Die Padaung (ausgesprochen: []; Eigenbezeichnungen Kekawngdu und Kayan; Birmanisch: ) sind eine ethnische Gruppe, die den Karen zugerechnet wird und mehrheitlich im Südosten Myanmars (Shan- und Kayah-Staat) ansässig ist. Viele Padaung-Frauen pflegen eine ungewöhnliche Tradition: Sie tragen von Kindheit an einen schweren Halsschmuck, der die Schultern deformiert und den Hals scheinbar verlängert. Findige Geschäftemacher belebten damit den Ethno-Tourismus: Zahlreiche Frauen, die seit Ende der 1980er Jahre von Myanmar nach Thailand oder Vietnam flüchteten, werden in Schaudörfern als „Long Neck Karen“ bzw. als „Giraffen(hals)frauen“ vermarktet.
mini|Padaungmädchen mit Halsschmuck
Allgemeines Fremd- und Eigenbezeichnung Padaung ist eine Fremdbezeichnung und hat ihren Ursprung in der Sprache der Shan. Diese nennen die Frauen in Anspielung auf den Schmuck Yan Pa Daung („mit glänzendem Metall umwickelte Menschen“). Die Silbe pa soll für „rundherum“ stehen, daung für „glänzendes Metall“.Ernst Stürmer: Attraktion Langhälse. Im Magazin: Alle Welt, Juli-August 1995 (Wien), Seite 41 ff. Der Name wurde von den Burmesen und Thais übernommen, doch sowohl Padaung als auch die von thailändischen Reiseveranstaltern geprägte Wortschöpfung Long Neck Karen hören die Betroffenen ungern. Der Begriff Giraffe Women („Giraffenfrauen“) gilt als Beleidigung.Abschnitt How Should I Refer to the People. In: Huay Pu Keng FAQ Sie selbst nannten sich früher Kekawngdu,Sir George Scott: Among the Hill Tribes of Burma – An Ethnological Thicket. In: National Geographic Magazine, März 1922, Seite 293 ff. verwenden heute aber meist nur noch die übergeordnete Stammesbezeichnung Kayan, die vier Clans umfasst. Frauen aus unterschiedlichen Clans sind an ihrer Tracht zu erkennen sowie daran, ob sie den Schmuck an Hals, Armen und/oder Beinen tragen.Abschnitt Background and Tradition of the Neck Coil. In: Huay Pu Keng Background & Culture Der Halsschmuck ist das Markenzeichen des Kayan Lahwi-Clans.Jean-Marc Rastorfer: On the Development of Kayah and Kayan National Identity. Southeast Asian Publishing House, Bangkok, 1994.
Herkunft mini|150px|Der „Kayah-Staat“in Myanmar Noch in der britischen Kolonialzeit wurden die Padaung gelegentlich den Völkern der Mon-Khmer-Gruppe zugeordnet. Ihre Sprache weist jedoch auffallende Parallelen zur Karen-Sprache Taungthu auf, sodass ihre Zugehörigkeit zu den Karen heute als gesichert gilt. Folglich sind sie auch den tibetobirmanischen Völkern zuzurechnen. Als Angehörige der Karen wanderten die Vorfahren der Padaung wahrscheinlich über Südchina nach Myanmar ein. Übereinstimmend wird heute angenommen, dass dieser Vorstoß zur ersten Welle der sinotibetischen Nord-Südwanderungen gehörte, die um die Zeitenwende als Reaktion auf die Expansion der Han-Chinesen ins mittlere und südliche China erfolgten. Spätestens gegen Ende des ersten Jahrtausends u. Z. dürften erste Karen-sprechende Gruppen im Gebiet des heutigen Myanmar eingetroffen sein.R. D. Renard: Kariang: History of Karen-T'ai Relations from the Beginnings to 1923. University of Hawaii, 1979, Seite 37 f. und 46 f. (siehe auch: Karen – Herkunft)
Lebensraum Unterschiedliche Quellen aus den letzten Jahrzehnten beziffern die Padaung unverändert auf etwa 7000 Angehörige, verlässliche Zahlen aus der Gegenwart fehlen jedoch. Ihr traditionelles Siedlungsgebiet liegt im bergigen Südosten Myanmars, westlich des Flusses Salween und südlich von Loikaw, der Hauptstadt des sog. Kayah-Staats. Es ist kaum 20 mal 20 Kilometer groß und erstreckt sich über Höhen von 1000 bis 1500 Metern. Seit dem Beginn militärischer Übergriffe auf den Lebensraum der Bergvölker Myanmars flüchteten neben Angehörigen anderer ethnischer Minderheiten auch viele Padaung nach Thailand. Dort leben zurzeit knapp 1000 in Flüchtlingslagern und in touristischen Schaudörfern. Zur militärisch-politischen Lage in Myanmar siehe: Karen – Ethnische Säuberung.
Lebensweise An den Berghängen im heimatlichen Myanmar wird beinahe jede verfügbare Fläche landwirtschaftlich genutzt. Aufgrund der schwierigen Topografie errichteten die Padaung über Jahrhunderte Terrassen und ein ausgeklügeltes System aus Bächen und Kanälen, das auch in der Trockenzeit Wasser liefert. Die Ästhetik dieser Anlagen machte sie u. a. als Meister des Terrassenfeldbaus bekannt. Sie pflanzen Reis, Mais, Bananen und Baumwolle, aus der sie ihre Kleider herstellen. Zur Abrundung des Speisezettels halten sie Schweine und Geflügel und gehen mit abgerichteten Hunden auf ausgedehnte Treibjagden. Jagderfolge, Hochzeiten und andere Anlässe werden ausgiebig mit einem Festschmaus und selbstgebrautem Starkbier gefeiert. Die Padaung heiraten traditionell innerhalb der eigenen Gruppe; Verstöße gegen die Regeln der Endogamie werden mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft geahndet. Während in Frage kommende Ehepartner früher aber meist von den Dorfältesten ausgesucht wurden, steht ihre Wahl im gegebenen Rahmen heute weitgehend frei, das Einverständnis der Eltern vorausgesetzt. Das übliche Heiratsalter liegt zurzeit bei 16 bis 20 Jahren. Scheidung ist möglich.
Überlieferung mini|Padaung-Frau mit „Nackenpanzer“ Ihrem Ursprungsmythos zufolge stammen die Padaung von einem weiblichen Drachen mit gepanzertem Nacken ab: Der Drache habe sich in eine schöne junge Frau verwandelt und mit einem Mischwesen – halb Mann, halb Engel – gepaart und zwei Nachkommen geboren. Die mündliche Überlieferung berichtet weiter, dass die Verwandtschaftsbeziehungen der Padaung früher matrilinear organisiert waren. Offenbar wurde die Tradition der Matrilokalität gepflegt, d. h. frisch vermählte Paare ließen sich am Wohnort der Brautmutter nieder und verbrachten ihr Leben dort. – Dies gilt für manche Karen-Gruppen heute noch.James W. Hamilton: Ban Hong – Social Structure and Economy of a Pwo Karen Village in Northern Thailand. (Diss.), Ann Arbor, Michigan, 1965, Seite 133. Der Volksmund weiß jedoch, dass die Männer der Padaung in einer Zeit ausufernder Stammesfehden so zahlreich fielen, dass das Überleben als Volk nur durch die Einführung der Polygynie gesichert werden konnte, was den Niedergang des Matriarchats besiegelt haben soll. – Auch die Polygynie gehört inzwischen wieder der Vergangenheit an. Als Relikt der matrilinearen Ordnung und als Indiz für die Authentizität der Überlieferung wird jedoch u. a. der hingebungsvolle Umgang der Männer mit Kindern angeführt: Viele Padaung-Männer sind erfahrene Geburtshelfer und kümmern sich intensiver um Babys als dies in patrilinear organisierten Gemeinschaften üblich ist.Werner Raffetseder: Das Erbe der Padaung. Bild- und Tondokumente aus Ban Nai Soi, Thailand, April 2000. United Festivals Weltarchiv, Wien.
Religion Geisterglaube Das religiöse Weltbild der Padaung ist animistisch („Alles ist beseelt“) geprägt. Wie ihre Nachbarn im Kayah-Staat glauben sie an zahllose Geister und Dämonen. Nach alter Vorstellung sind die meisten böswillig, einige friedlich und nur wenige gut gesinnt. Den bösen Geistern werden zur Besänftigung regelmäßig Tieropfer oder Speise- und Trankopfer dargebracht, den anderen nur zu besonderen Anlässen, z. B. Festen. Als bösartig gelten auch die Geister der Verstorbenen: Sie werden nach Todesfällen unter Einsatz von Lärm aus dem Dorf vertrieben, damit sie in den Häusern der Hinterbliebenen nicht spuken oder ihnen auflauern.Melford E. Spiro: Burmese Supernaturalism. Prentice Hall, Englewood Cliffs, New Jersey, 1967.
Wahrsagerei In der Weltsicht der Padaung spielt die Zukunftsschau eine bedeutende Rolle. Niemand trifft eine folgenschwere Entscheidung, ohne vorher die Prophezeiung des Dorfschamanen bzw. der Dorfschamanin zu hören. Die Weisen beziehen ihre Erkenntnisse aus Träumen oder aus detaillierten Beobachtungen der Natur: Manchmal beurteilen sie ein vom Baum gepflücktes Blatt, den abgespaltenen Splitter eines Bambusstabs oder das Blut bzw. die Eingeweide eines Opfertiers. Meistens greifen sie aber auf das altbewährte Hühnerknochenorakel zurück, das bei allen Karen beliebt ist. Diese Form der Weissagung, bei der die Knochen eines Opferhuhns Aufschluss über die Zukunft geben sollen, dient vor Zeremonien und in Angelegenheiten des individuellen und gemeinschaftlichen Lebens als Entscheidungshilfe.
Missionierung Im frühen 19. Jahrhundert begann die christliche Missionierung der Bergvölker Myanmars. Amerikanische Baptisten, vor allem aber katholische Missionare aus Italien setzten den Übertritt ganzer Dörfer zum Christentum durch. Andere wandten sich dem Buddhismus zu oder blieben den überlieferten Glaubensvorstellungen treu. Trotz des missionarischen Drucks gegen „heidnisches“ Brauchtum haben viele Rituale, insbesondere Reinigungszeremonien und das Hühnerknochenorakel, bis heute überdauert.Khon Eden Phan: The Narratives, Beliefs and Customs of the Kayan People. Kayan Literacy and Culture Committee, Mae Hong Son, 2004.
Der Schmuck Fehlinformationen Rund um den Halsschmuck der Padaung-Frauen (Brom) kursieren zahllose Gerüchte und falsche Berichte. Manche stammen von Ethnologen, die spekulative Theorien als Tatsachen hinstellten, andere wurden von Reiseveranstaltern in Umlauf gebracht und von Touristen verbreitet, oft aber auch von Medien übernommen und unüberprüft veröffentlicht.
„Ringe“ Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung handelt es sich beim Schmuck der Padaung nicht um einzelne „Ringe“, die nach und nach um den Hals oder um Arme und Beine geschmiedet werden, sondern um hochgängige Spiralen mit 30 bis 40 Zentimetern Durchmesser, die erst beim Anlegen durch geübte, kräftige Frauen (früher Schamanen) Windung um Windung an die Körperform angepasst werden. Das Rohmaterial besteht aus Messing und wird in Myanmar hergestellt. Früher kamen wertvolle Legierungen aus Gold, Silber und Messing oder Kupfer zum Einsatz.Pascal Khoo Thwe: From the Land of Green Ghosts – A Burmese Odyssee. HarperCollins Publishers, London, 2003. ISBN 978-0-00-711682-9
„Giraffenhals“ Schon im Mittelalter gelangte die Tradition des Spiralschmucks zu regionaler Berühmtheit. Wiederholt wurden Padaung-Frauen im Königspalast zu Mandalay dem birmanischen Hofstaat als Attraktion vorgeführt, später auf Empfängen des britischen Vizekönigs herumgereicht und sogar – wie beide Großmütter des Padaung-Schriftstellers Pascal Khoo Thwe – für die Freak Show des Bertram Mills Circus nach England gebracht. Bald interessierten sich Reisende und Anthropologen dafür. Der polnisch-französische Asienforscher Vitold de Golish, der Burma in den 1950er Jahren besuchte, lieferte die erste ausführliche Beschreibung der Padaung und prägte den Begriff „Femmes Girafes“ (Giraffenfrauen).Vitold de Golish: Expédition chez les Femmes-Cauchemar. In: Match. Paris 1957. Lange wurde gerätselt, wie sich die Halswirbelsäule der Frauen derart verlängern konnte. Der amerikanische Arzt Dr. John M. Keshishian holte 1979 eine Padaung vor den Röntgenschirm und lüftet das Geheimnis ihrer Anatomie: Zu seiner Überraschung waren weder die Wirbel noch die Bandscheiben gedehnt. Stattdessen hatte sich der ganze Schultergürtel samt Schlüsselbeinen und oberen Rippen durch das Gewicht des Metalls so stark keilförmig nach unten verformt, dass der Eindruck eines extrem langen Halses entstand.John M. Keshishian: Anatomy of a Burmese Beauty Secret. In: National Geographic Magazine, Juni 1979, Seite 798 ff. Die flache Schulterspirale, die die hängenden Schultern optisch entschärft, verstärkt diese Täuschung noch.
„Schutz vor Tigern“ Was die Padaung einst veranlasst hat, sich den schweren Schmuck aufzubürden und die körperlichen Folgen in Kauf zu nehmen, ist nicht mit letzter Gewissheit geklärt. Die gängige These, die Halsspiralen hätten die Frauen einst vor dem Genickbiss von Tigern geschützt, verweisen sie selbst ins Reich der Legende.
„Todesstrafe auf Ehebruch“