mini|Weithin sichtbares Gebäude für die Modulteststände der geplanten WAA; im Vordergrund der Murner See (geflutete Braunkohlegrube)Die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf (kurz WAA oder WAW) in Wackersdorf im bayerischen Landkreis Schwandorf in der Oberpfalz sollte die zentrale Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) für abgebrannte Brennstäbe aus Kernreaktoren in Deutschland werden. Der aus Steuermitteln finanzierte Bau, begonnen 1985, wurde von massiven Protesten von Teilen der Bevölkerung begleitet und 1989 eingestellt. Er gilt als eines der umstrittensten Bauprojekte in der Geschichte der Bundesrepublik. Das WAA-Baugelände wurde danach zum Gewerbegebiet Innovationspark Wackersdorf umgestaltet.
Technik Anlage mini|Gebäude für die Modulteststände – Bund Naturschutz Perspektivische Darstellung der Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf () mini|Schienenzufahrt zum Brennelemente-Eingangslager, heute wird das Gebäude von BMW genutzt (Geb. 80.0).()
Mit einer Fläche von ca. 120 Hektar grenzt das WAA-Gelände an die Bahnstrecke Schwandorf–Furth im Wald. Das vormals gemeindefreie Waldgebiet wurde der Gemeinde Wackersdorf zugesprochen.
Auf dem Gelände waren neben der eigentlichen Wiederaufarbeitungsanlage große Lagerhallen für den Atommüll sowie eine MOX-Brennelementefabrik geplant.Atom-Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf soll erweitert werden – Ö1-Mittagsjournal vom 7. Januar 1989 auf Österreichische Mediathek, 49.–53. Min.
Geplante Einrichtungen:Sammlung der Vorträge anläßlich des 7. Statusberichtes des Projektes Wiederaufarbeitung und Abfallbehandlung am 15./16. März 1988, Kernforschungszentrum Karlsruhe, Oktober 1988↑ Wackersdorf vor 25 Jahren: Demonstranten „abgeräumt“ – Eine Perspektivzeichnung der geplanten Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf im Landkreis Schwandorf. In: Nordbayern.de, 5. Januar 2011.
Brennelement-Eingangslager (): Baubeginn im März 1987;das Gebäude – es ist eines von zwei Gebäuden, die noch von der WAA Wackersdorf übrig geblieben sind – wird von BMW seit 1990 als „Halle 80.0“ zur Lagerung von Material genutzt.Auf einem fast vergessenen Schlachtfeld. In: Die Tageszeitung, 4. Februar 2006. Die 50 Millionen Mark teureNotfalls sprengen – Bayern will sich für das Debakel mit der Wiederaufarbeitungsanlage satt entschädigen lassen. Vorschläge für die Verwendung des Areals reichen vom Provinzflughafen bis zum Technologiezentrum. In: Der Spiegel, 22. Mai 1989. Eingangshalle für Brennstäbe bzw. das Brennelemente-Eingangslager ist ein lang gestreckter Bau mit grünem Dach, mit einer eigenen Lüftung und Gleisanschluss – das Gebäude ist gegen Flugzeugabstürze und Erdbeben gesichert. Ursprünglich sollten hier die Brennstäbe in ihren Transportbehältern zwischengelagert werden – ein Teil des Rechtsstreites um die WAA drehte sich um die Frage, ob eine atomrechtliche Genehmigung für das Eingangslager notwendig ist. (PDF) – bei BUND 2015 wurde vom Landkreis Schwandorf vor dem Gebäude eine Gedenktafel bzw. ein Infostandbild errichtet. In: Onetz, 12. November 2015. Infrastrukturversorgung einschließlich des Brennelementeingangslagers Anlagenwache und Anlagenzaun (Fertigstellung an Ostern 1986). Der 4,8 km lange, dunkelgrüne Sicherungszaun aus Stahl war drei Meter hoch und hatte eine Krone aus NATO-Draht. Nach dem Ende der WAA wurde er zerlegt und verkauft. In: Die Zeit vom 31. Mai 2007. Im Bayerischen Polizeimuseum sind Teile des Zauns ausgestellt. In: Bayernkurier, 28. Januar 2012. Der Zaun kostete 11 Millionen DM, der Betongraben davor 15 Millionen, weitere Sicherheitsanlagen wie Scheinwerfer und die Straße für den Sicherheitsdienst weitere 4 Millionen Mark. Haupt- bzw. Zentralwerkstatt, Servicebereich mit „heißer“ und „warmer“ Werkstatt, Zuluftanlage Modulteststände, weithin sichtbares Gebäude () Regenrückhaltebecken, Löschwasserpumpenhaus, Sandfänge, Entsorgungseinrichtungen für Niederschlagswasser Wasserversorgung und Wasserentsorgung Hauptprozessgebäude (rund 500.000 m³ umbauter Raum) mit Pulskolonnen, Mischabsetzer Nebenprozessgebäude mit den Abfall-Lagern und dem KamingebäudeBestimmte radioaktive Stoffe (Tritium, Strontium, Caesium, Krypton, Kohlenstoff, Ruthenium u. a.) sollten in begrenzten Mengen über Abwasser und Abluft an die Umwelt abgegeben werden. In: Die Zeit, 19. September 1986. Ein 200 Meter hoher Abluft-Kamin sollte radioaktiven Feinstaub weitläufig verteilen Mittelbayerische Zeitung, 8. Juni 2014.Hans Schuierer über das Lehrstück WAA – Aus kam vor 20 Jahren – Ehemaliger Landrat erinnert sich. In: Nürnberger Nachrichten, 13. Juni 2009. und das Abwasser über eine 15 km lange Leitung in den Vorfluter Naab entsorgt werden. Prozessgebäude Uranreinigung Prozessgebäude LAW (LAW: Low Active Waste; leicht radioaktiv) Pufferlager MAW-Endabfallgebinde (MAW: Medium Active Waste; mittel radioaktiv) Pufferlager LAW-Endabfallgebinde Pufferlager zementierte tritiumhaltige Wässer Chemikalienlager VerglasungsanlageFür die Verglasung des hochaktiven flüssigen Abfalls (HAWC, engl. high active waste concentrate) war ein einstufiger Prozess mit einem direktbeheizten und flüssiggespeisten keramischen Schmelzofen vorgesehen. Modultransportkanäle Fernhantierungsgerechte Modultechnik (FEMO-Technik) mit Video-Sichteinrichtungen Brennelementefabrik mit Fertigungseinrichtungen für Mischoxidbrennlemente (MOX) Versorgungs- und Sozialgebäude Energie- und Medienversorgung Materialwirtschaftsgebäude Verwaltung und Zentrale Dienste
Bei der WAA Wackersdorf sollte durch bauliche Maßnahmen das Mehrbarrierenkonzept zum Einschluss radioaktiver Stoffe eingehalten und damit der erforderliche Grundwasserschutz gewährleistet werden. Flüssigkeitsundurchlässige Schichten im Untergrund hätten die Funktion einer zusätzlichen Sicherheitsbarriere gehabt.: Antwort der Bundesregierung auf die Große Anfrage des Abgeordneten Daniels (Regensburg) und der Fraktion Die Grünen – (Deutscher Bundestag 27. September 1989)↑ , Große Anfrage: Probleme um die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf vom 1. März 1989 Die WAA wurde nach den Richtlinien der Reaktor-Sicherheitskommission auf die Belastung durch einen einschlagenden Phantom-Jagdbomber ausgelegt – andere Militärmaschinen blieben unberücksichtigt.
Die Wiederaufarbeitungsanlage wurde mit einem Tagesdurchsatz von 2 t Schwermetall geplant und erstmals wurde in einer kommerziellen WAA beabsichtigt, das in die wässrige Phase verschleppte Tritium auf einen relativ geringen Abwasserstrom zu konzentrieren, der gesondert behandelt werden kann.The PUREX process as designated for the Wackersdorf reprocessing plant In: Internationale Atomenergie-Organisation 1989.
Verfahren mini|Schema des PUREX-Prozesses
In der WAA Wackersdorf sollten jährlich maximal 500 Tonnen In: Die Zeit, 23. August 1985. abgebrannter Kernbrennstoff nach dem PUREX-Verfahren (vgl. WAA Sellafield) wiederaufbereitet werden. Geplant war die Wiederaufarbeitung und die Herstellung von MOX-Brennelementen (BE). In: BMU 2006. MOX-BE enthalten gegenüber den herkömmlichen Uran-Brennelementen bis zu 3,5 % Plutonium.Gefahr MOX-Brennelemente. In: contrAtom, 12. Dezember 2011. Prinzipiell hätte daher auch die Möglichkeit bestanden, waffenfähiges Plutonium, welches in entsprechend niedrig abgebranntem Brennstoff produziert werden kann, chemisch abzutrennen und für Bomben zu nutzen, und einige Parteien vermuteten einen „Schleichweg zum Atomwaffenstaat“.Schleichweg zum Atomwaffenstaat? – Möglichkeiten der Gewinnung von Plutonium für den Bau von Atombomben in Wackersdorf. In: Der Spiegel, 10. November 1986.
Die WAA Wackersdorf sollte zum einen Plutonium-Brennstoff für den Schnellen Brüter liefern und zum anderen aus den verbrauchten Brennstäben von Leichtwasserreaktoren noch verwendbares Uran und Plutonium mit Hilfe chemischer Prozesse herauslösen.
Dabei werden die abgebrannten Brennstäbe mit ferngelenkten Greifarmen in „Heißen Zellen“ hinter meterdicken Bleiglasscheiben zerkleinert. Die Bruchstücke fallen in einen „Auflöser“ und werden dort von kochender Salpetersäure zersetzt. Danach werden Plutonium und wiederverwendbares Uran aus der Säure herausgelöst (vgl. Flüssig-Flüssig-Extraktion). Übrig bleiben stark radioaktiv strahlende Schlacken, Flüssigkeiten, Metalle und Gase.Erst Soße, dann entrahmte Milch – Zweifel am Nutzen der Wiederaufarbeitung von Reaktor-Brennstäben. In: Der Spiegel, 28. Januar 1995. Es war vorgesehen, innerhalb der gesetzlich erlaubten Grenzwerte einige Substanzen über den Schornstein oder das Abwasser zu entsorgen, der Rest sollte in Glas eingeschlossen und in Endlagerstätten eingelagert werden. Die Abtrennung von minoren Actinoiden, von Spaltprodukten voneinander oder die Nutzung stabiler bzw. medizinisch oder industriell nutzbarer Isotope war nicht vorgesehen und ist auch Stand 2022 beim PUREX-Verfahren nicht Standard. Andere Verfahren der Wiederaufarbeitung wären dazu prinzipiell in der Lage, sind jedoch kaum oder gar nicht großtechnisch erprobt.
Geschichte Standortentscheidung und Beginn des Widerstands mini|Position der Wiederaufarbeitungsanlage im Brennstoffkreislauf mit Versorgung, Entsorgung und Wiederaufarbeitung
In den 1980er Jahren waren Atomanlagen einerseits durch die Debatte um Atomrüstung und andererseits durch die Reaktorunglücke von Harrisburg und später Tschernobyl sehr stark umstritten. Seit den frühen 1970ern wuchs die Anti-Atom-Bewegung, durch die auch der Erfolg der Grünen beflügelt wurde.
Die geplanten WAA-Standorte in Rheinland-Pfalz (Hambuch, Illerich), Hessen (Frankenberg-Wangershausen) und Niedersachsen (Gorleben) waren zuvor gescheitert.Wackersdorf: Eine Wiederaufbereitungsanlage wurde nie verwirklicht. In: Rhein-Zeitung, 14. August 2013. Die WAA-Standortentscheidung war u. a. auch die Geschichte eines Kleinkriegs zwischen den unionsregierten Bundesländern Bayern und Niedersachsen und Ministerpräsident Franz Josef Strauß und seinem Rivalen um die Kanzlerkandidatur für die Bundestagswahl 1980, Ernst Albrecht.↑ Auf dem Schlauch – Niedersachsens Ministerpräsident Albrecht hat beim Kampf um die Wiederaufarbeitungsanlage übertaktiert – und verloren. In: Der Spiegel, 11. Februar 1985. Nachdem Pläne zur Errichtung einer Wiederaufarbeitungsanlage in Dragahn in Niedersachsen gescheitert waren, erklärte Bayerns Ministerpräsident Franz Josef Strauß am 3. Dezember 1980 die Bereitschaft der bayerischen Landesregierung (Kabinett Strauß I), im Freistaat nach einem geeigneten Standort zu suchen.Amberger Bürgerinitiative e. V.: (26. Oktober 2006) Strauß versprach den Anlagebetreibern stabile politische Verhältnisse sowie Akzeptanz für das Projekt auf Seiten einer „industriegewohnten Bevölkerung“. Die Standortentscheidung für das stille Kiefernwäldchen in der Oberpfalz würde eine „rasche und ungestörte Realisierung des Projekts“ garantieren.Wie sie ihre Wut loswerden… – Die „Pfingstschlacht“ von Wackersdorf. In: Der Spiegel, 26. Mai 1986.
Nachdem das oberpfälzische Wackersdorf in die Auswahl gekommen war, gründete sich am 9. Oktober 1981 eine Bürgerinitiative gegen die WAA.Bernd Siegler: „Mir san die Chaoten“ – Der Widerstand in Wackersdorf. Eine Chronologie des Widerstandes gegen die Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz bis zu dem gestern von der DWK verkündeten Baustopp. In: die tageszeitung, 31. Mai 1989, S. 9. Landrat Hans Schuierer war strikt gegen das Projekt. In: Die Zeit, 15. Februar 1985.
Am 7. Oktober 1981 wurde die „Bürgerinitiative Schwandorf“ In: Oberpfalznetz, 15. Oktober 2011. gegründet und viele weitere folgten kurz darauf, die schließlich unter einem Dachverband geschlossen auftraten. In: Oberpfalznetz, 28. Januar 2011. Die erste Anti-WAA-Demonstration fand im Dezember 1981 mit etwa 3000 Personen in der Oberpfalzhalle in Schwandorf statt, wo versammelte CSU-Politiker auf die konsequente Pro-WAA-Linie eingeschworen werden sollten.. marx21, Dezember 2011.