mini|hochkant|Figur der Adagio-Akrobatik, Akrobatik-Treffen Darmstadt, 2006 Unter Akrobatik (über ‚Akrobat, Artist‘, von ‚auf Zehenspitzen gehen‘, aus ‚hoch‘ und ‚gehen‘) versteht man allgemein körperliche Bewegungen, die hohe koordinative und konditionelle Anforderungen an den Ausübenden stellen. Dazu gehören beispielsweise Überschläge, Salti, komplizierte Sprünge und statische Figuren wie menschliche Pyramiden. Fast jede Leistung oder Sportart, die den gesamten Körper miteinbezieht – insbesondere bei kurzen, in hohem Grade kontrollierten Bewegungen –, kann als Akrobatik gelten. Als Akrobat wird ein Artist oder auch Künstler bezeichnet, der turnerische Elemente und spektakuläre Tricks vorführt.

Entwicklung der Akrobatik mini|Akrobat – Kapitell in der Prioratskirche Notre-Dame-de-l’Assomption Europäische Geschichte Akrobatische Traditionen hinterließen ihre Spuren überall in der Welt. In Europa findet man in der minoischen Kultur um ca. 2.000 v. Chr. erste mögliche Beschreibungen von akrobatischen Kunststücken: In Abbildungen des Stiersprungs überwanden Jugendliche mit akrobatischen Sprüngen das Tier. In der griechischen Antike waren Akrobaten oder akrobatische Tänzer als Kybisteteres bekannt.

In der Geschichtsschreibung des europäischen Mittelalters (zwischen 500 und 1500 n. Chr.) wurden akrobatische Leistungen häufig mit Lieddarbietungen, Jonglagen und weiteren Tätigkeiten kombiniert. An vielen Konsolfiguren und Kapitellen romanischer Kirchen finden sich Darstellungen von Akrobaten, wobei weniger die akrobatisch-sportlichen Leistungen selbst im Vordergrund stehen, sondern vielmehr die seltsam anmutenden Bewegungen und Verrenkungen. Aus dieser Zeit ist ein Autor bekannt, der ein Buch über Akrobatik veröffentlichte: Archange Tuccarro (in Frankreich, als königlicher Hofspringer, am Hofe Karls IX) mit seinem Trois dialogues de l’exercise de sauter et voltiger en l’air (Paris 1599).

Wenngleich die Bezeichnung zuerst nur für Hochseil-Akrobatik verwendet wurde, begann man ab dem 20. Jahrhundert, sie auf Formen der darstellenden Kunst, einschließlich Gymnastik und Zirkuskünste, auszuweiten. Es bildeten sich zu dieser Zeit Vereine und Verbände, in welchen Kunstkraftsport betrieben wurde. Im Kunstkraftsport wurden bereits die Disziplinen Parterre-, Balance-, Luft- und Sprungakrobatik unterschieden. 1971 bis 1975 bildete sich unter Einbeziehung des Bodenturnens aus diesem Verband der Deutsche Sportakrobatik Bund. Ende des 20. Jahrhunderts wurden Tumbling und Rhythmische Sportgymnastik zu Wettkampf-Sportarten in Europa.

In Deutschland und Holland gründeten sich im Zeitraum um 1990 viele Akrobatik-Gruppen – entweder innerhalb des Hochschulsportes oder als Zirkus-Vereine. Vielleicht kann hier ein Zusammenhang mit der Renaissance des Zirkus unter den Einflüssen des Nouveau Cirque, wie Roncalli oder Cirque du Soleil, gefunden werden. Die Motivation dieser Gruppen ist sicher in Richtung Freizeitsport zu sehen, dennoch ist der Anspruch an die Qualität der ausgeführten Sportart häufig sehr professionell. Die Ausrichtung überregionaler, mit Workshops zu einzelnen Techniken reicher Treffen schuf in Deutschland eine einheitliche Basis für den Austausch der Fertigkeiten. Durch die Anlehnung an die holländischen Vorarbeiten, z. B. die Como-Level und die Lehrtätigkeit der Osmani’s und eben der Como Brothers (Rijk Hoedt und Cor van Velthoven), waren starke Leistungsverbesserungen möglich. Die Ausrichtung auf bei den Treffen gegenseitig präsentierte „Varieté-Nummern“ und das Eintrittsalter des Hochschulsportes lösten die Entwicklung einer Stilrichtung aus, die ohne Wettkämpfe, aber mit einem starken Schwerpunkt auf Show arbeitet.

Parallel und relativ unabhängig entwickelte sich die Sportakrobatik zu einem internationalen Wettkampfsport. Trotz gleicher Übungselemente zeigen beide Sportarten eine nahezu vollständige Überschneidungsfreiheit der ausführenden Sportler. Die Sportakrobatik wurde in ihrer heutigen Art sportwissenschaftlich in der damaligen Sowjetunion entwickelt. Über die dort eingeführte Form des Trainingsaufbaus, beginnend in sehr jungen Jahren auch in speziellen Sportschulen, sind absolute Spitzenleistungen in der Akrobatik möglich. Frühere Spitzenleistungen wie die der Yang-Brothers oder der Familie Kremo wurden auf gleiche Art entwickelt Sportakrobatik im Stadtmuseum Berlin. Dieses Grundlagentraining der Kinder in den Artistenfamilien war Erfahrungswert und Vorbild für den Aufbau des heutigen Kunstturnens und der Sportakrobatik.mini|hochkant|Marokkanische Akrobaten mit typischen Pyramiden

Afrikanische Geschichte Von 1460 bis 1563 lebte in Marokko der Gründer einer spirituellen Bruderschaft, die sich nach seinem Namen benannte: Die Söhne des Sidi Ahmed ou Moussa (Oulad Sidi Ahmed ou Moussa). Unter den Auflagen ständiger Wanderschaft in Gruppen und dem Verzicht auf Bettelei entwickelte die Bruderschaft ihre besondere Art, gegen Lebensmittel oder Geldspenden mit der Hilfe von Tanz, Gesang und Akrobatik Segen (baraka) zu übermitteln. Aus dieser Tradition entwickelten sich im 19. Jahrhundert professionelle Zirkusakrobaten mit Engagements in Europa (Zirkus Renz 1852, Zirkus Busch 1902) und Übersee. Um 1920 herum waren alleine 25 marokkanische Artistentruppen, sämtlich Berber aus der Region Tazerwalt im Süden Marokkos, in Deutschland beschäftigt. Während des rassischen Säuberungswahns der Nationalsozialisten verließen diese Gruppen Deutschland. Mittlerweile sind diese Artisten wieder in Europa und USA unterwegs. Auswirkungen auf die Welt der Akrobaten hatten sie unter anderem insoweit, als einige ihrer Übungen (Salti & Überschläge) unter dem Begriff „Araber“ bekannt sind. In marokkanischen Städten (v. a. in Marrakesch) können noch heute – meist von volkstümlichen Musikinstrumenten wie T'bol, Qarqaba oder Gimbri begleitete – Akrobatik-Aufführungen auf öffentlichen Plätzen besucht werden.

Asiatische Geschichte mini|Tänzerin/Akrobatin am Parasumaresvara-Tempel in Bhubaneswar, Indien (7. Jh.) China In China war Akrobatik (als Teil der „Hundert Spiele“) seit der Han-Dynastie (206 v. Chr. bis 220 n. Chr.) ein Teil der Kultur dörflicher Erntefeste. Während der Tang-Dynastie (618 bis 907 n. Chr.) erlebte sie größtenteils die gleiche Entwicklung wie die Akrobatik im europäischen Mittelalter und ist auch heute noch Teil der verschiedenen Lokalopern, insbesondere der Peking-Oper. Indien Zur mittelalterlichen Kultur Indiens gehörten wahrscheinlich ebenfalls Tanzdarbietungen, die an akrobatische bzw. an kontorsionistische Übungen grenzten. Derartige Dinge sind in zeitgenössischen Texten oder sonstigen Darstellungen so gut wie nicht überliefert, so dass über ihre Bedeutung im religiösen oder höfischen Umfeld nur spekuliert werden kann.

Akrobatikformen mini|Seiltänzer in Köln Die Darbietung von Akrobatik als einer eigenen Kunstform fächert sich in eine große Anzahl von Spezialgebieten auf. Viele Künstler nutzen allerdings für ihre Darstellungen gleich mehrere dieser Sparten.

Luftakrobatik mini|Tuchakrobatin auf der AIDAsol Luftakrobatische Darbietungen nutzen verschiedene Requisiten, an denen Figuren und Flüge gezeigt werden.

Beim Seiltanz überwinden einzelne Personen oder Personengruppen das straff gespannte Seil, gegebenenfalls unter Zuhilfenahme von Hilfsmitteln wie Balancierstange oder Fächer. Auf dem Schlappseil sind häufig dynamische Darbietungen von Einzelpersonen zu sehen, die im Unterschied zum Seiltanz ganz eigene Anforderungen besitzen. Erst mit seinem eigenen Gewicht erzeugt hier der Artist die Spannung des Seiles. Im Gegensatz zum gespannten Hochseil kann das Schlappseil auch als Schaukel für Absprünge genutzt werden. Mit dem hängenden oder statischen Trapez sowie am Vertikalseil wird üblicherweise eine Vielzahl schwieriger Hänge gezeigt. Parallel haben sich der (Luft-)Ring, das Vertikaltuch, die Tuchschlaufe (das U-Tuch) und die Strapaten entwickelt, welche ähnliche akrobatische Möglichkeiten bieten. Trapez, Strapaten, Tücher und Vertikalseile eignen sich ebenfalls für dynamische Tricks, wobei das Requisit nicht statisch bleibt, sondern schwingt. Diese Geräte eignen sich neben den Auftritten einzelner Personen (den Soli) auch für Duos (Paare) und teilweise auch für Gruppen. Aktuelle Neuerungen sind beispielsweise das Vertikalnetz und die Cloud-Swing. Das fliegende Trapez wird von einer Artistengruppe präsentiert. Es werden im Normalfall zwei Trapeze kombiniert. Üblicherweise befindet sich an einem Ende eine schmale Plattform, auf der die Flieger ihren Einsatz beginnen. Diese „fliegen“ am Trapez in Richtung des Fängers, dessen Trapez (der „Fangstuhl“) am anderen Ende der Konstruktion befestigt ist und ebenfalls schwingt. Am höchsten Punkt des Fluges wechselt der Flieger mit einem Trick zum Fänger, welcher die Arme oder Beine des Fliegers ergreifen muss. Hierzu sind viele Figuren möglich, es könne Salti, Schrauben oder Kombinationen sowie weitere Figuren Verwendung finden. Der Flieger wechselt anschließend wieder zurück auf sein leeres Trapez. Als Erweiterung zu dem traditionellen fliegenden Trapez haben sich Varianten entwickelt, bei denen weitere Fänger eingesetzt werden, die sich beispielsweise über dem schwingenden Fangstuhl oder an der Befestigung des Fliegertrapezes befinden und damit zusätzliche Variationen ermöglichen. Das Erklettern senkrechter Pfähle, diverse Hänge an diesen und Sprünge um von Pfahl zu Pfahl zu wechseln, laufen unter dem Begriff Chinesischer Mast. Es gibt gemeinsame Übungen und Positionen mit der Sportart Poledance. Mittels der russischen Schaukel oder dem Schleuderbrett werden Artisten in die Höhe geschleudert und können so sehr anspruchsvolle Salti, Schrauben und kombinierte Flugfiguren zeigen. Während bei den Salti und Schrauben eines Turmspringers ebenfalls ein hohes Maß an akrobatischen Fertigkeiten erforderlich ist, so befindet er sich doch zumindest während der gesamten Übung in der Luft. Gleiches gilt auch für das Trampolinturnen. mini|Vertical-Dance-Luftakrobatik als Weihnachtsshow Vertical Dance, eine moderne Art tänzerischer und akrobatischer Bewegung, die in der Vertikalen stattfindet und meistens Häuserwände oder andere Bauwerke als Abdruckelement benutzt.

Übergangsformen zwischen Luft- und Bodenakrobatik mini|Die Show „Russischer Barren“ von Valentin Gneushev Wenn die Schwerpunkte der Darbietung frei in der Luft stattfindende, artistische Elemente sind, aber einige der Mitglieder der Gruppe noch am Boden stehen, muss eigentlich der Definition nach bereits von Bodenakrobatik gesprochen werden. Teilweise kann der Begriff Equilibristik oder Balance-Akrobatik hierbei Verwendung finden.

Die Geräte Schleuderbrett und russischer Barren werden als Hilfsmittel verwendet, um sich selbst oder andere Personen in die Höhe zu schleudern. Auch hier werden häufig Salti vorgeführt. Ikarische Spiele erreichen vergleichbare Effekte, jedoch werden hier die Flieger von Unterpersonen direkt, ohne Hilfsmittel, in die Höhe katapultiert. Die Unterperson liegt hierbei mit dem Rücken auf einem Gestell und trägt den Flieger mit den Füßen, bzw. schleudert ihn in die Luft. Antipodenspiele entsprechen weitestgehend den ikarischen Spielen, jedoch wird von der Unterperson kein Flieger mit den Füßen durch die Luft geschleudert, sondern Gegenstände. Auf technische Hilfsmittel wird bei dem Knoten- oder Mattenwerfen verzichtet. Der Name leitet sich von dem Griff der beiden Unterpersonen ab, die mit ihren Händen eine Standfläche für den Flieger bilden. Jede Unterperson umfasst mit der rechten Hand ihr eigenes linkes Handgelenk, danach umfassen beide mit der linken Hand das rechte Handgelenk des Gegenüber und bilden somit den Stand-Knoten. Die Oberperson wird in die Luft geworfen und kann dort die typischen, oben genannten Figuren zeigen. Als Abschluss jeder Figur wird der Flieger üblicherweise von einer oder beiden Unterpersonen gefangen, verschiedene Positionen sind hierbei möglich: aufrecht, quer liegend, oder im Handstand.