Antimon [] (von lateinisch Antimonium, vermutlich von arabisch „al-ithmîd(un)“ (, Antimonsulfid bzw. Stibnit)) ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol Sb (von ‚(Grau-)Spießglanz‘) und der Ordnungszahl 51. Im Periodensystem steht es in der 5. Periode und der 5. Hauptgruppe, bzw. 15. IUPAC-Gruppe oder Stickstoffgruppe.
Es ist ein silbergraues, sprödes, seltenes Halbmetall, welches dem Arsen ähnelt. Die beiden stabilen Isotope Antimon-121 und Antimon-123 sind die einzigen natürlich vorkommenden. Antimon kommt in der Natur in vielen Mineralen vor, die Produktion erfolgt hauptsächlich aus Stibnit. Der größte Produzent von Antimon ist mit Abstand die Volksrepublik China, die auch die größten Reserven des Halbmetalls besitzt. Verwendung findet Antimon in Legierungen, überwiegend mit Blei und Zinn. Auch in der Halbleitertechnik findet es Applikationen. Historische Bedeutung hat die medizinische Verwendung des Elements.
Antimon ist giftig, es besteht ein Verdacht auf eine krebserregende Wirkung.
Geschichte Antimon ist schon seit langer Zeit bekannt. Es sind Objekte, meist Körner oder Verzierungen aus Antimon und antimonreichen Kupferlegierungen bekannt, die im Chalkolithikum ab 4500 v. Chr. und in der Bronzezeit hergestellt wurden. Schwerpunkte dieser Funde liegen im südlichen Kaukasus, der Toskana (Italien) und in der südlichen Levante.S. Dillis, P. Degryse: The dawn and rise of antimony use in the southern Caucasus. In: Science China Earth Sciences. Band 65, Nr. 11, 2022, S. 2037–2056, .Sarah Dillis, Alicia Van Ham-Meert, Peter Leeming, Andrew Shortland, Gela Gobejishvili, Mikheil Abramishvili & Patrick Degryse: Antimony as a raw material in ancient metal and glass making: provenancing Georgian LBA metallic Sb by isotope analysis. In: STAR: Science & Technology of Archaeological Research. Band 5, Nr. 2, 2019, S. 98–112, . Ein bekanntes Objekt aus Antimon wurde 1877 von Ernest de Sarzec in Girsu ausgegraben und von Marcelin Berthelot beschrieben. Es soll sich um ein Fragment einer Vase aus der Zeit des Beginns der sumerischen Zivilisation handeln, das aus sehr reinem Antimonmetall besteht. Möglicherweise handelt es sich um natürlich vorkommendes Antimon.Jean-Dominique Bourzat: Histoire de la chimie: La saga de l’antimoine. In: L’Actualité Chimique. Band 293, 2006, S. 40–46 (online).Marcelin Berthelot: Métaux et minéraux provenant de l'antique Chaldée. Sur les origines de l'etain dans le monde ancien. In: Comptes Rendus. Band 104, 1887, S. 265–272 ().Hans Joachim Breunig, Peter Geist: Triumph-Wagen – Eine kleine Geschichte des Antimons. Cuvillier Verlag, Göttingen 2018, ISBN 978-3736-9-8843-9.
Seit Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus, wahrscheinlich seit der Regierungszeit des Pharaos Thutmosis III., wurde im Alten Ägypten Antimon in der Glasherstellung eingesetzt. Dabei dienten Calcium- und Bleiantimonat als Trübungsmittel, um opake, farbige Gläser herzustellen. Calciumantimonat ergab farblose Gläser, Bleiantimonat gelbe. Zusätzlich konnten noch Kupfer oder Cobalt hinzugegeben werden, um grüne oder blaue Gläser herzustellen.A. J. Shortland: The use and origin of antimonate colorants in early Egyptian glass. In: Archaeometry. Band 44, Nr. 4, 2002, S. 517–530, . Seit dem 4. Jahrhundert vor Christus in GriechenlandDespina Ignatiadou: Colorless glass in late classical and early hellenistic macedonia. In: Journal of Glass Studies. Band 44, 2002, S. 11–24 (). und später vor allem im Römischen Reich wurde Antimon zur Herstellung von durchsichtigem, farblosen Glas verwendet. Dabei bewirkt die Beimischung von Antimon bei der Glasherstellung eine Oxidation von Eisen und dadurch eine Entfärbung des Glases. Zudem entfernt Antimon auch gelöste Gase aus der Glasschmelze. Wahrscheinlich durch schwindende Mengen an Antimon endet die Herstellung von farblosen Glas mit Hilfe von Antimon im 4. Jahrhundert nach Christus.P. Degryse, S. N. Gonzalez, F. Vanhaecke, S. Dillis, A. Van Ham-Meert: The rise and fall of antimony: Sourcing the “colourless” in Roman glass. In: Journal of Archaeological Science: Reports. Band 53, 2024, Artikel 104344, .Anne-Isabelle Bidegaray, Karin Nys, Alberta Silvestri, Peter Cosyns, Wendy Meulebroeck, Herman Terryn, Stéphane Godet, Andrea Ceglia: 50 shades of colour: how thickness, iron redox and manganese/antimony contents influence perceived and intrinsic colour in Roman glass. In: Archaeological and Anthropological Sciences. Band 12, 2020, Artikel 109, .
Antimon(III)-sulfid (Stibnit) wird traditionell mit schwarzem Schminkpuder in Verbindung gebracht, das rund um die Augen aufgebracht wird und heute als Kajal bekannt ist. Diese Tradition findet sich schon im Alten Ägypten, wird im alten Testament erwähnt und wird über das Römische Reich später vor allem in Arabien weitergeführt, wo es Kohl oder Ithmid genannt wird. Auch der islamische Prophet Mohammed soll den Gebrauch von Ithmid empfohlen haben. Das altägyptische Wort msdmt bzw. die ältere Form sdm für schwarzes Schminkmittel ist der Ursprung der lateinischen Bezeichnung stibium und des griechischen στίμμι, stimmi.Karl Lokotsch: Etymologisches Wörterbuch der europäischen (germanischen, romanischen und slavischen) Wörter orientalischen Ursprungs (= Indogermanische Bibliothek. Band 2). Carl Winter, Heidelberg 1927, S. 73, Nr. 918 (zu iṯmid).J. R. Harris: Lexicographical Studies in Ancient Egyptian Minerals. De Gruyter, 1961, ISBN 978-3-1127-0704-3, S. 174–176. Hieraus wurde etwa der Mineralname Stibnit oder das Atomsymbol Sb abgeleitet. Allerdings wurde nicht immer Antimonsulfid als Schminkpulver genutzt, so wurde in Proben, die in Ägypten ausgegraben wurden, kein Antimon, sondern vor allem verschiedene Bleiminerale wie Galenit oder Cerussit nachgewiesen.Marabel Riesmeier, Jennifer Keute, Margaret-Ashley Veall, Daniel Borschneck, Alice Stevenson, Anna Garnett, Alice Williams, Maria Ragan, Thibaut Devièse: Recipes of Ancient Egyptian kohls more diverse than previously thought. In: Scientific Reports. Band 12, 2022, Artikel 5932, .
Als Heilmittel ist Antimonsulfid seit der Antike bekannt. So beschreibt Aristoteles es als Mittel gegen Augenkrankheiten und zur Verbesserung der Sehkraft und weitere Autoren wie Aulus Cornelius Celsus, Plinius der Ältere, Pedanios Dioskurides oder Galenos nennen medizinische Anwendungen verschiedener Antimonverbindungen, etwa in der Behandlung von Wunden oder Geschwüren. Plinius beschreibt auch das Vorkommen von stibium in Silberbergwerken und unterscheidet zwischen einer männlichen, härteren und einer weiblichen, weicheren Form. Die männliche Form ist wahrscheinlich eine quarzreiche, weniger reine Form, während die weibliche reineres, glänzendes Erz ist. Die Überlieferung von Antimonverbindungen als Heilmittel wird anschließend in der arabischen und persischen Medizin von Ärzten wie Abu Mansur Muwaffaq, Rhazes oder Avicenna weitergetragen.Edmund Oskar von Lippmann: Entstehung und Ausbreitung der Alchemie. Mit einem Anhange: Zur älteren Geschichte der Metalle; ein Beitrag zur Kulturgeschichte. 3 Bände. Verlag Julius Springer, Berlin 1919 (online auf Commons).
In der mittelalterlichen europäischen Literatur wird Antimon erstmals von Constantinus Africanus in der Übersetzung des Liber graduum des Ibn al-Dschazzar erwähnt. Er verwendet auch erstmals die mittellateinische Bezeichnung antimonium.Karl Lokotsch: Etymologisches Wörterbuch der europäischen (germanischen, romanischen und slavischen) Wörter orientalischen Ursprungs. 1927, S. 73, Nr. 918. Durch die Wiederentdeckung antiker Autoren und die Übersetzung arabischer Schriften verbreiteten sich Kenntnisse über die Chemie und Wirkung des Antimons in Europa und es wurde von verschiedenen Ärzten und Alchemisten untersucht und eingesetzt. Insbesondere Paracelsus führte verschiedene antimonhaltige Arzneimittel in die Therapie ein. Da gleichzeitig die Giftwirkung des Antimons bekannter wurde, entstand ein heftiger Streit zwischen Befürwortern und Gegnern der Lehren von Paracelsus („Antimonstreit“). Dieser ursprünglich nur wissenschaftlich an der Sorbonne geführte Streit weitete sich so aus, dass 1615 das Parlement de Paris zeitweise die Verwendung von antimonhaltigen Arzneimitteln verbot.Gottfried Roth: Der «Antimonstreit» und die Wiener medizinische Fakultät. In: Gesnerus. Band 20, Nr. 3–4, S. 165–169, .D. Schwarzmann-Schafhauser: Antimonstreit. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin und New York 2005, ISBN 978-3-1109-7694-6, S. 72. Ein Beispiel für eine von Paracelsus eingeführte und noch lange verwendete antimonhaltige Arznei ist der stark brechreizerregende Brechweinstein.Friedrich Dobler: Die chemische Fundierung der Heilkunde durch Theophrastus Paracelsus: Experimentelle Überprüfung seiner Antimonpräparate. In: Veröffentlichungen der Internationalen Gesellschaft für Geschichte der Pharmazie. Neue Folge, 10, 1957, S. 76–86, hier: S. 84.
Im 16. und 17. Jahrhundert erweiterten sich auch die chemischen und metallurgischen Kenntnisse über Antimon. Es wurde nun genauer zwischen Antimonsulfid (in der Alchemie auch Kohl genanntAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 82.), metallischem Antimon, Blei, Bismut und Zinn unterschieden. Zudem konnte metallisches Antimon jetzt durch Reaktion von Antimonsulfid mit Eisen hergestellt werden. Besondere Bedeutung für die Entwicklung der Antimonchemie hatte die alchemistische Schrift „Cursus triumphalis Antimonii“ (lat. „Triumphwagen des Antimons“) des Basilius Valentinus, eine Art Monographie des Elementes, in der das Metall und verschiedene Verbindungen detailliert beschrieben werden. Valentinus gilt mitunter auch als erster, der regulus antimonii, also metallisches Antimon dargestellt hat.
Woher der Name Antimon ursprünglich stammt, ist unklar und es wurden verschiedene Theorien aufgestellt. Eine ist, dass das Wort vom arabischen al-ithmid abstammt, das ins lateinische übersetzt und dabei in antimonium umgewandelt wurde. Weitere Möglichkeiten sind, dass das griechische ἄνθεμον (anthemon) für Blüte, da Stibnit häufiger in Form strahlenförmiger Kristalle vorkommt, die an Blüten erinnern, oder die Worte anti monos, gegen das Alleinsein, da das Element vorwiegend in Verbindungen und Legierungen vorkommt, der Ursprung ist. Eine eher zweifelhafte, aber populär gewordene Erklärung ist, dass Antimon vom französischen anti moines („gegen die Mönche“) abstammt. Zur Erklärung hierfür wird auf die Verwendung von Antimon als Arzneimittel oder in der Schweinemast in Klöstern verwiesen, mit dem sich die Mönche selbst vergiftet haben; und Basilius Valentinus soll gar das anti-moine an seinen Klosterbrüdern ausprobiert haben.
Vorkommen mini|links|Stibnit