mini|Stefan Weinfurter, aufgenommen von Ernst-Dieter Hehl im Jahr 2006 Stefan Weinfurter (* 24. Juni 1945 in Prachatitz, Tschechoslowakei; † 27. August 2018 in Mainz) war ein deutscher Historiker, der die Geschichte des frühen und hohen Mittelalters erforschte.

Weinfurter bekleidete Lehrstühle für Mittelalterliche Geschichte an den Universitäten Eichstätt (1982–1987), Mainz (1987–1994), München (1994–1999) und Heidelberg (1999–2013). Seine Bücher, etwa über die beiden heiligen Kaiser des Mittelalters, Karl den Großen und Heinrich II., über das Reich im Mittelalter oder über Kaiser Heinrichs IV. Gang nach Canossa, haben weite Verbreitung gefunden. Er führte den Begriff der „Ordnungskonfigurationen“, der das Mit- und Gegeneinander mittelalterlicher Ordnungen beschreibt, in die mediävistische Diskussion ein. Ab den 1990er Jahren war er mit Bernd Schneidmüller an nahezu allen großen Mittelalterausstellungen in Deutschland federführend beteiligt. Als Herausgeber der wissenschaftlichen Begleitbände zur rheinland-pfälzischen Landesausstellung „Das Reich der Salier 1024–1125“ in Speyer 1992 und durch zahlreiche weitere Veröffentlichungen erwies sich Weinfurter als einer der besten Kenner der Epoche der salischen Kaiser.

Leben

Frühe Jahre Stefan Weinfurter kam als Sohn des Lehrers Julius Weinfurter und dessen aus einer Anwaltsfamilie stammenden Frau Renata, geborene Lumbe Edle von Mallonitz (1922–2008) im südböhmischen Prachatitz zur Welt. Der mütterliche Vorfahre Josef Thaddeus Lumbe von Mallonitz war 1867 geadelt worden.Internationale Vereinigung der Edelleute: Lumbe Edle von Mallonitz. Weinfurters Vater, im Zweiten Weltkrieg zum Kriegsdienst eingezogen, starb noch vor der Geburt des Sohnes im US-amerikanischen Kriegsgefangenenlager Büderich – am 8. Mai 1945, dem Tag der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht. Im Februar 1946 wurden Mutter und Sohn aus der Tschechoslowakei vertrieben. Weinfurter wuchs daher in Hechendorf am Pilsensee, dann seit 1958 in München und Geretsried auf.Renate Edle Lumbe von Mallonitz: Der letzte Herbst. Ein historischer Roman aus Böhmen. Heidelberg 2009, S. 143–145. Die böhmische Herkunft und die familiäre Neuintegration hinterließen auf Weinfurter einen nachhaltigen Eindruck.Bernd Schneidmüller: Stefan Weinfurter, Reichenau, 9. Oktober 2018; Bernd Schneidmüller: Stefan Weinfurter (24.6.1945 – 27.8.2018). In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2018. Heidelberg 2019, S. 199–202, hier: S. 199 (online).

Das Abitur legte er im Juli 1966 am Karlsgymnasium München ab. Danach studierte Stefan Weinfurter 1966/67 für ein Semester Physik an der TH München. Anschließend begann er zum Sommersemester 1967 ein Studium der Geschichte, Germanistik und Erziehungswissenschaften an der Universität München, das er im Sommersemester 1971 abschloss. Das Proseminar in Mittelalterlicher Geschichte belegte er bei Johannes Spörl, bei dem er im Anschluss an die Proseminararbeit über Karl IV. studentische Hilfskraft wurde. Im Jahr 1970 legte Weinfurter in München das Staatsexamen ab. Von Wintersemester 1971/72 bis Wintersemester 1972/73 studierte er Geschichte und Germanistik an der Universität zu Köln. 1971/72 wurde er dort Mitarbeiter bei Odilo Engels. Bei diesem wurde Weinfurter im Sommersemester 1973 mit einer Arbeit über die Salzburger Bistumsreform und Bischofspolitik im 12. Jahrhundert promoviert. Von 1973 bis 1974 war er als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität zu Köln tätig, von 1974 bis 1981 als Akademischer Rat bzw. Oberrat. Das ursprünglich geplante Habilitationsvorhaben zur Geschichte des Herzogtums Bayern im frühen und hohen Mittelalter gab Weinfurter auf.Jürgen Dendorfer: Stefan Weinfürter (1945–2018). In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 167, 2019, S. 425–432, hier: S. 428. Im Jahr 1980 habilitierte er sich stattdessen in Köln mit einer kommentierten Edition der Lebensordnung eines limburgischen Klosters der regulierten Augustiner-Chorherren aus dem 12. Jahrhundert.Consuetudines canonicorum regularivm Springirsbacenses-Rodenses. Herausgegeben von Stefan Weinfurter. Turnhout 1978. 1981/82 vertrat er den durch den Tod von Peter Classen vakanten Lehrstuhl für Mittelalterliche Geschichte an der Universität Heidelberg.

Lehrstühle in Eichstätt, Mainz, München und Heidelberg Im Jahr 1982 wurde er mit 36 Jahren an die neu gegründete Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt berufen. Dort lehrte er bis 1987 als Professor für Landesgeschichte mit besonderer Berücksichtigung Bayerns. In Gaimersheim fand die Familie ihr neues Zuhause. Seine Antrittsvorlesung in Eichstätt im November 1983 hielt er über die Geschichte Eichstätts in ottonisch-salischer Zeit.Stefan Weinfurter: Sancta Aureatensis Ecclesia. Zur Geschichte Eichstätts in ottonisch-salischer Zeit. In: Zeitschrift für bayerische Landesgeschichte 49, 1986, S. 3–40 (online). In dieser Zeit vertiefte er landesgeschichtliche Ansätze und erweiterte sein mediävistisches Lehrprofil bis in die bayerische Zeit- und Wirtschaftsgeschichte. Fast jedes Jahr veröffentlichte er in dieser Zeit einen Aufsatz zur Bischofsgeschichte Eichstätts von den Anfängen, dem Wirken des heiligen Willibald von Eichstätt im 8. Jahrhundert, bis in das 14. Jahrhundert. In mehreren Jahren entstand in der Zusammenarbeit mit Studierenden eine Edition von Bischofschroniken (Gesta episcoporum).Stefan Weinfurter: Die Geschichte der Eichstätter Bischöfe des Anonymus Haserensis. Edition–Übersetzung–Kommentar. Regensburg 1987. In den 1980er Jahren setzte eine intensive Bautätigkeit in Eichstätt ein. Die tiefen Eingriffe im historischen Stadtzentrum legten einzigartiges archäologisches Material frei. Die Fundplätze und die Auswertungsmöglichkeiten der grabenden Nachbardisziplin weckten sein Interesse. Es entstand eine enge Zusammenarbeit Weinfurters mit Vertretern der Baugeschichte und der Stadtarchäologie. Von 1985 bis 1987 war er in Eichstätt Dekan der Geschichts- und Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät. Als Dekan organisierte er den Umzug der über die Stadt verteilten Standorte in die ab 1986 schrittweise bezugsfertigen Gebäude in der Universitätsallee.Joost van Loon, Thomas Wetzstein: Er war zwischen 2007 und 2011 Mitglied im Hochschulrat der Eichstätter Universität.

Im Jahr 1987 folgte Weinfurter einem Ruf an die Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Als Nachfolger von Alfons Becker lehrte er dort bis 1994 mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften. Sein Arbeitsschwerpunkt lag in dieser Zeit auf der salischen Herrscherdynastie des 11. Jahrhunderts und damit auf dem Königtum des deutschen Hochmittelalters. Da er maßgeblich an der Organisation der großen Salierausstellung in Speyer beteiligt war, wurde auch die Geschichtsvermittlung zu einem seiner wichtigsten Betätigungsfelder. Einen Ruf nach Köln auf die Nachfolge seines akademischen Lehrers Engels als Professor für mittelalterliche Geschichte lehnte er 1993 ab. Von 1994 bis 1999 lehrte er als Nachfolger von Eduard Hlawitschka als Professor für mittelalterliche Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Im Jahr 1996 organisierte er in München den Deutschen Historikertag „Geschichte als Argument“. Während seiner Münchner Zeit rückte der Mensch in den Mittelpunkt seiner Forschungen. Dabei zog Weinfurter in seinen Forschungsarbeiten verstärkt Bildquellen heran. Im Jahr 1999 veröffentlichte er eine Biographie zu Heinrich II. Anschließend folgten Bücher und zahlreiche Aufsätze über die Salierzeit, die Staufer, den Gang nach Canossa und die mittelalterliche Reichsgeschichte.

Im Herbst 1999 wurde er als Nachfolger von Hermann Jakobs als Professor für Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften an die Universität Heidelberg berufen. Ein wichtiger Grund für Annahme des Rufs war die Nähe zu seiner Familie in Mainz.Jörg Peltzer: Stefan Weinfurter (1945–2018). In: Historische Zeitschrift 308, 2019, S. 711–720, hier: S. 718. Seine Heidelberger Antrittsvorlesung hielt er im Juni 2000 über Ordnungskonfigurationen am Beispiel Heinrichs III.Stefan Weinfurter: Ordnungskonfigurationen im Konflikt. Das Beispiel Heinrichs III. In: Jürgen Petersohn (Hrsg.): Mediaevalia Augiensia. Forschungen zur Geschichte des Mittelalters. Stuttgart 2001, S. 79–100 (online). In Heidelberg kamen zu Weinfurters Arbeitsschwerpunkten die Rituale sowie die Kulturbegegnungen bei den Kreuzzügen hinzu. Weinfurters Wechsel nach Heidelberg fiel in eine Zeit, in der die Verbundforschung als Förderinstrument der Deutschen Forschungsgemeinschaft zunehmend an Bedeutung gewann. Weinfurter konnte gemeinsam mit Schneidmüller die neuen Förderungsmöglichkeiten für Heidelberg erfolgreich nutzen. Dies schuf vielfältige Möglichkeiten für Nachwuchswissenschaftler. Dadurch entwickelte sich Heidelberg in diesen Jahren zu einem wichtigen Zentrum der Mittelalterforschung.Jürgen Dendorfer: Stefan Weinfurter (1945–2018). In: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 167, 2019, S. 425–432, hier: S. 430. An der Universität Heidelberg war Weinfurter Mitglied und Teilprojektleiter in den Sonderforschungsbereichen 619 „Ritualdynamik“ (bis 2013) und „Materiale Textkulturen“ (2009–2013). Zudem leitete er ein Teilprojekt im DFG-Schwerpunktprogramm 1173 „Integration und Desintegration der Kulturen im europäischen Mittelalter“ (2005–2011). Gemeinsam mit Gert Melville und Bernd Schneidmüller leitete er das Heidelberger Akademieprojekt „Klöster im Hochmittelalter. Innovationslabore europäischer Lebensentwürfe und Ordnungsmodelle“. Von 2004 bis 2006 amtierte Weinfurter in Heidelberg als Dekan der Philosophischen Fakultät. Von 1999 bis 2013 war er Direktor des Instituts für Fränkisch-Pfälzische Geschichte und Landeskunde in Heidelberg. Anlässlich seines 65. Geburtstages fand vom 23. bis 25. Juni 2010 eine Tagung in Heidelberg statt, deren Beiträge 2013 veröffentlicht wurden. Die meisten Einzelstudien behandeln die Entwicklung politischer Ordnung und ihre Konzeptualisierung im 13. Jahrhundert.Hubertus Seibert, Werner Bomm und Verena Türck (Hrsg.): Autorität und Akzeptanz. Das Reich im Europa des 13. Jahrhunderts. Ostfildern 2013. Vgl. dazu die Besprechung von Richard Engl in: Zeitschrift für historische Forschung 43, 2016, S. 359–361. In Heidelberg wurde er 2013 emeritiert. Unter Weinfurters Betreuung als akademischer Lehrer wurden 16 Dissertationen abgeschlossen.Betreuung von Promotions- und Habilitationsarbeiten (Erstgutachten). Zu seinen bedeutendsten akademischen Schülern zählten Stefan Burkhardt, Jürgen Dendorfer, Jan Keupp und Thomas Wetzstein. Ab Januar 2013 war Weinfurter Leiter der Forschungsstelle Geschichte und kulturelles Erbe (FGKE) in der Villa Poensgen in Heidelberg und ab 1. September 2013 als Seniorprofessor an der Universität Heidelberg tätig.

Weinfurter war ab 1970 verheiratet. Er blieb auch während seiner Lehrtätigkeit in München und Heidelberg in Mainz wohnhaft. Vor allem die Städte und Kaiserdome in Speyer, Worms und Mainz hatten ihn fasziniert. Er starb am 27. August 2018 im Alter von 73 Jahren zu Hause in Mainz an einem Herzversagen.Michael Bonewitz: Nachruf auf den Historiker Stefan Weinfurter. In: Echo Online, 6. September 2018; Jörg Peltzer: Stefan Weinfurter (1945–2018). In: Historische Zeitschrift 308, 2019, S. 711–720, hier: S. 720. Er hinterließ eine Ehefrau, drei Töchter und sieben Enkel.Bernd Schneidmüller: Stefan Weinfurter (24. 6. 1945–27. 8. 2018). In: Jahrbuch der Heidelberger Akademie der Wissenschaften für 2018. Heidelberg 2019, S. 199–202, hier: S. 202 (online).

Forschungsschwerpunkte mini|hochkant=2|Stefan Weinfurter bei einer Veranstaltung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.