385px|miniatur|Ausdehnung Turkestans nach Definition der Britannica und dessen ungefährer Anteil an den heutigen zentralasiatischen Staaten. Turkestan (; auch in den Schreibungen Türkestan, Turkistan und Türkistan) ist eine persische Bezeichnung für eine nicht fest umrissene zentralasiatische Region, die sich grob vom Kaspischen Meer im Westen bis zur Wüste Gobi im Osten erstreckte.
Der Begriff Turkestan ist mehrdeutig und bezeichnet Siedlungs- oder Herrschaftsgebiete von Turkvölkern sowie Regionen, die historisch den Namen Turkestan trugen. Im Lauf der Geschichte wurden damit verschiedene Regionen bezeichnet. Turan bezeichnet im Zusammenhang mit der iranischen Mythologie eine teilweise ähnliche Region. Der Begriff Turkestan wurde in der Literatur, insbesondere in Reiseaufzeichnungen verwendet.
Die so bezeichneten Regionen gehören heute im Wesentlichen zu den sieben Staaten Turkmenistan, Usbekistan, Tadschikistan, Kirgisistan, Kasachstan (südlicher Teil), Afghanistan (nördlich des Hindukusch) und China (autonome Region Xinjiang). Die großen Turkvölker der Region, abgesehen von den Uiguren, bilden inzwischen eigene Turkstaaten. Auch Tadschikistan, in dem mehrheitlich eine persische Varietät gesprochen wird, ist ein unabhängiger Staat.
Etymologie Turkestan bedeutet in persischer Sprache „Land der Türken“ und hat seinen Namen von den „Türken“. Unter dieser Sammelbezeichnung sind die (Kök-)Türken im westlichen Teil ihres Herrschaftsbereichs und ihre Nachfolger, u. a. die On Oq, die Türgesch, Karluken, die Ghuzz, Qirghiz und Karachaniden zu verstehen.
Bevölkerung und Sprachen Im historischen Gebiet von Turkestan leben heute zahlreiche Ethnien, darunter turksprachige wie die Turkmenen, Uiguren, Usbeken, Karakalpaken, Kasachen, Kirgisen, Tataren, Karäim, Krimtürken und Turk-Mescheten. Aber auch die iranischsprachigen Tadschiken und weitere, kleinere iranischsprachige Volksgruppen sowie Han-Chinesen, Russen, Ukrainer, Deutsche und Koreaner sind dort ansässig.
Es werden zahlreiche Sprachen gesprochen. In weiten Teilen des südlichen Turkestans werden iranische Sprachen gesprochen, von denen die persische Sprache die bedeutendste ist.Carlo G. Cereti: Die iranischen Sprachen. In: Wilfried Seipel (Hrsg.): 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran: Eine Ausstellung des Kunsthistorischen Museums Wien und des Iranischen Nationalmuseums in Teheran (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH, Bonn. Skira editore, Milano, Kunsthistorisches Museum Wien). Kunsthistorisches Museum, Wien 2001, S. 31–37, hier: S. 31. In Usbekistan wird Usbekisch gesprochen.
Gliederung Nach der russischen Eroberung wurde des Generalgouvernement Turkestan errichtet, das die russischen Eroberungen in Zentralasien umfasste, bis 1899 mit Ausnahme des Gebiets des heutigen Turkmenistan, das als Oblast Transkaspien bis dahin dem Vizekönigreich Kaukasien unterstellt war. Bis zum Ersten Weltkrieg setzte sich der Begriff „Turkestan“ allgemein durch. Man begann nun, zwischen West- und Ostturkestan zu unterscheiden. Ab 1942 definierte man „Turkestan“ wie folgt: West- und Ostturkestan in der Sowjetunion und der Volksrepublik China, zu dem noch die iranische Provinz Gorgan und die Ausläufer des alten Chorasan hinzu kamen. Daneben wurden noch der Norden Afghanistans („Südturkestan“) und das südliche und mittlere Kasachstan einbezogen und Turkestan damit abgerundet.Marie-Carin von Gummenberg, Udo Steinbach (Hrsg.): Zentralasien. S. 322.
Turkestan wurde in drei Bereiche unterteilt: West-Turkestan (auch Russisch-Turkestan oder Sowjetisch-Mittelasien genannt) besteht aus Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan, Usbekistan und dem südlichen Bereich Kasachstans. Mitunter wird auch das Gebiet des ehemaligen russischen Generalgouvernements Steppe (Nord- und Westkasachstan) aufgrund der ehemaligen kasachischen Kleinen und Mittleren Horde in den Begriff Turkestan eingeschlossen. Diese Praxis gilt jedoch als umstritten, da nur das südliche Territorium des Kasachen-Khanates (Große Horde) in der Region Turkestan lag. Die historischen Provinzen Transoxanien und Choresmien liegen in West-Turkestan. Ost-Turkestan (auch Chinesisch-Turkestan bezeichnet) war ursprünglich nur auf das südwestliche Gebiet der Uigurischen Autonomen Region (Xinjiang) beschränkt, wird aber heute auf die gesamte Region ausgedehnt. Uigurische Separatisten bezeichnen diese Teilregion Turkestans auch vielfach als Uyghuristan, als „Land der Uiguren“. Süd-Turkestan wird heute von den Turkvölkern als Bezeichnung für das nördliche Afghanistan verwendet. Süd-Turkestan wurde ursprünglich aus den südlichen Gebietsteilen des turkestanischen Khanats Buchara gebildet. Der Gebrauch des Begriffs „Turkistan“ für dieses Gebiet in der europäischen Literatur geht auf britische Autoren des 19. Jahrhunderts zurück. Es gibt auch eine ehemalige Provinz von Afghanistan, die den Namen Turkistan führte.W. Barthold, C. E. Bosworth, Catherine Poujol: Turkistān. In: Encyclopaedia of Islam, Second Edition, herausgegeben von: P. Bearman, Th. Bianquis, C. E. Bosworth, E. van Donzel, W. P. Heinrichs. Abgerufen online am 18. April 2023 . Süd-Turkestan zählt größtenteils zur Region Chorasan.
Die Bezeichnungen „West-“ und „Ost-Turkestan“ sind auf den Russen Timkowskij () zurückzuführen, der sie 1805 in seinem Botschaftsbericht für Zentralasien verwendete.Berndt Georg Thamm: Der Dschihad in Asien. S. 163.„Turkistan“ zur Beschreibung Zentralasiens und des Tarim-Beckens in Süd-Xinjiang Chinas laut: Chuan Chen: Die „Ostturkistan-Frage“ – eine Mischung aus Terrorismus, Fundamentalismus und Separatismus. In: Volker Foertsch, Klaus Lange (Hrsg.): Islamistischer Terrorismus und Massenvernichtungswaffen. Hanns-Seidel-Stiftung, 2006, ISBN 3-88795-307-X, S. 127ff. (Argumente und Materialien zum Zeitgeschehen Nr. 50) (PDF; 1,3 MB) Mitunter werden auch die Regionen des Altai- und des Sajangebirges sowie die turksprachig besiedelten Randgebiete der westlichen Mongolei zu Turkestan gerechnet. Diese Regionen bilden das historische Ursprungzentrum der heutigen Turkvölker. Doch ist diese Praxis unter anerkannten Turkologen umstritten und findet vielfach nur in der halbwissenschaftlichen Sekundärliteratur Verwendung.
Der Name „Süd-Turkestan“ wurde vor allem Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre durch Panturkisten Zentralasiens geprägt und auf die afghanische Hindukuschregion ausgedehnt, da dort neben Tadschiken auch kleinere kirgisische und uigurische Minderheiten leben.
Der Militärbezirk „Turkestan“ der Roten Armee umfasste die damaligen Sowjetrepubliken Turkmenistan und Usbekistan. (Die Sowjetrepubliken Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan waren im Militärbezirk „Zentralasien“ zusammengeschlossen.)
Durch Turkestan verläuft die Turkestan-Sibirische Eisenbahn, kurz Turksib.
Geschichte
Vorgeschichte Im historischen Gebiet von Turkestan lebten im Laufe der Geschichte viele Völker, da die Landschaft ein Durchzugsgebiet von nomadischen Steppenvölkern war. In der Antike gehörten Teile zum Perserreich und zum Reich Alexanders des Großen. Die hellenistischen Nachfolgeherrscher konnten den Raum jedoch nur zeitweilig kontrollieren. Die Gegend wurde schließlich von nomadischen Völkern beherrscht. Ein großer Teil der ostturkestanischen Region gehörte um 174 v. Chr. zur Stammesföderation der Hsiung-nu. Die Region wurde in der Folgezeit von unterschiedlichen Gruppen und unterschiedlich stark ausgeprägt beherrscht.
Um 400 wurde ein Teil Turkestans von den Rouran beherrscht, die ebenfalls eine nomadische Stammesföderation bildeten. In anderen Teilen des spätantiken Zentralasiens herrschten unter anderem die iranischen Hunnen. Im Südwesten lag die Grenze zum mächtigen Sassanidenreich.
Köktürken und Tang-Chinesen mini|Die Tang-Dynastie um ca. 669 Mitte des 6. Jahrhunderts fielen dann die heute als On-Ok bezeichneten Kök-Türken in Turkestan ein und errichteten in diesem Gebiet ihr westliches Teil-Khanat, dass sich bis zum Jahr 745 halten konnte. Doch bereits 657 errichtete das China der Tang-Dynastie in der südlichen Region des westlichen Göktürkenreiches seine Provinz der „vier Garnisonen“. Die Tang-Chinesen nannten dieses unterworfene Gebiet schließlich 西部地區 westliches Territorium. Mehrmals gehörte das von Tang-China unterworfene Gebiet im 7. und 8. Jahrhundert aber auch zu Tibet. Nach dem Untergang des Kök-Türkenreiches (745) wurden auf dessen Gebiet verschiedene turkstämmige Nachfolgereiche gegründet. So entstand auf dem Gebiet des ehemaligen Ostkhanates (östliches Turkestan und eigentliche Mongolei) das Reich der Uiguren, das bis 840 Bestand hatte. Es wurde schließlich von den Jenissej-Kirgisen zerstört. Im ehemaligen Westkhanat wurden unter anderem die Reiche der Kiptschaken und der Seldschuken gegründet, deren Einflussbereich sich schließlich bis Europa und Vorderasien erstrecken sollte. Aber auch die Reiche der Chasaren und der Oghusen hatten in Turkestan eine ihrer Wurzeln.
Einfall der Araber Zwischen den Jahren 661 und 750 wurden weite Teile des späteren Turkestans von den Arabern erobert und islamisiert. Es bestanden zu dieser Zeit aber auch starke christliche und buddhistische Gemeinden in der Region. Im 8. Jahrhundert stritten sich das Kalifenreich und China offen um das Gebiet des späteren Turkestans. Schließlich wurde das turkestanische Gebiet zwischen beiden Kontrahenten aufgeteilt: Chinas Einflussbereich erstreckte sich von der Region um das Tarim-Becken über den Balkaschsee bis zum Ostufer des Syrdarjas. Die Gebiete westlich des Syrdarjas bis zur Halbinsel Mangyschlak gehörten zum Einflussbereich des Abbasidenkalifats und wurden nach dessen Zerfall von verschiedenen muslimischen Regionaldynastien wie den iranischen Samaniden (9./10. Jahrhundert) und den türkischen Qarachaniden (10.–13. Jahrhundert) beherrscht. Während der zweiten Hälfte des 11. und der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts war West-Turkestan ein Teil des ausgedehnten Seldschukenreiches, bevor es sich in der zweiten Hälfte des 12. und zu Beginn des 13. Jahrhunderts unter der Oberherrschaft der anuschteginidischen Choresm-Schahs und der (nichtmuslimischen) Qara-Chitai befand.
Mongolische Zeit Seit 1220 gehörte ganz Turkestan dann zum mongolischen Imperium Dschingis Khans, welcher die beiden letztgenannten Reiche vernichtet hatte. In Turkestan wurde das mongolische Teilkhanat Tschagatai gegründet, das in der Osthälfte formal als Moghulistan bis 1510 bestand.
Im 15. Jahrhundert wurde Turkestan an der Grenze zwischen Altai – Tian-Schan – Pamir in zwei Hälften geteilt: Während der Westteil an Timur Lenk fiel und noch bis zur russischen Eroberung unter persischen Einfluss stand, verblieb der Ostteil unter der einheimischen Dschingisiden-Dynastie. Nach Ende der Timuridenzeit gelangte das gesamte Turkestan allerdings nochmals unter mongolische Herrschaft, als die Dschungaren ihr nomadisches Steppenreich begründeten.
Ab 1500 entstanden auf den turkestanischen Gebieten die usbekischen West-Khanate Chiwa und Buchara sowie das kirgisische Khanat Kokand. In der östlichen Hälfte wurden die sogenannten uigurischen Ost-Khanate Kaschgar, Tufan und Chotan gegründet. Das übrige nicht unter persischen und chinesischen Einfluss stehende Gebiet wurde 1509 von kasachischen Nomaden zu einem Khanat zusammengefasst, das bereits wenige Jahre später in drei Apanagen (Teilherrschaften) zerfiel. Diese Apanagen wurden als Kleine, Mittlere und Große Horde bekannt.
Zeit der chinesischen und russischen Herrschaft Im Jahr 1759 eroberte das Kaiserreich China diese Gebiete und dehnte seinen Einflussbereich bis zum Balkaschsee aus. Offiziell nannte China ab 1844 diese Gebiete 再一次回來舊的地域 erneut zurückgekehrtes altes Territorium, kurz Xinjiang – neues Land.Berndt Georg Thamm: Der Dschihad in Asien. S. 166. Das östliche Turkestan wurde am 11. November 1844 mit der benachbarten Dsungarei zur neuen Provinz Xinjiang zusammengefasst und der chinesischen Zivilverwaltung unterstellt.