Die Kaiserlich Russische Armee, auch Zaristische Armee oder Imperiale Russische Armee () genannt, war das Heer des Russischen Reiches von der Zeit Peters des Großen bis zur Proklamierung der Russischen Sowjetrepublik im Jahr 1917. Nachfolgestreitkraft wurde offiziell die Rote Armee, während Teile der alten Armee in die Weiße Armee übergingen.
Vorläufer Die Wurzeln der späteren zaristischen Armee gehen auf die Druschinas der Fürsten und Großfürsten in der Zeit des Mittelalters zurück. Diese waren vom Fürsten angeheuerte und aus eigener Kasse bezahlte, einigermaßen professionelle Soldaten, die als eine Art Leibgarde fungierten. Im Unterschied zu den europäischen Rittern waren die Mitglieder der Druschina nicht an Landvergaben, sondern direkt an den Fürsten gebunden. Deswegen fanden sich Angehörige unterschiedlichster Völker in den Regimentern zusammen. Ein anderer Unterschied war das Fehlen einer Lehnspflicht, der Eintritt in die Druschina war ebenso freiwillig wie der Austritt oder Wechsel zu einem anderen Fürsten. Da für größere kriegerische Operationen die Mannschaftsstärke der Druschinas nicht ausreichte, wurden bei Notwendigkeit Landwehren von den Gemeinden einberufen.
Während der Herrschaft von Wassili III. (1479–1533) wurden die ersten Vorgänger einer stehenden Armee, die Pischtschalniki (zu deutsch die „Handrohrtragenden“) aufgestellt. Diese setzten sich zu Friedenszeiten aus Adelsleuten zusammen, in Kriegszeiten stellten die Adligen ihre Gefolgsleute und die Städte und Gemeinden ein besonderes Aufgebot zusätzlich zur Verfügung. Ab etwa 1530 entstanden aus diesem Gebilde dann unter Iwan IV. die Strelizen. Dabei wurden die Adels- und Gemeindeaufgebote durch Kosaken, vom Staate bezahlten Artilleristen und Versorgungseinheiten, wie Schmiede, Schneider, Dolmetscher usw. ergänzt. Ihrer Natur nach privilegiert waren diese Einheiten sehr launisch, griffen oft in die Politik ein und waren im Vergleich zu Berufssoldaten von zweifelhaftem Kampfwert.
Die Armee im Russischen Zarentum (1547–1721) Im 17. Jahrhundert mini|Buchillustration von Strelizen um 1674Aleksander Wassiljewitsch Wiskowatow, 1841|alternativtext=|links
Im Allgemeinen wird die Vorpetrinische Armee des 17. Jahrhunderts mit einer Ansammlung unausgebildeter Adelsaufgebote und widerspenstiger Strelizen in Verbindung gebracht.Evgeniĭ Viktorovich Anisimov, John T. Alexander: The Reforms of Peter the Great, M. E. Sharpe Verlag, S. 57. Dies ist jedoch ein falscher Eindruck, da bereits seit den 1630er Jahren Reformen unternommen wurden, die die russische Armee an den westeuropäischen Stil heranführen sollten.
Nach der Zeit der Smuta, in der sich Russland 20 Jahre ununterbrochen im Kriegszustand befand, benötigte es im Anschluss eine Zeit der inneren Konsolidierung, um sich von den erlittenen Verlusten zu erholen. In den 1630er Jahren fühlte sich das Russische Reich stark genug, um einen neuen Krieg gegen Polen zu führen, mit dem Ziel, die während der Zeit der Smuta an Polen verloren gegangenen Gebiete zurückzugewinnen. Bei dem sich anschließenden Krieg gegen Polen-Litauen von 1632 bis 1634 zeigte sich allerdings, dass die einstmals militärisch schlagkräftigen russischen Truppen im Verhältnis zu den neuzeitlichen Linienregimentern der polnischen Armee nicht mithalten konnten. Das berittene Adelsaufgebot war, bedingt durch mangelndes Training, schlecht zu Pferde und trug veraltete Waffen, während die Strelitzen unter schlechter Führung litten und durch eine zunehmende Konzentrierung auf die Durchsetzung eigener Interessen in ihrer Leistungsfähigkeit beeinträchtigt wurden.Geoffrey Parker: The Cambridge Illustrated History of Warfare, Cambridge University Press, S. 172.
So begann nach diesem Fehlschlag eine breiter angelegte und lang andauernde Reformierungsphase der russischen Armee. Die Zaren heuerten zuerst ganze ausländische Regimenter an. Ab Mitte des 17. Jahrhunderts änderte sich dies jedoch, insofern nur noch einzelne ausländische Offiziere angeheuert wurden, die die nationalen Regimenter ausbilden und führen sollten. Diese Offiziere übertrugen ihre militärischen Fähigkeiten, Wissen und Technologien, die sie in Westeuropa erhalten hatten, auf die russischen Regimenter, was zu einer Imitation der Russischen Armee nach westeuropäischen Standard führte.
Die Armee des russischen Zarenreiches bestand ab der Mitte des 17. Jahrhunderts im Wesentlichen aus: Strelizen Adelsaufgeboten Linienregimentern (auch als Regimenter Neuer Ordnung bezeichnet) und irregulären Kosaken
Die Artillerie war ein eigenständiger, von der Armeeorganisation losgelöster Teil, genannt Narjad. Sie hatte keine stabile Organisationsform und Stärke.
Zur Mitte des 17. Jahrhunderts gab es bereits 16 Regimenter Strelizen (16.900 Mann), das Adelsaufgebot bestand aus 9700 Mann, während zur selben Zeit 58 Regimenter bestanden, die zusammen 59.200 Mann ausmachten sowie 25 reguläre Kavallerieregimenter mit 29.800 Mann. So waren von den 115.000 regulären Truppen bereits 76 % der Soldaten Angehörige der Verbände neuer Art.Evgeniĭ Viktorovich Anisimov, John T. Alexander: The Reforms of Peter the Great, M. E. Sharpe Verlag, S. 58. Der Erfolg der russischen Truppen im Russisch-Polnischen Krieg (1654–1667) bestätigte den Reformkurs. Kriegseinsätze der zaristischen Armee im 17. Jh.: 1609–1618 Russisch-Polnischer Krieg 1610–1617 Ingermanländischer Krieg mit Schweden 1632–1634 Russisch-Polnischer Krieg 1654–1667 Russisch-Polnischer Krieg 1656–1661 Zweiter Nordischer Krieg gegen Schweden 1670–1671 Rasinscher Aufstand unter Stenka Rasin 1676–1681 1. Russisch-Osmanischer Krieg 1686–1700 2. Russisch-Osmanischer Krieg zusätzlich gab es unzählige Tatareneinfälle im südlichen Teil des Russischen Zarentums, die einem permanenten Kriegszustand ähnlich waren
Die für das Heer vorgesehenen Mittel im ersten überlieferten Staatshaushalt im Jahr 1680 betrugen 62 %.Hans-Joachim Torke: Die russischen Zaren, 1547–1917. C. H. Beck-Verlag, S. 132. Die hohen Ausgaben für das Heer hingen mit der seit Jahrzehnten andauernden Heeresreform zusammen. Ziel dieser war die Ablösung des alten Adelsaufgebotes durch ein stehendes Heer. Im ganzen verfügte der Zar zu diesem Zeitpunkt – einschließlich der ukrainischen Kosaken – über rund 200.000 Mann.Hans-Joachim Torke: Die russischen Zaren, 1547–1917. C. H. Beck-Verlag, S. 133. Davon waren 61.300 Infanterie und 30.500 Kavallerie moderner Art in 63 regulären Regimentern nach europäischem Muster mit ausländischen und russischen Berufsoffizieren. Die Bewaffnung entsprach ungefähr der der übrigen Armeen Europas, die in Russland selbst hergestellt wurden.Lothar Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches. Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S. 166. Daneben gab es noch 15.800 Mann Adelsaufgebot und 20.000 Strelitzen.Evgeniĭ Viktorovich Anisimov, John T. Alexander: The Reforms of Peter the Great. M. E. Sharpe Verlag, S. 58. Der Anteil der Adligen war von 1630 bis 1680 von 34 % auf 8 % zurückgegangen, obgleich man auf Rücksicht des Adels und aus finanziellen Gründen noch nicht auf das Adelsaufgebot verzichtete. Die Strelitzenoffiziere rebellierten aber gegen die Einführung der neuen Dienstränge Oberst und Hauptmann statt der bisherigen Haupt- und Hundertschaftsführer. Erfolgreich war dagegen die Einführung von neun, dann acht Militärbezirken für das Reich, die die Rekrutierungen erleichtern sollten.
Nach zwei unterdrückten Strelizenaufständen (1682 und 1698) wurden die Regimenter aufgelöst.
Die Ansätze zur Modernisierung der Armee wurden während der Regentschaft der Schwester von Peter, Sofia Alexejewna und dem Fürsten Golizyn von 1682 bis 1689 teilweise zunichtegemacht. Die nicht am Militär interessierte Regentin fügte sich dem Widerwillen des Adels gegen die Truppen der Neuen Ordnung und verbot die weitere Ausbildung solcher Truppen.Lothar Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S. 160. Dieses Verbot brach dem stehenden Heer das Rückgrat und warf Russland gegenüber seinen Nachbarn militärisch weit zurück. Die so künstlich geschwächte Armee erlitt folglich Niederlagen bei zwei Krimfeldzügen 1687 und 1689 gegen die tatarischen Vasallen des Sultans. Zu dem Zeitpunkt hatte die Armee nur noch etwa 112.000 Mann (davon 80.000 nach moderner Ordnung in immer noch denselben 63 Regimentern) und ca. 40.000 geworbene Dienstkosaken zu verzeichnen. Das bedeutet, dass seit 1681 die russische Armee um mehr als 60.000 Soldaten geschrumpft war.Lothar Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S. 166. Der Zustand verschlechterte sich noch in den ersten Jahren der offiziellen Herrschaft Peters I. (1689 bis 1694) weiter, als noch seine Mutter die Regierungsgeschäfte führte. Für diese Zeit muss die Zahl der regulären Soldaten um weitere 40.000 Mann zurückgegangen sein.
Reformen unter Peter dem Großen (1700 bis 1723) mini|Bronze-Gedenkplatte mit dem Zarenwappen auf einem Gedenkstein für russ. Gefallene 1914 bis 1916, Luftwaffenkaserne Wahn mini|hochkant|Russische Infanterie, 1742–1763
Während der Regierungszeit des Zaren Peter I. 1689 bis 1725 wurden durch Patrick Gordon, François Le Fort und andere die Grundlagen einer modernen Armee nach europäischem Vorbild geschaffen. Als Initialzündung für die grundlegende Reformierung erwies sich die Katastrophe infolge der Schlacht bei Narva im Großen Nordischen Krieg im Jahr 1700, bei der sich die russische Armee als deutlich unterlegen gegenüber einer viel kleineren schwedischen Streitmacht erwies. Zu der Zeit verfügte der Zar über ein Heer von 100.000 Mann, die durch die Auflösung der Strelitzen-Regimenter 1698 und die Verstoßung der Strelitzen aus dem Heer um 30.000 Mann geschwächt wurde. Die Armee war zudem bis auf vier Regimenter schlecht bewaffnet und noch schlechter ausgebildet und geführt.Lothar Rühl: Aufstieg und Niedergang des Russischen Reiches, Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1992, S. 175.
Da die schwedische Hauptarmee auf dem polnischen Kriegsschauplatz gebunden war, nutzte Zar Peter I. die Situation und baute Schritt für Schritt die Armee wieder auf. Durch Rekrutierungen konnte die Armee wieder gestärkt werden und umfasste 1705 bereits wieder 200.000 Soldaten, nach 34.000 im Jahr 1700.Duffy: Russia's Military Way to the West, S. 17. Peter I. ernannte ausländische Experten, die die Truppen – ausgestattet mit modernen Waffen – in den Methoden der westeuropäischen Kriegsführung schulen sollten. Um die bei Narva verloren gegangene Artillerie schnell wieder aufzubauen, ließ Peter I. Kirchenglocken konfiszieren, um aus ihnen Kanonen herzustellen. So verfügte im Frühjahr 1701 die russische Armee wieder über 243 Kanonen, 13 Haubitzen und 12 Mörser. Danach wurden weitere Anstrengungen unter der Leitung geschickter holländischer Geschützgießer unternommen, um die Artillerie weiter zu modernisieren. In Lüttich, Europas ältester und wichtigster Waffenfabrik, wurden 15.000 neue Musketen gekauft.
Weitere Punkte der Heeresreform von 1705 und davor:
Die alte Moskowiter Reiterei wurde durch Dragonerverbände ersetzt, die keine reinen Adelsverbände mehr darstellten. Weitere Anstrengungen wurde in dem Aufbau von militärischen Ausbildungsstätten verwendet. Ferner wurden die ehemaligen Spielregimenter Peter des Großen, das Preobraschenski- und das Semjonowski-Regiment als privilegierte Eliteeinheiten der Zaristischen Garde errichtet. Der Adel, der bisher im Rahmen des Adelsaufgebot dienstverpflichtet waren und als Gefolgsleute Dienstlehen erhalten hatten, wurden von nun an als regelmäßig besoldete Offiziere in die Armee eingebunden. Das Unteroffizierskorps und die Mannschaften wurde durch Bauern und Bürger der Städte gestellt. Die Dienstzeit betrug 15–20 Jahre. Als Spezialisten wurden ausländische Fachleute in der Organisation des russischen Heeres integriert, wobei die Schlüsselpositionen von Russen besetzt blieben.