mini|hochkant|Das kleine Prager Stadtwappen

Die Geschichte Prags, der Hauptstadt Tschechiens, beginnt mit der frühgeschichtlichen Besiedelung des fruchtbaren Gebiets. Zu den im Prager Becken ansässigen keltischen Boiern stießen im 1. Jahrhundert einwandernde Markomannen. Im 6. Jahrhundert begann die slawische Besiedlung. Nach der Errichtung zweier Burgen durch die Přemysliden im 9. und 10. Jahrhundert kamen auch jüdische und deutsche Kaufleute ins Land.

Unter Kaiser Karl IV. erlebte die Stadt einen enormen Bedeutungsgewinn. Prag stand in der Folge im Spannungsfeld vom Heiligen Römischen Reich, den Ländern der Böhmischen Krone und Österreich-Ungarn. Als Brennpunkt der tschechischen Nationalbewegung einerseits und mit der einsetzenden Industrialisierung andererseits erfasste die Stadt ein wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung. Der Böhmische Sprachenkonflikt und der ethnische Wandel im 19. Jahrhundert bescherten ihr allerdings auch schwere Auseinandersetzungen.

Mit der Gründung der demokratischen Tschechoslowakei erlangte Prag seinen Rang als europäisches politisches Zentrum zurück. Die Deportation der Juden unter nationalsozialistischer Besetzung und die folgende Vertreibung der Deutschen im Jahr 1945 beendeten die jahrhundertelange Koexistenz dreier Kulturen in Prag. Der Prager Frühling 1968 war ein erster erfolgloser Versuch zur Demokratisierung des kommunistischen Regimes. Seit der Wende im Jahr 1989 entwickelte sich Prag zur modernen Metropole, geprägt vom internationalen Tourismus.

Ur- und Frühgeschichte Das bereits im Paläolithikum begangene fruchtbare Prager Becken gehört zu den nahezu durchgängig und am dichtesten besiedelten Gebieten Böhmens. Archäologische Ausgrabungen, die eine lange Tradition in der Region haben, erbrachten zahlreiche Siedlungs- und Grabfunde aus dem Neolithikum, der Bronze- und Eisenzeit. Die in der Latènezeit in Böhmen siedelnden Kelten bezeichneten sich selbst als Boier. Von besonderer Bedeutung ist das späthallstatt- und latènezeitliche Oppidum Závist im südlichen Prager Stadtgebiet. Im 1. Jahrhundert n. Chr. wanderten germanische Gruppen aus dem Norden in die Gegend um Prag ein und schlossen sich den Markomannen unter Marbod an. Im Zuge der Völkerwanderung wurde das Prager Becken von den inzwischen hier lebenden Langobarden im 6. Jahrhundert weitestgehend geräumt.

Mittelalter Frühmittelalterliche Besiedlung In der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts wanderten Slawen nach Böhmen ein und ließen sich auf dem heutigen Stadtgebiet nieder. Von besonderer Bedeutung ist die frühslawische Siedlung bei Roztoky im Norden von Prag, die sich am linken Ufer der Moldau erstreckte. Spuren der Besiedlung im 6. und im 7. Jahrhundert fanden sich auch in den anderen, insbesondere den nördlichen Stadtteilen wie Bubeneč, Dejvice, Veleslavín und Bohnice, wurden jedoch meist schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zerstört und sind fast überhaupt nicht dokumentiert. Frühslawische Brandgräber konnten unter anderem in Hradčany, Dejvice und wiederum in Bohnice ausgegraben werden.

mini|Slawischer Burgwall im Šárka-Tal Im Laufe des 8. und des 9. Jahrhunderts verdichtete sich die Besiedlung weiter und es wurden erste, leicht befestigte Burgwälle wie in Butovice oder auf dem Sporn Zámka bei Bohnice angelegt. Im 9. Jahrhundert entstand auf dem hervorragend natürlich geschützten Berg Šárka ein Burgwall, der wohl eine zentrale Funktion für das Umland einnahm.

Die ältesten Burgen und Siedlungen Die älteste nachweisbare mittelalterliche Ansiedlung im inneren Stadtgebiet ist die Prager Burg auf dem Hradschin (Hradčany), die in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts durch das tschechische Herrschergeschlecht der Přemysliden gegründet wurde. Hier wurden am Ende des 9. Jahrhunderts und im Laufe des 10. Jahrhunderts auch die ersten christlichen Kirchen errichtet. Außerdem gab es zur selben Zeit bereits Ansiedlungen im Bereich der heutigen Kleinseite (Malá Strana) sowie des Loreto- (Loretánské náměsti) und des Hradschinplatzes (Hradčanské náměsti).

Unter den Přemysliden, die sich gegen konkurrierende Geschlechter durchsetzen konnten, wurde Prag mehr und mehr zum politischen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes. Nachdem von Kaiser Otto I. 973 unter Boleslav II. in Böhmen ein selbständiges Bistum eingerichtet worden war, wurde Prag Bischofssitz und unterstand nun dem Erzbistum Mainz, nachdem das Gebiet des Bistums zuvor kirchlich zum Bistum Regensburg gehört hatte. Das Bistum Prag wurde 1344 zum Erzbistum erhoben und damit vom Erzbistum Mainz unabhängig.

Um 965 besuchte der jüdisch-arabische Kaufmann Ibrahim ibn Jaqub die Stadt und gab über dieses weitbekannte Handelszentrum einen eindrucksvollen Bericht. Lange wurde an dessen Wahrheitsgehalt gezweifelt, doch haben archäologische Ausgrabungen, die in den vergangenen Jahrzehnten an der Kleinseite durchgeführt wurden, seine Angaben bestätigt.

mini|hochkant|Die Martinsrotunde auf dem Vyšehrad In der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts wurde auf der gegenüberliegenden Seite der Moldau eine zweite Burg gegründet: der Vyšehrad. Herzog Vratislav II. (1061–1092, seit 1085 König von Böhmen) verlegte um 1070 seine Residenz von der Prager Burg auf den Vyšehrad, gründete das Kollegiatstift St. Peter und Paul und ließ neben einem romanischen Palast auch weitere Kirchen errichten.

Im Schutz der beiden Burganlagen ließen sich im 11. und im 12. Jahrhundert entlang der Moldau und der verbindenden Wege deutsche und jüdische Kaufleute sowie einheimische Handwerker nieder. Ein wesentlicher Grund dafür war die Lage an der Kreuzung wichtiger Handelsstraßen und die Existenz zweier Furten durch die Moldau. Die losen Ansiedlungen besaßen zumeist schon eigene Pfarr- und Friedhofskirchen. Seit dem späten 12. Jahrhundert waren die beiden Seiten des Flusses durch die steinerne Judithbrücke verbunden, die auf hölzerne Vorgänger aus dem späten 9. und dem 10. Jahrhundert zurückgeht.

Die Gründung der Altstadt um 1230/34 König Wenzel I. ließ um 1230/34 die größte dieser romanischen Siedlungen an der Moldaubiegung befestigen und erteilte ihr das Stadtrecht. Prag wurde zur königlichen Residenzstadt der böhmischen Herrscher. Die Stadtbefestigung mit doppelter Mauer und Graben zerschnitt einerseits Siedlungen wie um St. Martin „in der Mauer“ (Kostel sv. Martina ve zdi), andererseits wurden bisher noch unbebaute Flächen in den Mauerring mit einbezogen, die nun jedoch recht zügig bebaut wurden. So gründete der spätere königliche Münzmeister Eberhard durch süddeutsche Kolonisten die Gallusstadt (Nova civitas circa S. Gallum; Havelské město), die bis zur Vereinheitlichung der Stadtrechte der Prager Altstadt um 1287 eine eigene Rechtsordnung besaß. Sie entstand um einen regelmäßig angelegten „Neuen“ Markt (Nové tržiště), der sich vom heutigen Obstmarkt (Ovočny trh) bis zum Kohlenmarkt (Uhelný trh) erstreckte.

Kleinseite und Hradschin Wenzels Sohn Přemysl Ottokar II. vertrieb auf dem anderen Moldauufer die unterhalb der Burg ansässige tschechische Bevölkerung, siedelte 1257 norddeutsche Kolonisten an und gründete die erste Prager Neustadt (Nova civitas sub castro Pragensis), die heutige Kleinseite (Malá Strana), die er mit Magdeburger Stadtrecht versah. Als dritte Prager Stadt wurde vor 1320 wohl vom Burggrafen Hynek Berka von Dubá die abhängige Stadt Hradschin (Hradčany) angelegt.

Ausbau der Stadt unter Karl IV. mini|links|hochkant|Kaiser Karl IV. ließ seine Residenzstadt zur mittelalterlichen Metropole ausbauen Für die Stadtgeschichte Prags ist die Mitte und die zweite Hälfte des 14. Jahrhunderts von besonderer Relevanz. Während der Regierungszeit Karls IV. und seines Sohnes Wenzels IV. erlebte die Stadt den bis dahin umfassendsten Wandel hinsichtlich Bedeutung und Größe. Ziel der beiden Herrscher war der Ausbau Prags zur neuen Residenzstadt und würdigen Metropole nicht nur der Länder der böhmischen Krone, sondern des ganzen Heiligen Römischen Reiches.

mini|hochkant|Wappen der Prager Neustadt aus dem Jahre 1649 mini|Die 1357 erbaute Karlsbrücke ist ein Wahrzeichen Prags. Der Skulpturenschmuck stammt aus der Barockzeit Noch während der Regierungszeit seines Vaters Johann von Luxemburg (des Blinden) ließ Karl im Jahr 1333 die durch einen Brand 1303 zerstörte Prager Burg auf dem Berg Hradschin wiederaufbauen. Elf Jahre später wurde auf sein Betreiben das Bistum Prag zum Erzbistum erhoben. Daraufhin begann auch der Neubau der St.-Veits-Kathedrale. Im Jahre 1346 wurde Karl IV. zum römisch-deutschen König gewählt. Er gründete 1348 die Karls-Universität als erste deutsche Universität sowie die riesige Prager Neustadt. Zur selben Zeit ließ er auch die zweite Prager Burg, den Vyšehrad, vergrößern und erneuern. Nachdem Karl 1355 zum Kaiser gekrönt worden war, begannen 1357 der Bau der steinernen Brücke, heute Karlsbrücke genannt, mit dem Altstädter Brückenturm und 1360 die Erweiterung der Stadt auf der anderen Moldauseite, der Kleinseite, durch Errichtung einer neuen Befestigung. Der Bauaufschwung strahlte auch auf die älteste und bedeutendste Prager Stadtanlage, die Altstadt ab, in der fast alle Kirchen und zahlreiche profane Gebäude auf königliche oder private Initiative hin neu- oder umgebaut wurden. Die Bautätigkeit hielt auch nach dem Tod Karls IV. 1378 an, und zahlreiche Bauvorhaben konnten unter Wenzel IV. vollendet werden. Mit dessen Enthebung vom Königsthron im Jahr 1400 hörte Prag auf, Residenzstadt zu sein, und damit kamen auch fast alle Bauvorhaben zum Erliegen. Zu einem ersten erheblichen Rückschlag in der Entwicklung Prags kam es bereits beim Ausbruch der hussitischen Revolution 1419, in deren Verlauf Prag zu einem großen Teil zerstört wurde.

Obgleich nur einige kirchliche und administrative Gebäude erhalten geblieben sind, bestimmt die Anlage der Neustadt noch heute wesentlich das Stadtbild Prags. Bemerkenswert sind vor allem das systematische Vorgehen und die Regelhaftigkeit der 1348 begonnenen Neustadt, die durch drei große Märkte gegliedert wurde. Der Heumarkt (heute Hybernergasse/Hybernská ulice) und Rossmarkt (Wenzelsplatz/Václavské náměstí) mit einer Länge von fast 700 m wurden entlang älterer Handelswege angelegt und reichten jeweils von einem Tor der Altstadt bis zu einem neuen, als Teil der Befestigung der Neustadt errichteten Tor. Beim Viehmarkt (Karlsplatz/Karlovo náměstí) war dies nicht möglich, aber auch hier lief die über den Platz führende Straße vom Altstadt-Tor bis zum Haupttor des Vyšehrads. Ausgehend von den entlang der Himmelsrichtungen beziehungsweise genau diagonal zu diesen errichteten Märkten wurden großenteils rechtwinklig ausgerichtete Straßensysteme angelegt, was zu leichten Unregelmäßigkeiten führen musste, die aber geschickt ausgeglichen wurden. In unmittelbarer Nähe der Märkte wurde jeweils ein Kloster gegründet: St. Maria Schnee, St. Ambrosius und das Emmauskloster. Ebenso wurden die Geländedominanten der Neustadt durch großartige Kirchenarchitekturen hervorgehoben, wobei dem auch in militärstrategischer Hinsicht wichtigsten Ort, dem Karlshof, die größte Bedeutung zukam. Entsprechend der Unterschiedlichkeit der ansässigen Orden wählte man die unterschiedlichsten kirchlichen Grundriss- und Raumdispositionen, vom einschiffigen Bau über Hallenkirchen und Basiliken bis zu Zentralbauten.