mini|Das „Kind von Taung“ (Replikat), Naturmuseum Senckenberg

Als Kind von Taung wird der fossile Schädel eines Vormenschen bezeichnet, der im Herbst 1924 in Taung in der damaligen Kapprovinz der Südafrikanischen Union entdeckt und auf ein Alter von mehr als zwei Millionen Jahren datiert wurde. Raymond Dart, ein Anatom der University of the Witwatersrand in Johannesburg, erkannte die Bedeutung des Fundes und publizierte ihn Anfang 1925 in der Fachzeitschrift Nature unter dem neuen Art- und Gattungsnamen Australopithecus africanus. Das so genannte „Kind von Taung“ war das seinerzeit älteste bekannte Fossil eines Vorfahren des Menschen und zugleich das erste in Afrika gefundene Vormenschen-Fossil. Es bestätigte die bereits von Charles Darwin aufgestellte Hypothese, dass der Mensch aus Afrika stamme, und leitete ein Umdenken unter den Paläoanthropologen ein, die aufgrund anderer Fossilienfunde in den 1920er-Jahren mehrheitlich der Meinung waren, die Menschwerdung habe in Asien stattgefunden.

Das Fossil von Taung gilt heute als einer der bedeutsamsten Funde in der Geschichte der Paläoanthropologie, weil es sich um den ersten Fund eines völlig neuen, zuvor unbekannten fossilen Homininen handelte. Verwahrort des Schädels ist die University of the Witwatersrand.

Beschreibung des Fossils mini|links|Phillip Tobias und das Kind von Taung (Original) Raymond Dart erhielt den fossilen Schädel am 28. November 1924 von einem Vorarbeiter des Buxton-Kalkstein­bruchs (Northern Lime Company) namens M. de Bruyn, der ihm schon öfters Funde nach Johannesburg geschickt hatte.

Das „Kind von Taung“ gilt bis heute als besonderer Fund unter den Vormenschen. Der Gesichtsschädel ist nahezu unbeschädigt, der Unterkiefer ist vollständig erhalten und verfügt noch über fast alle Zähne: teils Milchzähne, teils bleibende Zähne und noch nicht vollständig durchgebrochene bleibende Zähne. Die Eckzähne sind wesentlich kleiner als bei fossilen und rezenten Affen und insoweit menschenähnlich. Das Hinterhauptsloch, durch das hindurch sich der hinterste Gehirnteil zum Beginn des Rückenmarks erstreckt, ist zudem unterhalb des Schädels angeordnet, nahe am Schwerpunkt. Hieraus kann geschlossen werden, dass Australopithecus africanus aufrecht gehen konnte.

Besonders beeindruckend für die Paläoanthropologen ist jedoch, dass ein natürlicher Ausguss der Gehirnkapsel – des Schädelinnenraums – erhalten blieb, das heißt eine versteinerte Kopie der äußerlich sichtbaren Gestalt des Gehirns; die Windungen des Gehirns sind im Stirnbereich selbst für Laien deutlich erkennbar. Das Gehirnvolumen des Kindes wurde seit 1970 auf 405 Kubikzentimeter geschätzt, das des ausgewachsenen Individuums auf 440 Kubikzentimeter.Ralph L. Holloway: Australopithecine Endocast (Taung Specimen, 1924): A New Volume Determination. In: Science. Band 168, Nr. 3934, 1970, S. 966–968, doi:10.1126/science.168.3934.966. Eine computergestützte Schätzung aus dem Jahr 2007 präzisierte den Wert auf 382 Kubikzentimeter für das Kind und 406 Kubikzentimeter für das erwachsene Individuum.Dean Falk, Ronald J. Clarke: Brief communication: New reconstruction of the Taung endocast. In: American Journal of Physical Anthropology. Band 134, Nr. 4, 2007, S. 529–534, doi:10.1002/ajpa.20697. Wie belastbar diese Schätzung ist, muss sich noch zeigen, denn der sehr gut erhaltene Schädel des ausgewachsenen Exemplars Sts 5 („Mrs. Ples“) wird mit 485 Kubikzentimetern angegeben, siehe dazu Glenn C. Conroy et al.: Endocranial Capacity in an Early Hominid Cranium from Sterkfontein, South Africa. In: Science. Band 260, 1998, S. 1730–1731; doi:10.1126/science.280.5370.1730. Das entspricht ungefähr der Größenordnung des modernen Schimpansen. Zum Vergleich: Das Gehirn des modernen Menschen hat ein ungefähr drei- bis viermal so großes Volumen. Eine weitere Studie 2025 kam allerdings zu dem Ergebnis, dass die Hirnwindungen des Kindes nur geringfügig denjenigen des Schimpansen ähneln, und stärker denen des Menschen.Shawn Hurst et al.: A reanalysis of the Taung endocranial surface: Comparison with large samples of living hominids. In: Journal of Human Evolution. Band 200, 2025, 103637, doi:10.1016/j.jhevol.2024.103637.

Erkennbar ist im Schädelausguss auch eine „Knochennaht“ (metopische Sutur) zwischen beiden Hälften des Stirnschädels, die – wie meist auch bei gleich alten Kindern von Homo sapiens – noch nicht verknöchert war; bei Schimpansen-Jungen im Alter des Taung-Kindes ist diese Naht hingegen bereits verknöchert. Daraus wurde unter anderem geschlossen, dass schon bei Australopithecus africanus die postnatale Zunahme des Gehirnvolumens – ähnlich wie bei Homo – ausgeprägter war als bei den Schimpansen.

mini|Taung-Kind, Ansicht von vorne (Replikat)

Das Alter des Kindes bei seinem Tod wurde aufgrund seiner Bezahnung anfangs auf fünf bis sechs (bis acht) Jahre geschätzt. Heute gehen die meisten Forscher davon aus, dass die Australopithecinen schneller ausgewachsen waren als der heutige Mensch, also eine wesentlich kürzere Kindheit hatten. Man schätzt das Alter daher heute auf etwa drei bis vier Jahre.Dean Falk et al.: Metopic suture of Taung (Australopithecus africanus) and its implications for hominin brain evolution. In: PNAS. Band 109, Nr. 22, 2012, S. 8467–8470, doi:10.1073/pnas.1119752109. Seine Körpergröße wird auf etwa einen Meter geschätzt, das Körpergewicht auf ca. 10 bis 12 Kilogramm.Anders Hedenström: Lifting the Taung child. In: Nature. Band 378, 1995, S. 670, doi:10.1038/378670a0, Volltext. Auch der Zeitraum, in dem das „Kind von Taung“ lebte, konnte nur geschätzt werden, und zwar anhand von in derselben Schicht gefundenen anderen Fossilien, der Begleitfauna, denn die unmittelbare Umgebung des Fundortes wurde durch den Abbau des Kalksteins (Dolomit) zerstört, bevor genaue Analysen möglich waren. In der Fachliteratur wird daher häufig ein Alter von zwei bis drei Millionen Jahren genannt; aus den zugleich gefundenen Tierfossilien wurde auf ein Alter von ca. 2,4 Millionen Jahren geschlossen, einige Veröffentlichungen nennen aber auch 2,8 Millionen Jahre.Taung Child. Auf dem Server der Smithsonian Institution (humanorigins.si.edu), zuletzt eingesehen am 15. März 2022.

Dank seiner ärztlichen, neuroanatomischen Ausbildung erkannte Raymond Dart sofort, dass das Fossil zwar ein affenähnliches Gesicht besaß, sein Gehirn – beispielsweise im Bereich des Occipitallappens und dort speziell die Form des sulcus lunatus – und die Bezahnung jedoch menschenähnlich waren. Dart argumentierte daher in seiner noch im Dezember 1924 verfassten und bereits am 7. Februar 1925 in Nature veröffentlichten ErstbeschreibungRaymond A. Dart: Australopithecus africanus: The man-ape of South Africa. In: Nature. Band 115, 1925, S. 195–199, doi:10.1038/115195a0, (Volltext, PDF; 456 kB). offensiv, dass wichtige Merkmale des kleinen Schädels stärker menschenähnlich als affenähnlich seien: „Die Wangenbeine, die Jochbögen, Oberkiefer und Unterkiefer lassen zarte, menschenähnliche Charakteristika erkennen.“ („The malars, zygomatic arches, maxillae, and mandible all betray a delicate humanoid character.“)R. Dart, in Nature (1925), S. 196. Ähnliches gelte für das Gehirn, das gleichfalls mehr menschenähnliche als affenähnliche Merkmale aufweise: Das „Kind von Taung“ sei daher einzuordnen als Mosaikform, das heißt als Mitglied „eines ausgestorbenen Geschlechts von Affen, das ein Zwischenglied darstellt zwischen den Menschenaffen der Gegenwart und dem Menschen“ („an extinct race of apes intermediate between living anthropoids and man.“).R. Dart, in Nature (1925), S. 195 (im Original kursiv).

Diese Deutung wurde von seinen britischen Forscherkollegen und vormaligen akademischen Förderern jedoch brüsk zurückgewiesen: Ihnen erschien das Gehirn des Fossils viel zu klein und zu affenähnlich, als dass sie den Schädel in die Nähe des Menschen hätten stellen wollen.

Forscherstreit um die Stellung des Fundes im Stammbaum des Menschen Der Herausgeber der Fachzeitschrift Nature empfing Darts Manuskript zum „Kind von Taung“ am 30. Januar 1925 und reichte es bereits vier Tage später an vier Anthropologen weiter, unter anderem an Darts akademische Förderer Grafton Elliot Smith und Arthur Keith. Dem Herausgeber war bewusst, dass Darts Manuskript eine heftige Debatte auslösen würde, und er beabsichtigte daher, diese Debatte in seiner Zeitschrift mit den vier erbetenen gutachterlichen Stellungnahmen zu beginnen.

Die Veröffentlichung des Dart-Manuskriptes am 7. Februar 1925 wurde von den Tageszeitungen umgehend als Bericht über ein neu entdecktes Missing Link gefeiert. Am 14. Februar, im nächstfolgenden Heft von Nature, wiesen drei der vier Gutachter die Deutung des Fossils durch Dart jedoch mit Nachdruck zurück.Die vier Kommentare erschienen unter dem gemeinsamen Titel The Fossil Anthropoid Ape from Taungs in Nature, Band 115, 1925, S. 234–236, doi:10.1038/115234a0. Keith schlug vor, das Fossil in die Verwandtschaft der Gorillas und Schimpansen einzuordnen, und Elliot Smith tat Darts Analyse kurzerhand als unüberlegt ab. Der führende britische Paläontologe Arthur Smith Woodward – der 1912 dem Piltdown-Menschen bescheinigt hatte, ein Bindeglied zwischen Affe und Mensch zu sein – lehnte die Deutung Darts ab, die nahegelegt hätte, die Entwicklung zum Menschen habe in Afrika stattgefunden: „Es ist voreilig, ein Urteil darüber zu fällen, ob die direkten Vorfahren des Menschen in Asien oder in Afrika zu suchen sind. Das neue Fossil aus Afrika hat gewiss nur geringen Einfluss auf die Klärung dieser Frage.“„It is premature to express any opinion as to whether the direct ancestor of man are to be sought in Asia or in Africa. The new fossil from Africa certainly has little bearing on the question.“ Zitiert nach R. Lewin, Bones of Contention, S. 51. Nur der vierte Gutachter, der Anthropologe Wynfrid Lawrence Henry Duckworth von der Universität Cambridge, äußerte sich zurückhaltender, schloss sich aber gleichfalls den Schlussfolgerungen Darts nicht an.

In den folgenden Monaten verschärfte sich die Ablehnung der Dart-Veröffentlichung bis hin zu offener Feindseligkeit. Elliot Smith hielt im Juni 1925 seinem ehemaligen Assistenten vor, keine Kenntnisse der Anatomie von jungen Schimpansen und Gorillas zu haben und daher zu verkennen, dass die angeblich menschenähnlichen Merkmale des Taung-Schädels im Wesentlichen identisch seien mit denen junger Menschenaffen. Keith veröffentlichte am 22. Juni 1925 in Nature eine zweite Stellungnahme, in der er – ohne bis dahin den Schädel aus der Nähe gesehen zu haben – vorhersagte, dass eine Beurteilung des Fundes durch wirkliche Fachleute dazu führen werde, Darts Interpretationen als „lächerlich“ (preposterous) darzustellen. Auch nachdem Elliot Smith und einige seiner Zeitgenossen Abgüsse des Fossils auf der British Empire Exhibition – unter Glas – in Augenschein genommen hatten,Lydia Pyne: The Taung Child: The Rise of a Folk Hero. Kapitel 3 in: Dies.: Seven Skeletons. The Evolution of the World’s Most Famous Human Fossils. Viking, New York 2016, S. 93, ISBN 978-0-525-42985-2. blieben sie bei ihrer Auffassung, es handele sich zweifelsfrei um einen Affen. Selbst die Namensgebung wurde lächerlich zu machen versucht: In Nature vom 28. März 1925 wurde die griechisch-lateinische Wortschöpfung Australopithecus von einem anonymen Autor ironisch als „widerlicher Mischling“ (unpleasing hybrid) bezeichnet.