mini|400px|Venezianische Kolonien und Stützpunkte Als venezianische Kolonien (in der Eigenbezeichnung Stato da Mar, der Staat des Meeres)Roger Crowley: Venedig erobert die Welt. Die Dogen-Republik zwischen Macht und Intrige, Stuttgart 2011, S. 13. werden im engeren Sinne die von der Republik Venedig beherrschten Gebiete in der Adria und im östlichen Mittelmeer bezeichnet, besonders in der Romania, dem als Einheit gedachten Gebiet des Byzantinischen Reichs – auch noch zu einer Zeit, als diese Gebiete längst nicht mehr zu Byzanz gehörten. Die venezianischen Gebiete in Italien galten hingegen als Teil der Republik oder als kurzzeitig besetzte Gebiete. Im weiteren Sinne als venezianische Kolonien werden gelegentlich auch die Ansiedlungen der venezianischen Händler (etwa in Bari, Tunis, Alexandria, Brügge oder Antwerpen) tituliert; die sollen jedoch nicht Teil der Darstellung sein, da sie nicht oder nur sehr kurzfristig venezianischer Herrschaft unterstanden.Mit der komplizierten Frage der Abgrenzung befasste sich etwa Bernard Doumerc: La Tana au XVe siècle: comptoir ou colonie? in: Michel Balard (Hrsg.): Etat et colonisation, La Manufacture, Lyon 1989, 251–265.
Das venezianische Kolonialreich – die venezianischen Kolonien im engeren Sinne – entstand in erster Linie auf Grund der politischen und kulturellen, besonders aber der Handelsbeziehungen zum Byzantinischen Reich. Venedig profitierte zudem durch die Kreuzzüge in mehrfacher Hinsicht. Zum einen intensivierten sich die Handelskontakte mit dem östlichen und südlichen Mittelmeer, zum anderen fuhren zahlreiche Pilger per Schiff von Venedig ins Heilige Land. Doch erst mit dem vierten Kreuzzug gelang die Eroberung Konstantinopels. Der Serenissima, wie die Republik Venedig genannt wurde, wurden dabei drei Achtel des Byzantinischen Kaiserreiches zugesprochen. Dennoch besetzte Venedig fast ausschließlich Stützpunkte entlang der griechischen Küsten und zahlreiche Inseln. Insgesamt dominierte Venedig die adriatischen Kolonien eher durch verbündete oder eingesetzte Adlige und Amtsträger, während die ägäischen Kolonien feudalisiert und kolonisiert wurden, indem Tausende von Venezianern mit Lehen ausgestattet wurden. Schwerpunkt war dabei Kreta.
Darüber hinaus bildete Venedig Handelsmonopole aus und dominierte so vom Hochmittelalter bis weit in das 16. Jahrhundert den östlichen Mittelmeerraum. Bei der Versorgung mit Salz und Getreide war Italien weitgehend von seinen Einfuhren abhängig. Zwar konnte Venedig andere Handelsmetropolen verdrängen, doch mit dem Konkurrenten Genua kam es zu Konflikten, die in vier Kriegen eskalierten. Zugleich schwächte Venedig entscheidend das Byzantinische Reich. Mit der Expansion des Osmanischen Reiches verlor Venedig im 16. und 17. Jahrhundert seine wichtigsten Kolonien und verlagerte seinen Schwerpunkt nach Oberitalien, vor allem auf das Veneto.
Politische Steuerung und Administration
Von Venedig ging nicht nur der Impuls zur Eroberung oder zum Kauf der Kolonien aus, sondern auch der zur Kolonisierung und zur Administration. Dabei bestimmte ein kleiner Kreis von Familien, der sich zunehmend stabilisierte, mittels zahlreicher Gremien über die Kolonialpolitik. Zahlreiche Adlige, die im Großen Rat gewählt wurden, der die Gesamtheit des Adels repräsentierte, übernahmen in den Kolonien militärische und zivile Aufgaben. Dort entstanden Subsysteme, die in kleinerem Maßstab das venezianische System abbildeten.
Machtverschiebungen in Venedig, Gremien und Ämter Die Entfaltung des venezianischen Kolonialreichs hängt aufs engste mit der Verfassungsentwicklung zusammen.Ich folge hier Enrico Besta: Il senato veneziano (origine, costituzione, attribuzioni e riti), Venedig 1899, G. Maranini: La costituzione di Venezia, 2 Bde., Rom 1927/1931, Nachdruck Florenz 1974, Bd. 2: La costituzione di Venezia dopo la Serrata del Maggior Consiglio und Gerhard Rösch: Der venezianische Adel bis zur Schließung des Grossen Rates. Zur Genese einer Führungsschicht, Sigmaringen 1989. Bis zum 12. Jahrhundert gelang es dem venezianischen Adel, die Vormachtstellung des Dogen, der bis dahin auch für die Kolonialpolitik zuständig war, und die Tendenz zur Dynastiebildung zu brechen. So wurde das wichtigste aller politischen Gremien im 13. Jahrhundert der Kleine Rat. Der Große Rat, die Versammlung des gesamten männlichen und volljährigen Adels, wurde nur gefragt, wenn grundsätzliche Fragen entschieden werden mussten, oder wenn Doge und Kleiner Rat nicht zu einer Einigung kamen. Später kam die Wahl der politischen Beamten hinzu, die auf Zeit bestimmt wurden. Unter ihnen waren die zahlreichen Männer, die die Kolonialverwaltung und die Kriegsflotten führten.
Im Kleinen Rat stammten zwei Drittel der Mitglieder aus den zwei Dutzend vornehmsten der 110 bis 120 Familien des Adels.Gerhard Rösch: Der venezianische Adel bis zur Schließung des Großen Rates. Zur Genese einer Führungsschicht, Habilitationsschrift, Kiel 1985, Sigmaringen 1989, 134f. Sie waren zugleich die einzigen, die Fernhandel betreiben durften, und so sind Handel und Kolonialpolitik aufs engste miteinander verbunden. Zugleich bot man im 13. Jahrhundert, als der Adel zunehmend den Aufstieg in seinen Stand erschwerte, Tausenden Ehrgeizigen aus den nichtadligen Schichten die Möglichkeit, als Kolonisten Grundherrschaften zu erwerben. Dies geschah vor allem auf Kreta.
Als erstes Gremium, das sich neben dem Großen und dem Kleinen Rat sowie dem Dogen als Steuerungszentrum der Kolonialpolitik, wie insgesamt der venezianischen Politik durchsetzen konnte, gilt die Quarantia, eine, wie der Name bereits sagt, Versammlung von vierzig Männern. In dieser Zeit besaß sie unter dem Vorsitz des Dogen und des Kleinen Rats umfangreiche Befugnisse, sank aber bald zum Appellationsgerichtshof ab. Dies hing damit zusammen, dass nun der Senat aufstieg, der, lange unter dem Namen Rogadia bekannt, zunächst für Schifffahrtsfragen zuständig war, dann aber nach und nach alle damit zusammenhängenden Fragen an sich zog.
Bald gelang es dem Senat, alle wichtigen Gremien zu absorbieren. Doge und Räte saßen seinen Sitzungen vor, die Quarantia und alle wichtigen Magistrate waren während der Beratungen anwesend – ab 1321 auch der Rat der Zehn, eine Art oberste Polizeigewalt und Geheimdienst. Schließlich wurde eine ergänzende Kommission gebildet (Zonta), die bis 1450 auf sechzig Mitglieder anwuchs, sodass der Senat insgesamt rund zweihundert Mitglieder hatte.
Eine überaus wichtige Rolle spielten die „Weisen“ oder „Wissenden“ (Savi oder Sapientes). Sie wurden seit den 1370er Jahren zur festen Institution. Zu ihnen zählten die sechs Sapientes consilii, eine Dauerdelegation des Senats bei der Signoria (Doge, Kleiner Rat, Rat der Vierzig, dazu wichtige Magistrate), die mit Fragen der allgemeinen Politik befasst war, die fünf Sapientes ordinum, die sich mit Schifffahrt, Handel und Kolonialfragen beschäftigten, und schließlich die fünf Sapientes terre, die 1420 zur festen Einrichtung erhoben wurden und sich mit der Politik in Oberitalien beschäftigten. Diese drei auf je sechs Monate bis ein Jahr gewählten Kollegien aus insgesamt 16 Sapientes arbeiteten aufs engste zusammen und ihre Gesamtheit hieß bald schlicht Collegio. Unter Leitung der Sapientes ordinum, hochgradigen Spezialisten, führte der Senat die Kolonialpolitik.Sie führten ab 1420 eigene Register über tausende ihrer Beschlüsse, die als Senato Mar bekannt sind – im Gegensatz zu den Archivbeständen des Senato Terra, die die Protokolle im Zusammenhang mit dem italienischen Festland enthalten. Bis dahin wurden die entsprechenden Protokolle gemeinsam abgelegt. Alle Sapientes gehörten darüber hinaus zum Pien Collegio (Gesamtkollegium), zu dem auch die Signoria zählte.
Daneben verblasste der Große Rat zu einer Wahlmaschinerie, deren Entscheidung bei den Wahlen der Kolonialmagistrate auf Vorschlägen des Senats basierte. Spätestens mit der Berechtigung, Kriege zu erklären, löste der Senat den Großen Rat als Herrschaftszentrum endgültig ab.
Administrative Durchdringung der Kolonien Der Große Rat wählte die obersten Magistrate, die fast ausnahmslos Adlige waren, deren Kompetenzen unscharf geregelt und deren Amtszeiten meist nur ein Jahr umfassten. Eine Ausbildung zu diesen Ämtern, deren Inhaber ständig wechselten, gab es nicht. Für das Selbstverständnis einer Familie war es aber entscheidend, ob sie berechtigt war, politische Ämter zu besetzen. Dieses Recht wurde sogar zum für alle sichtbaren Signum der Zugehörigkeit zum Adel.
Umgekehrt hatten die meisten Magistrate Sitz und Stimme im Großen Rat. Einen solchen Sitz hatte ab 1276 automatisch jeder außerhalb Venedigs residierende Baiulus, Duca, Comes, also die führenden Köpfe von Konstantinopel, Candia (Kreta) und verschiedener Kommunen in der Adria, aber auch sämtliche Castellani, Rectores und Consiliarii, Adlige, die Festungen und Städten vorstanden, aber auch deren Ratgeber. Hinzu kamen die Podestà aus Oberitalien und der den Händlern in Apulien vorstehende Konsul, ebenso wie die Vicedomini, die Venedig bei auswärtigen Potentaten vertraten.
Der Kontrolle des Seeweges ins östliche Mittelmeer diente die Errichtung zweier stark befestigter Kastelle namens Koron und Modon auf dem Südwestzipfel des Peloponnes. Negroponte mit einem Bailò an der Spitze sicherte den Seeweg nach Konstantinopel, wo sich seit der Eroberung von 1204 der vornehmste Magistrat im Kolonialreich aufhielt, der Podestà von Konstantinopel. Dieser beanspruchte eine Art Oberaufsicht über die Kolonien der Romania, dem einstigen Gebiet des Byzantinischen Reichs und machte sogar den leitenden Gremien in Venedig gelegentlich Konkurrenz. Er wurde aber, nachdem den Byzantinern 1261 die Rückeroberung ihrer Hauptstadt gelungen war, mit der Wiederzulassung durch einen Bailò ersetzt, der nun aber mit erheblich geringeren Machtmitteln ausgestattet war. Seine Führungsrolle übernahm partiell der Duca di Candia, der oberste Magistrat Kretas.
Im Gegensatz zu den leitenden Magistraten wurden die mittleren und unteren zumeist im Kleinen Rat oder von den leitenden Magistraten selbst ernannt. So entstanden eigene Subsysteme in allen Kolonien, die sich, soweit möglich und nötig, an den Systemen Venedigs orientierten und diesen zuarbeiteten. Um 1500 bildeten weit über tausend Personen einen verhältnismäßig dichten Machtapparat, der sich über das gesamte Kolonialreich erstreckte, unterstützt von Flottenstützpunkten und Garnisonen. Marin Sanudo der Jüngere zählt allein 303 Magistrate in den „alten“ Kolonien auf, dazu kam die Terraferma in Oberitalien, für die er annähernd die gleiche Zahl angab.Marin Sanudo der Jüngere (De origine, situ et magistratibus urbis Venetae ovvero La Città di Venezia (1493–1530), hrsg. v. Angela Caracciolo Aricò, Mailand 1980, S. 71–82) zählte in den verschiedenen Ratsgremien, 68 Officiali, 33 Provedadori, 41 Savi und einige Dutzend weitere Positionen, so dass zusammen weit über tausend Männer zusammenkommen, davon über 550 in Venedig und weit über 700 im Kolonialreich.
Auf Kreta etwa stand an der Spitze des Magistrats der Duca. Ihm zur Seite standen der Capitano, der für die Flotte und das Arsenal, die staatliche Schiffswerft nebst Hafen verantwortlich war, und zwei Räte. In den sechs Bezirken, in die die Insel aufgeteilt war, saßen jeweils zwei Rectores, denen wiederum je zwei Räte zur Seite standen, die sie aber auch überwachten. Unterhalb dieser Ebene finden wir die Kastellane. Wie in Venedig gab es eine Camera comunis für die Kontrolle der rechtlichen und wirtschaftlichen Vorgänge unter Leitung eines Officialis. Ihm unterstanden Wiegemeister, Qualitätskundige, Schreiber usw. So waren diese Gremien, je nach Größe der Kolonie, ein mehr oder minder getreues Abbild der Organisationsformen in Venedig. Das reichte auf Kreta bis zu den so genannten Domini de nocte (Herren der Nacht), die für Polizeiaufgaben zuständig waren.