miniatur|hochkant|Otto Heinrich Reichsfreiherr von Gemmingen
Otto Heinrich von Gemmingen zu Hornberg (* 5. November 1755 in Heilbronn; † 3. März 1836 in Heidelberg) gehört zu dem Geschlecht der Herren von Gemmingen. Auch gehört er zu den heute unbekannten Schriftstellern der Aufklärung, war Diplomat, Freimaurer, Illuminat und Freund Mozarts.
Leben Kindheit in Wetzlar Otto Heinrich von Gemmingen wurde während eines längeren Aufenthalts seiner Eltern in der Reichsstadt Heilbronn am 5. November 1755 geboren. Sein Vater, der ebenfalls den Namen Otto Heinrich trug, war zu dieser Zeit Richter am Reichskammergericht in Wetzlar, wo Sohn Otto Heinrich bis zu seinem zehnten Lebensjahr überwiegend aufwuchs. Es ist überliefert, dass der Heinrich genannte Sohn von seinem Otto genannten Vater die schulische Ausbildung erhielt, vermutlich unterstützt durch einen Hauslehrer.
Jugend in Heilbronn Nachdem sein Vater den Dienst in Wetzlar 1766 quittiert hatte und 1767 wegen des Todes seines Großvaters nach Heilbronn zog, lernte Heinrich dort ein anderes Leben kennen, als er es von Wetzlar gewohnt war, das besonders von den rund 900 Personen, die sich in jener Zeit wegen des Reichskammergerichts dort aufhielten, geprägt war. In Heilbronn traf er auf eine weitgehend ungezwungene und lebensfrohe Gesinnung, in der Gesellschaften, Bälle, Wagen- und Schlittenfahrten, Feuerwerke und Konzerte das gesellschaftliche Leben der bürgerlichen Oberschicht der Stadt erhellten. Erste eigene Auftritte als Schauspieler in einer Laienspielschar sind von ihm schon in jungen Jahren überliefert. So wurden im Komödiensaal (heute Großer Saal) im Rathaus Stücke von Lessing, Schiller, Shakespeare und anderen aufgeführt, an denen er oftmals teilnahm. Sein Vater achtete aber weiter streng auf die Ausbildung seines Sohnes. Insbesondere die französische Sprache, wichtig für die Diplomatie, und die Juristerei standen auf dem Lehrplan. Aber auch Literatur und Musik gehörten dazu, wobei dem jungen Heinrich nicht nur die umfangreiche Bibliothek seines Vaters, sondern auch die städtische Bibliothek gute Möglichkeiten zum Wissenserwerb boten. Er beherrschte das Cello und das Klavier und verkehrte im Hause des damaligen Bürgermeisters Gottlob Moriz Christian von Wacks, von dessen kulturliebender Frau er maßgeblich beeinflusst wurde. Eine kurzlebige Verliebtheit in eine Heilbronner Bürgertochter verarbeitete er später in dem Schauspiel Der deutsche Hausvater, mit dem er fast über Nacht berühmt wurde.
Erste Erfolge in Mannheim mini|hochkant|Otto Heinrich Reichsfreiherr von Gemmingen (Scherenschnitt)
Mit 19 Jahren kam er nach Mannheim, kehrte jedoch auch weiterhin öfters nach Heilbronn zurück, um bei der dortigen Laienschauspielschar mitzumachen. In der Residenzstadt Mannheim lernte er wiederum eine andere Welt kennen. Gingen in Heilbronn die kulturellen Impulse überwiegend vom Bürgertum aus, gab es in Mannheim großen Prunk im Schloss, und der absolutistische Herrscher erlaubte seinen Untertanen gnädigst, kulturelle Veranstaltungen von den hintersten Rängen aus beizuwohnen. Dies soll bei Heinrich zu einiger Verwunderung geführt haben und brachte ihn zur Szene der Aufklärung. Er fühlte sich offenbar wohl in Mannheim und fand auch rasch Aufmerksamkeit. Nach knapp einem halben Jahr wurde er zum Kammerherrn ernannt, obwohl er nie ein Höfling sein wollte. Er las viel und besuchte die in Mannheim und Schwetzingen stattfindenden Kulturveranstaltungen, so auch die erste auf Deutsch gesungene Oper, die ihn tief bewegte. Er fasste den Entschluss, künftig seine freie Zeit zu nutzen, um sich systematisch auf eine schriftstellerische Tätigkeit vorzubereiten. Er wollte aufklären und das einfache Volk freimachen vom Nichtwissen.
Bereits 1777 wurden dem 21-Jährigen vom Kurfürsten neben den Aufgaben in der Hofkammer und im Hofgericht auch die Aufsicht über die Erziehung und Schulanstalten sowie über die deutsche Bühne (dem späteren Nationaltheater) übertragen, die zuvor Gotthold Ephraim Lessing angetragen worden war, welcher jedoch ablehnte.
Gemmingen und Mozart freunden sich an Mozarts zweiter Aufenthalt in Mannheim stand ab dem 30. Oktober 1777 an. Vermutlich lernten Mozart und Gemmingen sich über ihr gemeinsames Interesse an Kultur und Theater kennen und schätzen. Mozart erwähnte Gemmingen mehrfach in Briefen an seinen Vater, so zum Beispiel am 3. Dezember 1778: Ich schreibe nun dem H. v. Gemmingen, und mir selbst zu liebe den Esten Akt der Deklamirten opera: Die hätt ich schreiben sollen: /Umsonst, nehme es mit mir und mache es dann zu hause aus. Sehen Sie, so groß ist meine Begierde zu dieser Art Composition. Der H. v. Gemmingen ist der Poet, versteht sich, und das Duodrama heißt: „Semiramis“. Leider gilt das Stück Semiramis heute als verschollen. In dieser Zeit wurden Mozart und Gemmingen oft gemeinsam gesehen, beispielsweise bei der Probe der Oper Günter von Schwarzburg, auch am 6. November 1777, als Mozart dem Kurfürsten vorgestellt wurde, und am 3. Dezember, als Mozart die außerehelichen Kinder des Kurfürsten von Josepha Seyffert, der späteren Gräfin von Heydeck, unterrichtete. Obwohl erst seit 1776 Mitglied bei der Kurpfälzischen Deutschen Gesellschaft, war Gemmingen dort durch viele Vorträge positiv aufgefallen und stellte schließlich Mozart diesem Personenkreis vor, worauf sich viele Gespräche darüber entfalteten, wie man die deutsche Sprache fördern und eine Nationalbühne errichten könne.
Am 15. März 1778 trat Mozart mit seiner Mutter eine Reise nach Paris an. Zuvor musste er seine Kutsche verkaufen, um die Reise finanzieren zu können, und Gemmingen besserte Mozarts Reisekasse noch mit einigen Louis d’or auf.
Gemmingen und das Mannheimer Nationaltheater Das neue Mannheimer Nationaltheater war mittlerweile bespielbar, und zum 1. September 1778 wurde Wolfgang Heribert von Dalberg als Intendant gewonnen. In Anerkennung seiner Verdienste bei der Gründung des Mannheimer Nationaltheaters wurde Gemmingen gebeten, die dramaturgische Leitung zu übernehmen. Auch machte er sich einen Namen als Theaterkritiker.
Noch im selben Jahr kam Mozart, nachdem seine Mutter in Paris verstorben war, noch einmal nach Mannheim. Gemmingen lud ihn nach Schwetzingen ein, las ihm dort die begonnene Übersetzung von Rousseaus Pygmalion vor und erzählte ihm von der Absicht, auch Richard III. von Shakespeare zu übersetzen. Doch befahl ein Brief von seinem Vater Mozart am 9. Dezember nach Wien, worüber Mozart seinem Zorn freien Lauf gelassen haben soll.
Der Erfolg mit dem „Hausvater“ mini|hochkant|Der deutsche Hausvater
1779 hatte Gemmingen seine Jugendliebe in dem Schauspiel Der deutsche Hausvater literarisch verarbeitet und dies im Herbst in einem Vortrag vor der Kurfürstlich Deutschen Gesellschaft vorgestellt. Das Stück war sehr politisch und prangerte die Abgrenzung zwischen Adel und Bürgertum und die Praktiken gegenüber den Bauern an. Leidenschaftlich plädierte Gemmingen dafür, die Schranken zwischen den Ständen niederzureißen. Im Publikum waren nicht nur seine Freunde, sondern auch Kritiker, die seine Vorträge der zurückliegenden Jahre eher als etwas zu forsch wahrgenommen hatten. Am Ende brach großer Beifall aus; allerdings waren einige Adelige auch etwas missmutig, konnten aber den Erfolg des Stückes nicht verhindern. Der bekannte Schauspieler Friedrich Ludwig Schröder, Gemmingens späterer Freund, akzeptierte das Stück sofort für seine Bühne und führte es schon am 4. Oktober 1779 in Hamburg auf. Schon wenige Monate nach seinem Erscheinen war es in München, Hamburg, Berlin, Wien, Prag und weiteren Städten aufgeführt worden; das Stück gehörte in manchen Städten über Jahre zum Spielplan und wurde ins Italienische übersetzt. Friedrich Schiller las das Stück und schrieb dem Mannheimer Intendanten Dalberg am 12. Dezember 1781: Ich höre, dass ein Baron von Gemmingen der Verfasser des Hausvaters ist und wünschte, die Ehre zu haben, diesem Mann zu versichern, dass ich eben diesen Hausvater für ungemein gut erfunden halte und einen vortrefflichen Mann und sehr schönen Geist bewundert habe. Schillers Stück Kabale und Liebe soll von Gemmingens Hausvater beeinflusst worden sein, was zumindest die Kritiker jener Zeit so sahen.
Erste Berührung mit der Freimaurerei Man vermutet, dass Gemmingen 1779, im damals frühest möglichen Alter von 24 Jahren, der Freimaurerei beitrat, wobei aber gleich mehrere Freimaurerlogen in Mannheim, Wien, Heidelberg und Worms mit ihm in Verbindung gebracht werden. Auch wird behauptet, er habe bereits in seiner Mannheimer Zeit Mozart zur Freimaurerei gebracht, wofür es aber keine Belege zu geben scheint. Als wahrscheinlich wird angenommen, dass er 1779 Mitglied in der Mannheimer Loge Carl zur Eintracht (Lichteinbringung: 18. Januar 1756) wurde, die wiederum zur Berliner Großloge Royal York zur Freundschaft gehörte. 1782 soll er bereits den Meistergrad erreicht haben, und er wird zwischen 1782 und 1787 in Wien als einer der bedeutendsten dortigen Freimaurer genannt.
Hochzeit mini|Zur Zeit seiner Verheiratung lebte Gemmingen im Schwetzinger Schloss
Da die Hofkammer, die er leitete, im Schwetzinger Schloss untergebracht war, wohnte Gemmingen aus „Sparsamkeitsgründen“, wie er seinem Vater schrieb, auch im Schloss. Er speiste an der Tafel des Kurfürsten, und im Schlosspark traf er auch oftmals die Kurfürstin mit ihren Hofdamen, zu denen die Gräfin Charlotte von Sickingen (1756–1826) gehörte. Die beiden heirateten am 8. September 1779 in Mannheim, vermutlich im Sickingenschen Palais. Wegen der Verlegung des kurfürstlichen Hofes von Mannheim nach München musste auch Gemmingen kurz nach seiner Hochzeit nach München umziehen. Seine Frau blieb jedoch als Hofdame bei der Kurfürstin, die nicht nach München folgte. In München erlebte Gemmingen dann 1780 die Erstaufführung seines Schauspiels r sowie der Erbschaft in der Fassung B, die den bayerischen Verhältnissen angepasst worden war. Zur Geburt seines Sohnes Karl Theodor Joseph von Gemmingen (* 16. Juni 1780) kehrte er nach Mannheim zurück.
Aufbruch nach Wien