Joachim Fernau (* 11. September 1909 in Bromberg; † 24. November 1988 in Florenz) war ein deutscher Journalist, Kriegsberichterstatter der Waffen-SS, Bestseller-Autor und Kunstsammler. Ein Teil seiner Werke erschien unter dem Pseudonym John Forster.
mini|hochkant|Joachim Fernaus Grab auf dem Bogenhausener Friedhof in München (2007)
Leben und Tätigkeiten Fernaus Vater war Beamter in Bromberg in der Provinz Posen. Die Familie zog 1919 nach WormsJoachim Fernau: Disteln für Hagen, Herbig 1966, 2. Absatz, 1. Satz. und 1920 nach Schlesien. Nach dem Abitur im Jahr 1929 am evangelischen Humanistischen Gymnasium in Hirschberg studierte Fernau an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin Philosophie und Geschichte, ohne ein Examen abzulegen. Er arbeitete in Berlin als auf Sportreportagen spezialisierter freier Journalist vor allem für den Ullstein Verlag und für die Telegraphen-Union. In Berlin lernte er Gabriele Kerschensteiner kennen, Enkelin des Pädagogen Georg Kerschensteiner, die er 1943 heiratete. Fernau war einer der sechs verantwortlichen Redakteure für die Olympia Zeitung der Olympischen Sommerspiele 1936.
SS-Kriegsberichterstatter Nachdem Fernau 1939 zum Wehrdienst einberufen worden war, wurde er nach eigenen Angaben zur Waffen-SS versetzt.Fernau, Joachim (1992). In dem Haus auf dem Berge. München: Herbig. S. 194. Seit Frühjahr 1940 war Fernau in SS-PK im Frontpropagandaeinsatz. Zum 1. August 1941 wurde er als Untersturmführer in die Waffen-SS aufgenommen (SS-Nummer 430.352), zum 20. April 1944 erreichte er den Rang eines SS-Obersturmführers.Bundesarchiv R 9361-III/523925Erich Schmidt-Eenboom: Geheimdienst, Politik und Medien: Meinungsmache Undercover. Werder 2004, S. 107. 1942 und 1943 berichtete er von der Ostfront. Fernaus Kriegsberichte wurden in zentralen Propagandamedien des Regimes wie Das Reich,Norbert Frei, Johannes Schmitz: Journalismus im Dritten Reich. München 1989 S. 112. Völkischer Beobachter oder Das Schwarze Korps veröffentlicht.
Fernau war Spezialist für Durchhalteartikel, die die Bereitschaft zur Kriegsverlängerung und den Glauben der Bevölkerung an eine positive Kriegswende, den sogenannten Endsieg, fördern sollten. So veröffentlichte er kurz nach der strategischen Niederlage der Wehrmacht bei Stalingrad am 4. April 1943 unter dem Obertitel Die Wende im Osten den Artikel Ungewissheit und Sieg in der Zeitung Das Reich, in dem er die Anfang März 1943 erfolgte Rückeroberung von Charkow durch die Waffen-SS-Einheit Leibstandarte SS Adolf Hitler heroisierend schilderte. Er begann mit „Die SS lag starr wie eine Barriere vor den sowjetischen Heerhaufen“ und endete mit „[…] der Feind flieht! Der Augenblick ist da; die große Wendung! Es ist kein Zweifel mehr! Endlich, endlich!“Vgl. Hans Dieter Müller (Hrsg.): Facsimile Querschnitt durch Das Reich. Scherz Verlag, München 1964.
Im Frühjahr 1944 wurde Fernau nach Frankreich versetzt. Unmittelbar nach der alliierten Landung am 6. Juni 1944 in der Normandie verfasste er für Radio Paris die Ansprache Das Geheimnis der letzten Kriegsphase. Er erklärte: „Der Sieg ist wirklich ganz nahe.“ Der Text erschien im Völkischen Beobachter vom 30. August 1944 und wurde in weiteren Zeitungen nachgedruckt und breit rezipiert. Die Journalistin Ursula von Kardorff notierte am 5. September 1944 in ihr Tagebuch die große Aufregung, die der Artikel des „PK-Manns“ Fernau wegen des Versprechens einer Wunderwaffe ausgelöst habe, mit der ganz England „in die Luft gesprengt“ werden könne.Ursula von Kardorff: Berliner Aufzeichnungen aus den Jahren 1942 bis 1945. München 1962. Nach: Köhler, S. 105. Der Artikel sei „überall im Umlauf“, „er wanderte tagelang von Hand zu Hand, und hier wurde er sogar den höheren Klassen in der Schule vorgelesen“, schrieb am 12. September 1944 Filmproduzent Ludwig Metzger an Ministerialrat Hans Fritzsche vom Propagandaministerium.Joseph Wulf: Kultur im Dritten Reich. Presse und Funk. Frankfurt a. M. 1989, S. 385 f. Nachgedruckt wurde er etwa in: Feldblatt Posen. Zeitung des Wehrkreises XXI.6. Jg. Nr. 37. Posen 8. September 1944. S. 1f., nach: Achim Kilian: Mühlberg 1939–1948. Böhlau Verlag, Köln/Weimar 2001, S. 154. Siehe auch: Börsenblatt, Köhler S. 105. Der PK-Berichterstatter Georg Schmidt-Scheeder erinnerte sich, dass im Februar 1945 ein Waffen-SS-Soldat ihn in einer aussichtslosen Lage mit Hilfe dieses Artikels auf eine angeblich bevorstehende Kriegswende einstimmte.Köhler, S. 111.
Victor Klemperer kommentierte in einem Tagebucheintrag vom 1. September 1944 den am 29. August auch in der Dresdner Zeitung erschienenen Artikel, dem er eine in derselben Ausgabe erschienene Meldung über die „gänzliche Aufgabe von Paris“ gegenüberstellt. Klemperer äußert in seiner Notiz Zweifel am Wahrheitsgehalt des fernauschen Artikels. Er kritisierte die von Fernau ausgegebene Parole als Durchhaltephrase: „Das ist das tollste, was man sich bisher geleistet. Populär geheimnisvoll. […] Immerhin: mit der Parole Zeit gegen Raum u. mit den geheimnisvollen Waffen hält man das Volk bei der Stange.“Victor Klemperer: Die Tagebücher 1933–1945. Kommentierte Gesamtausgabe. Herausgegeben von Walter Nowojski, Mitarbeit: Christian Löser. Aufbau Verlag Berlin 1999, 138, 1164. Digitale Ausgabe auf CD-ROM: Digitale Bibliothek, Bd. 150, Direct Media, Berlin 2007, S. 3983 f. Joseph Goebbels schätzte die Wirkung in einem Tagebucheintrag vom 16. September 1944 distanzierter ein: „[…] im Volke dagegen ist der Unmut und die Depression weiter am wachsen. […] Sehr viel Unheil hat der schon häufiger angeführte Artikel von Fernau angerichtet. Das Volk hat sich vorgestellt, daß wir in kürzester Zeit eine völlige Wendung des Kriegsbildes, vor allem durch unsere neuen Waffen, herbeiführen würden, und fühlt sich jetzt in seinen Hoffnungen direkt betrogen.“Elke Fröhlich (Hrsg.): Die Tagebücher von Joseph Goebbels. München, New Providence, London, Paris 1995. Bd. 13, S. 493, weitere Einträge zu Fernau sind in der Langausgabe der Tagebücher laut Personenregister nicht enthalten.
Im Februar 1945 kam Fernau in ein Lazarett nach Baden-Baden.
1945–1988 Nach dem Ende der Zeit des Nationalsozialismus ging Fernau nach München, um dort als freier Schriftsteller und Journalist zu arbeiten. Zwischenzeitlich arbeitete er als Redakteur in Stuttgart.
In der Sowjetischen Besatzungszone wurde 1946 Fernaus zusammen mit Kurt Kayser und Johannes Paul verfasstes Afrika wartet. Ein kolonialpolitisches Bilderbuch (1942) auf die Liste der aus den Bibliotheken auszusondernden Literatur aufgenommen.Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur. Vorläufige Ausgabe, Berlin: Zentralverlag, 1946
1952 erschien im Verlag Gerhard Stalling Deutschland, Deutschland über alles …, sein meistverkauftes Buch. Er publizierte zahlreiche weitere Bücher – unter anderem Die Genies der Deutschen oder Rosen für Apoll, einige davon Bestseller. Fernaus Gesamtauflage in den 1950er bis 1970er Jahren lag bei mehr als zwei Millionen Exemplaren. Seine Schriften sind Sachbücher zur Geschichte und werden der trivialen Unterhaltungsliteratur zugeordnet.Christa Bürger: Textanalyse als Ideologiekritik. Zur Rezeption zeitgenössischer Unterhaltungsliteratur, Frankfurt a. M. 1973, passim.
1954 erschien unter dem Pseudonym „John Forster“ ein „heiterer Band mit Flucht-Abenteuern deutscher Kriegsgefangener: ‚Heldentum nach Ladenschluß‘“ (Der Spiegel). Ab 1955 wurden vier Episoden unter Mitwirkung von Erik Ode, Wolfgang Becker, Harald Juhnke, Wolfgang Wahl, Ed Tracey verfilmt.http://www.kino.de/film/heldentum-nach-ladenschluss-1955/
Fernaus Buch Und sie schämeten sich nicht … wurde 1958 veröffentlicht. Der Inhalt ist laut Klappentext „die zweitausendjährige Geschichte der Liebe in Deutschland sozusagen von Arminius bis Adenauer“.Liebe nach jeder Façon. In: Die Zeit vom 30. Oktober 1958. Es wurde 1968 unter dem Titel Komm nur, mein liebstes Vögelein verfilmt.Klaus M. Schmidt, Ingrid Schmidt: Lexikon Literaturverfilmungen. Verzeichnis deutschsprachiger Filme 1945–2000. Seite 430. Verlag J. B. Metzler 2001, ISBN 978-3-476-01801-4
1959 wies Ascan Klée Gobert in einem Leserbrief an Die Welt auf die NS-Vergangenheit von Fernau hin. Seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre kam es zu vermehrter Kritik an Fernaus Haltung zum Nationalsozialismus. Otto Köhler schrieb 1966 eine Satire für pardon, in der er einen fiktiven Dialog zwischen Goebbels und Fernau wiedergab: Goebbels habe Fernau den Auftrag zu einem großen historischen Werk über Deutschland gegeben, das (so die Satire Köhlers) erst nach 1945 habe erscheinen können. Zu diesem Zeitpunkt war Köhler der zitierte Artikel im Völkischen Beobachter noch unbekannt.Köhler S. 102. 1967 ordnete Peter Wapnewski den „Endsieg-Text“ aus dem Völkischen Beobachter in der Wochenzeitung Die Zeit in das Werk Fernaus ein. Günter Scholdt zählt die von Wapnewski betriebene Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit Fernaus zu den beispielhaften öffentlichen Kontroversen, die die Demokratisierung der deutschen Nachkriegsliteratur bewirkten.Günter Scholdt: Emigration und literarische Wertung, in: Matthias Beilein, Claudia Stockinger, Simone Winko (Hrsg.): Kanon, Wertung und Vermittlung: Literatur in der Wissensgesellschaft. Walter de Gruyter 2012, S. 138 Wapnewski hatte diesen Fernau-Artikel vor Kriegsende gelesen. Nun bewertete er ihn als „schändlichsten Durchhalteartikel dieses Krieges“. Er forderte Fernau auf, „das Handwerk des Schreibens zu lassen, die Kunst der Prophetie aufzugeben, vor der Geschichtsdeutung zu kapitulieren, das eigne Volk mit Bestandsaufnahmen künftig zu verschonen“.Peter Wapnewski: Joachim Fernau und die deutsche Seele. In: Die Zeit, Nr. 5/1967. Fortsetzungen in Nr. 5: Das Glück, keine Schlitzaugen zu haben, Gewürzt mit einem Quentchen Sex. „Unbildung“, „schauderhaften Geschmack“, „Instinktlosigkeit“ und „Geschichtsfälschung“ warf Wapnewski Fernau vor.
Fernau antwortete in der Zeit, Propaganda sei nun eben sein Auftrag gewesen. Er wies alle Vorwürfe zurück, er habe „niemals gehetzt und nie ein verherrlichendes Wort über den Nationalsozialismus […] geschrieben.“ Und zwar, obwohl er „nicht freiwillig“ geschrieben habe, sondern gleichsam kriegszwangsverpflichtet gewesen sei.Köhler S. 112. Der Sinn seines Endsieg-Appells sei gewesen, den französischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung zu schwächen, den er als „Terror“ im „Partisanengebiet“ bezeichnete. Die Vorstellung von einem baldigen Kriegsende sollte durch die Behauptung der Fähigkeit zur Kriegsverlängerung erschüttert werden. Im Übrigen möge man ihn in Ruhe lassen. Verweise auf Wapnewski finden sich in der Folge in vielen Texten, die sich mit Fernau auseinandersetzen.
Disteln für Hagen erschien in der ersten Auflage 1966 bei Herbig. Sybil Gräfin Schönfeldt rezensierte es im gleichen Jahr für Die Zeit:
„Diese ‚Bestandsaufnahme der deutschen Seele‘ (so der Untertitel) findet in jenem Wagnerschen Opern-Walhall statt, das den Nazis schon so gut gefallen hatte, wie es den heutigen Bundesrepublikanern behagt: Heldischer Donnerschlag in sagenhafter Ferne klingt immer gut. Fernau ist recht, was Wagner billig war. Warum soll die deutsche Seele auch aus den Materialien der Gegenwart erklärt werden? Die Nibelungen, die gar keine ‚Deutschen‘ gewesen sind, die Schauplätze des Nibelungenliedes, die zum größten Teil garnicht [sic] in jenem Gebiet liegen, das seit 1870 Deutschland hieß, sind ja viel dekorativer und formbarer. […] Fernau seziert also der Deutschen Seele, indem er das Nibelungenlied nacherzählt und mit Zwischenbemerkungen interpretiert. Das klingt amüsant und liest sich so weg. Die pausenlos knatternden Kabarett-Gags lähmen allmählich das kritische oder gar historische Gefühl.“Sybil Gräfin Schönfeldt: Disteln, die nicht weh tun. Joachim Fernau, das Nibelungenlied und unsere deutsche Seele. In: Die Zeit vom 2. Dezember 1966.