mini|Neonaziaufmarsch gegen die Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944 in München, 12. Oktober 2002 Als Wehrmachtsausstellung werden zwei Wanderausstellungen des Hamburger Instituts für Sozialforschung bezeichnet, die von 1995 bis 1999 und von 2001 bis 2004 zu sehen waren. Die erste hatte den Titel Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944, die zweite Verbrechen der Wehrmacht. Dimensionen des Vernichtungskrieges 1941–1944. Beide machten die Verbrechen der Wehrmacht in der Zeit des Nationalsozialismus, vor allem im Krieg gegen die Sowjetunion, einer breiten Öffentlichkeit bekannt und lösten Kontroversen dazu aus. Nach der Kritik an der ersten Ausstellung setzte die zweite andere Akzente, bekräftigte aber die Grundaussage von der Beteiligung der Wehrmacht am Vernichtungskrieg des NS-Regimes gegen die Sowjetunion, am Holocaust sowie am Völkermord an den Sinti und Roma.

Erste Wehrmachtsausstellung Vorläufer Vor 1991 hatten verschiedene gesellschaftliche Gruppen Projekte zum Gedenken an den 50. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 initiiert. So gaben evangelische Arbeitsgemeinschaften den Sammelband Brücken der Verständigung heraus.Elisabeth Raiser und andere (Hrsg.): Brücken der Verständigung. Für ein neues Verhältnis zur Sowjetunion. Im Auftrag der Arbeitsgemeinschaften Solidarische Kirche Westfalen und Lippe. Gütersloh 1986

Um breiteren Bevölkerungsschichten, besonders Schülern und Jugendlichen, neue historische Forschungsergebnisse zu sowjetischen Kriegsopfern, deutschen Vernichtungsplänen vor 1941, zu deren ideologischen und gesellschaftlichen Wurzeln und zu der Beteiligung deutscher Führungseliten daran zu vermitteln, konzipierten Reinhard Rürup und andere 1991 die Berliner Ausstellung Der Krieg gegen die Sowjetunion.Reinhard Rürup (Hrsg.): Der Krieg gegen die Sowjetunion, 1941–1945: eine Dokumentation. 2. Auflage, Argon, Berlin 1991, ISBN 3870241888 (Ausstellungskatalog) Diese fand außerhalb Berlins kaum Beachtung.

Dauer, Orte, Besucherzahlen Die erste Wehrmachtsausstellung trug den Titel Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 und war anfangs als kleinerer Teil der größeren Ausstellung 200 Tage und 1 Jahrhundert vorgesehen. Diese behandelte die Zeit zwischen der Befreiung von Auschwitz (27. Januar 1945) und dem Tag der Kapitulation Japans im Zweiten Weltkrieg und lief vom 29. Januar 1995 bis 1. Oktober 1996. auf der Website des Hamburger Instituts für Sozialforschung (Abruf am 20. Januar 2015).

Die erste Wehrmachtsausstellung wurde am 5. März 1995 – dem fünfzigsten Jahr nach Kriegsende – in Hamburg eröffnet und bis zum 4. November 1999 in 34 Städten Deutschlands und Österreichs gezeigt: Berlin, Potsdam, Stuttgart, Wien, Innsbruck, Freiburg, Mönchengladbach, Essen, Erfurt, Regensburg, Klagenfurt, Nürnberg, Linz, Karlsruhe, München, Frankfurt am Main, Bremen, Marburg, Konstanz, Graz, Dresden, Salzburg, Aachen, Kassel, Koblenz, Münster, Bonn, Hannover, Kiel, Saarbrücken, Köln, erneut in Hamburg und Osnabrück.

Sie wurde von bekannten Persönlichkeiten mit Reden eröffnet: zum Beispiel von Klaus von Bismarck in Hamburg, Iring Fetscher in Potsdam, Erhard Eppler in Stuttgart, Johannes Mario Simmel in Wien, Diether Posser in Essen, Jutta Limbach in Karlsruhe, Christian Ude in München, Hans Eichel und Ignatz Bubis in Frankfurt, Hans-Jochen Vogel in Marburg, Franz Vranitzky in Salzburg, Avi Primor in Aachen und Johannes Rau in Bonn. Sie fand in vier Jahren etwa 900.000 Besucher aller Bevölkerungsschichten, Berufsgruppen und Altersstufen und wurde national wie international vielfältig beachtet. Besonders ab 1997 übertrafen die Besucherzahlen die Erwartungen weit: Mehrstündige Wartezeiten wurden vielfach zur Regel, der Ausstellungskatalog wurde zum Bestseller.

Weitere 80 Städte hatten die Ausstellung angefordert. Geplant waren Ausstellungstermine bis zum Jahr 2005, auch im Ausland. Anfragen dazu kamen aus Australien, China, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Israel, Italien, Japan, Luxemburg, den Niederlanden, Russland und Tschechien. 1999 wurde für die USA eine englischsprachige Fassung erstellt. Der englischsprachige Katalog erschien in New York City.

Autoren, Themen, Hauptaussagen mini|Hannes Heer. Aufnahme aus dem Jahr 2017 Die Ausstellung wurde von Hannes Heer initiiertHelmuth Lethen: Der Schatten des Fotografen. Bilder und ihre Wirklichkeit. 1. Auflage, Berlin 2014, ISBN 978-3-87134-586-9, S. 152. und von vier Historikern im Auftrag des Hamburger Sozialforschungsinstituts ein Jahr lang vorbereitet: Hannes Heer, Bernd Boll, Walter Manoschek und Hans Safrian. Die visuelle Konzeption und Gestaltung stammten von Christian Reuther und Johannes Bacher. Die inhaltliche Gesamtleitung lag bei Hannes Heer.

Auf rund 400 Quadratmetern präsentierte die Ausstellung auf Schautafeln verschiedene Dokumente und Fotografien. Ein Aspekt war die „Bilderwelt der Nachkriegsjahre“. Von den Schauplätzen der Kriegszeit standen drei im Mittelpunkt: Serbien und der Partisanenkrieg, der Weg der 6. Armee nach Stalingrad sowie die Jahre der Besatzung in Belarus. Zentrales Narrativ der Ausstellung war der „Mikrokosmos der militärischen Gewalt gegen Kriegsgefangene, Partisanen, Juden und die gesamte Zivilbevölkerung“.Hannes Heer: Wie kann man die Geschichte des Holocaust und des Vernichtungskrieges erzählen? Über Erinnerungspolitik in einer erinnerungsresistenten Gesellschaft. In: Hannes Obermair, Sabrina Michielli (Hrsg.): Erinnerungskulturen des 20. Jahrhunderts im Vergleich – Culture della memoria del Novecento al confronto. Bozen 2014, ISBN 978-88-907060-9-7, S. 115–153, hier S. 125. Dem Verwischen der Spuren war ein weiterer Bereich gewidmet. Die Installation in der Zentrale der Ausstellung hatte die Form eines Eisernen Kreuzes. Hier waren unkommentierte, kleinformatige Fotografien ausgestellt. Die Überschriften dazu lauteten „Judenquälen“, „Galgen“, „tote Zonen“, „Genickschüsse“, „Gefangenschaft“ und „Deportationen“.

So dokumentierte die Ausstellung die aktive Beteiligung der deutschen Wehrmacht an NS-Verbrechen in vier Hauptbereichen: dem Holocaust, der Ausraubung und Plünderung der besetzten Gebiete, den Massenmorden an der Zivilbevölkerung und der Vernichtung sowjetischer Kriegsgefangener.Hamburger Institut für Sozialforschung (Hrsg.): Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944. (Ausstellungskatalog) Hamburger Edition, 1. Auflage, Hamburg 1996, ISBN 3-930908-24-7; Jan Philipp Reemtsma: (ungekürzt in Mittelweg 36, Heft 3/2004)

Die breite Öffentlichkeit nahm so erstmals historisch gut erforschte, aber damals allgemein noch wenig bekannte Sachverhalte zur Kenntnis: den Beginn des Holocaust in den besetzten Gebieten der Sowjetunion, den die Wehrmachtsführung mit plante und dann arbeitsteilig mit durchführte, die Beteiligung ganzer Truppenteile an diesen Verbrechen, wobei Widerstand bis auf wenige Ausnahmen ausblieb, den in Wehrmachtsführung wie einfachen Truppen weit verbreiteten Antisemitismus und Rassismus, die verbrecherischen Befehle (zum Beispiel den Kommissarbefehl) und ihre weithin widerspruchslose Ausführung und die als Kriegsziel beabsichtigte millionenfache Vernichtung der osteuropäischen Zivilbevölkerung.

Darstellungsform Die Ausstellung bot die Einzelthemen auf Stellwänden mit Schriftstücken und zeitgenössischen, meist privaten und oft illegal aufgenommenen Fotografien ehemaliger Wehrmachtssoldaten dar. Die Herkunft der Dokumente war bei ihnen jeweils angegeben. Sie standen unter thematischen Überschriften wie „Verbrecherische Befehle der Wehrmachtsführung“, davon unterschieden „Verbrecherische Befehle vor Ort“. Andere Kapitel lauteten: „Ein ganz normaler Krieg“, „Die Todgeweihten“ oder „Verlorene Siege“.

Vier Stellwände waren im Ausstellungsraum so zusammengestellt, dass sie ein Eisernes Kreuz darstellten. An den Außenseiten wurden unter der Überschrift „Sprache der Gewalt“ verschiedene Propagandatexte aus den Jahren 1930/32 gezeigt, die den Krieg, Deutschland und das deutsche Soldatentum verherrlichten. Weitere Außenseiten zeigten den „Alltag des Verbrechens“ mit Zitaten aus Feldpostbriefen und Geständnissen deutscher Soldaten in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Die Innenwände zeigten Fotografien von Ausschreitungen gegen sowjetische Juden, das Leben von Kriegsgefangenen, Deportationen und Vertreibungen von Zivilisten.

Die Darbietung kombinierte die Fotografien der Verbrechen mit Dokumenten der vorausgegangenen Befehle und der nachfolgenden Leichenverbrennung, Aktenvernichtung, Urkundenfälschung und Verdrängung nach dem Krieg. Dies sollte zeigen, dass die NS-Ideologie ihr Ziel, sowohl die dazu bestimmten Kriegsgegner als auch die Erinnerung an sie und die Verbrechen an ihnen auszulöschen, in den ersten Nachkriegsjahren teilweise erreichte.

Reaktionen Medien Viele Medien berichteten über die Ausstellung und bewerteten sie positiv. Die „Legende der sauberen Wehrmacht“ sei nicht mehr haltbar.

Dennoch kam es in den Medien zu erheblichen Kontroversen. Der ehemalige Fernsehjournalist Rüdiger Proske kritisierte wenige Tage nach Beginn der Ausstellung: Der Überfall auf die Sowjetunion sei nicht der Auftakt zu einem Rassen- und Vernichtungskrieg gewesen, sondern „in erster Linie imperialistisch motiviert“. Proske warf Hannes Heer zudem rigorose Fehlurteile vor und fürchtete eine gesellschaftliche Ausgrenzung der Bundeswehr.„Ihm blieb die Todesangst erspart“. Rüdiger Proske zu Hannes Heers Ausstellung Verbrechen der Wehrmacht 1941–1944 auf Kampnagel. Die Welt, 13. März 1995. Günther Gillessen kritisierte am 6. Februar 1996 in der FAZ die ausgestellten Dokumente als „Zeugnisse eines vagabundierenden Schuldempfindens“. Die allmächtige SS sei für die Verbrechen verantwortlich, Übergriffe der Wehrmacht seien nur Folge von Stalins brutaler Kriegsführung hinter den deutschen Linien gewesen. Die Ausstellung sei ein unwissenschaftliches „Pamphlet“, das ein „Bedürfnis der Betroffenheit“ befriedige.Günther Gillessen: Zeugnisse eines vagabundierenden Schuldempfindens. FAZ, 6. Februar 1996, S. 33 (archiviert bei Genios, kostenpflichtig). Zitiert nach Hannes Heer: Von der Schwierigkeit, einen Krieg zu beenden. Reaktionen auf die Ausstellung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 1997, Heft 12, S. 1086–1100, hier S. 1094.

Besonders intensiv verliefen die Debatten in Bremen und München 1996/1997. In der Münchner Tagespresse erschienen gegen die Ausstellung gerichtete Großanzeigen. Auch in anderen Orten kam es im Vorfeld zu öffentlichen Diskussionen über Inhalt und Form der Ausstellung. Rüdiger Proske machte sich die Bekämpfung der Ausstellung zur Aufgabe und gab dazu eine etwa 100 Seiten starke „Streitschrift“ mit dem Titel „Wider den Mißbrauch der Geschichte deutscher Soldaten zu politischen Zwecken“ heraus. Er schrieb zudem an den Bundeskanzler, alle deutschen Bundestagsabgeordneten, Kultusminister und Bürgermeister der geplanten Ausstellungsorte und forderte sie auf, die Ausstellung abzulehnen und nicht zu zeigen.

1999 wurde die breite gesellschaftliche Debatte zur Rolle der Wehrmacht in der NS-Zeit vielfach als positive Ausstellungswirkung hervorgehoben, so von Ulrich Raulff am 1. September 1999 in der FAZ: Ulrich Raulff: Schockwellen. FAZ, 1. September 1999

Politik Die Absicht, die Wehrmachtsausstellung zu zeigen, löste schon kurz nach der Eröffnung der Ausstellung in vielen Städten anhaltende Konflikte aus. Während die Gegner sie als pauschale Verleumdung aller Wehrmachtsangehörigen und darüber hinaus der deutschen Soldaten sahen, begrüßten die Befürworter sie als notwendige Aufklärung über ein dunkles Kapitel der deutschen Vergangenheit. Oft verteilten sich Gegner und Befürworter entlang parteipolitischen Frontlinien.