig-Schicht: Biobauern heute: Landwirtschaft im Schwarzwald zwischen Tradition und Moderne. (= Internationale Hochschulschriften). Verlag Waxmann, 2016, ISBN 978-3-8309-3440-0, S. 58. Dieser ist Eigentümer der Schutzmarke Demeter. Es arbeiten dort Landwirte, Wissenschaftler und Berater zusammen. Dieses Gremium ist auch mit der Erarbeitung der Richtlinien für Erzeugung und Vermarktung der Demeterprodukte betraut.Müfit Bahadir, H. Parlar (Hrsg.): Springer Umweltlexikon. Springer-Verlag, 2012, ISBN 978-3-642-62954-9, S. 299. Seit 1950 erscheint die verbandseigene Zeitschrift Lebendige Erde.
Am 16. Mai 1954 konstituierte sich auf dem Dottenfelderhof bei Frankfurt der Demeter-Bund e. V. Der Demeter-Bund ist berechtigt, in Form von Schutzverträgen Vertragsunternehmen das Recht zu verleihen, die Schutzmarke zu führen. Als Voraussetzung hierfür gilt eine zweijährige Demeter-Wirtschaftsweise.
Neuere Entwicklungen Als erster ökologischer Anbauverband in Deutschland erließ Demeter 1994 Richtlinien für die Verarbeitung von Lebensmitteln und strukturierte sich zeitgleich neu. Es erfolgte eine auf Steiner beruhende „aufgabenbezogene Soziale Dreigliederung nach Rudolf Steiner nach Geistes-, Rechts- und Wirtschaftsleben“. Übergeordnetes Leitmotiv bildeten hierbei die Aspekte Regionalisierung und Subsidiarität.
1997 gründeten 19 weltweit unabhängige Demeter-Organisationen den Verein Demeter International e. V. Ziel dieses Vereins ist es, die biologisch-dynamische Wirtschaftsweise weltweit zu standardisieren. Ebenso strebt er eine Angleichung der Qualitätssicherungsprozesse der erzeugten Produkte an.
Seit den 2000er Jahren wurde auf Initiative von Joachim Bauck auch in Polen ein Demeter-Verband gegründet.Agra-Europe (AgE), 50. Jahrgang Nr. 26 vom 22. Juni 2009
2007 gründeten die einzelnen Demeter-Foren den ersten gemeinsamen Verein Demeter e. V.
Im Jahr 2002 fügte Demeter seinen Statuten hinzu, dass die Mitgliedschaft in rassistisch orientierten Organisationen ebenso wie die Kooperation mit solchen unvereinbar mit den Zielen des Verbands seien.Rahel Uhlenhoff: Anthroposophie in Geschichte und Gegenwart. Bwv – Berliner Wissenschafts-Verlag; 1. Auflage, Oktober 2011, S. 738, ISBN 978-3-8305-1930-0
2009 erschien das erste „Demeter-Journal“, die Kundenzeitschrift des Verbandes.
Kritik