Kreolisierung bezeichnet historisch-kulturelle Prozesse, die zur Bildung der Kreolen und der Kreolsprachen führten. Die erste Verwendung der aus dem Portugiesischen und Spanischen stammenden Bezeichnung ist ab dem 19. Jahrhundert belegt; heute wird er meist für einen Zustand der kulturellen Vermischung verwendet (siehe auch Multikulturalismus).
Etymologie des Begriffes und historische Einbettung
Jacqueline Knörr fasst in diesem Zitat bereits die verschiedenen (grammatikalischen) Formen des Begriffes zusammen, die mit einer Veränderung der Bedeutung einhergehen, und geht auf die Schwierigkeit einer etymologischen Definition ein. „Kreolisierung“ meint dabei einen gesellschaftlichen Prozess von kultureller Durchmischung, an dessen Ende eine neue Kultur steht. „Kreolität“ hingegen ist die aus der „Kreolisierung“ entstehende Qualität, die bereits vermuten lässt, dass Kreolisierung ein endlicher Prozess ist.Jacqueline Knörr: Postkoloniale Kreolität versus koloniale Kreolisierung. 2009, S. 98 ff. „Kreole“ meint letztlich die Betitelung eines Individuums bzw. einer Gruppe, die sich durch die im Folgenden erläuterten Merkmale auszeichnen.
Knörr geht darauf ein, dass die Antwort auf die Frage nach dem Ursprung der Bezeichnung „Kreole“ auch die Frage nach dem „Ur-Kreolen“ beantworten würde: „So wird beispielsweise von den einen eine ‚weiße‘, von den anderen eine ‚schwarze‘ Etymologie konstruiert – um daraus in Folge eine ‚weiße‘ beziehungsweise ‚schwarze‘ Ur-Kreolität abzuleiten.“Jacqueline Knörr: Postkoloniale Kreolität versus koloniale Kreolisierung. 2009, S. 93.
Während die älteste Bezeichnung für einen „Kreolen“, nach Knörr, das portugiesische crioulo ist, ist die Verwendung des spanischen Wortes criollo als erstes belegt worden. Dieses bezeichne die in der „Neuen Welt“ geborenen Spanier, um sie von den in Europa gebürtigen „peninsulares“ abzugrenzen.Knörr 2009, S. 94; Stoll 2005, S. 146 ff. Beide Vokabeln hingegen sind auf das lateinische creare zurückzuführen, das mit „kreieren“ und „erschaffen“ übersetzt werden kann. Zudem sind das portugiesische und spanische Verb criar („aufziehen, ernähren, erzeugen, erschaffen“) und das Substantiv cria („Baby, Säugling, Person ohne Familie“) von Bedeutung, da sie Aufschluss darüber geben, in welchem Rahmen der Begriff Kreole gebraucht wurde. Letztlich verweisen sie nämlich wie die Endung -olo bzw. -oulo, die ein Nomen als Diminutiv ausweist, auf die Bezeichnung für im Exil geborene Kinder. Erst später schloss der Begriff Kreole auch dort gebürtige Erwachsene mit ein.Knörr 2009, S. 94; Stewart 2007, S. 1 ff.; Stoll 2005, S. 146 ff. Nach Charles Stewart lassen sich erste Belege für die Verwendung des Begriffes Kreolisierung im 19. Jahrhundert finden, der Begriff Kreole hingegen lässt sich schon ab dem 16. Jahrhundert attestieren. Im 16. und 17. Jahrhundert diskutierte man bereits die Unterschiede zwischen den Kreolen und den Individuen aus der „Alten Welt“.vgl. Stewart 2007, S. 20. Im Lichte der Verwendung dieser Begrifflichkeiten, die v. a. im kolonialen Kontext Anwendung finden, betitelte Jacqueline Knörr eine ihrer Arbeiten Postkoloniale Kreolität versus koloniale Kreolisierung. Nachdem nun die in der Neuen Welt geborenen „offsprings“Stewart 2007, S. 1. als Kreolen angesehen wurden, traf es wenige Jahre später nach Amerika und in die Kolonien verkaufte afrikanische Sklaven. Durch creoles, criollos oder crioulos wurden sie als in der neuen Kolonie geborene Sklaven bezeichnet. Sklaven, die in Afrika geboren wurden, nannte man hingegen New Africans, Saltwater Negroes oder Wild Negroes.Jacqueline Knörr: Postkoloniale Kreolität versus koloniale Kreolisierung. 2009, S. 94. .
So fungierte der Begriff letztlich als Differenzierung von Personen und Gruppen im Hinblick auf ihre Indigenität bzw. Abstammung in Abgrenzung von den Kolonisten und ihren Nachkommen in der Alten Welt. So sieht Knörr das Sklavenexil und die frühen kolonialen Gesellschaften als klassische Beispiele für historische Kreolisierungsprozesse und erläutert den alternativen Prozess der Bildung von Diaspora-Gemeinschaften, die durch eine entsprechende Gruppengröße und -dynamik ermöglicht werden könnten.vgl. Knörr 2009: 94.
Linguistische Bedeutung
Der Begriff Kreolsprache wird oft in Abgrenzung zu Pidgin-Sprachen erläutert. Während Pidgins vereinfachte und irreguläre Kommunikationsmittel sind, die oft nur von Nicht-Muttersprachlern gesprochen werden und nur rudimentären grammatikalischen Regeln folgen, sind Kreolsprachen grammatikalisch voll ausgebaute Sprachen, die auch einen umfangreicheren Wortschatz aufweisenvgl. Stoll 2005: 146 ff.. Nach Stewartvgl. Stewart 2007: 2 würden Linguisten mittlerweile darin übereinstimmen, dass Kreolsprachen aus der Verwendung von Pidginsprachen als Muttersprache resultieren. Kreolsprachen basieren meist auf einem Zusammentreffen verschiedener Kontaktsprachen, unterscheiden sich aber dennoch im Lautsystem und ihrer Grammatik von ihnen. und werden zudem als Muttersprache erworben. Heute werden in vielen ehemaligen Kolonien Kreolsprachen gesprochen, die auf das Spanische, Portugiesische, Französische, Englische und Niederländische zurückzuführen sind (im Fall von Martinique z. B. auf das Französische). Doch existieren in der Kreolistik durchaus noch Unklarheiten über den Ursprung einiger Sprachen (vgl. z. B. Thomas L. Markey und seine Arbeit über Afrikaans).
Ethnologische und soziologische Bedeutung damals und heute Zur Bedeutung der Zuweisung und Differenzierung „Kreol“: Zum einen wurden Europäer, die in der „Neuen Welt“ geboren waren, „Kreol“ genannt, zum anderen Menschen, die in den Neuen Kolonien auf die Welt kamen. Ebenso erging es den Nachkommen . „Kreol“ fungiert also als Differenzierung zwischen verschiedenen Ethnien und Generationen amerikanischer Migranten und postkolonialer Gruppen. Kreolisierung wird aber auch im Zusammenhang mit Begriffen (und Prozessbezeichnungen) wie Globalisierung und Transnationalisierung verwendet. Die Parallelisierung dieser Begriffe hat ihre Berechtigung: Auch Kreolisierung beschreibt einen Prozess bzw. eine Lösung, die aus dem Nebeneinander‐Existieren von verschiedenen Kulturen und Sprachen resultiert. Gerade in Zeiten der (wirtschaftlichen) Globalisierung haben derartige Begriffe und Theorieansätze Hochkonjunktur und werden stark diskutiert.
Doch ist dieser Verlauf auch voraussetzungsreich, wie Knörr beschreibt. Ein Bedürfnis nach einer neuen ethnischen Identität muss existieren, was wahrscheinlich ist, wenn die Herkunftsidentitäten an sozialer Relevanz verlieren und die Integration in die hiesige Gesellschaft erschwert ist. Zudem scheinen „ethnische Strukturierung und Klassifizierung“ fördernd für einen Kreolisierungsprozess zu seinvgl. Knörr 2007: 40 ff., 2009: 98 und Müller/Ueckmann 2013: 12 zu der Desintegration der Sklaven.
Auch Stoll definiert Kreolisierung als . Mit Blick auf ausgeführte Definitionen kann Kreolisierung also durchaus als positiv konnotiert bezeichnet werden. Es beschreibt einen Prozess der Fusion verschiedener Kulturen und Sprachen zu einer neuen autonomen, die durch erzielt wird. Im Hinblick auf die historischen Kreolisierungsprozesse kann Kreolisierung aber auch als Überlebensstrategie interpretiert werdenvgl. Miller 1994 und Müller, Ueckmann 2013: 10: das erzwungene Verlassen der Heimat, der Verlust des Altbekannten und die Situation von Ungleichheit und Asymmetrie. Kreolisierung kann folglich auch als verstanden werden. Letztlich bedürfen Kreolisierungsprozesse keiner sozialen Unterdrückung großer Bevölkerungsgruppen, dennoch waren der Sklavenhandel und die kolonialen Bemühungen Europas ein Push-Faktor: die große Distanz der Bevölkerung zu ihrer Heimat und ihrem bekannten Umfeld und das daraus folgende Bedürfnis, in ein (wenn auch unbekanntes) soziales Gefüge eingebettet zu sein.
Doch was anfangs negativ konnotiert war, wurde durch die Zeit und den steigenden kulturellen Austausch zwischen den Kreolisierten, den Kreolisierenden und dem Lokalen zu einer anderen Erfahrung und Erinnerungvgl. Stewart 2007: 1. Durch die Heterogenität der Gesellschaft, ihre unterschiedlichen Herkünfte und die gleichermaßen stattfindende Interaktion zwischen den unterschiedlichen Gruppierungen entstehen „quasi neo-integrierte“ Kulturen, die wiederum auch in einer neuen kollektiven Identität gipfeln. Die Besonderheit an der Kreolisierung ist, dass vorher parallel existierende Kulturen und Sprachen in ihrer fusionierten Form die alten Kontaktsprachen und die vorherige Kultur (und Identität) ablösenvgl. Knörr 2009: 97.
Kreolisierung als Theorieansatz Édouard Glissant Der von der Anthropologie und Linguistik geprägte Begriff wurde maßgeblich von Édouard Glissant, einem Essayisten und Romanautor, vorangetrieben, indem er diesen durch die Verknüpfung mit poststrukturalen Theorien in den Bereich des Kulturellen überführte.Vgl. Müller, Ueckmann 2013: 8 Sein Ziel ist dabei, die Bedingungen zu schaffen, (vgl. Jürgen Habermas machtfreie Zone, in der das bessere Argument zählt). Glissant geht es um die (an)geeignete Sprache, die „langage approprié“, die nicht nur als „Konsumsprache“, sondern auch der Kreativität und der freien Produktion dient. Diese Sprache solle die Konstruktion der Identität ermöglichen.vgl. Djoufack 2010: 118 ff. Der in Martinique gebürtige Glissant zieht diese Schlussfolgerungen aus seinen Arbeiten in der Karibik und seinen Beobachtungen der dortigen Sprachsituation (dem Konflikt zwischen dem Französischen und dem Kreolischen). Dabei favorisiert er nicht eine spezielle Sprache, sondern setzt nur wichtige Charakteristika fest, die ebendieses „befreite Spiel“ ermöglichen sollen und Asymmetrien zwischen Sprachen und Kulturen abbauen sollen.
Von Glissants Überzeugung und Theorie, die ganze Welt werde kreolisiert, zeugt auch sein deterritorialisierter Begriff Tout-monde:
In diesem Zitat wird die Kreolisierung wiederum mit einem anderen Begriff, nämlich der „Hybridisierung“, erläutert.
Jacqueline Knörr Wie Glissant beschäftigt sich auch Knörr stark mit der Kreolisierung und veröffentlichte viele Arbeiten, die von dieser Thematik handelten. Unter anderem in ihrem Beitrag „Postkoloniale Kreolität versus koloniale Kreolisierung“ fordert sie einen „analytisch-komparativen Kreolitätsbegriff“, der zusätzlich zu anderen Differenzierungen die Unterscheidung zwischen vollzieht. Damit will sie das Problem der Fremd- und Selbstzuschreibung von Kreolität beheben. . Diese Diskrepanz zwischen dem Etischen und dem Emischen wiederum ist zurückzuführen auf die bereits erläuterte Problematik der Verwendung der Termini. Weder die Hautfarbe noch die Herkunft sind eindeutige Indizes für Kreolität. Zudem wird es abgesehen von der Zustandsbeschreibung „Kreolität“ oder „Kreole“ auch als Prozessbezeichnung verwendet und mit anderen Begriffen und Prozessen wie der Transnationalisierung und der Globalisierung verglichenStewart erwähnt in diesem Zusammenhang noch die Hybridität und den Synkretismus, vlg. 2007: 3. Knörr geht es somit um die wissenschaftliche Konzeptualisierung einer Identität, Kultur oder Gruppe als kreolisiert bzw. kreolisch „anhand (sozio-)kultureller, (ethno-)historischer und anderer auf die Gruppe, Kultur und Identität bezogener Kriterien vorzunehmen und nicht davon abhängig zu machen, ob sie ,Kreolʻ im Namen trägt oder nicht“Knörr 2009: 101, vgl. auch Stewart 2007 19 ff., der ebenso die Bedeutung von allgemeinen Kriterien hervorhebt.
Abgrenzung zu anderen Begriffen Das Benutzen des Kreolisierungsbegriffes für gegenwärtige Prozesse wurde kritisiert, da man sich dadurch von der historischen Bedeutung, die eng mit dem Sklavenhandel verwoben ist, entfernen oder den Begriff gar von diesem Zusammenhang ablösen würdevgl. Knörr 2009: 96, Müller/Ueckmann 2013: 12 und Stewart 2007: 4. Doch widerspricht der Diagnostizierung einer aktuellen gesellschaftlichen Situation als kreolisiert nichts, wenn dieser Begriff in Abgrenzung zu anderen Modebegriffen verwendet wird.