mini|Richard David Precht (2015)
Richard David Precht (* 8. Dezember 1964 in Solingen) ist ein deutscher Schriftsteller, Philosoph, Publizist und Moderator. Er ist Honorarprofessor für Philosophie und Ästhetik an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Von 2011 bis 2023 war er zudem Honorarprofessor für Philosophie an der Leuphana Universität Lüneburg.
Seit dem Erfolg mit Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? (2007) wurden viele seiner Bücher zu philosophischen oder gesellschaftspolitischen Themen Bestseller. Precht ist seit 2012 Moderator der gleichnamigen Talkshow Precht. Seit 2021, ebenfalls für das ZDF, ist Precht gemeinsam mit Markus Lanz im Podcast Lanz & Precht zu hören.
Leben Precht wuchs in Solingen-Mitte auf. Sein Vater Hans-Jürgen Precht, ein Industriedesigner, war beim Solinger Unternehmen Krups tätig; seine Mutter Barbara engagierte sich im Kinderhilfswerk Terre des hommes. Precht hat vier Geschwister; zwei davon sind vietnamesische Adoptivkinder, die seine Eltern 1969 und 1972 als Zeichen des Protests gegen den Vietnamkrieg in ihre Familie aufnahmen. Precht selbst ist der Zweitälteste. Die Kinder wuchsen in einem linksgerichteten Milieu auf. 1970 verbrachte Precht sechs Wochen als sogenanntes „Verschickungskind“ im Kinderheim Behmerburg in Bad Rothenfelde. Diese Zeit bezeichnete Precht im Rückblick als „fürchterlichste Zeit“ in seinem Leben.
Precht legte im Juni 1984 das Abitur am Solinger Gymnasium Schwertstraße ab und leistete bis September 1985 Zivildienst als Gemeindehelfer. Er studierte Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität zu Köln und wurde 1994 zum Dr. phil. promoviert. Seine literaturwissenschaftliche Dissertation befasste sich mit Robert Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften. Laut eigener Aussage absolvierte er sein Studium in der Mindeststudienzeit von acht Semestern und mit Bestnoten, ebenso die Promotion.Ursula März: Unser Bürgerphilosoph. In: Die Zeit, 5. Januar 2011; abgerufen am 6. August 2023.
1997 war Precht Arthur F. Burns Fellow bei der Chicago Tribune; 1999 erhielt er das Heinz-Kühn-Stipendium. 2000/2001 war er Fellow am Europäischen Journalisten-Kolleg in Berlin. Von 2002 bis 2004 war er Kolumnist der Zeitschrift Literaturen und von 2005 bis 2008 freier Moderator der WDR-Hörfunksendung Tageszeichen (ehemals Kritisches Tagebuch). Precht ist seit 2013 Schirmherr des Bundesverbandes von Mentor – Die Leselernhelfer Hannover e. V. Die Initiative setzt sich für die Leseförderung von Schülern durch engagierte Bürger ein.
Seit Dezember 2010 ist Precht Mitherausgeber der Zeitschrift agora42.
Das ZDF strahlt seit 2012 unter dem Titel Precht eine Sendereihe mit Gesprächspartnern aus Politik und Gesellschaft aus, bei denen Precht als Gastgeber und Dialogpartner fungiert.Precht will Alltagsprobleme der Menschen thematisieren. In: Die Welt, 23. Juli 2012, abgerufen am 6. August 2023. Sie ist sechsmal im Jahr an späten Sonntagabenden zu sehen und dauert je 45 Minuten. Regie führt Gero von Boehm.
Seit 2021 ist er im ZDF-Podcast Lanz & Precht mit Markus Lanz zu hören, der im Juni 2023 zu den am meisten gehörten deutschsprachigen Podcasts zählte.
Seine Ehe mit der luxemburgischen Fernsehmoderatorin und stellvertretenden Chefredakteurin von RTL Télé Lëtzebuerg, Caroline Mart, wurde geschieden. Einer früheren Beziehung entstammt ein Sohn. Precht lebt in Düsseldorf.
Schriften
Romane und Autobiographisches 1999 schrieb Precht mit seinem Bruder Georg Jonathan den detektivischen Bildungsroman Das Schiff im Noor. Das Buch spielt im Jahr 1985 auf einer fiktionalisierten dänischen Insel.Die Insel Lilleø im Roman ist nicht identisch mit dem realen Lilleø, sondern trägt die Züge von Ærø. An der Oberfläche ist das Buch eine Detektivgeschichte um ein versunkenes Schiff und einen lange zurückliegenden Mord und präsentiert ein kompliziertes Gespinst aus Motiven. Tiefer liegend handelt das Buch von der Ordnung der Dinge und beschreibt durch Analogien philosophische Themen, so zwischen Theologie und Polizeiarbeit. In der Gestalt des Restaurators Mikkel Folket lässt Precht Michel Foucault auftreten. Das Buch erschien 2009 neu unter dem ursprünglich geplanten Titel Die Instrumente des Herrn Jörgensen.
Der Roman Die Kosmonauten aus dem Jahr 2002 erzählt die Liebesgeschichte und Identitätsfindung der Endzwanziger Georg und Rosalie, die sich in Köln kennengelernt haben und kurz darauf in das Berlin der Nachwendezeit 1990/91 zusammengezogen sind. Zunächst leben sie das Leben von Bohemiens in Berlin-Mitte, von dem sich Rosalie im Verlauf der Handlung zunehmend distanziert. Sie ändert ihre Einstellungen, verliebt sich in einen anderen Mann und trennt sich schließlich von Georg, um ein bürgerliches Leben zu führen. Am Ende des Romans kommt ihr gemeinsamer Freund Leonhard durch einen tragischen Unfall ums Leben. Parallel dazu erzählt Precht in kurzen Episoden das Schicksal von Sergej Krikaljow, dem letzten Kosmonauten der Sowjetunion.
2004 nahm Precht am Wettbewerb zum Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt mit dem Text Baader braun teil.
In dem 2005 erschienenen autobiografischen Buch Lenin kam nur bis Lüdenscheid – Meine kleine deutsche Revolution erinnert sich Precht aus Kinderperspektive an seine Kindheit in Solingen, als er in den 1970er-Jahren in einer politisch links von der SPD stehenden Familie aufwuchs. Gleichzeitig hält er Rückschau auf die weltpolitischen Ereignisse und gesellschaftspolitischen Entwicklungen in der Bundesrepublik Deutschland und der DDR der 1960er- und 1970er-Jahre und beschreibt politische Einstellungen, ideologische Haltungen sowie Alltagsdetails der Epoche. Das Buch wurde 2007 mit Unterstützung von WDR, SWR und der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen verfilmt.Der Film lief 2008 in deutschen Programmkinos und erreichte mehr als 20.000 Zuschauer.
Schriften zur Philosophie In seinem 1997 erschienenen Buch Noahs Erbe befasst sich Precht mit den ethischen Fragen im Verhältnis von Mensch und Tier und deren gesellschaftlichen Konsequenzen. Dabei plädiert er für einen veränderten Umgang mit Tieren auf der Basis einer „Ethik des Nichtwissens“. Das Buch wurde grundlegend überarbeitet und erschien 2016 neu unter dem Titel: Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen. In vier Teilen – „Das Menschentier“, „Das Tier im Auge des Menschen“, „Eine neue Tierethik“ und „Was tun?“ – schlägt Precht einen Bogen von der biologisch-anthropologischen Frage über die Kultur-, Religions- und Philosophiegeschichte der Mensch-Tier-Beziehung hin zu einer philosophischen Neubegründung der Tierethik als „Sensibilisierung“. Der letzte Teil des Buches behandelt praxisbezogene Fragen wie das Tierschutzgesetz, die Jagd, vegetarische Ernährung, Tierversuche, zoologische Gärten und Artenschutz.
2007 schrieb Precht eine allgemeinverständliche Einführung in grundlegende philosophische Fragen. Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? stand viele Jahre auf der Sachbuch-Bestsellerliste. Das Werk stand im Februar 2008 auf dem ersten Platz der Spiegel-Bestsellerliste und blieb dort bis Oktober 2012. Precht hält damit den Langzeitrekord auf der Spiegel-Bestsellerliste. Laut Buchreport war es das erfolgreichste deutsche Hardcover-Sachbuch des Jahres 2008 und belegte in den Bestsellern des Jahrzehnts (2000–2010) den dritten Platz.
In seinem 2009 erschienenen Buch Liebe: Ein unordentliches Gefühl befasst sich Precht mit der Biologie, der Evolution, der sozialen und der psychologischen Dimension der Liebe.
2010 erschien Die Kunst, kein Egoist zu sein. Precht geht in dem Buch der Frage nach, „wie Menschen tatsächlich moralisch funktionieren“. Dazu müsse sich der Philosoph heutzutage auch „in die Skizzen der Hirnforscher, Evolutionsbiologen, Verhaltensökonomen und Sozialpsychologen vertiefen“.Die Kunst, kein Egoist zu sein. Taschenbuchausgabe 2012, S. 14 f. Die Bereitschaft zu persönlicher Verantwortungsübernahme sieht Precht in der modernen Gesellschaft durch die Pluralität der Rollen, in denen das Individuum agiert, geschwächt. „Bereits mein Wikipedia-Eintrag zergliedert mich in lauter verschiedene Kategorien […] Die Zugehörigkeit zu mehreren Rollen erleichtert es mir beträchtlich, für das Große und Ganze dieser Welt nicht verantwortlich zu sein. Verantwortlich – das sind immer die anderen. Die Politiker zum Beispiel oder die Wirtschaftsbosse. Bedauerlicherweise zerfallen auch sie in lauter kleine Rollen.“Die Kunst, kein Egoist zu sein. Taschenbuchausgabe 2012, S. 307 f. Im dritten Teil der Untersuchung („Moral und Gesellschaft“) möchte Precht zu Veränderungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik anregen, mit denen sich „unser Engagement für andere fördern lässt – in Zeiten, in denen unsere Gesellschaft auf dem Spiel steht wie seit Jahrzehnten nicht mehr“.Die Kunst, kein Egoist zu sein. Taschenbuchausgabe 2012, S. 20 f. Um die langfristigen Probleme lösen zu können, bedürfe es eines Umbaus hin zu mehr Mitbestimmung und mehr direkter Demokratie. Gebraucht werde „mehr Verantwortung von oben und von unten“.Die Kunst, kein Egoist zu sein. Taschenbuchausgabe 2012, S. 471 und 488.
2011 erschien Warum gibt es alles und nicht nichts?, ein Buch über philosophische Fragen und ihre Antworten unter Einbeziehung seines Sohnes Oskar, mit dem der Vater bei Spaziergängen durch Berlin ein Frage-und-Antwort-Spiel unternimmt.
2015 erschien Erkenne die Welt, der erste Band einer zunächst auf drei, dann auf vier Bände angelegten Geschichte der Philosophie. Precht legt das Vorhaben in begrifflicher Anlehnung an Kant als eine „philosophierende Philosophiegeschichte“ an.„Fast alle Fragen der antiken Welt sind noch immer die unseren: Was ist ein gutes Leben? Was ist Wahrheit? Gibt es Gerechtigkeit, und wenn ja, wie ist sie möglich? Hat das Leben einen Sinn? Wo steht der Mensch in der Natur und im All? Gibt es Gott? Usw. Wie ein roter Faden ziehen sich diese Fragen durch die Reflexionen der Menschheitsgeschichte. Will man ihnen gerecht werden, kommt man nicht umhin, die Sichtweisen früherer Philosophen aus heutiger Perspektive einzuordnen, zu bewerten und Stärken von Schwächen zu unterscheiden.“ (Erkenne die Welt, S. 17) Er will das ideengeschichtliche Verständnis der Leserschaft durch Hinweise auf die je zeitgenössische Politik, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte fördern (S. 16 f.). Das explizit auf die abendländische Philosophiegeschichte (S. 11) beschränkte „gesamte Werk versteht sich als eine Art Fortsetzungsroman der immer gleichen großen Fragen in ihren jeweils neuen Zeitgewändern“ (S. 19). Der zweite Band, Erkenne dich selbst, erschien im Herbst 2017, der dritte Band zur Philosophie des 19. Jahrhunderts, Sei du selbst, im Herbst 2019 und der vierte und letzte Band Mache die Welt zur Philosophie des 20. Jahrhunderts im Herbst 2022.
Positionen in öffentlichen Debatten mini|Richard David Precht in Frankfurt am Main (2011)
Infolge der medialen Aufmerksamkeit in Verbindung mit seinen Fernsehauftritten ist Richard David Precht mit Stellungnahmen in öffentlichen Debatten als Publizist präsent. Politische Gegenwarts- und Zukunftsfragen sind neben philosophischen Themen Bestandteil seiner Vortragstätigkeit und fließen auch in seine Buchveröffentlichungen ein. Im Tagesspiegel-Interview zurückblickend auf zehn Jahre und 61 Ausgaben der Sendereihe Precht, beantwortete er die Frage, welche Themen ihn besonders umtrieben, im September 2022 mit dem Hinweis auf die Langzeitfolgen der „ökologischen Katastrophe“, so schrecklich der Ukrainekrieg und seine Auswirkungen auch seien: „Ist der Kapitalismus so umbaufähig, dass wir ihn enkeltauglich machen?“ Die Folgen des Klimawandels in Afrika ließen Migrationsströme in nie gekanntem Ausmaß erwarten. „Das wird zu Verheerungen und Auseinandersetzungen führen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.“
Neue Bürgergesellschaft und soziale Verantwortung