mini|hochkant=1.7|Der Traum des Architekten von Thomas Cole (1840): eine historistische Vision mit ägyptischer, griechischer, römischer und gotischer Phantasiearchitektur
Der Ausdruck Historismus bezeichnet in der Kunstgeschichte ein im späteren 19. und frühen 20. Jahrhundert verbreitetes Phänomen, bei dem Architekten und Künstler vorzugsweise auf Stilrichtungen vergangener Jahrhunderte zurückgriffen.
Stilistische Unterarten sind beispielsweise die Neoromanik, Neogotik, Neorenaissance, der Neobyzantinismus oder der Neobarock. Um 1900 löste der aufkommende Jugendstil die historistischen Stile zunehmend ab. Zur selben Zeit formierte sich die gemäßigte Reformarchitektur, eine Gegenbewegung, die später in die klassische Moderne mündete.
Die prägendste Zeit für den Historismus erstreckte sich von circa 1850 bis vor den Ersten Weltkrieg. Auch in späteren Jahrzehnten wirkten historistische Motive nach. Beispiele hierfür sind der Neoklassizismus, der sozialistische Klassizismus oder die Heimatschutzarchitektur.
Stilpluralismus mini|hochkant|Das Roßbach-Eckhaus, späthistoristisches Wohnhaus im Leipziger Musikviertel, 1892 von Arwed Roßbach erbaut Im Gegensatz zu vorhergehenden kunsthistorischen Epochen ist für den Historismus ein Stilpluralismus charakteristisch, der sich schon im Nebeneinander von Klassizismus und Romantik um die Wende zum 19. Jahrhundert ankündigt.
Anders als im Klassizismus wurde nicht nur versucht, die Architektur der klassischen griechischen und römischen Antike aufzugreifen, sondern der Bezug zu anderen Epochen und Stilrichtungen gesucht, die mitunter zeitlich deutlich weniger weit zurücklagen. Die Renaissance hatte sich zwar ebenfalls vorwiegend auf die Antike bezogen, jedoch kannte sie auch gelegentlich zielgerichtete Rückgriffe auf das Hochmittelalter, so bei den architektonischen Zierformen der Festen Häuser und Ansitze.
Einen großen Einfluss übte dabei die Romantik aus, die einen Sinn für das historisch Bedingte entwickeln half. Gelegentlich wurden auch mehrere Stile in einem Gebäude gemischt; diese Kombinationen nennt man Eklektizismus. Andere Bauwerke zitieren historische Motive, lassen sich aber keinem konkreten Stil zuordnen. Besonders typisch für den Stilpluralismus ist die Dokumentation für den Wettbewerb für das Neue Rathaus Kassel.Wettbewerb zur Erlangung von Entwürfen für den Bau eines neuen Rathauses in Kassel., PDF über Digitalisat. Abbildung zahlreicher Wettbewerbsbeiträge und Besprechung in Deutsche Bauzeitung, XXXVI. Jahrgang, Nr. 62, 2. August 1902, verteilt auf den Seiten 393–429, abgerufen am 1. März 2024.
Erste Impulse aus Großbritannien Erste Bauwerke in einem nicht-klassizistischen Stil wurden schon ab Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien errichtet. Ein frühes Beispiel ist die Villa Strawberry Hill, die Horace Walpole von 1749 bis 1776 im neugotischen Stil erbauen ließ. Ein früher Vertreter des Historismus war John Nash, der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in vielen verschiedenen Stilrichtungen baute und damit nicht nur zu einem Vertreter des Klassizismus der Regency-Zeit wurde, sondern auch mit griechischen Säulenordnungen das Greek Revival einläutete, mit dem Italianate begann, die Neugotik fortführte, wobei er den Tudorstil wieder aufgriff, und mit dem Royal Pavilion in Brighton ab 1815 sogar ein Gebäude im Stil eines indischen Mogulpalastes errichtete, ein frühes Beispiel von Architektur nach nicht-europäischen Baustilen, hier nach indischen und chinesischen Vorbildern. Die Fernverbindungen des Britischen Weltreichs begünstigten diesen internationalen Eklektizismus.
Als frühes Meisterwerk der Neugotik gilt das Parlamentsgebäude in London aus dem Jahr 1835. Auch auf die Architektur in den Vereinigten Staaten strahlte der britische und europäische Historismus aus.
Zeitraum Da der Historismus in Mitteleuropa ab den 1850er Jahren größere Verbreitung erfuhr und es eine seiner ursprünglichen Funktionen war, die Repräsentationsbedürfnisse des in der Gründerzeit reich gewordenen Bürgertums zu befriedigen, wird er umgangssprachlich manchmal auch als Gründerzeitstil beziehungsweise Gründerzeitarchitektur bezeichnet.
Das Ende des Historismus beginnt mit dem Jugendstil um 1895, der zwar noch Ornamente verwendet, allerdings ohne jeglichen historischen Bezug. Gleiches gilt für den Expressionismus, der in der Architektur knapp nach dem Ersten Weltkrieg einsetzt. Beginnend mit der Reformarchitektur nach 1900 und verstärkt ab 1910 verbreiten sich dann zusehends weniger aufwändige, schließlich ornamentlose bzw. „funktionalistische“ oder „konstruktivistische“ Baustile, die in den 1920er Jahren dann hegemonial werden (s. Neues Bauen oder Neue Sachlichkeit). Dies entspricht einer wachsenden Neigung stilbildender Schichten, sich nun weniger aus Bezügen auf die eigene Geschichte zu legitimieren, sondern immer mehr durch Identifikation mit moderner Technik. Zu dieser Zeit kommt der Historismus in den unterlegenen Staaten zu einem abrupten Ende. In den Siegerstaaten, vor allem in den USA, oder in den am Krieg nicht beteiligten Ländern, etwa Spanien, lässt sich neben dem Neuen Bauen noch eine Nachblüte des Historismus bis in die 1950er Jahre feststellen.
Bauten mini|Nauener Tor in Potsdam, das erste Bauwerk des Historismus auf dem europäischen Kontinent (1755, Neugotik, Erscheinungsbild seit 1869) mini|hochkant|Die neoromanische Pauluskirche in Basel (erbaut 1898–1901)
Die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts erforderte den Bau von Bahnhöfen, Fabriken und Wassertürmen. Zur Linderung der Wohnungsnot mussten mehrstöckige Zinshäuser errichtet werden. Hingegen verlangte das aufstrebende und zunehmend wohlhabendere Bürgertum nach Villen und großen Stadtwohnungen in repräsentativen Gebäuden.
Bedeutend war auch die Integration neuer Technologien in Architektur und Design. Entscheidend war die Weiterentwicklung der Stahlerzeugung (Bessemer-Verfahren). Der nur aus Gusseisen und Glas bestehende Crystal Palace auf dem Gelände der Londoner Weltausstellung von 1851 galt als revolutionär und wegweisend für spätere Jahrzehnte.
Teilweise wurden verschiedenen Baustilen unterschiedliche Funktionen zugeschrieben: Kirchen wurden im Stil der Gotik oder der Romanik gebaut, Banken und Bürgerhäuser im Stil der Renaissance (der großen Zeit der Stadtkultur vor allem in Italien), Adelspalais und vor allem Theater im Barockstil, Fabrikhallen dagegen meist im „englischen Tudorstil“ (mit unverputzten Backsteinfassaden).
Viel Wert wurde auf Repräsentation gelegt, wobei funktionale Aspekte gelegentlich untergeordnet wurden (siehe Universität Wien). Dies ist einer der Gründe, warum der Historismus vor allem Mitte des 20. Jahrhunderts häufig kritisiert wurde. Vor allem wurde bemängelt, dass architektonische Zutaten wie Säulen, Medusenköpfe und Akanthusblätter rein dekorativ zur Erzeugung einer „historischen Atmosphäre“ benutzt worden seien.
Die Fassaden der Gebäude sollten nicht nur in ihrer Größe und ihrem jeweiligen Reichtum, sondern bei Mehrfamilienhäusern auch in ihrem geschossigen Aufbau die soziale Stellung ihrer Bewohner spiegeln. So etwa wurde die erste Etage oder das Hochparterre meist „Bel Etage“ genannt und war mit ihren besonders hohen Decken und ihren reichen Stuckverzierungen dem wohlhabenderen Bürgertum vorbehalten. Nach oben wurde die soziale Stellung der Bewohner mit abnehmender Geschosshöhe meist immer geringer. Dabei wurde die oberste Etage mit ihren oft nur noch lukenartig kleinen Fenstern in der Regel von den Dienstboten und anderen Angehörigen der unteren sozialen Schichten bewohnt.
mini|Der Rittersaal auf Schloss Braunfels ist ein typisches Beispiel für den Historismus im Innenbereich: entstanden durch Zusammenlegen von vier ehemals einzelnen Sälen zu einem großen repräsentativen Raum
Auch im Innenbereich spielte der Historismus eine große Rolle, besonders bei den wohlhabenden Schichten der Bevölkerung, des Adels oder den regierenden Fürstenhäusern. So wurden ganze Schlösser oder Teilbereiche umgebaut, um dem Zeitgeist zu entsprechen. Die Ideale des Mittelalters mit Ritterlichkeit und Ehrenkodex wurden hochgehalten und romantisiert. Sie fanden ihren Ausdruck in einer Welle des Aus- und Neubaus von Burgen, in neu geschaffenen Rittersälen und ritterlichen Zimmerfluchten (→ Burgenrenaissance).
In vielen neu entstandenen Wohnvierteln wurden innerhalb der Blockrandbebauung auf früheren Gartenflächen Hinterhöfe angelegt und in Hinterhäusern oftmals zahlreiche weitere Quartiere für die Arbeiter errichtet, häufig auch in räumlicher Nähe zu den Arbeits- und Werkstätten. Die überbelegten Einraumwohnungen der Arbeiterklasse mit ihren oft miserablen und gesundheitsschädigenden unhygienischen Wohnbedingungen wurden von etlichen Reformern seit Ende des 19. Jahrhunderts sehr beklagt. Sie haben unter anderem die Ideen der Gartenstadtbewegung (siehe dazu Ebenezer Howard) und so manches Reformprojekt in Deutschland beflügelt.
Eine Besonderheit der Architektur dieser Epoche sind nach einem Gesamtkonzept angelegte repräsentative Villenkolonien wie etwa die Kolonie Marienthal in Hamburg und die bis heute gut erhaltene und als exemplarisch geltende Villenkolonie Lichterfelde-West im Südwesten Berlins (ab 1860). Die Villenkolonien waren wegen des hohen Personalbedarfs zur Führung der großen Häuser in der Praxis gemischte Wohngebiete. So war das Verhältnis der sogenannten „einfachen Stände“ zu den „Herrschaften“ etwa in Lichterfelde-West in Berlin zwei zu eins. Die Villenkolonien nahmen mit ihrer aufgelockerten Bebauung, den großen Gärten und Alleen die Idee der „Gartenstadt“ vorweg.
Stilphasen Stilgeschichtlich unterscheidet man zwischen romantischem Historismus (Übergangsstile ab den 1770er Jahren, voll einsetzend 1840er Jahre bis 1870), strengem Historismus (1870–1890) und Späthistorismus (nach 1890). Diese Unterscheidung stammt von Renate Wagner-Rieger.
Der romantische Historismus zeichnet sich durch eine langsame Ablösung vom Klassizismus aus. Bevorzugter Stil ist Neugotik und Neorenaissance, allerdings werden immer wieder „stilfremde“ Elemente kombiniert, so dass es sich um keine einfache Nachahmung der historischen Stile, sondern um subjektive Interpretationen handelt. Auch Elemente aus nicht-westeuropäischen Stilen (etwa maurisch oder byzantinisch) werden kombiniert. Dies drückte sich auch in einem zeitgenössischen Spottgedicht gegen zwei prominente Wiener Architekten dieses Stils aus, deren Hofoper die Zeitgenossen enttäuscht hatte: „Sicardsburg und van der Nüll / Haben beide keinen Stüll / Gotisch, Griechisch, Renaissance / Das ist ihnen alles aans.“
Der strenge Historismus dagegen versucht „reine Elemente“ des vergangenen Formvokabulars kunsthistorisch korrekt zu kombinieren. Der Subjektivismus des romantischen Historismus wird abgelehnt; es wird dagegen versucht, einen lehrbaren und objektiv richtigen Stil zu finden, der sich aus den Formendetails ableitet. Bevorzugter Bezugspunkt ist die Architektur der Renaissance (Neorenaissance).
Im Späthistorismus wird die Orientierung an der Renaissance durch eine Orientierung am Barockstil (Neobarock) abgelöst. Die strenge Orthographie der vorhergehenden Phase löst sich auf zugunsten einer freieren Interpretation der Dekorelemente, die auch nicht mehr streng linear angeordnet werden. Ausbuchtende Erker, Risalite, Kuppeln und ausladende Balkone werden beliebt. Allgemein ist ein Zug zu übersteigerter Monumentalität zu beobachten. Einzelne Elemente (etwa die Blumendekors) weisen gelegentlich schon auf den Jugendstil.
In der bildenden Kunst lassen sich diese Stilphasen kaum nachweisen, auch wenn Maler wie Jean-Baptiste Carpeaux, Hendrik Leys, Hans Makart oder Karl Theodor von Piloty an historische Darstellungsformen anknüpften.
Stile des Historismus
Neoromanik mini|hochkant|Schloss Drachenburg auf dem Drachenfels am Rhein, erbaut 1882–1884