mini|Die Lage der beiden Hauptinseln im Golf von Guinea Die Geschichte São Tomés und Príncipes bezieht sich auf ein halbes Jahrtausend kolonialer Geschichte dieser Inseln und auf gut drei Jahrzehnte Geschichte des gleichnamigen Staates. Eine vorkoloniale Geschichte der Inseln gibt es nicht, da sie zum Zeitpunkt der Ankunft der Portugiesen – wahrscheinlich – unbewohnt waren. Allerdings gibt es jeweils eine Geschichte der Vorfahren der einzelnen Gruppen heutiger Bewohner, die auf die Kultur und Geschichte der Inseln Einfluss nahm. Für die Nachfahren afrikanischer Sklaven verweist diese Geschichte auf die Völker und Reiche des südlichen Afrikas, insbesondere Angolas, für die Nachfahren deportierter Juden auf die sephardischen Gemeinden Spaniens und für die Nachfahren portugiesischer Einwanderer auf das mittelalterliche Portugal.
Kolonialzeit Entdeckung und Kolonialisierung: 1471 bis 1850 mini|Portugiesische Festung auf São Tomé mini|Die Inseln Príncipe und der nördliche Teil São Tomés auf einer Karte von 1729 Die Insel São Tomé wurde am 21. Dezember 1471 von dem portugiesischen Kapitän João de Santarém entdeckt und für Portugal in Besitz genommen. Príncipe erreichte er als erster Europäer wenige Wochen später, am 17. Januar 1472. Santarém segelte im Auftrag des Kaufmanns Fernão Gomes, der vom portugiesischen König Alfons V. (genannt „der Afrikaner“) das Recht erworben hatte, jährlich eine bestimmte Strecke afrikanischer Küste im Namen der portugiesischen Krone auf eigene Kosten zu erkunden. Zum Zeitpunkt der Entdeckung waren beide Inseln unbewohnt. Príncipe erhielt zuerst den Namen Santo Antonio, 1502 wurde es in Príncipe umbenannt.
1485 gab es einen ersten Versuch, die Inseln zu besiedeln. Erfolgreich war 1495 Álvaro de Caminha mit einer dauerhaften Siedlung auf São Tomé. Caminha hatte dort Land als Lehen vom portugiesischen König erhalten. Auf Príncipe wurde 1500 eine Siedlung, ebenfalls als Lehen eines portugiesischen Adligen errichtet.
Die Mehrheit der ersten Siedler kam nicht freiwillig. Neben Strafgefangenen aus Portugal und Sklaven aus dem südlichen Afrika sandten die Portugiesen 2000 Kinder von aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden auf die Inseln. 1492 waren diese Juden nach Portugal geflüchtet, wo die entsprechenden antijüdischen Erlasse erst 1496 in Kraft traten. In Portugal wurden sie mit hohen Steuern belegt, die die meisten nicht zahlen konnten. In dieser Situation ließ der portugiesische König ihnen ihre Kinder nehmen und nach São Tomé deportieren. Noch heute sind sich viele Bewohner São Tomés dieses Ursprungs bewusst.
1506 lebten auf São Tomé 1000 freie Einwohner, davon 600 jüdische Kinder, und 2000 Sklaven. Die Inseln wurden zum Umschlagplatz für den portugiesischen Sklavenhandel. Jedes Jahr wurden von hier aus etliche tausend Sklaven auf die Plantagen des portugiesischen Brasiliens und in die Karibik verschifft. Zudem wurde hier von Sklaven Zuckerrohr angebaut. Ende des 16. Jahrhunderts wurden jährlich bis zu 12.000 Tonnen Zucker produziert. Ein erster Sklavenaufstand fand im Jahr 1526 statt.Howard W. French: Afrika und die Entstehung der modernen Welt: Eine Globalgeschichte, Klett-Cotta, Stuttgart 2023, ISBN 978-3-608-98667-9, Kapitel 8 Ab 1572 war São Tomé und 1573 auch Príncipe direkt der portugiesischen Krone unterstellt.
mini|Einfahrt zum Hafen der Insel Príncipe, Ansicht von 1727 Zu Beginn des 17. Jahrhunderts veränderte sich die Situation. In den ersten 100 Jahren der Inselgeschichte waren immer wieder Sklaven entflohen und hatten sich in schwer zugänglichen Teilen São Tomés niedergelassen. Diese Menschen wurden nach dem Hauptherkunftsgebiet der Sklaven Angolares genannt. Es kam zunehmend zu Angriffen von Angolares sowie von französischen oder niederländischen Freibeutern auf Siedlungen und Plantagen. Die Plantagenwirtschaft war davon besonders betroffen. Zudem machte sich die Konkurrenz der Zuckerplantagen in Brasilien bemerkbar und die Zuckerproduktion sank auf ein Zehntel. Viele wohlhabende Portugiesen verließen die Inseln, ließen sich in Brasilien nieder und investierten dort in Plantagen. Das Interesse des „Mutterlandes“ an den Inseln ließ nach und São Tomé und Príncipe öffneten ihre Häfen den Schiffen aller Nationen, die Handel zwischen Afrika und Südamerika trieben. Sklavenaufstände bedrohten die isolierte Kolonie von nun ab immer wieder. 1844 lebten auf den Inseln 185 Weiße, 7054 so genannte filhos de terra („Söhne der Erde“), Nachfahren portugiesischer Einwanderer und afrikanischer Mütter, 5514 Sklaven und 1200 bis 1300 Angolares. Die Freien lebten überwiegend auf São Tomé (6000 Menschen), die Sklaven überwiegend auf Príncipe (3300 Menschen).
Zweite Kolonialisierung: 1850 bis 1950 mini|Kathedrale aus der Kolonialzeit auf São Tomé Das Ende der portugiesischen Herrschaft über Brasilien im Jahr 1822 trug mit zur so genannten „2. Kolonialisierung“ der Inseln bei. Portugiesen aus dem Mutterland begannen nun wieder in der verbliebenen Kolonie São Tomé und Príncipe in Plantagen zu investieren. Häufig wendeten diese zumeist in Portugal sitzenden Großgrundbesitzer über ihre Verwalter Betrug und Gewalt an, um an das Land der kleinen kreolischen Pflanzer zu kommen. Bald besaßen portugiesische Gesellschaften und im „Mutterland“ residierende Großgrundbesitzer die Masse des fruchtbaren, vulkanischen Bodens der Insel São Tomé. Ihre großen Pflanzungen wurden rocas genannt. Sie führten zwei neue Plantagenpflanzen ein: Kaffee und vor allem Kakao. 1869 wurde die Sklaverei in Portugal und seinen Kolonien verboten, doch waren die Sklaven zu weiteren neun Jahren Arbeit für ihre alten Herren verpflichtet. De facto endete die Sklaverei auf São Tomé und Príncipe erst 1878. (Bezahlte) Zwangsarbeit bestand für Jahrzehnte weiter. Die Einheimischen setzten die Arbeit auf den großen Plantagen zumeist (nicht ganz zu Unrecht) mit Sklavenarbeit gleich und verweigerten sich ihr. Ab 1875 warben die Portugiesen daher Kontraktarbeiter („servicais“) auf dem afrikanischen Festland an. Den kleinen einheimischen Pflanzern war diese Anwerbung verboten, daher traf sie die Abschaffung der Sklaverei in besonderem Maße.
Um 1900 bestand bereits eine knappe Mehrheit der 42.000 Bewohner der Inseln aus Kontraktarbeitern vom Festland. 1908 war São Tomé der größte Kakaoproduzent der Welt. Ein britischer Journalist, Henry Nevinson, machte 1909 die Öffentlichkeit Großbritanniens auf die „Moderne Sklaverei“ (so auch der Titel seiner Schrift) der Kontraktarbeit auf São Tomé aufmerksam und bewog den Schokoladeproduzenten William Cadbury zum Boykott des „Sklavenkakaos“ von der Insel. Der Boykott zwang die Portugiesen 1909, den zu diesem Zeitpunkt 35.000 Kontraktarbeitern und ihren im Lande geborenen Nachfahren (den „Tongas“) die Rückkehr in ihre jeweilige Heimat zu ermöglichen. Die Großgrundbesitzer verschafften sich daraufhin Strafgefangene aus der portugiesischen Kolonie Mosambik und warben Arbeiter von den portugiesischen Kapverden an. Zwischen Einheimischen und Kapverdiern gab es häufig Konflikte aufgrund sprachlicher und kultureller Unterschiede, die von der Kolonialverwaltung geschürt wurden.
Erste Organisationen und das Massaker von Batepá mini|Wappen von São Tomés und Príncipe ab 1935 Die wirtschaftliche Situation der Inseln verschlechterte sich ab der Jahrhundertwende zunehmend. Dennoch konnten viele wohlhabende Einheimische ihre Söhne zum Studium nach Portugal schicken. Hier im „Mutterland“ gründeten diese verschiedene Zeitungen und 1919 auch den emanzipatorischen Verein „Liga Africana“. Auf den Inseln selbst hatten 1911 (dem Jahr der Einführung der Republik in Portugal) kreolische Pflanzer die „Liga dos Interesses Indigenas“ also die „Liga für die Interessen der Einheimischen“, gegründet, die sich gegen die portugiesischen Großgrundbesitzer richtete. 1926 wurde die Liga verboten.
1937 versuchte die Kolonialverwaltung, die Einheimischen durch die Einführung einer Kopfsteuer zur Arbeit auf den Plantagen zu zwingen. 1951 wurden die Inseln ohne weitere praktische Auswirkungen zur Überseeprovinz erklärt. Gouverneur Carlos de Souza Gorgulho verdreifachte die Kopfsteuer 1952 auf 90 Escudos – entsprechend 90 Tage Zwangsarbeit. Zudem untersagte er die lukrative Produktion von Palmwein und ließ Menschen für ein Bauprogramm in der Hauptstadt zur Zwangsarbeit zusammentreiben. Die Aufseher waren häufig aus dem Gefängnis entlassene Kriminelle, teilweise sogar Mörder, die Behandlung der Arbeiter schlecht. Das Gerücht, die einheimischen Landbesitzer sollten zugunsten neu angeworbener Kapverdier enteignet werden, führte 1953 zu einem Aufstand, der als „Batepá-Massaker“ bekannt wurde. Je nach Quelle forderte dieser Aufstand bzw. seine Unterdrückung durch Soldaten, weiße Freiwillige, Kriminelle und Kontraktarbeiter zwischen einigen hundert und bis zu 2000 Opfern. Die Regierung ließ zahlreiche Personen deportieren und verurteilen, während der verantwortliche Gouverneur und andere Personen ausgezeichnet wurden. Später musste Gouverneur Gorgulho allerdings auf seinen Posten verzichten. Der Aufstand löste den Beginn eines nationalen Bewusstseins auf den Inseln aus, gleichzeitig war danach der Widerstand der Einheimischen gegen die Plantagenarbeit endgültig gebrochen. Heute ist der Tag des Aufstands ein nationaler Feiertag.
Der Weg in die Unabhängigkeit mini|Kakaobohnen Europäische Beobachter verglichen in den 1950er und 1960er Jahren die Arbeitsbedingungen auf den Roças von São Tomé mit denjenigen der schwarzen Arbeiter auf den Baumwollfeldern Virginias oder Brasiliens im 19. Jahrhundert. Dennoch entwickelte sich im Gegensatz zu den portugiesischen Kolonien Angola, Mosambik oder Portugiesisch-Guinea auf dem afrikanischen Festland auf den Inseln keine bewaffnete Aufstandsbewegung. Organisierten Protest gab es fast ausschließlich im Exil. 1960 wurde der CLSTP, Comissao de Libertacao de São Tomé e Principe (Ausschuss für die Befreiung São Tomés und Principes) gegründet und 1964 von der Organisation für Afrikanische Einheit als Befreiungsbewegung anerkannt. Chef der Niederlassung des CLSTP im benachbarten Gabun war Miguel Trovoada, der spätere Premier des Staates São Tomé und Príncipe. Die Unterstützung, die er von Gabun erfuhr, war nicht uneigennützig. Gabun spekulierte auf eine Angliederung der Inseln an sein Staatsgebiet. 1972 benannte sich der „Ausschuss“ in „Bewegung“ um und hieß von nun ab Movimento de Libertação de São Tomé e Príncipe (MLSTP). Auf den Inseln selbst blieb es aufgrund der Einschüchterung durch die koloniale Polizei „ruhig“.
Im April 1974 wurde das diktatorische Regime des Marcelo Caetano in Portugal gestürzt und die Entlassung der afrikanischen Kolonien in die Unabhängigkeit beschlossen. Im September forderten Streiks und Demonstrationen mehrere Todesopfer, ein großer Teil der 2000 weißen Portugiesen verließ die Insel in der letzten Phase vor der Unabhängigkeit. Die portugiesische Regierung erkannte die MLSTP als Vertreterin des Volkes von São Tomé und Principe für Gespräche zur Vorbereitung der Unabhängigkeit in Algier Ende 1974 an. Am 6. Juli 1975 wurden Wahlen unter den Bedingungen eines Einparteiensystems abgehalten und am 12. Juli 1975 übertrug die portugiesische Regierung einer Verfassunggebenden Versammlung alle Gewalt. Ihr Sprecher Nuno Xavier erklärte am selben Tag die Unabhängigkeit des neuen Staates São Tomé und Principe.
Bis 1961, als alle Bewohner die portugiesische Staatsangehörigkeit erhielten und bei lokalen Wahlen abstimmen konnten, waren alle Einheimischen vom Wahlrecht ausgeschlossen.June Hannam, Mitzi Auchterlonie, Katherine Holden: International Encyclopedia of Women’s Suffrage. ABC-Clio, Santa Barbara, Denver, Oxford 2000, ISBN 1-57607-064-6, S. 10. Das aktive und passive Frauenwahlrecht wurde am 12. Juli 1975 eingeführt.Mart Martin: The Almanac of Women and Minorities in World Politics. Westview Press Boulder, Colorado, 2000, S. 332.
Der unabhängige Staat Wirtschaftlicher Niedergang und Diktatur 1975 bis 1991