mini|hochkant=1.8|Skizze zum medienpädagogischen Bezugsfeld

Medienpädagogik umfasst pädagogische Forschung, Entwicklung und die pädagogische Praxis mit Medienbezug. Sie ist auf Individuen und Gruppen im gesellschaftlichen Kontext bezogen und agiert unter dem Eindruck spezifischer Herausforderungen: Medien sind zu zentralen Gestaltungsfaktoren in der Lebenswelt vieler Menschen geworden. Mediatisierung und Medialisierung sowie der beschleunigte Wandel des Medienangebots im Zuge der digitalen Revolution stellen die Medienpädagogik in ein sich ständig veränderndes Bezugsfeld und setzen der Aktualität und Gültigkeit insbesondere praxisnaher Aussagen zeitlich enge Grenzen. Medienangebot und Mediennutzung stehen im Spannungsfeld verschiedener gesellschaftlicher Interessengruppen sowie des Marktes, also zwischen dem auf Gewinne zielenden Produzentenangebot und der Konsumentennachfrage. Die Thematisierung von problematischen gesellschaftlichen Medienentwicklungen und die Förderung einer reflexiven und sozial verantwortlichen Nutzung von Medien ist im Sinne einer pädagogischen Medienkritik eine wichtige Aufgabe der Medienpädagogik.

Weitere Teilgebiete der Medienpädagogik neben der Medienbildung und der Medienkritik sind die Medienerziehung, die Mediendidaktik, die Mediensozialisation sowie die Medienforschung. Zudem hat Medienpädagogik enge Bezüge zur Medienwissenschaft, Kommunikationswissenschaft, Mediensoziologie, Mediengeschichte, Medienphilosophie und Medienpsychologie.

Aufgabe der Medienpädagogik ist es, Anlässe für Medienbildung zu schaffen. Ziel medienpädagogischer Angebote für Kinder, Jugendliche und Erwachsene ist die individuelle Erlangung von Medienkompetenz. Ein methodischer Vermittlungsansatz ist die handlungsorientierte Medienpädagogik.

Von der Buchkultur zu digitalen Medien Sieht man von der gesprochenen Sprache als menschlicher Grundfähigkeit ab und setzt man Schriften als Medien – siehe dazu eine frühe Kritik Platons im Mythos von Theuth – mit weitem Verbreitungspotenzial nicht vor Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern für den Druck an, so liegen die Anfänge von Massenmedien im Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert. Denn nun erst konnten Texte in großen Mengen vervielfältigt werden, sei es als Flugblatt, Zeitung oder Buch. Die Lese- und Schreibfähigkeit wurde vom Privileg weniger zum verbreiteten Können und bereitete der Schulpflicht den Boden.Hoffmann 2003, S. 95–101.

Hatte es nach der Erfindung der Schrift bis zum Buchdruck rund 5000 Jahre gedauert und bis zum nächsten Massenmedium Rundfunk (1923) weitere 500 Jahre, so gab es bereits wenig später auch das Fernsehen (1935). Während die globale Verbreitung von Gutenbergs Druckkunst noch etwa zwei Jahrhunderte in Anspruch nahm, benötigte der Hörfunk dafür zwei Jahrzehnte. Das Smartphone ist binnen fünf Jahren zum weltweit genutzten dezentralen Medium der Massen geworden.Hoffmann 2003, S. 92; Teusen 2013, S. 27. In Deutschland ist der Anteil der 12- bis 19-Jährigen, die ein Smartphone besitzen, von 47 Prozent im Jahr 2012 auf 95 Prozent im Jahr 2017 angestiegen, 2018 lag der Wert bei 99 Prozent. Mit Blick auf die Altersgruppe der Jugendlichen und Erwachsenen zeigt sich für das Jahr 2018, dass 90 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren online waren. Die tägliche Nutzungsdauer des Internets lag in dieser Gruppe durchschnittlich bei 82 Minuten pro Tag, wobei die Gruppe der 14-bis 29-Jährigen mit 353 Minuten das Internet deutlich länger nutzte als der Durchschnitt.

Geschichte der Medienpädagogik

Der beschleunigte Wandel des Medienangebots führte dazu, dass ab den 1960er Jahren die Medienpädagogik als eigene Fachrichtung entstand.Salzmann/Thiemann/Wittenbruch: Unterrichtsmedien im Gespräch – Bausteine zu einer neuen Medienkonzeption in Unterricht und Erziehung, Neuburgweier 1975. Von Jürgen Hüther und Bernd Schorb wird die Geschichte der Medienpädagogik in eine bewahrpädagogische Phase (18. Jahrhundert bis 1933), eine propagandistisch-indoktrinäre Phase (1933–1945), eine die Selbstwahrung betonende Phase (1945–1960), eine kritisch-reflexive Phase (1968–1980) und eine reflexiv-praktische Phase (seit 1980) unterteilt.Jürgen Hüther, Bernd Podehl: Geschichte der Medienpädagogik. In: Bernd Schorb, Anja Hartung-Griemberg, Christine Dallmann (Hrsg.): Grundbegriffe Medienpädagogik. 6., neu verfasste Auflage. München 2017, S. 117–124. Bis dahin bezog sich der Begriff vor allem auf den Schulunterricht.Robert Murauer: Mobile Medien und die Kompetenzen oberösterreichischer Lehrkräfte: Eine empirische Analyse. disserta Verlag, Hamburg 2013, Seite 16 1984 wurde in Deutschland die Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur gegründet. Im Jahr 1999 wurde die von Stefan Aufenanger und Dieter Baacke gegründete Arbeitsgruppe zum Thema Medienpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) offiziell als eigene Kommission anerkannt. Seit 2010 existiert in dieser Fachgesellschaft eine eigenständige Sektion „Medienpädagogik“.

Mediennutzung im Zeichen der Neuen bzw. der digitalen MedienDie Begriffe Digitale Medien und Neue Medien werden häufig synonym verwendet. Gegenüber der Zuschreibung neu für die je aktuellen Neuerungen, die im Lauf der Zeit mehr und mehr fragwürdig wird, ist der Verweis auf digitale Medien spezifischer. auf der Basis von Internet und Computer sowie multifunktionalen mobilen Geräten wie Laptop, Tablet und Smartphone beeinflusst und verändert in hohem Maße sowohl Arbeitsleben als auch Privatsphäre und Freizeitgestaltung der darin Eingebundenen.Baacke 1997, S. 6. Studien zur gesellschaftlichen Auswirkung neuer Medientechnologien stehen dabei vor dem Problem, dass kausale Rückschlüsse auf einzelne Faktoren und deren Wirkung mit Blick auf die komplexen alltagsweltlichen Zusammenhänge der Mediennutzung kaum möglich sind. Dementsprechend sind korrelative Zusammenhänge zwischen Mediennutzung und sozialen Phänomenen im Hinblick auf die Frage von Ursache und Wirkung mit Vorsicht zu betrachten. Das gilt auch für die Untersuchung der amerikanischen Psychologin und Generationenforscherin Jean Twenge, die Langzeitdaten zum Verhalten und zum Wohlbefinden von Jugendlichen in den Vereinigten Staaten erforscht. Sie sieht die Einführung und Verbreitung des Smartphones als ursächlich dafür an, dass nach 2012 – dem Jahr, seit dem mehr als die Hälfte der US-Amerikaner ein Smartphone besitzt – der Anteil der Jugendlichen in den USA, die sich ausgegrenzt oder einsam fühlen, und die Anzahl der Jugendlichen, die in den meisten Nächten weniger als sieben Stunden schlafen, sprunghaft angestiegen sind.Martin Spiewak: Bloß nicht offline sein. Wie verändert das Smartphone die Psyche von Teenagern? Sie sind die Ersten, die keine Welt mehr ohne kennen. In: Die Zeit. 9. November 2017, S. 36.

Im Kontext der Mediensozialisationsforschung wird unter anderem die Veränderung der Rahmenbedingungen für die Identitätsbildung von Kindern und Jugendlichen diskutiert. Neben der unmittelbaren Interaktion mit traditionellen Sozialisationsinstanzen wie Familie treten im Zuge des digitalen Wandels neue medial vermittelte Formen des Austauschs sowie eine Erweiterung der Kommunikationsräume, wodurch weitere sozialisationsrelevante Akteure wie Trendsetter oder Influencer an Bedeutung gewinnen.Katzer 2016, S. 203–207. „Jeder Vierte bestätigt, dass er online Vorbilder findet, auch bezogen auf das, was man später einmal werden möchte. Mädchen sind während ihrer Pubertät durch Social Media besonders beeinflussbar. So finden gerade die Themen Magersucht und Bulimie durch das Internet über soziale Netzwerke einen großen Kreis an Interessierten.“ (Ebenda, S. 207)

Begreifendes Lernen und Persönlichkeitsentwicklung Je nach Lebensstil und Einstellung der Eltern gelangen bereits Babys und Kleinkinder unter Medieneinfluss. Positive Lern- und Entwicklungsimpulse sind damit aus der Sicht von Gehirnforschern wie Manfred Spitzer und manchen medienpädagogischen Ratgebern jedoch nicht verbunden. Gerade das früheste Lernen geschieht wirksam nur im Zusammenwirken aller Sinnesorgane, während beispielsweise Bildschirmmedien allenfalls das Sehen und Hören stimulieren. Allein ein Drittel der menschlichen Gehirnrinde dient aber laut Spitzer dem Planen und Ausführen von Bewegungen, speziell mit Händen und Fingern, die beim Menschen im Gegensatz zu anderen Primaten, die auf Händen laufen, durch den aufrechten Gang als Feinwerkzeug genutzt werden können:

Das Zusammenführen von Sinneswahrnehmung (Sensorik) und Bewegung (Motorik), das ein Baby zu vollbringen hat, wird als sensomotorische Integration bezeichnet. Zu den klassischen Sinnen Hören, Sehen, Riechen, Schmecken und Fühlen werden Paula Bleckmann zufolge heutzutage noch drei weitere gezählt: der Eigenbewegungssinn, der etwa die beiden Zeigefingerspitzen auch bei geschlossenen Augen zusammenführt, der Gleichgewichtssinn und der Drehsinn, der über Rotationsbewegungen des Kopfes orientiert.Bleckmann 2012, S. 91. Bleckmann folgert: „Bildschirmmedien überfordern Kinder nicht nur durch ungeeignete Inhalte, sondern sie unterfordern sie auch durch die fehlende Ansprache der acht Sinne.“

Ähnliches gilt für das Lernen von Sprache. Die Laute der Muttersprache werden in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres gelernt. Es genügt aber nicht das Hören allein. Die Babys müssen laut Spitzer den Sprechenden auch sehen, den Menschen und das Gesicht samt emotionalem Ausdruck, um das Gehörte mit dem Gesehenen verknüpfen zu können.Spitzer 2012, S. 142. „Läuft der Fernseher oder wird im Radio gesprochen“, heißt es bei Gertrud Teusen, „so hat das auf die Entwicklung der Sprache bei Kindern keinerlei Effekt.“Teusen 2013, S. 13. „Die Kleinen brauchen den Live-Effekt: Sprache kombiniert mit Gestik und Mimik, nur so können sie den Kontext erfassen – und lernen dabei zu sprechen und zu kommunizieren.“ (Ebenda und so auch Bleckmann 2012, S. 93.)

Nicht nur hinsichtlich der Förderung des Sprachlernens gilt es, die mit der Gehirnentwicklung korrelierenden besonders ergiebigen Entwicklungsphasen nicht zu verpassen: „Wichtig ist hierbei, dass nach Ablauf von bestimmten sensiblen Perioden, Lernphasen oder Entwicklungsfenstern (es gibt viele Begriffe, die sehr Ähnliches meinen) in der Kindheit in vielerlei Hinsicht gar nicht mehr gelernt werden kann. Wir wissen, dass einmal entstandene Strukturen zu ihrer eigenen Verfestigung neigen, wie auch entstandene Trampelpfade benutzt werden, selbst wenn es kürzere Wege gibt.“Spitzer 2012, S. 142. Bleckmann verweist in diesem Zusammenhang auf ein Beispiel aus der Mathematik-Didaktik: „Kinder, die Mühe mit dem Subtrahieren haben, weisen oft auch körperlich ein mangelhaft ausgebildetes Bewusstsein für den Raum hinter ihnen auf. Die ungeübten körperlichen Fähigkeiten sind an dieser Stelle eng mit den Schwierigkeiten im Denken verknüpft. Wird das Rückwärtslaufen, Rückwärtshüpfen, Rückwärtsbalancieren mit den Nachzüglern besonders geübt, fällt dann plötzlich auch das Rückwärtsrechnen viel leichter.“Bleckmann 2012, S. 63.

Der Medienwissenschaftler Ralf Lankau fordert in einer Petition „bildschirmfreie Kindergärten und Grundschulen“. Näher ausgeführt hat er seine Problembetrachtung in dem Buch Kein Mensch lernt digital.

Mediennutzung nach Lebensalter Während einerseits die am Markt vorgehaltenen und entsprechend beworbenen frühkindlichen Medienangebote von der Baby-Einstein-DVD über den Barbie-Lerncomputer bis zum Lernhandy zur Verfügung stehen, gibt es in der Medienpädagogik andererseits Stimmen, die empfehlen, Bildschirmzeiten bei Kindern zu vermeiden, solange das eben geht.Bleckmann 2012, S. 193; und zustimmend zitierend: „Jedes Jahr, das Kinder verbringen, ohne dass Fernsehen Teil des Alltags ist, ist ein gewonnenes Jahr.“ (Ebenda, S. 175) 2007 wurde eine US-Studie veröffentlicht, welche den Zusammenhang von Mediennutzung und Sprachentwicklung bei Kindern unter 2 Jahren untersuchte.